Nase zu, Augen rot und ständig dieses Niesen: Mit Beginn der Heuschnupfenzeit fragen sich viele Radsportler, ob man trotz laufender Nase trainieren darf und was man gegen die Allergie tun kann: Wir haben die Tipps vom Experten.
Gut 12.000 Kilometer Fahrrad ist Thomas Kiraly vergangenes Jahr gefahren. Der 50 Jahre alte Polizeibeamte aus Dresden hat Anfang der 1990er-Jahre den Radsport für sich entdeckt, ist Sächsischer Vizemeister im Mountainbike-Marathon und Sächsischer Polizeimeister im Straßenradsport und im Triathlon geworden. Dass jemand wie er auf diesem hohen Leistungsniveau trotzdem immer wieder durch massive Heuschnupfenattacken gehandicapt war, ist kaum zu glauben. Aber: „Immer im April, Mai wurde es ganz schlimm. Schon als Kind hatte ich starken Heuschnupfen mit tränenden Augen und allem, was dazugehört. Als ich Anfang, Mitte 20 war, entwickelte ich allergisches Asthma. Da ging dann auch die Lunge langsam zu und ich habe keine Luft mehr bekommen“, erinnert er sich.
Heuschnupfen, auch Pollenallergie genannt, ist eine Überreaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose Stoffe aus der Umwelt, meist eben Pflanzenpollen. Anders als bei einer Infektion, bei welcher der Körper fremde Krankheitserreger bekämpft, erkennt das Immunsystem bei einer Allergie bestimmte Pollenproteine fälschlicherweise als gefährlich und aktiviert eine Abwehrreaktion: Das Immunsystem bildet Antikörper, die genau auf das jeweilige Allergen zugeschnitten sind, die sogenannten IgE-Antikörper. Kommt der Körper nun erneut mit diesen Allergenen in Kontakt, erkennt er sie sofort wieder und setzt die allergische Reaktion in Gang, bei der Entzündungsbotenstoffe wie das Histamin freigesetzt werden. Diese sind eigentlich dazu da, mehr Immunzellen zu mobilisieren und zu aktivieren, lösen aber auch die klassischen Heuschnupfensymptome aus: Niesen, Juckreiz, Nasenlaufen und tränende Augen.
„Es gibt im Grunde genommen weniger als zehn Pflanzen, die bei uns in Deutschland und Europa Heuschnupfen auslösen“, erklärt Prof. Karl-Christian Bergmann vom Institut für Allergieforschung der Berliner Charité. „Die wichtigsten sind Haselnuss, Erle, Birke, sowie Bäume, die mit der Birke verwandt sind, beispielsweise die Buche oder die Eiche. Seltener sind Allergien durch Kräuterpollen wie die von Beifuß oder Ambrosia. Dafür lösen die Pollen von Gräsern, von denen es Zehntausende Arten gibt, fast alle Allergien aus.“
Genau das bekommt auch Sebastian Petzold zu spüren. Bei dem 39-jährigen Hobbyradsportler kam mit neuen Lebensumständen ein höheres Stresslevel, und damit, so vermutet er, auch der Heuschnupfen. Zehn Jahre ist das her – und seitdem fängt vor allem im Sommer, wenn die Gräserpollen fliegen, die Nase an zu jucken, er muss ständig niesen. „Und wenn ich auf dem Rad anfange zu schwitzen, bekomme ich Ausschlag auf der Haut“, berichtet er – und auch, dass er noch nichts gefunden hat, was wirklich gegen die Symptome hilft.
Wie intensiv die ausfallen, hängt von der Menge der freigesetzten Pollen ab. Deren Produktion bestimmen laut Prof. Bergmann vier Faktoren: Temperatur, Feuchtigkeit, Sonnenstunden und Verteilung der Pollen durch den Wind. Die schlechte Nachricht für Allergiker: „Im Rahmen des Klimawandels haben wir über die letzten 20, 30 Jahre wärmere Herbst- und Wintermonate bekommen. Mitunter ist der Herbst auch feuchter.
Diese Veränderungen führen dazu, dass einige Pflanzen wie Hasel oder Erle schon früher mit der Pollenbildung beginnen, sodass sie bereits im Januar oder Februar fliegen. Tendenziell fängt der Pollenflug bei der Haselnuss mittlerweile 14 Tage früher an, dafür blühen etwa Beifuß-Gewächse länger. Das heißt, die Pollensaison über alle Arten hinweg wird länger. Wer gegen Pollen von Bäumen, Gräsern und Kräutern allergisch ist, kann in manchen Jahren fast durchgehend Symptome zeigen“, sagt der Experte.
Diese Symptome bestehen meist aus tränen den, juckenden Augen, einer laufenden oder verstopften Nase, häufigem Niesen sowie Juckreiz im Rachen oder am Gaumen. In der Medizin werden sie unter dem Begriff allergische Rhinitis (nur Nasenbeschwerden) oder Rhinokonjunktivitis (auch die Augen sind betroffen) zusammengefasst. Manchmal reagieren auch die Bronchialschleimhäute und Betroffene, wie früher auch der Dresdner Thomas Kiraly, bemerken ein Engegefühl in der Brust, sie keuchen, husten und leiden unter Atemnot. Dann hat die Allergie einen sogenannten Etagenwechsel vollzogen und ist von den oberen in die unteren Atemwege gewandert: Es entsteht allergisches Asthma.
