Ein Tag am Timmelsjoch - Reportage Ötztaler Radmarathon 2021Foto: Andreas Jacob

Jedermann RennenEin Tag am Timmelsjoch - Reportage Ötztaler Radmarathon 2021

Unbekannt

 10/23/2021, Lesezeit: 9 Minuten

Das Timmelsjoch ist die letzte große Hürde vor dem Finisher-Traum beim Ötztaler Radmarathon. Wer es bis zur Verpflegungsstation auf halber Höhe des Passes geschafft hat, will nicht mehr aufgeben. Beobachtungen von der Labestation Schönau.

Ein eiskalter Wind bläst über die Passhöhe des Timmelsjochs, Wolkenschwaden ziehen über die Straße. Die Temperatur liegt nur knapp über null Grad. Zwischen den Wolkenfetzen schimmert immer wieder die Flanke des Jochs durch: Eine dünne weiße Schicht zeigt, dass es nachts noch kälter war. Im Startort Sölden zeigt das Thermometer zur gleichen Zeit sechs Grad – die Berge über dem Ötztal sind ebenfalls wie mit einer weißen Zuckerschicht überzogen. Nur 15 Kilometer Luftlinie trennen Sölden vom Timmelsjoch, aber zwischen dem Startbogen in Sölden und der Zeitmessmatte auf dem Pass liegen Welten. Brutale Welten aus schnellen Abfahrten und steilen Anstiegen, die Beinmuskeln zermürben und Energiespeicher leeren. In nüchternen Zahlen ausgedrückt: Rund 215 Kilometer und 5.600 Höhenmeter sind es von Sölden bis zur erlösenden Passhöhe am Timmelsjoch auf der Strecke des Ötztaler Radmarathons 2021.

Seit Jahrzehnten lässt der Ötztaler Hobbyradfahrer träumen, und alle haben sie Respekt vor den gnadenlosen Rampen am letzten Berg. Das Beste kommt zum Schluss, könnte der Untertitel zum Höhenprofil lauten: das 2.474 Meter hohe Timmelsjoch wartet als höchster und längster Anstieg des Tages wenige Kilometer vor dem Ziel. 1.760 Höhenmeter am Stück stehen als letzte, große Hürde an – und dass für diesen Kraftakt genug Energie im Tank ist, dafür gibt es die Labestation Schönau auf halber Höhe des Passes.

Foto: Andreas Jacob

Alle reden übers Wetter

Selten wurde so viel über das Wetter geredet wie vor diesem 40. Ötztaler Radmarathon. Dauerregen bei knapp über null Grad, Schnee auf den Passhöhen – die Wettervorhersage war grausig. So grausig, dass ein großer Teil der Angemeldeten sich gar nicht erst die Startnummer ans Trikot geheftet hat: Nur 2.751 von 4.000 Gemeldeten stehen am 29. August im Morgengrauen in den Startblöcken auf der Hauptstraße in Sölden.

Vielleicht ist auch die geänderte Strecke schuld an der auffallend großen Startunlust: Wegen eines Felssturzes muss eine Umleitung gefahren werden – mit zusätzlichen 10 Kilometern und 250 Höhenmetern. Jahrelang hatten die Veranstalter eine längere Gesamtdistanz und mehr Höhenmeter angegeben, als ihr Radmarathon tatsächlich bot – ausgerechnet zum 40. Jubiläum werden die Zahlen wirklich erreicht. Doch die Umleitung über Sattele/Haimingerberg bringt nicht nur ein Mehr an Höhenmetern mit sich, sondern gleich zum Einstieg steile Rampen.

Dick eingepackt gehen die Starter um 6.30 Uhr auf die Strecke. Die dichten Startfelder schieben sich gegen kalten Wind durch die Dörfer im Ötztal, bevor es hoch zum Sattele und weiter zum Kühtai geht. Der eisige Fahrtwind bergab zwingt die Teilnehmer reihenweise zum Aufgeben. Einige steigen bereits nach der ersten Abfahrt aus, weitere folgen am Ende des Kühtais. Dabei locken spätestens in Italien, auf dem letzten Drittel der Strecke, milde Temperaturen.

Während sich die Fahrer von Innsbruck auf den Weg Richtung Brennerpass machen, herrscht in der Labestation Schönau am Timmelsjoch-Anstieg bereits emsiges Treiben. Auf dem Parkplatz vor dem Gasthof Schönau errichten Männer Radständer und einen Bauzaun. Wegen der Corona-Hygienevorschriften soll eine Absperrung helfen, dass nicht zu viele Sportler auf einmal zusammenkommen. Unter großen Partyzelten schmieren Frauen Brote, verteilen Kuchen auf dem Büfett, schälen Gels und Riegel aus den Verpackungen.

