Mit dem Gravelbike rund um Böhmen - Ein Bericht vom Bohemian Border Bash Race 2022

Sandra Schuberth

 · 14.08.2022

Mit dem Gravelbike rund um Böhmen - Ein Bericht vom Bohemian Border Bash Race 2022Foto: Maty Podroužek

Das Bohemian Border Bash Race führt auf gut 1300 Kilometern mit über 24000 Höhenmetern einmal rund um Böhmen. Für Max Gaumnitz war es das erste Gravelbike-Rennen dieser Art. Was er erlebt hat und mit welchen Schwierigkeiten er sich konfrontiert sah, beschreibt er bildhaft in seinem Bericht. Zusätzlich gibt es ein kurzes Interview mit ihm.

Überwiegend auf Gravelbikes mit Bikepacking-Taschen sind die Teilnehmenden beim Bohemian Border Bash Race völlig auf sich allein gestellt, denn Support von außen ist nicht gestattet. Das bedeutet, dass sich alle während des Events selbst um Essen, Trinken und Schlafplatz kümmern. Max Gaumitz, der erste Finisher des diesjährigen Bohemian Border Bash Races ist Triathlet im (vorläufigen) Ruhestand. Schon vor Corona hat er mit dem Gravelbike seine Heimatregion erkundet und entdeckt, dass lange Distanzen auf dem Rad auch ohne Schwimmen und Laufen viel Freude bereiten können.

Im Gespräch mit Max Gaumnitz

TOUR: Wer bist du?

Ich bin Max, wohne in Dresden und arbeite als Hörakustiker, ich versorge also überwiegend ältere Menschen mit Hörgeräten. Am liebsten radle ich durch die Wälder der sächsischen und böhmischen Schweiz. Umso mehr schmerzen mich die aktuellen Waldbrände in dem Gebiet.

Portrait von Max
Portrait von Max

Warum ein Bikepacking-Rennen?

Ich bin sehr gern Draußen unterwegs, gern auch etwas abenteuerlich und habe das schon immer gern mit unterschiedlichen Ausdauersportarten kombiniert. Bikepacking in seiner sportlichen Variante passt also zu mir. Ich habe das Privileg inmitten einer vielfältigen Dresdner Ausdauerszene zu leben und inspirierende Personen aus dem Triathlon-, Lauf- Winter- oder Radsport zu erleben. Ein Gespräch mit Ultra-Radfahrerin Fiona Kolbinger hat mich darin bestärkt, dass ein Event wie das Bohemian Border Bash Race in vielerlei Sicht lohnenswert sein kann.Der besondere Reiz besteht für mich in der Vielfalt der unterschiedlichen Aufgaben bei so einem Event. Mental wach bleiben, auf sich uns seine Umgebung achten, auf Unvorhersehbares reagieren und Lösungen finden - das fühlt sich alles sehr intensiv an.

Das BBBR war dein erstes Rennen dieser Art. Welche Erfahrungen hattest du vorher in im Bereich Bikepacking oder Radreise?

Als Student, also vor gut 10 Jahren bin ich mit dem Rad nach Rumänien gefahren. Das hatte mit Bikepacken aber noch nicht so viel zu tun. Im vergangenen Herbst habe ich mich entschieden, 2022 beim Bohemian Border Bash Race mitzufahren. Für mich war klar, dass ich ein paar längere Vorbereitungstouren mache. Insgesamt waren es etwa drei bis vier Zwei- bis Dreitages-Touren. So konnte ich auch mein Equipment testen und optimieren.

Eigentlich passt sogar mein Job sehr gut zum Bikepacken. Denn ich suche gemeinsam mit meiner Kundschaft nach Lösungen. Im Rennverlauf musste ich öfter kreativ werden, um weiter fahren zu können.

Wie sah dein Equipment aus? Welches Rad bist du gefahren? Welche Reifen? Wann stand dein Setup fest?

Ein Packsack an die Aerobars geschnürt, Arschrakete, Oberrohrtasche und Food Pouch - darin fand das gesamte Gepäck von Max Gaumnitz platz.Foto: Maty Podroužek
Ein Packsack an die Aerobars geschnürt, Arschrakete, Oberrohrtasche und Food Pouch - darin fand das gesamte Gepäck von Max Gaumnitz platz.

Ich bin mit meinem Gravelbike Ribble CGR SL gefahren, mit meinen Pathfinder Pro in 42 Millimeter breite war ich sehr zufrieden. Die haben ideal zu den Bedingungen gepasst. Hätte es vorher viel geregnet, hätte ich vielleicht eine andere Wahl getroffen.

