Cathi Rossmann ist eine Hobbyradsportlerin aus Heppenheim. In ihrer Jugend beginnt sie mit dem Triathlon und fährt in ihrer Freizeit viel Rennrad. 2022 gewann sie erst die Einzelwertung der TOUR Transalp bei den Frauen und dann den Ötztaler Radmarathon. 2025 gewann sie Istra300 und landete bei der Maratona dles Dolomites auf dem 6. Platz. Die 36-jährige Rechtsanwältin hat im vergangenen Jahr 41.411 Kilometer auf dem Rennrad trainiert und rund 45.000 Follower auf Instagram. Im Interview verrät sie ihre Ziele und Motivation.
TOUR: Stimmt es wirklich, dass du bei deinem Sieg beim Ötztaler Radmarathon gar nicht wusstest, wie wichtig das Rennen ist?
Cathi Rossmann: Genau. Mein Einstieg in Radrennen war die TOUR Transalp 2022. Danach dachte ich halt ich muss irgendwie die Form ausnutzen und habe gegoogelt. Da bin ich auf den Ötztaler Radmarathon gestoßen. Ich wollte da unbedingt mitfahren, weil mich die vier Pässe gereizt haben. Ich habe noch einen Startplatz bekommen und war ziemlich blauäugig – mir ist erst in Sölden klar geworden, wie groß das Rennen ist.
TOUR: Wie hast du dich vorbereitet auf den Ötztaler?
Cathi Rossmann: Ich hatte keine Ahnung wie das mit der Verpflegung funktioniert – ich kannte es so vom Triathlon, dass man es gereicht bekommt. Ich habe dann gehört, dass man die Verpflegungsstationen nicht anfahren kann, wenn man schnell fahren will und man Leute am Streckenrand braucht. Ich konnte das kurzfristig nicht organisieren und dann habe ich nur mit meinem Freund ausgemacht, dass er sich am Brenner hinstellt. Ich hatte beim Ötztaler ein paar Gels dabei, aber war völlig blauäugig. Ich bin am Timmelsjoch völlig eingegangen – da war mir richtig schwindlig.
TOUR: Es klingt, als ob du eine starke Psyche hast, dass du am Start nicht total nervös geworden bist.
Cathi Rossmann: Ich war am Start schon eingeschüchtert. Ich hatte einen Platz im 1. Startblock bekommen (durch den Sieg bei der TOUR Transalp) und da waren alle mit so krassen Rädern und Wettkampfanzügen. Am Kühtai habe ich gemerkt, dass ich gute Beine habe, aber dass ich mich noch zurückhalten will. Am Jaufen habe ich gemerkt, dass ich heute richtig gut drauf bin. Da habe ich mich abgesetzt und dann kam auch irgendwann die Organisation rangefahren, hat dann gesagt: "Du bist jetzt gerade erste Frau." Da habe ich gemeint, ja cool und fand es irgendwie total lustig und habe noch erzählt, dass ich letztes Wochenende noch in Alpe d’Huez war. Bis runter am Anstieg des Timmelsjochs ging es mir auch super gut. Da dachte ich mir: "Was haben die denn alle so? So schlimm ist es doch gar nicht." Dann ging es mit der Energie los am Timmelsjoch, dass ich zu kämpfen hatte.
TOUR: Du hast dich aber als Siegerin ins Ziel gerettet. Wie hast du den Zieleinlauf erlebt?
Cathi Rossmann: Am Ortseingang von Sölden stehen immer diese Polizeimotorräder, die haben mich dann in Empfang genommen und dann sind wir mit Sirenen die letzten Kilometer durch Sölden durchgefahren. Da hatte ich krasse Gänsehaut am ganzen Körper. Es ist einfach mega krass, weil mir jeder zugejubelt und zugerufen hat. Ich sag immer, das war wie so auf Wolken gehen. Ich war auch ein bisschen überfordert, aber auf der anderen Seite überglücklich.
TOUR: Du konntest den Ötztaler seitdem nicht mehr gewinnen – war der Druck danach groß?
Cathi Rossmann: Natürlich hat man den Druck gespürt - ich habe es mir vor dem Rennen gar nicht so eingestanden. Man hat dann in Sölden auch gemerkt, dass man überall angesprochen wurde, überall erkannt wurde und so. Und natürlich guckt auch jeder, was trainierst du. Ich bin wie ein offenes Buch: bei mir kann man alles auf Strava verfolgen. Da kriegt man dann auch Kommentare, dass immer zu viel trainiert wird, zu wenig Entlastung und so. Natürlich würde man es gerne wiederholen mit dem Sieg. Aber ich weiß auch, dass es ein ganz besonderes Rennen war und das vielleicht nie wieder reproduzierbar ist. Aber was für mich immer das Wichtigste ist: dass ich einfach Spaß bei der Sache habe, dass ich meinen Weg gehe und es so mache, dass ich damit glücklich bin. Natürlich gebe ich immer mein Bestes und fighte immer für jeden Platz, aber ich bin jetzt nicht so, dass ich dann irgendwie so enttäuscht bin oder mich daran irgendwie aufreibe, dass ich das jetzt unbedingt wiederholen muss. Aber es wäre schön, wenn es noch mal klappen würde mit dem Sieg.