Herr über die Verpflegungsstation ist Markus Streiter. Er sitzt wenig später bei einem Glas Wein im Gasthof Schönau und berichtet über die gute Zusammenarbeit mit dem Wirt und seine Freude über die 30 ehrenamtlichen Helfer, die in diesem Jahr die Verpflegungsstation betreuen: „10 bis 15 Helfer sind immer dabei, und die bringen auch immer wieder neue mit. Das ist schön fürs Dorf. Die Leute organisiert man nicht übers Internet, sondern das geht von Mund zu Mund.“ Streiter ist 1983 selbst den Marathon gefahren und betreut seit Jahren die Station Schönau. Er ist Teil der Wirte AG, die in Eigenregie die Verpflegungsstationen betreut. Das beginnt mit der Organisation der Helfer und geht bis zum Einsammeln der selbstgebackenen Kuchen, die Privatleute und ortsansässige Firmen spenden.

Foto: Andreas Jacob

Während die Fahrer an der Spitze eigene Betreuer an der Strecke platziert haben, ist die Labestation für andere Teilnehmer wie eine Oase in der Wüste. Dort steigt jetzt die Spannung, denn die ersten Fahrer nahen. Links und rechts der Straße stehen fünf Buben bereit, mit Wasserflaschen und Getränkedosen, die sie den schnellen Fahrern reichen. Um 12.40 Uhr kommt das Führungsfahrzeug und kurz dahinter der zu diesem Zeitpunkt führende Mattia de Marchi. Seine Augen sind blutunterlaufen, die Haut ist aschfahl – mit schwerem Tritt fährt er vorbei. Eine Minute später kommen zwei Verfolger, darunter der spätere Sieger Johnny Hoogerland, der sogar nach einer Flasche Wasser greift.

Ein kleines Stückchen zum Sieg haben die jungen Helfer also beigetragen. Der auf Platz fünf liegende Robert Petzold bremst richtig ab, um die Getränkedose sicher entgegennehmen zu können. Man merkt den Teilnehmern an, wie sehr sie sich über die jungen Helfer freuen – viele rufen im Weiterfahren noch ein „Danke!“, nachdem sie sich eine Flasche gegriffen haben. Die Buben sind mit vollem Einsatz dabei – bald laufen sie nebenher, um Fahrern die Getränke besser reichen zu können. Der 13-jährige Markus Hall ist bereits zum vierten Mal dabei. „Mir macht’s immer Spaß, weil man Menschen helfen kann“, sagt er.

Bestimmt könnten dieses Fazit auch Markus Nösig und Lukas Pössl von 2Rad Hummel aus Längenfeld unterschreiben, die bei Pannen helfen. Beide sind den Marathon schon mehrmals gefahren und wissen, wie der Anstieg zum Timmelsjoch in den Beinen brennt. Viel haben sie heute nicht zu tun: ein paar verstellte Schaltungen, zweimal Luft und eine gelockerte Steckachse. Wenn nichts zu tun ist, wechselt Nösig von der technischen zur moralischen Unterstützung und feuert stundenlang Fahrer an.

Schlechte Zeiten – im Vergleich

Während immer noch Hunderte Fahrer nach und nach an der Verpflegungsstation eintreffen, fährt Ex-Profi Johnny Hoogerland in Sölden bereits über den Zielstrich – nach 7 Stunden und 21 Minuten. Ein Vergleich mit der Zeit des Vorjahres ist angesichts der Streckenverlängerung unmöglich. Das wissen auch die Fahrer, die jetzt die Labestation Schönau erreichen. Die gefahrene Zeit beim Ötzi ist eine Kennzahl, die viele einordnen können und mit der man im Idealfall angeben kann. Heute aber sind viele desillusioniert angesichts der Ziffern auf dem Tacho. „Ich war schon viermal dabei, aber mit der anderen Strecke ist die Zeit nicht vergleichbar – ich bin nicht mehr richtig motiviert“, meint Andreas Köstl. Seine Zeit verbessern wollte ursprünglich auch Björn Ender. Doch die neue Strecke hat ihn in jeder Hinsicht ausgebremst: „Vielleicht bin ich in den ersten Berg zu schnell reingefahren.“

Jetzt, am frühen Nachmittag, bilden sich erstmals große Gruppen von Fahrern, die ihr Rad abstellen und aus dem reichhaltigen Angebot wählen: Es gibt Getränke, Kuchen, belegte Brote, Riegel, Gels oder auch eine warme Suppe. Das Angebot wird dankbar angenommen und immer wieder gelobt. „Die Verpflegung ist mega“, meint Detlev Briese aus Pyrmont. Josy Heidegger aus Oetz steht mit anderen Frauen hinter den vollen Tischen – der Ötztaler ist für sie eine Herzensangelegenheit: „Beim Ötztaler sind wir Patrioten.“ Erlebt hat sie in den letzten Jahren so einiges: „Hier habe ich das erste Mal Männer weinen sehen.“ Trotzdem bekam sie Lust, selbst mitzufahren – was sie vor ein paar Jahren auch tat.

