Interview mit Ex-Profi Bernhard Eisel“Für uns war der Sport früher viel leichter”

Tim Farin

 · 18.11.2023

Bernhard Eisel: "Für uns war der Sport früher viel leichter."
Foto: Markus Greber/Skyshot
Er war ein geschätzter Anführer im Peloton und ist mit seinem Blick fürs Geschehen zum beliebten Fernsehkommentator avanciert: Bernhard Eisel blickt zurück auf eine Profisaison 2023, die ihn überrascht hat. Im TOUR-Gespräch verrät er außerdem, was er für die Zukunft des Sports erwartet und was er reformieren würde.

Das Interview wurde geführt von Tim Farin.

TOUR: Herr Eisel, Sie sind Kommentator bei Eurosport-GCN und Sportlicher Leiter bei Bora-Hansgrohe. Welche Rolle hat Sie in der abgelaufenen Saison mehr gefordert?

Bernhard Eisel: Beide sind schwierig, aber es ist definitiv die des Sportlichen Leiters. Dieser Job ist im modernen Radsport extrem fordernd geworden. Früher hat man aus Spaß gesagt, man fährt das Auto von A nach B und spricht mal ins Mikrofon. Das ist definitiv vorbei. Man muss schon richtig arbeiten, von der Vorbereitung der einzelnen Etappe, was jeden Tag bis zu drei Stunden bedeutet, über den Job im Auto mit spontanen Reaktionen auf richtig actiongeladene Rennen bis zur Nachbesprechung.

TOUR: Hilft Ihnen denn Ihr Kommentatoren-Job hierbei?

Bernhard Eisel: Klar. Wenn ich kommentiere, muss ich mich auch mit den Strecken und dem Wettbewerb beschäftigen. Das wiederum hilft mir in der Vorbereitung auf die andere Rolle. Um als Kommentator etwas sinnvoll herauszulesen aus dem Renngeschehen, muss ich auch die genauen Bedingungen kennen. So erkennt man, wer wirklich stark am Berg ist und wer technisch gut in der Lage ist, die wichtigen Positionen zu finden. Was genau passiert, bekomme ich natürlich im Fernsehen viel besser mit als im Auto. Ich glaube, TV-Zuschauer sehen im Rennen zehnmal mehr als Sportliche Leiter.

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TOUR: Von außen betrachtet sieht vieles einfach aus. Innen fühlt es sich anders an?

Bernhard Eisel: Wenn ich im TV ein Rennen kommentiere, sieht das auch für mich manchmal aus wie in einem Computerspiel, als würden verschiedene Teams mit klarer Übersicht klare Aktionen starten. Fakt ist, dass im Konvoi die Sportlichen Leiter zu zweit in den Autos sitzen, irgendwas über den Funk hören, das oft kaum zu verstehen ist. Dann rätseln sie mit dem Mechaniker auf der Rückbank, was gemeint sein könnte. Dazu hat man vielleicht ein paar gestörte Bilder auf einem Tablet im Auto. Und daraus folgt dann eine Durchsage ans Team. Das ist nicht immer so, aber man muss schon mit viel Chaos und Improvisation umgehen. Da zahlt es sich natürlich aus, wenn man seine Hausaufgaben in der Vorarbeit gut gemacht hat.

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TOUR: Was hat Sie im Rückblick auf die Saison 2023 besonders überrascht?

Bernhard Eisel: Ich finde bemerkenswert, wie professionell der Sport geworden ist. Es ist, als würden heutzutage alle für das einstige Team Sky fahren, bei dem ich damals war. Jedes Team agiert mit fixen Plänen. Die unwichtigen Attacken fürs Fernsehen gibt es kaum noch. Der Sport ist so eng geworden, dass jeden Tag etwas passieren kann und Akribie sich auszahlt. Dieser Grad an Professionalität ist in jüngster Zeit enorm gewachsen, er zeigt sich bei sehr reifen, jungen Fahrern und bei sehr fit gebliebenen Routiniers gleichermaßen.

TOUR: Es gibt also einen dichteren Wettbewerb?

Bernhard Eisel: Es sieht zwar so aus, als würde die Saison immer von den etwa zehn gleichen Namen dominiert, aber dahinter hat sich etwas verändert. Die anderen Teams ­suchen nach jeder Chance. Das macht die Rennen schwieriger. Außerdem sieht man die besten Fahrer in viel größerer Konzentration bei den großen Rennen – nicht mehr nur bei der Tour. Schauen wir die Vuelta an: Da haben doch nur zwei Mann gefehlt, der Rest der Elite war am Start. Und das gilt auch für die Klassiker. Wir sehen immer mehr Leute, die acht Monate oder mehr ihre Höchstform halten.