TOUR: Bist du am Start von Rennen nervös?
Cathi Rossmann: Ich bin eigentlich immer ruhig am Start, weil ich denke, das ist so ein langer Tag und ich hatte mich immer so vorbereitet, wie es für mich mental gepasst hat und dann kommt halt am Ende raus, was rauskommen muss. Ich bin ja auch nicht drauf angewiesen: ob ich jetzt im Endeffekt Zweite, Dritte oder auch Fünfte werde, ist eigentlich egal. Im Endeffekt geht mein Leben dann trotzdem weiter am nächsten Tag. Die Rennen sind eher die Kirsche auf der Sahnehaube, weil im Endeffekt mir macht der Prozess und das ganze Training schon so viel Spaß, dass ich manchmal die Rennen eigentlich gar nicht bräuchte.
TOUR: Du hast deine Jahreskilometer von Jahr zu Jahr gesteigert – zuletzt fast ins Extreme mit über 40.000 Kilometern. War das wirklich nur, weil du aus Spaß fährst?
Cathi Rossmann: Man muss ganz ehrlich sagen, wenn man High Performance will, dann sollte man keine 40.000 Kilometer fahren. Aber für mich ist der Sport immer ein Ausgleich zur Arbeit und letztes Jahr hatte ich viele Möglichkeiten, an verschiedenen Orten Radfahren zu gehen, auch viele Einladungen. Und wenn ich dann an den schönsten Orten bin, wie in den französischen Alpen oder in den Dolomiten, dann muss ich immer alles erkunden und überall hinfahren. Letztes Jahr habe ich es schon auf die Spitze getrieben und die Perspektiven verschieben sich umso mehr man fährt. 200 Kilometer fühlen sich an wie 100 Kilometer und der Körper macht es mit.
TOUR: Was für Einladungen hast du bekommen?
Cathi Rossmann: Mir schreiben öfter Leute, wenn ein cooler Radmarathon in der Nähe ist, ob ich vorbeikommen will. Ich kann immer schwer absagen und fahr gern bei so Events mit, auch wenn es keine Rennen sind. Ich finde es immer super cool, da lernt man viele Leute kennen, die auch das machen, was man selber gerne macht. Fährt in der Gruppe mit schnellen Leuten über die Strecke, lernt neue Routen kennen, neue Orte.
TOUR: Du arbeitest Vollzeit als Rechtsanwältin – wie ist es möglich trotzdem so viel Rennrad zu fahren?
Cathi Rossmann: Ich fahr immer vor der Arbeit, im Winter auf der Rolle. Meine Trainingszeiten liegen immer so zwischen 5:00 und 08:00 Uhr morgens und manchmal auch noch abends nach der Arbeit. Ich habe zum Glück relativ kurze Arbeitswege, sonst wäre es nicht möglich. Ich habe keine Familie, also ich bin aktuell sogar Single und dann geht meine ganze Zeit für Arbeiten und Radfahren drauf. In diesem Jahr trainiere ich aber erstmals mit Trainingsplan – da habe ich auch zwei Tage in der Woche wo ich kein Rad fahre, aber laufen gehe.
TOUR: Warum trainierst du das erste Mal nach Plan?
Cathi Rossmann: Ich habe mich bewusst dazu entschieden, jetzt mit einem fest strukturierten Trainingsplan zu fahren, dass ich nicht in die Versuchung komme, wieder zu viel zu machen. Auch mal gucke, was noch so im Körper drin ist, wenn man tatsächlich mal strukturiert arbeitet und mehr Fokus auf Entlastung legt. Bei mir war es eigentlich immer so ein Einheitsbrei, also immer gleichbleibende Belastungen, immer relativ viel Umfang. Der Körper kam damit klar, aber ich habe gemerkt, dass keine große Anpassung mehr in Sachen Geschwindigkeit erfolgt ist. Ich habe mich mit einem Trainer zusammengetan, der das individuell auf mich abstimmt. Wichtig war mir auch dass ich einen Fokus auf Ernährung während dem Training und Alltagsernährung lege.
TOUR: Wie machst du das konkret?