Markus Hall, der Schulbub, der sichtlich Spaß am Helferjob hat, kann das nicht nachvollziehen: „Mir wär’s zu anstrengend.“ Vielleicht sind es die Bilder am späten Nachmittag, die ihn abschrecken: blasse Gesichter, die mit dicken Salzkrusten überzogen sind, Radhosen mit Schweißrändern. Die meisten Teilnehmer waren zu dick eingepackt, weil das Wetter doch besser wurde als morgens befürchtet. Klebeband um die Schuhe, Neopren-Überschuhe, lange Radhosen und Winterjacken waren bei null Grad am Kühtai super, aber nicht bei den zweistelligen Temperaturen in Südtirol. „Ich bin dreilagig angezogen und habe am Jaufen gedacht, ich geh’ ein“, erzählt Andreas Landkammer aus Neunburg.

Foto: Juergen Skarwan

Die Erschöpfung liegt am späten Nachmittag drückend über dem Parkplatz des Gasthofs Schönau. Die meisten Teilnehmer sitzen still auf den Bänken und starren ins Leere, während sie Kuchen kauen. „Hauptsache, ankommen“, hört man immer wieder. Und auch Fragen nach den verbleibenden Höhenmetern und der Kontrollzeit kommen immer öfter. Die Blicke auf den Hang gegenüber, wo sich im kalten Fels die Straße zur Passhöhe abzeichnet, werden immer verzweifelter.

Die Aussicht von Schönau zum „Timmel“ ist ernüchternd: Eine furchterregende Sammlung steiler Rampen scheint direkt in die Wolken zu führen – die erlösende Passhöhe ist nicht zu sehen. 800 Höhenmeter müssen die ausgelaugten Beine noch bewältigen. Ein Zurück gibt es nicht. Sabine Stampf aus Freiburg steht schon eine Weile an der Verpflegungsstation – sie kann sich nicht recht überwinden, loszufahren. Ein Hungerast am Jaufenpass hat sie richtig ausgebremst, jetzt hat sie das Gefühl, die Speicher werden gar nicht mehr voll. Sie will nur noch „gut durchkommen“. Ein kalter Wind bläst über den Platz, immer wieder regnet es kurz. „Die Helden sind immer die Langsamen“, findet Stations-Chef Markus Streiter.

Ein Held ist aber auch, wer weiß, wann es genug ist. Andreas Völpel aus Hannover hat den Ötztaler bereits dreimal bewältigt, aber diesmal spielt sein Knie nicht mit. Also hat er den Kampf aufgegeben und lädt sein Rad in den Transporter, der inzwischen bereitsteht. Er ist trotzdem guter Laune. In eine warme Decke gewickelt, wartet er im Liegestuhl auf den Bus zurück nach Sölden und beobachtet neugierig die letzten Radfahrer. Nur neun Starter geben in Schönau auf – von insgesamt 490 Abbrechern. Wer es bis hierher geschafft hat, möchte unbedingt ins Ziel kommen, so wie der Münchner Konrad Ammann, der als einer der Letzten die Verpflegungsstation Richtung Passhöhe verlässt. Stoisch tritt er seinen langsamen, verzweifelten Rhythmus. An den Rampen des Timmelsjochs fährt er immer wieder von der rechten zur linken Straßenseite. Als leuchtender Punkt wandert er in seiner neongelben Radjacke langsam nach oben – hinter ihm eine lange Schlange an Fahrzeugen, die sich von der abgebauten Labestation auf den Weg nach Sölden macht.

Foto: Andreas Jakob

An der Passhöhe bläst Ammann Schneeregen ins Gesicht, und der Reporter des Radmarathons lässt sich ein paar Worte ins Mikrofon diktieren. Es wird noch fast eine Stunde dauern, bis auch Ammann, begleitet vom Auto des Renndirektors, im Ziel eintrifft, wo er mit einem Bier begrüßt wird. „Das war der härteste Marathon, aber gleichzeitig der schönste“, sagt er zitternd ins Mikrofon. Seinen Traum hat er verwirklicht – auch wenn es stellenweise ein echter Alptraum war. Er und die 2.260 Finisher, die an diesem Tag vor ihm ins Ziel gekommen sind, können noch lange damit prahlen, den längsten Ötztaler aller Zeiten geschafft zu haben.