Früher galt: Je härter, desto besser. Doch im modernen Radsport ist das Dogma der prallgefüllten Reifen längst Geschichte. Von Tadej Pogačar bis zum Wochenend-Mountainbiker – wer heute schnell und komfortabel ins Ziel und über die Berge kommen will, lässt kontrolliert Luft ab.
„Die Motivation ist hoch, der Druck niedrig – so niedrig, wie mein Reifendruck sein wird.“ Mit diesem Satz vor der Flandern-Rundfahrt fasste Tadej Pogačar, der Dominator des modernen Straßenradsports, einen Trend zusammen, der zwar bereits vor einiger Zeit begann, sich nun aber immer deutlicher manifestiert. Während Hobbyfahrer oft noch immer mit 8 Bar in ihren schmalen 23-mm-Reifen über den Asphalt hoppeln, rasen die Profis bei der Tour de France heute auf 28-32 Millimeter breiten Pneus mit 5 bis 6 Bar durchs Ziel. Auf grobem Untergrund, wie etwa den Kopfsteinpflaster-Pisten von Paris-Roubaix, sinkt der Druck sogar auf weit niedrigere Werte.
Damit ist der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung erreicht, die vor rund 10 Jahren ihren Anfang nahm. In Kenntnis des physikalischen Prinzips (s.u.) wagte man sich damals, die Reifenbreite von 23 auf 25 Millimeter zu steigern und den Druck von rund 8,5 bis 10 bar (je nach Systemgewicht und Untergrund) auf 6,5 bis 7,5 bar zu reduzieren. Der nächste Schritt war 2019/2020 erreicht: 25-28 mm waren nun das Maß der Dinge, dem Reifen ließ man entsprechend ein weiteres bar Luft ab. Seit etwa drei Jahren pendelt sich die Breite bei 28 bis 30 mm ein, der Luftdruck bei 4 bis 5,5 bar. Vorläufig.
Das alte Vorurteil lautete: Ein harter Reifen verformt sich weniger und rollt deshalb leichter. Das stimmt – allerdings nur auf einer vollkommen glatten Fläche. Die Realität auf der Straße sieht anders aus. Jede noch so kleine Unebenheit, jeder Kieselstein und jede raue Asphaltpore zwingt einen harten Reifen dazu, das gesamte System (Fahrrad und Fahrer) minimal anzuheben. Diese vertikale Bewegung kostet Energie.
Ein Reifen mit niedrigerem Druck hingegen fungiert als Federung. Er verformt sich (walkt) um das Hindernis herum, anstatt über das Hindernis drüber zu fahren. Das Rad läuft ruhiger, die Energieverluste sind kleiner. Zudem steigt mit sinkendem Druck die Traktion: Die Aufstandsfläche wird breiter, der Grip in Kurven und beim Bremsen erhöht sich.
Um die Verformung des Reifens bei unterschiedlichem Gewicht vergleichbar zu halten, muss der Reifendruck proportional zur Gesamtmasse von Fahrer und Fahrrad angepasst werden. Die Gesamtmasse errechnet sich aus Fahrradgewicht, Fahrergewicht und Kleidung bzw. Ausrüstung. Rund 10 Kilo kann man für Fahrrad und Ausrüstung rechnen. Wenn man als Referenz ein Fahrergewicht von 75 Kilo, also ein Systemgewicht von 85 Kilo, und einen Reifendruck von 4,5 bar anlegt, ergibt sich folgende Beispielrechnung, wie man den Reifendruck mit steigendem Systemgewicht erhöhen muss:
| Fahrer | Systemgewicht | Empf. Reifendruck |
| 75 kg | 85 kg | 4,5 bar |
| 80 kg | 90 kg | ca. 4,8 bar |
| 85 kg | 95 kg | ca. 5,0 bar |
Der Standard im Rennradsport liegt momentan also 28 bis 30 mm, nicht selten werden sogar 32 mm breite Pneus aufgezogen. Welche Breite und welchen Druck man fährt, hängt allerdings nicht nur von den oben genannten Faktoren ab, sondern auch von taktischen Erwägungen.
Graveln ist die Disziplin des Kompromisses. Auf Asphalt soll es rollen, im Gelände nicht an Grip und Komfort mangeln. Ein typischer 40 Millimeter breiter Gravelreifen wird zwischen 2,0 und 3,0 Bar gefahren.
Beim MTB ist die Suche nach dem optimalen Luftdruck noch komplexer, da die einzelnen MTB-Disziplinen sehr unterschiedliche Anforderungen abbilden. Die Reifenbreiten liegen zwischen 2,25 und 2,6 Zoll. Beim E-MTB ist das Systemgewicht rund 10 Kilo schwerer als bei einem unmotorisierten Bike
Der Druck ist individuell. Er hängt nicht nur von Systemgewicht, Reifenbreite und Untergrund bzw. Einsatzbereich ab, sondern auch von persönliche Vorlieben und Fahrstil.
Werte basieren auf einem Referenz-Fahrergewicht von ca. 75 kg (Systemgewicht ca. 85-90 kg) und Tubeless-Setup. Bei Verwendung von Schläuchen ca. 0,3 - 0,5 Bar addieren.
| Rennrad | Profi-Rennen Asphalt | 28-30 mm | 4,4 / 4,8 bar |
| Rennrad | Klassiker (Kopfsteinpflaster) | 30-32 mm | 3,2 / 3,6 bar |
| Rennrad | Jedermann / Tour | 28 mm | 5,5 / 6,0 bar |
| Gravel | Allround (Schotter/Asphalt) | 40 mm | 2,3 / 2,6 bar |
| Gravel | Technisches Gelände | 45 mm | 1,9 / 2,2 bar |
| MTB | Cross-Country (XC) | 2,25" | 1,5 / 1,7 bar |
| MTB | Tour / Alpine Wege | 2,4" | 1,6 / 1,8 bar |
| MTB | Enduro / Downhill | 2,5" | 1,5 / 1,7 bar |
Tadej Pogačars Aussage verdeutlicht den Wandel im Radsport: Wer heute „hart“ fährt, verliert – an Komfort, an Grip und letztendlich an Zeit. Das gilt nicht nur für den Profi-Radsport auf der Straße, sondern auch für die anderen Fahrradgattungen Gravel und MTB. Doch der Reifendruck ist keine statische Zahl, er ist ein dynamisches Werkzeug, das von vielen Faktoren abhängt und individuell ausgelegt werden muss.

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