Cathi Rossmann: Ich arbeite jetzt mit einer App, so wie auch die Profi-Teams das machen, wo ich auch Vorgaben habe, wie ich das Training zu versorgen habe. Wie viel Gramm Kohlenhydrate ich für die Trainings nehme und was ich den Tag über esse. Ich bin am Wochenende immer super lang gefahren, teilweise zwei Tage hintereinander, irgendwie 15, 16 Stunden und dann kam ich gar nicht mehr hinterher mit dem Essen. Es war immer unausgeglichen, dass ich am Wochenende zu wenig gegessen hab, dann unter der Woche zu viel. Der Körper konnte sich beim Training gar nicht mehr anpassen, weil er eigentlich nicht richtig versorgt war. Mein Trainer sagt, wenn ich nicht schaffe zu essen, was ich verbrauche, dann brauchen wir auch keine Intervalle fahren, weil dann passt sich der Körper nicht entsprechend an. Ich merke dadurch, dass ich strukturiert esse auf jeden Fall schon einen krassen Unterschied. Ich habe ein relativ gleichmäßiges Energielevel und fühle mich auch bei den Einheiten besser.
TOUR: Fällt es dir schwer zum ersten Mal nach exakten Vorgaben zu trainieren?
Cathi Rossmann: Ich dachte es würde mir viel schwerer fallen. Dadurch, dass ich auch Intervalle unter der Woche fahre und strukturierter trainiere, ist es anstrengender für den Körper. Ich merke, dass der Körper sich da mehr anpassen muss und deswegen komme ich ganz gut damit klar. Ich mag Routinen, weil Routinen geben einem Sicherheit. Ich bin ein sicherheitsliebender Mensch. Aber ich merke, Veränderung macht auch manchmal Spaß.
TOUR: Was für Events hast du eingeplant?
Cathi Rossmann: Ich starte die Saison mit dem M 312 auf Mallorca und dann ist der zweite große Höhepunkt der Ötztaler.
TOUR: Da hast du also doch noch eine Rechnung offen…
Cathi Rossmann: Ja, ich mag das Rennen total gerne und ich komme immer gerne nach Sölden zurück, egal was dann am Ende bei rauskommt.
TOUR: Man hat den Eindruck es kommen im Hobbyradsport sehr viel starke Frauen nach – merkst du das?
Cathi Rossmann: Ja, auf jeden Fall. Die Dichte ist viel größer geworden und die Mädels, die stark sind, sind jünger geworden. Früher waren es eher Frauen in meinem Alter, Mitte 30 Anfang 40, die stark unterwegs waren und jetzt merkt man, dass Jüngere extrem gut sind. Das ist ja auch 'ne coole Sache und Konkurrenz belebt das Geschäft.
TOUR: Du hast viele Follower auf Social Media und das hat immer zwei Seiten – es kann auch problematisch werden…
Cathi Rossmann: In jedem Fall - man muss da dosiert arbeiten. Deswegen bin ich auch keine, die sich da im Sport-BH oder mit offenem Trikot präsentiert oder diese in Anführungszeichen Sex Sells-Richtung fährt. Bei mir geht es darum, dass ich Motivation für Leute vermittle, die auch berufstätig sind: wie man seinen Alltag managen kann, dass man noch gut Training unterbringen kann. Dass ich da die Motivation den Leuten vermittle und viele Nachrichten dazu bekomme. Und das gibt mir dann auch wieder Motivation, das weiterzumachen. Viele Leute schreiben mir: „Du bist so 'n cooles Vorbild. Ich habe jetzt auch mal versucht, morgens früher aufzustehen und noch mal vor dem Arbeiten vor dem Arbeiten 'ne Einheit zu schaffen.“ Man muss ganz ehrlich sagen, viele Leute denken sie kennen einen über Social Media extrem gut und wissen alles über einen, aber im Endeffekt sind es fünf oder zehn Minuten meines Alltags.
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TOUR: Hast du manchmal Probleme mit negativen Kommentaren?
Cathi Rossmann: Dadurch, dass Radsport ein sehr männerdominierter Sport ist, sind rund 65 Prozent meiner Follower Männer und der Rest sind Frauen. Männer schreiben manchmal blöde Nachrichten, wo man denkt, das ist unangebracht, aber dann reagier ich gar nicht da drauf. Man setzt sich natürlich auch Kritik aus oder auch blöden Kommentaren. Man kriegt oftmals zehn gute oder liebe Nachrichten und eine blöde Nachricht und dann hängt man sich trotzdem manchmal an diesen blöden Nachrichten auf. Da gibt es natürlich auch so alte Haudegen, die noch nie auf dem Rad gegessen haben, die dir schreiben: „was diese Mengen isst du alles?“ Ich versuche das gar nicht so an mich ranzulassen, aber Social Media hat immer zwei Seiten.
