Nove Colli 2022TOUR war dabei - ein Selbsterfahrungsbericht

Andreas Kublik

 · 25.05.2022

Nove Colli 2022: TOUR war dabei - ein SelbsterfahrungsberichtFoto: Roberto Bettini

Beim Nove Colli, Italiens größtem Radmarathon, geht es anspruchsvoll durchs einstige Trainingsrevier Marco Pantanis - steil bergauf, technisch herausfordernd bergab durch die Hügel der Romagna. Ein Selbsterfahrungsbericht.

Hohe Temperaturen beim Nove Colli

“Voulez-vous coucher avec moi? Ce soir?”, scheppert es aus den Lautsprecher-Boxen am Barbotto, einer steilen Bergstraße im Hinterland der Adria-Küste. Der Gassenhauer in französischer Sprache soll den Radsportlern Beine machen - die hier gerade ein besonders gemeines Steilstück beim Granfondo Nove Colli bewältigen. Mit Steigungsspitzen um die 18 Prozent.

Ich kämpfe mittendrin im großen Pulk aus Radsportlern. Klar, der Songtext ist scherzhaft gemeint. Ich würde mich jedenfalls gerne hinlegen. Aber sofort. Rund 90 Kilometer Zickzack durch die Hügel der Romagna habe ich bereits hinter mir, das Terrain ist nur ein Teil der Herausforderung: Am dritten Sonntag im Mai brennt die Sonne besonders erbarmungslos vom Himmel, die Temperaturen liegen jenseits der 30 Grad. Auch die Sieger des Nove Colli klagen später über die Hitze des Tages. Geteiltes Leid zwischen den Besten und der Masse der Teilnehmer.

Verlagssonderveröffentlichung

Am Barbotto - am Scheideweg

Am Barbotto befinden sich die Radler traditionell am Scheideweg. Die einen stürzen sich hier, nach dem vierten längeren Anstieg des Tages, im Sturzflug Richtung Ziel in Cesenatico, dem Badeort unten an der Adria-Küste - für sie ist der Barbotto die letzte Schwierigkeit auf der 130 Kilometer messenden “Kurzstrecke” des Radmarathons, der seit 1971 existiert. Die Alternative, das Vollprogramm: Mehr als 200 Kilometer Distanz über neun lange und teilweise steile Stiche in den Hügeln der Romagna - nicht umsonst heißt die Veranstaltung Nove Colli: neun Hügel. Die beiden Strecken trennen sich kurz hinter dem Barbotto.

Morgenstund, kaum Frühstück im Mund

Ich wollte unbedingt die Langstrecke beim Granfondo Nove Colli nochmal abhaken. Und so machte ich mich morgens um sechs Uhr wie rund 7.800 Teilnehmer (rund 9.000 waren angemeldet) auf den Weg an den Start am Porto Canale in Cesenatico, wo die Raserei durchs Marschland hinter der Adria-Küste beginnt. Als wäre die Aussicht auf einen langen Tag im anspruchsvollen Trainingsrevier des Piraten Pantani nicht erschreckend genug, beginnt der frühe Sonntagmorgen schon mit Adrenalinschüben.

Der erste Schreckmoment kurz nach dem Aufstehen: Der Frühstückssaal im Hotel in Gatteo Mare bleibt dunkel und leer. Ausgemacht war Frühstück ab fünf - alle Wünsche wurden am Abend zuvor von der Hotelchefin aufgenommen. Aber es gibt keine Milch, kein Brot, keinen Cappuccino. Zum Glück hilft mir ein sicherheitshalber mitgebrachter Notvorrat. Ich bin offenbar der einzige Radsportler im Strandhotel - nur fünf Kilometer vom Start entfernt.

Bahnschranke statt Blitzstart beim Nove Colli

Der zweite Schreckmoment folgt entlang des Port Canale wenig später. Plötzlich schließen sich vor mir die Schranken an der Bahnlinie, die man beim Einrücken in die Startblöcke überqueren muss. Die italienische Eisenbahn kennt keine Gnade. Derweil schickt der Streckensprecher in Hörweite den ersten Startblock auf die Reise. Der Zug lässt auf sich warten. Aber schließlich reicht es gerade noch rechtzeitig für den blauen Startblock, den vierten von insgesamt neun.

Nove Colli: Am geschlossenen BahnübergangFoto: Andreas Kublik
Nove Colli: Am geschlossenen Bahnübergang

Rumpelige Straße

Los geht’s - mit steigender Geschwindigkeit, der Startblock zerfleddert auf den ersten topfebenen 30 Kilometern Richtung Hügellandschaft, sortiert sich in Schnellstarter und die, die es zu Beginn gemütlicher angehen lassen. Rund eine halbe Stunde dauert es beim Nove Colli, bis alle Teilnehmer die erste Zeitmessmatte überquert haben. In rasender Fahrt geht es durch Kreisverkehre - Krankenwagen am Streckenrand künden von den ersten Opfern des Renntempos im dichten Pulk. Mit Durchschnittstempo jenseits der 40 erreichen wir die erste Kletterpartie, die Polenta. Oben auf dem höchsten Punkt des Hügels ruft ein Italiener in die Runde: “Das war der Erste - von neun. Und der leichteste.” Danke für den Hinweis - ich hätte ihn nicht gebraucht.

