Jens Klötzer
· 24.03.2026
Die neue Reifengeometrie soll gefahrenen Geschwindigkeiten auf der Straße durch die Kombination von Aerodynamik, Leichtlauf, Handling und Grip steigern. Pirelli entwickelte den P ZERO Race TLR SL-R für Zeitfahren, Straßenrennen und schnelle Ausfahrten. An der Entwicklung des neuen Reifens beteiligten sich auch die Profis der WorldTour-Teams Alpecin-Premier Tech, Fenix-Premier Tech und Lidl-Trek. Der Reifen kam als Prototyp gekennzeichnet bereits bei verschiedenen Rennen zum Einsatz.
Dass Reifen am Gesamtsystem der Fahrrad-Aerodynamik einigen Anteil haben, ist keine ganz neue Erkenntnis. Mavic experimentierte als erster mit Reifen-Laufradsystemen, um die Aero-Performance zu optimieren. Bislang am erfolgreichsten war aber eine Kooperation von Swissside, Continental und DT Swiss: Der Conti Aero 111 zeigte im TOUR-Windkanaltest bemerkenswerte gute Eigenschaften. Das spezielle Profil verhindert, dass die Strömung am Vorderrad abreißt – und das über einen weiten Geschwindigkeitsbereich von Freizeit- bis Renntempo. Der Vorteil für das Gesamtsystem kann nach unseren Windkanaltests mehrere Watt betragen, zudem verbessert sich das Handling des Reifens bei böigem Wind, das Vorderrad zappelt weniger, wenn der Aero-Reifen montiert ist.
Etwas Ähnliches will Pirelli nun mit dem neuen P Zero Race SL-R erreicht haben. Allerdings sieht der Trick der Italiener etwas anders aus. Pirelli setzt auf einen Slick und manipuliert die Form des Reifens, um den Luftstrom gefügig zu machen. Konkret verdickt Pirelli dazu den Reifen knapp oberhalb des Felgenhorns. Der Reifen geht so steiler in die Felge über, die Seitenwände stehen fast senkrecht und nehmen keine Birnenform an. „PAAS“ nennt Pirelli dieses patentierte Feature, es steht für Pirelli Advanced Aero System. Entwickelt wurde im virtuellen Windkanal, überprüft in vier (!) physischen Windkanälen. Das Strömungsmanagement soll mit verschiedenen Felgenformen und -Breiten funktionieren.
Die Technologie soll dabei andere Eigenschaften nicht beeinträchtigen. Leichtlauf, Fahrkomfort und Straßenhaftung sollen auf hohem Niveau bleiben. Die neue Karkasse namens LiteCORE soll den Rollwiderstand im Vergleich zum leistungsstärksten Pirelli-Modell sogar um weitere 10 Prozent reduzieren. Der Reifen nutzt die gleiche Gummimischung, die bereits beim P-Zero RS-Modell zum Einsatz kommt. Mit dieser Gummimischung gewann Mathieu van der Poel mit Alpecin-Premier Tech die Klassiker Mailand-Sanremo 2025 und Paris-Roubaix 2025.
Unser Testmodell ist die schlankeste Ausführung des Reifens und hat nominelle 28 Millimeter Breite, misst auf einer Felge mit 23 Millimeter Innenweite aber 30 Millimeter; auf der nach ETRTO-Regeln illegalen 25er-Felge sogar 31 Millimeter. Oberhalb des Felgenhorns lässt der Reifen einen Spalt von 1,8 Millimetern. Unsere beiden Testfelgen sind jeweils minimal breiter als der Reifen an seiner breitesten Stelle. Auf eine 51 Millimeter hohe Bontrager Aeolus-Felge, die an der weitesten Stelle 31 Millimeter misst, passt der Reifen visuell perfekt.
Die Montage der leichten Tubeless-Ready-Karkasse gelingt von Hand, mit einem durchflussfreudigen Reserve-Fillmore-Ventil springt der Reifen auch sofort ins Felgenhorn, bei dem klassischen Presta/Sclaverand-Ventil mussten wir den Ventilkern entfernen.
Gefühlt rollt der 277 Gramm schwere Reifen sehr leicht. Das Einlenkverhalten ist agil, die Kurvenlage satt, das Geräuschniveau niedrig. Während der Testfahrten bei böigem Wind läuft das Vorderrad ruhig, was aber auch der aerodynamisch gutmütigen Leeze-Felge geschuldet sein mag. Welchen Anteil der Reifen an der Aerodynamik hat und wie die Charakteristik genau ausschaut, werden wir bei einem Windkanaltermin im April erkunden.
Vorweisen können wir aber bereits erste Rollwiderstandsmessungen mit unserer herstellerunabhängigen Messmethode auf zwei Untergründen, einer sehr schnellen Betonpiste und einer rauen Piste. Danach gehört der P Zero Race SL-R zur Gruppe der schnellsten Reifen auf Augenhöhe mit Zeitfahrspezialisten. Bei 35 km/h messen wir für 85 kg Systemgewicht einen Rollwiderstand von nur 13,2 Watt bei 5 bar. Das ist, im Rahmen der Messgenauigkeit, das Niveau des Zeitfahrreifens Conti TT in gleicher Breite und ein extrem guter Wert. Den Conti-Allrounder GP 5000 S schlägt der neue Pirelli Pneu damit im Rollwiderstand und erfüllt das Versprechen, schneller geworden zu sein als der P Zero RS.
Der Reifen arbeitet auf rauem Untergrund besonders effektiv. Zur Einordnung: Pirellis Rennpelle rollt auf der sehr rauen Teststrecke leichter als ein Wald- und Wiesenreifen auf perfekt glattem Asphalt.
Der subjektive Komforteindruck des Reifens hängt wie immer stark am Luftdruck. Mit vier Bar befüllt reicht der Reifen auf einer hakenlosen Felge mit 25er Innenmaß noch zu viel an den Fahrer durch, trotz der spürbar flexiblen Reifenmitte. Mit 3,8/3,6 bar wird der Fahreindruck deutlich seidiger (bei 75 kg Systemgewicht).
Der Reifen entspricht den neuesten ETRTO-Standards und wurde für moderne Felgen mit Innenbreiten von 22 bis 25 Millimeter entwickelt. Anders als Conti legt Pirelli den Pzero Race SL-R nicht als speziellen Vorderradreifen aus, sondern bietet ihn universell für die Benutzung vorne und hinten an. Aero-Performance lässt sich nach unserer Erfahrung aber nur vorne erwarten. Bei Einhaltung der angegebenen Luftdruckwerte ist er auch mit Hookless-Felgen kompatibel. Der P ZERO Race TLR SL-R ist zunächst in 28 und 30 Millimetern Breite erhältlich. Nach dem Sommer folgt eine Version mit 32 Millimetern. Pirelli produziert den Reifen in Italien im Werk Mailand-Bollate mit FSC-zertifiziertem Naturkautschuk, der 21 Prozent des Gesamtgewichts ausmacht. Die Preisempfehlung liegt bei 99,99 Euro pro Reifen.

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