Die letzten Teile meines Setups kamen wenige Tage vor dem Rennen an: eine neue Radhose (bei meiner alten lösten sich bereits die Nähte), neue Auflieger und eine Food Pouch. Die Auflieger waren essentiell, denn ich habe schnell Probleme mit den Händen. Geschätzt bin ich ein Drittel der Zeit im Auflieger gefahren, der durch Spacer etwas höher über dem Lenker sitzt.

Was war der wichtigste Gegenstand deiner Packliste?

Biologisch abbaubare Feuchttücher, die sind universell einsetzbar: zum Hände säubern nach Reparaturen am Rad, natürlich für Toilettengänge und allgemein für die Körperhygiene - ich hatte 5 Tage lang keine Dusche. Für die Pflege bin ich auf den Geschmack von Nivea Soft gekommen. Warum? Die gab es an jeder Tankstelle.

Worauf würdest du beim nächsten Mal verzichten?

Gute Frage. Da fällt mir jetzt gar nichts ein. Ich hatte Dinge dabei, die ich nicht gebraucht habe, aber darauf verzichten, würde ich nicht. Etwa ein Ersatzschaltauge oder Erste Hilfe.

Hast du deine Etappen vorher geplant?

Das habe ich gemacht, es war ein Versuch, der kläglich gescheitert ist. Am Ende waren die Etappen ganz anders als ich sie mir vorgestellt hatte. Auf der ersten Etappe war ich viel schneller als gedacht, am zweiten hingegen deutlich langsamer.

Zudem habe ich vorher recherchiert, wo es Tankstellen in der Nähe vom Track gibt und wie die Öffnungszeiten sind.

Was war die schwierigste Situation während des Bohemian Border Bash Races?

Meine schwierigste Situation war das Gefühl der kompletten Desorientierung und Verzweiflung als ich in diesem Sumpf war. Biber hatten einen Damm gebaut und Wasser angestaut. Nachts um 1 Uhr bei Null Grad und Dunkelheit habe ich den Biberdamm nicht gefunden, über den man angeblich gehen konnte. Ich stand dann bis zur Hüfte im Wasser.

Du warst der Erste im Ziel. Wie war das für dich?

Im Ziel gibt es für die schnellste Frau und den schnellsten Mann ein Holzschwert. In der Mitte der beiden: der Veranstalter Ondřej.Foto: Maty Podroužek
Im Ziel gibt es für die schnellste Frau und den schnellsten Mann ein Holzschwert. In der Mitte der beiden: der Veranstalter Ondřej.

Mir war von vornherein klar, dass ich beim Bohemian Border Bash alles geben werde. Aber ich habe zwischendurch nur drei- oder viermal auf das Livetracking geschaut. Natürlich gab es mir einen großen Push, das Rennen zu gewinnen. Viel nachhaltiger als das ordne ich aber die gemeinsamen Erfahrungen und den Austausch mit anderen ein. Auch wenn man überwiegend allein unterwegs war, empfand ich das Event als sehr verbindend. Ich habe mich im Nachhinein mit vielen unterhalten und es war spannend, die Geschichten zu erfahren und zu sehen, dass wir alle irgendwie ähnliche Dinge erlebt haben. Oder ganz andere. Ich habe so viel daraus für mich selbst mitgenommen.

Was steht als nächstes an?

Ich bin Ende Juni die Elbspitze gefahren, nonstop von Dresden mit dem Rennrad in die Alpen, unterstützt von freiwilligen Helfern und als Gruppenfahrt mit anderen Langdistanzlern. Im Moment plane ich die Teilnahme beim 100km-Duathlon rund um Dresden und beim Bohemian Border Bash Camp im September, das wird großartig!

Und jetzt: Viel Spaß beim Lesen von Max Gaumnitz’ Eventbericht:

Max berichtet über seine Eindrücke und Erfahrungen beim Bohemian Border Bash Race

Max schreibt seinen Bericht über das Rennen in fünf Kapiteln:

  1. Unsupported
  2. Bikepacking
  3. Gravel
  4. Adventure
  5. Race

I. Unsupported

Ein Ölfleck schillert in der Abendsonne auf einem Feldweg im westlichen Zipfel Tschechiens. Kurz darauf folgt noch einer. Ein paar Meter weiter steht ein verdrecktes, teilweise demontiertes Fahrrad an einen Baum gelehnt. Das abgewickelte Lenkerband und der lose Schaltzug baumeln sanft im Wind.