TOUR: Sie sprechen von Wettbewerb. Aber 2023 war das Jahr, in dem Jumbo-Visma mit drei Rundfahrtsiegen alles überstrahlt hat. Ist das nicht blöd: Da, wo es wirklich darauf ankommt, gewinnen immer dieselben?

Bernhard Eisel: Ja, das war Dominanz, daran knabbern die anderen Teams. Das war ja bei Ineos nicht anders. Ich finde, daraus sollte man keine falschen Schlüsse ziehen. Die anderen werden sich fragen, was sie machen können. Wo ist das nächste Talent, mit dem sie bei Rundfahrten etwas holen? Wer professionell arbeitet, gibt nach einer solchen Saison nicht auf. Im Gegenteil. Primoz Roglic kommt zu Bora-­Hansgrohe, weil er eine gut funktionierende Mannschaft und eine Basis sieht, um noch mal ganz große Ziele zu erreichen. So reagiert der Wettbewerb.

TOUR: Also sehen Sie nicht, dass die Dominanz zwangsläufig weitergeht?

Bernhard Eisel: Ich glaube, das ist wie in allen Sportarten. Es gibt immer mal dominierende Teams. Nach Ineos hat Jumbo die richtigen Leute zusammengebracht und an den richtigen Schrauben gedreht. Und dann plötzlich gibt es Probleme mit dem Sponsor und alles gerät in Gefahr. Das macht den Radsport sehr anfällig und ist für mich bis heute sehr erstaunlich; mit einem Sponsor kann auch ein ganzes Team bergab gehen. Das kann kein Teamchef kontrollieren.

TOUR: Sie haben kürzlich gesagt, Tadej Pogacar sei für Sie der beeindruckendste ­Fahrer der Saison gewesen. Warum er?

Bernhard Eisel: Tadej vertritt diesen neuen Radsport, aber er ist nicht der Einzige. Unser neuer Star, Primoz Roglic gehört sicher auch dazu. Das sind Typen, die sich jedem Rennen mit Sieg­ambitionen und vollem Einsatz stellen. Tadej hat diese Leichtigkeit. An ihm ist nichts Roboterhaftes. Er attackiert, wenn er es für richtig hält. Und wenn er verliert, verliert er. Das gehört dann eben dazu.

Bernhard Eisel: “Tadej hat diese Leichtigkeit. 
An ihm ist nichts Roboterhaftes. 
Er attackiert, wenn er es 
für richtig hält.”Foto: Markus Greber/SkyshotBernhard Eisel: “Tadej hat diese Leichtigkeit. An ihm ist nichts Roboterhaftes. Er attackiert, wenn er es für richtig hält.”

TOUR: Vor ein paar Jahren wäre ein Tour-de-France-Favorit nicht bei der Flandern­-Rundfahrt um den Sieg mitgefahren.

Bernhard Eisel: Das kann er heute tun, weil die Rennen allgemein schwieriger geworden sind. Man konnte in den vergangenen paar Saisons dabei zuschauen, wie die Rennen härter geworden sind. Es gibt kaum einen lauen Start. Wenn ein Fahrer wie Tadej Pogacar eingreift, ist bereits aufgeräumt im Feld. Dadurch ist es attraktiver für diese Kaliber, in den Klassikern ihre Stärken zu zeigen. Schauen Sie auf die Rundfahrten: Da gibt es doch kaum noch langweilige Etappen. Aus meiner Sicht ist die Belastung für die Fahrer dadurch nicht nur körperlich, sondern auch mental um 100 Prozent gestiegen. Deshalb kann ich auch verstehen, dass es auf Fahrerseite immer wieder Punkte gibt, wo sie zum Protest auf­rufen. Es staut sich einfach etwas auf.

TOUR: Gibt es einen Punkt, wo auch Sie sagen: Das geht nicht mehr?

Bernhard Eisel: Der Sport lebt von diesen intensiven Bildern, die ständig neu entstehen. Klar, es gibt kaum noch Abfahrten, die einfach nur gerollt werden. Aber es ist schwierig, das einfach so zu sagen, es begrenzen zu wollen. Wo soll man da anfangen? Ich denke, vor allem die Teams sollten einen Blick darauf haben, wie weit sie mit ihren Fahrern gehen können. Im Endeffekt sind die Fahrer ihr Kapital, und wenn man sie übermäßig in gefährliche Situationen steckt, ist das eher ein Risiko als eine Investition in die Zukunft.

TOUR: Wenn der Sport so intensiv ist, besteht dann nicht auch die Gefahr, dass er die Leute verbrennt?

