Der Ötztaler Radmarathon lockt jährlich tausende ambitionierte Radsportlerinnen und Radsportler an - die größte Hürde ist es, einen Startplatz zu bekommen. Bei der 44. Auflage am 31. August 2025 werden wieder 4000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die anspruchsvolle Strecke in Angriff nehmen. Die Route führt offiziell über 227 Kilometer und 5500 Höhenmeter durch Tirol und Südtirol. Nach dem Start in Sölden müssen die Fahrerinnen und Fahrer vier alpine Pässe bezwingen: das Kühtai, den Brennerpass, den Jaufenpass und als finalen Härtetest das gefürchtete Timmelsjoch, bevor es zurück ins Ziel nach Sölden geht. Die Beliebtheit des Events zeigt sich in den Anmeldezahlen: Für die diesjährige Ausgabe gingen rekordverdächtige 25.222 Bewerbungen für die 4000 verfügbaren Startplätze ein. Vier besondere Athletinnen und Athleten gehen mit unterschiedlichen Zielen auf die Traumstrecke.
Der Snowboard-Olympiasieger und mehrfache Weltmeister Benjamin Karl nimmt bereits zum dritten Mal am Ötztaler Radmarathon teil, allerdings mit einer neuen Herangehensweise. Während er bei seinen bisherigen Teilnahmen gemeinsam mit Freunden ohne Zeitdruck unterwegs war, möchte der 39-jährige Niederösterreicher dieses Jahr erstmals sein volles Potenzial ausschöpfen. "Der Ötztaler Radmarathon ist die beste Radausfahrt des Jahres und ein Mythos - egal wie groß oder wie lange ähnliche Rennen sind. Alle reden von dem Klassiker, jeder will seine Zeit wissen", erklärt Karl. Trotz seines für Bergfahrer eher unvorteilhaften Gewichts von 88 Kilogramm strebt er eine Zeit unter acht Stunden an. Mit bereits 8000 gefahrenen Trainingskilometern in diesem Jahr und mehreren absolvierten Radrennen fühlt sich der Wintersportler gut vorbereitet. Für Karl ist der Radsport nicht nur Hobby, sondern auch wichtiger Bestandteil seiner Vorbereitung auf die Wintersaison.
Für die Skibergsteig-Vizeweltmeisterin Sarah Dreier wird der diesjährige Ötztaler Radmarathon eine Premiere sein. Die 29-jährige Salzburgerin, die als große Olympiahoffnung für 2026 gilt, entdeckte ihre Faszination für den Radmarathon im vergangenen Jahr, als sie als Zuschauerin vor Ort war. "Ich bin schon extremst gespannt. Ab diesem Zeitpunkt war mir klar, dass ich auch irgendwann beim 'Non plus ultra' aller Radmarathons mitfahren will", berichtet Dreier. Die Weltcupsiegerin nutzt das Radfahren hauptsächlich als Grundlagentraining für ihre Hauptdisziplin Skibergsteigen, hat aber für den Ötztaler ihre Trainingsmethoden angepasst: "Heuer bin ich vermehrt Intervalle gefahren, um noch besser über die hohen Berge zu kommen." Im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern steht für Dreier nicht die Zielzeit im Vordergrund. "Die Zeit ist für mich Nebensache. Ich möchte einfach einen traumhaften Tag in den Bergen genießen, alles so richtig aufsaugen und natürlich wieder heil nach Sölden kommen", erklärt die Lebensgefährtin des Skibergsteig-Kollegen und Radprofis Paul Verbnjak.
Der 54-jährige Urban Gstrein ist ein echter Lokalmatador aus dem Ötztal und blickt auf eine beeindruckende Radsporthistorie zurück. Seit seinem zehnten Lebensjahr ist er auf dem Rennrad oder Mountainbike unterwegs, und der Ötztaler Radmarathon begleitet ihn bereits seit drei Jahrzehnten. "1988, damals als 17-Jähriger, fuhr ich meinen ersten Radmarathon. Das Rad wog 13 Kilogramm, ebenso 'Retro' war die Übersetzung. Es war ein richtiges Abenteuer, das mich bis heute nicht mehr losgelassen hat - auch beruflich", erzählt Gstrein. Seit 2009 betreibt er in Sölden eine Bikeschule, in der er Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf den Ötztaler Radmarathon vorbereitet und während des Rennens betreut. Besonders beeindruckt zeigt sich Gstrein von der Leidenschaft der Starterinnen und Starter: "Es beeindruckt mich immer wieder, mit welcher Leidenschaft die Leute aus aller Welt auf ihren 'Traum Ötztaler' hinarbeiten." Seine persönliche Bestzeit beim Radmarathon liegt bei unter 7:30 Stunden – eine beachtliche Leistung, die seine Erfahrung und sein Können unterstreicht.
Mit seinen 76 Jahren ist Karl Schmisl der älteste der vier porträtierten Teilnehmer und gleichzeitig der erfahrenste, was den Ötztaler Radmarathon betrifft. Seit seinem ersten Start im Jahr 2003 hat der Chef der Pension Sportalm in Sölden keine einzige Auflage verpasst. 2024 wird somit sein 22. Ötztaler Radmarathon sein. "Es ist einfach das beste Rennen, das es gibt. Alle Straßen sind gesperrt, wir werden von so vielen Leuten entlang der Strecke bis ins Ziel in Sölden angefeuert und alle Teilnehmer sind so positiv, auch schon die ganze Woche zuvor", schwärmt Schmisl. Seine persönliche Bestzeit liegt bei beeindruckenden 7:23 Stunden. Als Einheimischer profitiert er von seiner genauen Streckenkenntnis: "Natürlich macht sich für uns der Heimvorteil bezahlt, ich kenne jeden Meter." Sein jährliches Trainingspensum umfasst etwa 3500 Kilometer, wobei er einen besonderen Fokus auf Höhenmeter legt: "Eigentlich fahre ich jede Woche so vier- bis fünfmal aufs Timmelsjoch. Dadurch kommen wenige Kilometer aber umso mehr Höhenmeter zusammen." Für die diesjährige Ausgabe plant Schmisl, etwas gemächlicher unterwegs zu sein: "Heuer will ich es gemütlicher angehen lassen. Ich schau, was der Körper so hergibt. Aber Hauptsache es wird wieder eine lässige Runde!"
Lesetipp: 2021 haben wir eine Reportage über den Ötztaler Radmarathon geschrieben