TOUR: Hast du wirklich immer Lust zu trainieren – auch wenn es draußen regnet?
Cathi Rossmann: Ich habe eigentlich selten keine Lust, weil ich immer weiß, wenn ich draußen auf dem Rad bin, da geht es mir immer gut. Ich bereue es eigentlich nie, wenn ich auf dem Rad draußen war und ich fahre auch relativ abwechslungsreiche Strecken oder ich fahre manchmal einfach los und lasse mich so treiben und gucke einfach, wo ich dann hinfahre. Wenn es ganz schlechtes Wetter ist, fahre ich auf der Rolle.
TOUR: Du hast auf Social Media auch geschrieben, dass du 2026 mehr Zeit für Social und Dating Life haben willst. War das auch so ein Gedanke, mal was anders zu machen?
Cathi Rossmann: Ja, auf jeden Fall. Also, dass man auch gemerkt hat, man ist dann in so Routinen drin, in so einem Hamsterrad und macht halt immer dasselbe. Das war für mich auch noch ein Anstoß, da Dinge neu zu machen.
TOUR: Du fährst den Männern vermutlich immer davon?
Cathi Rossmann: Das ist wirklich 'n großes Problem. Entweder sind sie eingeschüchtert oder sie müssen einem dann beweisen, dass sie genauso schnell fahren und fahren extrem hart. Ich habe hier einen Trainingskollegen mit dem fahre ich am Wochenende immer zusammen und wir sind so ein richtig gut eingespieltes Team. Wir müssen gar nicht miteinander sprechen, wir wissen schon, wann wir Pausen machen, welches Tempo gefahren wird. Wenn wir dann mal wieder bei Events sind, merkt man so richtig, wenn Leute einem beweisen wollen, dass sie gut fahren
TOUR: Es gibt in deinem Leben ein sehr schlimmes Ereignis: der Tod deiner Zwillingsschwester auf dem Rennrad...
Cathi Rossmann: Sie wurde wirklich aus dem Leben gerissen. Das war ein Unfall auf dem Rad, der von jetzt auf gleich passiert ist (Anm. d. Red.: sie wurde von einem LKW überfahren). Wir waren Anfang 20 und eigentlich wollte ich an dem Tag mit ihr zusammen diese Trainingsausfahrt machen. Wenn ich dabei gewesen wäre, wären wir wahrscheinlich beide nicht mehr dagewesen. Man denkt, man kann gar nicht mehr weiterleben, wenn einem so was widerfährt. Die ersten zwei Jahre waren extrem schlimm für mich. Man muss sich mit dem Gedanken anfreunden, dass das Leben weitergeht. Das ist Teil der Geschichte von mir geworden und ich habe gelernt damit zu leben. Wovor ich immer Angst hatte, dass ich ihr Gesicht vergesse oder das Lachen oder die Stimme, aber das habe ich schon noch in meinem Kopf. Ich denke jeden Tag an meine Schwester und auch besonders viel, wenn ich auf dem Rad unterwegs bin.
TOUR: Ich stelle es mir schwer vor nach so einem Trauma wieder aufs Rad zu steigen…
Cathi Rossmann: Ich bin schnell wieder aufs Rad gestiegen, um diese Hürde oder diese Barriere im Kopf gar nicht so groß werden zu lassen. Aber ich hatte damals schon großen Respekt, immer wenn ein LKW an mir vorbeigefahren ist. Mittlerweile hat sich das wieder gelegt, aber man merkt trotzdem, dass diese Aggressivität im Straßenverkehr extrem zugenommen hat und deswegen fahre ich sehr gerne früh morgens, weil da einfach der Verkehr so viel weniger ist.
TOUR: So ein einschneidendes Erlebnis verändert einen bestimmt als Mensch?
Cathi Rossmann: Ich habe mittlerweile eine besondere Mentalität. Wenn ich ein Problem habe, bei dem ich weiß, dass es mich in zwei Tagen oder in zwei Wochen nicht mehr interessieren wird, dann hänge ich mich daran gar nicht mehr auf. Oder wenn ich was nicht ändern kann, dann stecke ich da nicht so viel Energie rein, weil das verschwendete Energie ist. Wenn ich was nicht ändern kann, dann muss ich versuchen, einfach mit der Situation umgehen. Oder ich denke mir immer, wenn ich irgendwelche Möglichkeiten habe im Leben, die sich ergeben: mach es einfach, weil wer weiß, was passiert. Man weiß nie, was passieren wird, man muss die Feste feiern, wie sie fallen und die Möglichkeiten nutzen, die sich einem ergeben und darf Dinge nicht aufschieben.

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