Bernhard Eisel: Das glaube ich gar nicht. Es gibt mehr Streckenrisiken und Wetterrisiken, okay. Aber ansonsten ist inzwischen alles enorm gut kontrolliert: die Ernährung, die medizinischen Untersuchungen, all die Messgeräte zeigen doch ganz genau, was Fahrer leisten können und wie es ihnen geht. So ist es möglich geworden, dass junge Fahrer direkt von den Junioren als fertige Radprofis einsteigen. Das gab es früher nicht, weil das Know-how fehlte und vieles länger dauerte. Früher hörte man viel öfter, dass Teams ihre Fahrer verbrennen.

TOUR: 2023 führte Netflix mit der Doku über die Tour de France ein Massenpublikum in den Radsport ein. Haben Sie ­dadurch mehr Interesse gespürt?

Bernhard Eisel: Das ist mir im Freundes- und Bekanntenkreis aufgefallen. Plötzlich sagt einer: Unglaublich, was du mal gemacht hast. Das sind Leute, mit denen ich nie über meinen Sport geredet habe. Diese Serie hat den Menschen gezeigt, was sich in den Rennen abspielt, sie hat sie mitten reingenommen in unseren Sport. Das ist aus meiner Sicht ein unglaublicher Impuls gewesen, auch für die Sportler selbst. Das hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun, wie ihre Leistung nach außen transportiert wird. Netflix hat viel von dem vermittelt, was sich im Hintergrund abspielt. Ich bin optimistisch, dass dadurch ein breiteres Publikum angelockt wird.

TOUR: In Deutschland hatten wir bis 2006 den großen Publikumsboom. Er brach wegen des Dopingsumpfs zusammen. Jetzt stellt sich immer noch die Frage, ob der Zweifel mitfahren muss. Welche Haltung haben Sie?

Da verstehen die Journalisten etwas falsch. Wir können über Doping sprechen. Aber wir müssen das nicht.

Bernhard Eisel: Für mich ist das ganz einfach. Ich vertraue meinen Jungs, ich weiß, was sie machen und habe null Bedenken. Wenn ich dann sehe, dass sie auf einem Niveau mit den anderen fahren, dann habe ich auch bei denen keine Bedenken. Ich glaube, Teams und Weltverband haben die Chance genutzt, den Sport aufzuräumen. Die Diskussion halte ich ein bisschen für ein Problem der deutschsprachigen Öffentlichkeit, die immer wieder auf das Thema zurückkommt. Im Endeffekt ist das auch Faulheit, weil jedes Interview in die Richtung geführt wird. Was mich ärgert, ist folgender Satz: “Wir müssen darüber reden.” Da versteht der Journalist etwas falsch. Wir können über Doping sprechen, aber wir müssen es nicht. Ich kann nämlich die Gegenfrage stellen: “Wann war der letzte Dopingfall bei der Tour de France?” Dann kommt keine Antwort. Der letzte Fall dort ist neun Jahre her.

TOUR: Dennoch gibt es diese Berichterstattung. Die Süddeutsche Zeitung etwa titelte Schneller als die Superdoper. Man fragt sich, wieso Jonas Vingegaard, Tadej Pogacar und viele andere schneller auf die hohen Pässe kommen als nachgewiesene Doper früher.

Bernhard Eisel: Diese Diskussion kann man auch immer weiterführen. Es gibt auch Gegenargumente: das Material ist besser, das Training ist besser, im Endeffekt hat man hier menschliche Maschinen. Mehr TV-Übertragungen bedeuten auch mehr Motorräder, das bringt auch wieder mehr Windschatten. Da kommen Kleinigkeiten zusammen. Das Wichtigste aber ist: Die Rennen beginnen viel früher. Wenn von Kilometer null an attackiert wird, steigen die Geschwindigkeiten.

TOUR: Sind Sie neidisch, dass Sie nicht noch mal anfangen können als Profi?

Bernhard Eisel: Auf gar keinen Fall. Ich hätte da heute keine Chance mehr. Ich bin froh, dass ich als Sportenthusiast einen anderen Anteil daran habe und noch irgendwo mitgestalten kann. Ich glaube, für uns war der Sport früher viel leichter. Ich will ehrlich sein: Wir haben eine geile Zeit gehabt.

TOUR: Das klingt komisch, weil es doch immer hieß, wie knüppelhart dieser Sport ist.

Bernhard Eisel: Wir haben uns angelogen, wenn wir früher gesagt haben, wir hätten hart trainiert. Die Klassementfahrer heute, aber nicht nur die, verbringen acht bis zwölf Wochen im Jahr isoliert im Höhentraining. Die meisten sind kaum zu Hause, geben in diesem engen Wettbewerb ständig alles, um überhaupt noch mal einen Vertrag zu bekommen. Ich habe das anders erlebt, eher mit Leichtigkeit. Und wenn das Wetter mal nicht so gut war, dann habe ich halt ein bisschen weniger oder gar nichts mit dem Rad gemacht.