Ausdauersportler wie Rennradfahrerinnen und -fahrer bekommen wohl besonders häufig Heuschnupfen. In einer Beobachtungsstudie unter deutschen Athleten aus dem Jahr 2019 berichteten 42,6 Prozent der Befragten von einer pollenbedingten Allergie, etwa 30,2 Prozent zusätzlich von Asthmasymptomen. Das liegt vermutlich daran, dass sie bei intensivem Training und durch den längeren Aufenthalt im Freien den Pollen stärker ausgesetzt sind. „Je stärker die Belastung, desto mehr Sauerstoff braucht man, man atmet mehr Luft ein und aus und erhöht damit das Risiko der Belastung mit Pollen“, fasst Allergologe Karl-Christian Bergmann zusammen.
Mehr als 80 Prozent der Betroffenen aus oben genannter Studie gaben an, dass die Symptome zu Leistungseinbußen während der Pollensaison führten. Grund dafür können die gereizten, verschleimten Atemwege sein oder schlicht auch Müdigkeit, da es sich mit verstopfter Nase schlecht schläft. Nicht zuletzt ist die Trainingsmotivation oft schlicht im Keller, wenn man das Gefühl hat, kaum Luft zu bekommen. So ärgerlich Heuschnupfen ist, „richtig gefährlich werden die Symptome für gewöhnlich aber nicht“, gibt Professor Bergmann Entwarnung. „Man wird schlicht langsamer, weil man nicht mehr so kräftig in die Pedale treten kann.“
Nur bei absoluter Symptomfreiheit aufs Rad zu steigen, dürfte für die meisten heuschnupfengeplagten Hobbyradsportler aus medizinischer Sicht ohnehin kaum realistisch sein: „Bis heute gibt es keine Möglichkeit, die Entwicklung eines Heuschnupfens grundsätzlich durch ein Medikament vollkommen zu vermeiden“, sagt der Experte. Was Linderung verschafft, ist von Radsportler zu Radsportlerin unterschiedlich. Sebastian Petzold hilft beispielsweise eine Nasendusche mit Salzwasser und eine Nasensalbe vor einer Ausfahrt. „Wenn es ganz schlimm wird, nehme ich Tabletten“, sagt er.
Thomas Kiraly hat dagegen mit den Tabletten keine guten Erfahrungen gemacht, er ist davon „müde geworden und immer eingeschlafen“. In der Tat sei es so, dass die früheren Antihistaminika-Tabletten alle müde machten, bestätigt Karl-Christian Bergmann. Bei der neuen Generation sei das seltener der Fall, komme aber noch immer vor. Alternativ lässt sich ein Antihistaminikum oder eine kortisonhaltige Lösung als Tropfen oder Spray direkt in Nase und Augen geben. Bei einem Wettkampf deshalb positiv getestet zu werden, ist unwahrscheinlich. Laut Welt-Antidoping-Agentur WADA sind „sogenannte Antihistaminika wie Azelastin, Cetirizin, Ketotifen oder Loratadin jederzeit erlaubt“. Lediglich Pseudoephedrin ist verboten. Hier muss man als Athlet also dem behandelnden Arzt gegebenenfalls einen entsprechenden Hinweis geben, bevor er ein Medikament verschreibt.
Thomas Kiraly hat eine Desensibilisierung, heute allergen-spezifische Immuntherapie (kurz AIT) genannt, schließlich die erhoffte Erleichterung gebracht. Er hat sie damals über fünf Jahre hinweg gemacht, mit Spritzen, die die Allergene enthielten, auf die er in einem vorherigen Test reagiert hatte. Noch heute sei dieses Vorgehen, das an der Ursache der Allergie ansetzt, sehr sinnvoll, wenn auch aufwendiger als die akute Behandlung der Symptome.
„Die Allergen-Immuntherapie hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert“, erklärt Prof. Bergmann. „Man kann die AIT nicht mehr nur mit der Spritze machen, sondern auch ,sublingual‘. Das heißt, mittels Tropfen oder Tabletten und zu Hause. Man nimmt jeden Tag eine Tablette, die sich sofort im Mund auflöst, innerhalb von wenigen Sekun den.“ Nebenwirkungen seien selten, bei gleicher Wirkung wie die Spritzen. Zudem kann die AIT mittlerweile noch während der Pollensaison begonnen werden, ideal sei es jedoch, sie mindestens zwei bis vier Wochen vor dem Beginn des Pollenflugs anzufangen.
Der wichtigste Tipp, den Allergieexperte Karl-Christian Bergmann für Radsportler hat, ist jedoch ein simpler: „Den Pollenflugkalender im Auge behalten. Und, wenn man zu allergischem Asthma neigt und intensiv fährt, ein Dosieraerosol mit Salbutamol in der Trikottasche haben und circa 15 Minuten vor der Abfahrt benutzen.“ Das ist laut WADA ebenfalls erlaubt. Und selbst, wenn der Heuschnupfen dadurch nicht verschwindet, erhält es die Freude an der Radtour zumindest ein bisschen.
| Pollenflugvorhersagen nutzen | z.B. die App „Husteblume“ oder über www.pollenflug.de; Training möglichst an Tagen mit niedriger Belastung planen |
| Tageszeiten und Wetterlage nutzen | frühmorgens und nach Regen sind die Pollenkonzentrationen tendenziell niedriger sind, bei hohen Pollenkonzentrationen Indoor-Training erwägen |
| Routenwahl | Grünflächen mit hohem Pollenaufkommen möglichst meiden |
| Kleidung | Radbrille tragen |
| Training anpassen | Intensität reduzieren, wenn die Symptome stark |
| Medikamentöse Behandlung | Optionen reichen von Antihistaminika über Nasensprays mit Kortison bis hin zur spezifischen Immuntherapie (Hyposensibilisierung), die langfristig die allergische Reaktion abschwächt |