Am Feldrand daneben sitze ich konzentriert im Gras. “Blockierter Schalthebel Shimano” tippe ich ins Suchfeld meines Handybrowsers. Mit öligen Fingern scrolle ich auf dem Handybildschirm hin und her. Die spärlichen Suchergebnisse entlocken mir ein leises Seufzen.

Es ist der erste Abend auf der Strecke des Bohemian Border Bash Race. Die ersten dreihundert Kilometer von insgesamt eintausenddreihundertvierzig Kilometern liegen hinter mir. Die Route ist das “Baby” von Veranstalter Ondřej. Er hat sie entlang der historischen Grenzen von Böhmen selbst größtenteils bei Schlechtwetter gescoutet. Berichte von den technisch besonders schwierigen Passagen haben mich bei der Vorplanung aufhorchen lassen, aber dazu gehören die ersten Kilometer über den Erzgebirgskamm eher nicht. Ich staune über den guten Schnitt von fast neunzehn Stundenkilometern. Und darüber, auch nach einer bewegungslosen halben Stunde am Wegesrand immer noch in Führung zu sein.

Etwas verzweifelt vom Handy aufblickend, sehe ich dann doch noch Phillipe heranfliegen. Vielleicht ist er überrascht, mich hier plötzlich hinter einem Baum zu sehen. Nein, konzentriert fährt er an mir vorbei. So muss es sein, so sind die Regeln. Außer in Notfällen, gibt es keine gegenseitige Hilfe.

Der Schalthebel ist blockiert

Die untergehende Sonne beleuchtet meine Mechanik-Misere am Wegesrand noch ganz gut, aber die Fehlerquelle bleibt weiterhin im Dunkeln. Naheliegende Ursachen habe ich erfolglos geprüft. Die Zitterpartie mit dem im Rahmen verlaufenden Schaltzug ist immerhin überstanden. Ich hatte es gerade so mehrmals geschafft, ihn nicht auf nimmer wiedersehen im inneren meines Fahrrades verschwinden zu lassen. Fast meinen gesamten kostbaren Kettenöl-Vorrat habe ich in die Mechanik des Hebels vergossen. Er sitzt weiterhin unbeeindruckt solide, wie festgebacken. Die Blockade kam plötzlich, unerklärlich, unüberwindbar, wie die Strafe einer göttlichen Macht. Was für ein Unsinn. Aber vielleicht bin ich jetzt tatsächlich verzweifelt genug, an eine strafende Gravel-Gottheit zu glauben? Habe ich gesündigt? Mein Rad zu viel im Dreck gefahren? Zu wenig gepflegt? War ich zu hochmütig? Bin ich zu schnell gefahren?

Verzweiflung

Jetzt fällt mir nur noch eins ein. Ein Opfer auf dem Altar der Hilflosigkeit! Alles oder nichts. Ich lege mein Rad waagerecht auf die Erde und setze meinen Fuß auf den Schalthebel. Ich verziehe das Gesicht bei dem Gedanken an meine Inkompetenz und angesichts der Brutalität meiner Verzweiflung. Das passt eher in schlechte Westernfilme, wenn verletzten Pferden die letzte Gnade zu Teil wird. Aber ich habe nichts mehr zu verlieren. Entweder ich zerstöre die Mechanik endgültig - oder bekomme vielleicht eine Chance, weiterzufahren. Ein kräftiger Tritt, ein lautes Krachen im Schalthebel – das wars dann also, denke ich.

Ab jetzt: Schaltchoreografie

Zwanzig Minuten später hole ich Phillipe ein. Der Schalthebel will von nun an besondere Aufmerksamkeit und viele zärtliche Streicheleinheiten. Um einen schwereren Gang einzulegen, muss ich eine Schaltchoreografie aus mehrmaligem Druck auf kleinen und großen Hebel einhalten. Die fragile Mechanik kann jederzeit komplett ausfallen. Dankbarkeit für jeden funktionierenden Schaltvorgang ist nun für den Rest des Rennens meine Begleiterin.

Delikatessen von der Tankstelle

Eine Tankstelle taucht an einer Waldstraße in der Nähe unserer Route auf. Ich biege rechts in Ihre Richtung ab - Philippe folgt lieber weiter dem Track. Ich versuche, mich davon nicht beeindrucken zu lassen und spule den kleinen Umweg auf Asphalt schnell ab. Die Ladentür öffnet sich wie Ali Babas Höhle. Ich scanne kurz den Verkaufsraum und versuche mir ein Lächeln zu verkneifen. In einer Kühltheke vor mir liegen ca. zwanzig von den besten tschechischen Gaumenfreuden - bagety und sendvice - die man sich vorstellen kann. Ich schnappe mir fünf Stück garantiert nicht vegane Baguettes, gehe zum Wasserregal und dann weiter zum Tresen mit den Schokoriegeln, bezahle. Nach fünf Minuten fahre ich wieder los und kaue zufrieden an einem Käse- Schinken-Ei-Baguette. Ein echtes delicates-bageta! Sattel und Lenkertaschen sind jetzt gut gefüllt mit Energie in Ihrer leckersten Form.