In den Abfahrten hilft der Komfort der 28-Millimeter-Reifen über den hier legendär schlechten Asphalt in der Romagna. Die Straßen sehen hier oft so aus, als hätten Maulwürfe versucht, sich durch die Asphaltdecke zu bohren, die vielen Frostrisse sind tückisch. Die Kehren in den Abfahrten, die sich mitunter unerwartet schließen, erfordern ein gutes Auge.

Stopp im Verkehrschaos

Die tiefen, bewaldeten Flusstäler, die sich ihre Bahn durch die Ausläufer des Apennins auf dem Weg zur Adria gebahnt haben, spenden angenehme Kühle - die Radsportler werden hier beim Nove Colli noch früh genug auf den Grill geworfen. Zumal die Verpflegungsstellen, die man an diesem Tag zum Nachtanken dringend braucht, nicht immer dort liegen, wo sie im Höhenprofil eingezeichnet sind. Bei meinem ersten Stopp an einem “Ristoro” nach 100 Kilometern rast das Fahrzeug mit der Aufschrift “Fine Gara Ciclistica” an mir vorbei. Mit der Passage des ersten Schlussfahrzeugs endet der Renncharakter der Veranstaltung, die Straßen sind jetzt nicht mehr gesperrt.

Ab jetzt beginnt der Kampf durch den Straßenverkehr, der in einem Stopp in Novafeltria gipfelt. Dort wedelt ein Streckenposten mit der Fahne, als sei Schreckliches passiert - dabei ist den freiwilligen Helfern nur die Kontrolle über die Verkehrssituation entglitten. Eine Blechlawine verstopft den Ort, die Streckenposten suchen nach einer Lücke im Verkehr für die Radsportler, ehe es weitergeht. Es folgt der dickste Brocken des Tages: der Monte Pugliano: 500 Höhenmeter am Stück, fast 800 Meter über dem Wasserspiegel der nahen Adria gelegen.

Finales Doping mit Cola

An den letzten Verpflegungsstellen greife ich zu leistungssteigernden Mitteln. Nix mehr Sali, wie die Italiener die Iso-Drinks nennen, sondern drei Becher Pepsi Cola schütte ich mir in den Rachen. Und der kurzkettige Zucker hilft als Turbo über die letzten Asphaltrampen. In rasender Fahrt geht es danach über die malerischen Hügelrücken im Sturzflug Richtung Küste.

Kreiselnd schleppt eine Handvoll Mitfahrer das Peloton Richtung Ziel und wir liefern uns einen letzten Sprint. Geschafft, nach siebeneinhalb Stunden, nicht so schnell wie erhofft, aber sturzfrei, ohne Krämpfe und am Ende noch mit Kraftreserven in den Beinen. Im Ziel reichen einem Hostessen die Erinnerungsmedaille - danach wartet die Pasta-Party. Oder ein Sprung in die wenige Meter entfernte Adria. Wo gibt es das sonst?

Der Letzte wird gefeiert

Um 18:20 ist die 51. Austragung des Nove Colli Geschichte - ein Australier erreicht als Letzter das Ziel und wird gefeiert. Und wie geht es weiter? Es soll anders werden, versichert Agostini, der dem Verein seit zwei Jahren vorsteht. Kleiner und feiner soll die Veranstaltung werden - fünfstellige Teilnehmerzahlen sollen der Vergangenheit angehören. Der Rekord von 12.000 Teilnehmern aus den vergangenen Jahren bleibt wohl für die Ewigkeit.

Der letzte Teilnehmer im Ziel mit Clubpräsident Andrea Agostini (rechts)Foto: Veranstalter
Der letzte Teilnehmer im Ziel mit Clubpräsident Andrea Agostini (rechts)

Und er verspricht eine “Überraschung”: Das Finale der Strecke soll verändert werden - mit neuen Bergen? Nur eines bleibt sicher: Der Nove Colli wird auch in Zukunft neun herausstechende Anstiege im Höhenprofil aufweisen. Das ist in Stein gemeißelt - seit 1971.

Traurige Nachricht zum Schluss

Später erreicht die Teilnehmer noch eine traurige Nachricht. Der Veranstalter des Nove Colli vermeldet den Tod eines italienischen Teilnehmers - nicht Folge eines Sturzes, sondern krankheitsbedingt heißt es im Communique des Rennarztes. Auch die in Italien für jeden Radsportler nötigen sportmedizinischen Atteste können solche Schicksalsschläge für Freunde und Familie nicht verhindern.