TOUR: Wenn Sie den Radsport reformieren könnten, was würden Sie gerne anstoßen?

Bernhard Eisel: Ich fände es wünschenswert, den Radsport im Winter sichtbarer zu machen. Das ginge mit einem Draft-System, wie es in den US-Sportarten existiert. Es geht kurz gesagt darum, die Jungprofis auf die Teams zu verteilen und dabei mehr Ausgleich zu schaffen. Im Radsport könnte das so laufen: Die 20 besten Manager und 20 gewählte Journalisten erstellen eine Rangliste der jungen Fahrer, die Profiverträge anstreben. Die Teams dürfen sich dann aus diesem Ranking neue Fahrer auswählen. Um den Wettbewerb zu stützen, würden schlechter platzierte Teams in jeder Auswahlrunde zuerst drankommen. Sie hätten früher Zugriff auf die höher gewerteten Talente als die Top-Teams. Sie könnten sie aber auch weiterverkaufen und bekämen dafür einen finanziellen Ausgleich. Das könnte einen Chancenausgleich bringen. Von Gehalts- oder Budgetgrenzen dagegen halte ich nicht viel, da habe ich zu sehr die Sicht der Fahrer. Und warum sollten Manager dafür bestraft werden, dass sie sehr gute Arbeit machen?

Bernhard Eisel spricht über die Zukunft im Radsport.Foto: Markus Greber/SkyshotBernhard Eisel spricht über die Zukunft im Radsport.

TOUR: Wagen wir einen Blick nach vorne. Wenn Sie die Geschichte für 2024 im Voraus schreiben könnten, was stünde darin?

Bernhard Eisel: Die Jumbo-Dominanz wird teilweise bleiben. Aber ich erwarte einen ernsthaften Kampf ­darum, dieses Team vom Thron zu stoßen. Wenn wir Primoz Roglic bei Bora-Hansgrohe sehen, können wir damit rechnen, dass ein weiterer Widersacher für Vingegaard bei der Tour de France auftreten wird. Aus meiner Sicht wird sich die Konkurrenz noch mal verdichten. Es sind zehn, zwölf Leute, die wirklich diese großen Rennen gewinnen können. Und man weiß nie, was passiert. Bricht sich Pogacar noch mal die Hand wie dieses Jahr bei Lüttich-Bastogne-Lüttich – und wird dadurch zurückgeworfen? Oder greift er im Alleingang in den Sprint ein? Ich erlebe fast jeden Tag Faszinierendes. Wenn ich sehe, wie gut diese Jungs Fahrrad fahren, dann kann ich mich nur auf die Saison 2024 freuen.

Zur Person Bernhard Eisel

Bernhard “Bernie” Eisel wurde am 17. Februar 1981 in Voitsberg in der Steiermark (Österreich) geboren. Beinahe 20 Jahre war er Rennradprofi, ehe er Anfang 2020 seine Karriere beendete. Knapp zwei Jahre zuvor war er bei der Etappenfahrt Tirreno-Adriatico gestürzt, Wochen später hatte er als Folge dieses Unfalls eine Hirnblutung erlitten und sich einer Not-OP unterzogen. Seit 2020 kommentiert er für Eurosport/Global Cycling Network, zudem verstärkt er seit 2022 das Team Bora-Hansgrohe als Sportlicher Leiter.

Während seiner fast zwei Jahrzehnte im Sport zeichnete sich Eisel als Sprinter, Vorbereiter, Klassikerfahrer und Road Captain aus. Er absolvierte 19 Grands Tours und war Teil von Bradley Wiggins’ Team bei dessen Tour-Sieg 2012. In der Jugend holte Eisel zehn österreichische Titel in Nachwuchsklassen und kam bei der Junioren-Weltmeisterschaft 1999 in Italien als Fünfter ins Ziel. Profi wurde er bei Mapei (2001 bis 2002), danach wechselte er zu FDJ (2003 bis 2006). Bei T-Mobile und dessen Nachfolgeteams (Columbia, Columbia-HTC, HTC-High Road) blieb er bis Ende 2011. Er wuchs zum wichtigsten Anfahrer für Mark Cavendish heran, mit dem er zur Saison 2012 zu Sky und 2016 zu Dimension Data wechselte. Sein größter Sieg gelang ihm 2010 bei Gent-Wevelgem. Eisel ist verheiratet und hat drei Kinder.

Wie zu Hause: Der Familienvater ist gern häuslich eingebunden und zeigt sein Können auch beim Weihnachtsplätzchen­backen in der Küche des Team-Sponsors.Foto: Markus Greber/SkyshotWie zu Hause: Der Familienvater ist gern häuslich eingebunden und zeigt sein Können auch beim Weihnachtsplätzchen­backen in der Küche des Team-Sponsors.

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