II. Bikepacking

Was braucht man für einen unterhaltsamen Bikepacking-Abend? Das Bohemian Border Bash hat darauf eine klare Antwort. Eine grandiose Naturbühne und laienhafte, aber engagierte Darsteller, bei denen das ein oder andere Missgeschick den Spaß eher vergrößert. Ich betrete die Bühne durch einen Vorhang tiefhängender Tannenäste. Ein kleiner Pfad führt wie mit dem Lineal gezogen durch dunklen Tannenwald einen Berg hinauf. Es ist der Beginn der nächsten größeren Bergkette, der Český les /Oberpfälzer Wald. Ich versuche mein Lampenfieber vor meinem nächtlichen Auftritt darin im Griff zu behalten. Das Drehbuch schreibt an dieser Stelle vor, mit langsamen, zuckenden Beinbewegungen den Steilhang so weit hochzufahren, bis entweder fehlende Traktion oder Gleichgewicht zu einem artistischen Abstieg vom Fahrrad führen. Das soll gefolgt werden von einem heroischen Schultern des Rades und einer eleganten, trittsicheren Tragepassage hinauf Richtung Checkpoint Nummer zwei.

Schokoriegel gegen nahende Panik

In der Praxis verfange ich mich dreimal in Ästen und falle beim Wiederlosfahren fast wieder hin, weil ich Wurzeln oder Steine im Gras übersehen habe. Nicht die Traktion des Hinterrades lässt nach, sondern meine Beinkraft. Das Fahrrad zu schultern versuche ich gar nicht erst, sondern rede mir ein, es sei energiesparender, es zentimeterweise den Hang hinaufzudrücken. Kurz vor dem Gipfel reißt der in die Jahre gekommene BOA-Verschluss meines linken Schuhs. Panik naht mit Lichtgeschwindigkeit heran. Ich vertreibe sie mit einem Schokoriegel. Den Schuh verliere ich zwar ein paarmal beim Schieben, schaffe es aber noch gerade so, etwa gleichzeitig mit Philippe an einem viereckigen Stein im Wald anzukommen. Es ist der geografische Mittelpunkt Europas (wohl nicht der einzige) und Checkpoint 2. Auf einmal springt uns eine gutgelaunte Gestalt aus der Dunkelheit an. Es ist der Aufritt von Maty, unserem Fotografen. Er hat seit drei Stunden hier auf dem Berg gewartet, um uns zu fotografieren. Er verbreitet neben Blitzlicht auch gute Stimmung. Mein Schuh bekommt ersatzweise für den gerissenen Verschlussdraht einen schicken roten Riemen einer bekannten Riemen-Marke verpasst. Wir stempeln unsere “Reisepässe” am Checkpoint und bereiten uns für die Nachtfahrt vor.

Die Schokoriegel aus der Oberrohrtasche helfen auch bei nächtlichen Panikattacken ausgelöst durch einen defekten BOA-Verschluss.
Foto: Maty Podroužek

Eine Wildschweinrotte

Meine gute alte Batterie-Stirnlampe feiert Ihr Revival und formt die Energie hochwertiger AA-Zellen in einen schaurig-schönen Lichtspot auf abgestorbenen Wald. Eine Trail-Geisterbahnfahrt beginnt. Tiefhängende Äste greifen nach dem Oberkörper, Totholz fasst nach den Speichen, Wurzeln und Steine legen sich gemein in den Weg. Weiße Fellstreifen zucken wie Blitze auf, als ich mitten in einer Rotte Wildschweine mit Frischlingen rolle. Ein schwarzer Schatten in meinem Augenwinkel wird gefolgt von kehligem, tiefen Schnaufen und Schnauben. Ich sprinte was ich kann, immer den Blick geradeaus, bloß nicht nach hinten. Irgendwann ist das Geräusch weg. Bergauf dimme ich das Licht herunter und kann so den Nachthimmel und Konturen des Waldes erhaschen.

Wie soll ich da rüber kommen?

