Josh Welz
· 15.10.2023
Eine Vario-Stütze. Ist das nicht nur was für Mountainbikes? Erinnern wir uns zurück ins Jahr 2022 als Matej Mohorič Mailand-San Remo gewann - mit absenkbarer Sattelstütze. Es ist also nicht undenkbar, Dropper Seatposts an Rennrädern und Gravelbikes zu fahren und kann Vorteile mitbringen. Das ein oder andere Gravelbike ist schon mit einer absenkbaren Sattelstütze ausgestattet, etwa das Giant Revolt X. Hier ist die Rockshox Reverb AXS XPLR verbaut.
Eigentlich bin ich kein Freund von dem ganzen elektrischen Schnickschnack am Fahrrad. Meine dezente Abneigung dagegen stammt noch aus den Jahren, als die GPS-Computer am Lenker Einzug hielten. Wegen meiner ausgeprägten Fehlsichtigkeit kann ich solche Gadgets nur mit Brille nutzen. Und meine Brillengläser sind so dick wie Einmachgläser. Zum Biken in unebenem Gelände sind sie also so gut geeignet wie mundgeblasene Art-Deco-Gläser zum Einkochen von Marmelade. Also fahre ich entweder Strecken, die ich kenne, die ausgeschildert sind oder die ich mir durch intensives Kartenstudium eingeprägt habe. Oder ich hänge mich an ortskundige Mitfahrer, oder besser Vorfahrer.
So habe ich mir schon früh angewöhnt, beim Radfahren auf elektronische Hilfsmittel zu verzichten. E-Fahrwerke jeglicher Art halte ich für technischen Overkill, elektronische Schaltungen für ebenso überflüssig wie elektrische Reifendrucksensoren. Ich verlasse mich auf meinen Popomat, und wenn der Reifen platt ist, merke ich das irgendwann auch ohne Sensorschnickschnack.
Erst mit dem E-Mountainbike hat sich das grundlegend geändert. Mich weiterhin als E-Verweigerer zu bezeichnen, wäre irgendwie absurd, seitdem ich fast ausschließlich E-MTBs fahre. Aber auch beim E-Biken nutze ich eigentlich nur das Nötigste: den E-Antrieb eben. Ich bin aber niemand, der sich stundenlang durch Apps wühlt, die Motorleistung individualisiert, Leistungsdaten analysiert, die voraussichtliche Reichweite berechnet oder sonstige Funktionen nutzt.
Um es kurz zu machen: Auch beim E-Bike ist mir die Elektronik in der Regel zu kompliziert, als dass ich mir von ihr helfen lassen möchte. Ich mag es einfach lieber einfach. Und genau da kommen wir auf die Rockshox Reverb AXS zu sprechen.
Dass es sich bei der Teleskopstütze im Prinzip um eine sinnvolle Erfindung handelt - darüber braucht man, glaube ich, nicht zu streiten. Ich kenne zwar immer noch keine professionellen Cross-Country-Fahrer, die sich mit voller Überzeugung in Cross-Country-Pose in die steilsten Abfahrten wagen. Aber ganz ehrlich: Außer bei den Cross-Country-Profis frage ich mich jedes Mal: Warum eigentlich?
Vielleicht liegt es bei manchen an der kognitiv-motorischen Überforderung, die die Bedienung von Schaltwerk und Sattelstütze mit sich bringen kann. Vor allem, wenn beim E-Mountainbike noch die Bedienung des U-Schalthebels dazwischen kommt. Ein Beispiel dafür ist das ständige Auf und Ab auf den Isartrails, meiner Hausstrecke. Bei all den Kurven, Kehren, Steigungen, Gefällen, Abfahrten und wieder Steigungen kann man sich schon mal auf den Bedienfeldern für Schaltung, U-Stufe und Tretlager verirren. Und ab und zu muss man auch mal bremsen.
Aber Übung macht bekanntlich den Meister. Auch Beethoven spielt man nicht nach der ersten Klavierstunde. Hat man’s erstmal drin, setzt man die Telestütze ganz intuitiv ein, ohne nachzudenken. Auf der anderen Seite habe ich mich über herkömmliche Telestützen auch schon herzhaft geärgert. Knick in der Leitung, Luft im System – lauter so Sachen können einem echt den Nerv rauben. Ganz zu schweigen von der fiddeligen Aufgabe, die auf einen wartet, wenn die Stütze – zum Beispiel für den Transport im Kleinwagen – dann doch mal das Sattelrohr verlassen soll.
Und genau für diese Fälle gibt es die kabellose Rockshox Reverb AXS. Die Montage ist denkbar einfach:
Per App lässt sich der Ladezustand des Akkus überprüfen - oder über die Diode am Kopf der Stütze:
Der Ladevorgang dauert nur eine Stunde, dann hält der Akku wieder - je nach Nutzung - rund 40 Stunden. Im Fernbedienungshebel sitzt übrigens eine Knopfzelle, die jahrelang halten soll. Für den Fall der Fälle gehört ein Ersatz ins Gepäck, für AXS-Besitzer ist die ohnehin Teil der Standard-Ausrüstung. Die Knopfzelle musste ich noch nie wechseln. Auch hier wird der Ladezustand über eine LED kontrolliert.
Die Vario-Sattelstütze muss übrigens nicht eingeschaltet werden. Diese Aufgabe übernimmt ein Sensor, der erkennt, wenn das Fahrrad in Bewegung ist. So wird der Akku geschont. Und wenn der Akku doch mal leer ist, bevor die Tour zu Ende ist? Dann muss man notgedrungen das tun, was die Unverbesserlichen aus freien Stücken tun: sich in Cross-Country-Pose die steilen Abfahrten hinunterzittern. Es sei denn, man hat das große AXS-Menü am Bike, also mit AXS-Elektroschaltung oder E-Fahrwerk. Dann kann man die Akkus von Schaltung, Dämpfer und Stütze nach Belieben austauschen.
Praktisch ist übrigens auch die Befestigung des Sattels mit nur einer Schraube. Und wenn die Stütze mal nicht so aus- und einfährt, wie man es sich wünscht, wird sie einfach über das Ventil am Fuß der Stütze entlüftet. Eine Prozedur, die mich bei Seilzugstützen schon an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht hat.
Und wie ist es mit AXS auf dem Trail? Sehr gut. Sie funktioniert wie eine analoge Reverb. Stufenlos und geschmeidig. Sie funktioniert auch bei kalten Temperaturen einwandfrei, im Gegensatz zu vielen anderen Telestützenmodellen. Das Paddel fühlt sich fast an wie eine Spielkonsole, an diese Haptik gewöhnt man sich schnell. Es gibt keinen Hebelweg, bei dem der Daumen immer länger wird und man nie genau weiß, wann der Auslösepunkt kommt. Bei der Rockshox Reverb AXS drückt man kurz auf das Remote-Paddle, und im Bruchteil einer Sekunde wird der Befehl per Funk an die Stütze übermittelt. Völlig ohne Kraftaufwand, das habe ich bei mechanischen Stützen schon ganz anders erlebt.
Natürlich hat die Rockshox Reverb AXS auch ein paar Nachteile: Der Kopf der Sattelstütze ist durch die Akkuhalterung wuchtig, dadurch ist die Überhöhung bei voll ausgefahrener Stütze größer als bei herkömmlichen Dropperposts. Bikepark-Shredder seien gewarnt: Den Bügel vom Schlepplift hinter den Sattel zu klemmen kann teuer werden! Außerdem ist die Reverb AXS rund 150 Gramm schwerer als eine analoge Reverb. Und dann ist da noch der Preis von knapp 900 Euro.
Wenn das eigene Gravelbike ein Sattelstützenupgrade bekommen soll, muss man vorher unbedingt überprüfen, ob der Durchmesser der Stütze und der des Rades zusammenpassen. Die Gravel-Variante der Rockshox Reverb AXS, die Rockshox Reverb AXS XPLR, gibt es für Durchmesser ab 27,2 Millimeter.
Für knapp 900 Euro kaufen sich manche Leute ein ganzes Fahrrad. Ich eine Sattelstütze? Um ehrlich zu sein: Ich hab mir noch nie eine Rockshox Reverb AXS gekauft, weil ich die von Berufswegen fahren darf. Wäre das nicht der Fall, wäre die AXS aber das Teil, das ich mir vom Mund absparen würde. Für mich ist das die einzige E-Technik am Bike, auf die ich nur ungern verzichten würde. Na ja, vom Motor natürlich mal abgesehen. – Josh Welz, Chefredakteur EMTB

Chefredakteur
Seine Expertise als Blattmacher hatte Josh Welz zwei Jahre lang als Chefredakteur des SURF Magazins unter Beweis stellen dürfen, bevor Verleger Konrad Delius den studierten Sportjournalisten als Chefredakteur zum BIKE-Magazin berief. Eine gute Idee? Die ersten Ausritte mit dem Mountainbike waren jedenfalls wenig ruhmreich: Renneinsätze in Willingen und beim Megavalanche in Alpe d’Huez endeten nach kapitalen Abflügen mit Knochenbrüchen, diverse Marathon-Starts in den Niederungen der Ergebnislisten. Mit rennsportlichen Lorbeeren konnte Josh Welz sich nie schmücken, die Fußabdrücke, die er im Unternehmen hinterließ, sind aber bis heute sichtbar: 2005 koppelte er von BIKE das FREERIDE-Magazin ab, 2016 griff er den E-Trend auf und formte das EMTB-Magazin. Entsprechend hüpft Josh zwischen den Disziplinen hin und her, wobei seine Begeisterung für flotte Downhills immer ausgeprägter war als sein Hang zur Askese. Nach nunmehr fast 25 Jahren Bike-Erfahrung hat Josh Welz im Light-E-MTB sein Lieblings-Sportgerät gefunden. Für ihn die ideale Symbiose aus Bio- und E-Bike.