Um ein Uhr nachts liegt dampfendes Wasser vor mir. Die Route auf der Karte verschwindet darin. Ich sichere die Elektronik, verschließe jeden Spalt meiner Taschen am Rad wasserdicht und wate vorsichtig hinein. Es wird immer tiefer. Ich kremple meine Knielinge und die Hose hoch, natürlich werden sie trotzdem klatschnass. Der morastige Untergrund riecht streng und undefinierbar nach Tier. Ich kann mir nicht vorstellen, welches, will es auch nicht wissen. Im Schilfdickicht suche ich nach einer Passage durch das schwarze, stinkende Wasser. In der Ferne kann ich die Lichter einer Straße und einer Tankstelle erkennen und werde wie eine Motte davon angezogen. Doch ich bewege mich im Kreis. Nach viel zu langem Umherirren trete ich den Rückzug an und finde einen Forstweg, der das Schlamassel umgeht. Die attraktiv gelegene Tankstelle hat selbstverständlich geschlossen.

Zitternd einschlafen

Nass und frierend öffne ich die Satteltasche und rolle meine Schlafmatte in einem Nadelwald zwei Meter neben einem Waldweg aus. Ich will die nasse Hose und Knielinge im Schlafsack mittels Körperwärme trocknen und esse Schokoladenriegel um die entzogene Energie auszugleichen. Nach einer viertel Stunde höre ich auf zu zittern und kann endlich versuchen einzuschlafen. Woher all das Wasser auf dem Weg kam, frage ich mich noch. Da fährt Philippe vorbei und ruft laut etwas in die Nacht. Hat er gerade “Bieber” gerufen? Bestimmt habe ich mich verhört. In meiner molligen Daunenhülle falle ich in tiefen Schlaf.

III. Gravel

Vogelstimmen wecken mich, bevor der Wecker klingelt. Das ist einerseits schön, andererseits hatte ich etwas mehr Schlaf eingeplant. Die Nacht war kühl, vermutlich unter null Grad. Noch im Schlafsack esse ich, ziehe alle verfügbaren Kleidungschichten an, trenne meine GPS-Uhr von der Powerbank und starte die Navigation. Matte und Schlafsack packe ich mit klammen Fingern zusammen. Zuletzt wage ich mich in nasse Schuhe und lege Regenüberschuhe und -hose an. Nach zwanzig Minuten bin ich startklar. Die Satteltasche baumelt beleidigt herum. Ich habe ihr den meisten Inhalt geraubt, um ihn am Körper zu tragen.

Der Hunger darf nie mitfahren

Kaum rolle ich los, hüllt mich der Morgen in eine feucht-klamme Decke aus kaltem Bodennebel. Die im Schlafsack getrocknete Hose und Beinlinge kommen mir jetzt ganz gelegen. Am ersten Anstieg des Tages entsteht endlich etwas Wärme im Körper. Ich futtere aus dem Beutel zwischen meinen Aero-Bars wie ein Pferd aus einem Hafersack. Essen um nicht zu frieren, essen um nicht stehenzubleiben. Der innere Ofen feuert gleichmäßig Watt um Watt auf die Kurbel und in Form von Wärme in meine textilen Schichten. Konstante Kalorien - der Hunger darf nie mitfahren, lautet die Devise. Ich kann mein Glück kaum fassen, als Sonnenstrahlen Löcher in den Nebel schneiden und die Berglandschaft um mich herum wenigsten optisch wärmer erscheinen lässt. Als es mit steigendem Sonnenstand tatsächlich wärmer wird, widerstehe ich der Versuchung die mollig warmen Kleidungsschichten anzubehalten und von innen nass zu schwitzen. Nasse Kälte ist die schlimmste Kälte. Ich nehme einen kurzen Umzieh-Stopp gerne in Kauf, um dem Ruf der Natur zu folgen. Sehr zu meinem Ärger habe ich die Schmierung für Hinterteil und die Fahrradkette vergessen und halte deswegen erneut an. An Pflege zu sparen, wird sich rächen. Diese Dinge dulden keinen Aufschub.

Regen, Schnee und Hagel. Und Essen.

Einige Stunden später finde ich mich auf einem langgezogenen Anstieg im Bayerischen/Böhmischen Wald wieder. Es regnet, schneit und hagelt. Ich habe mal wieder jedes mitgeführte Textil am Körper und versuche die Balance zwischen Frieren und Schwitzen halbwegs zu halten. Als ich an ein paar vereinzelten Häusern vorbeikomme, sehe ich Philippe gerade aus einem Restaurant kommen. Er ist viele Stunden ohne Essen durch die Nacht gefahren und hat sich gerade mit einer Portion Gulasch aufgepäppelt. Wir wechseln ein paar nette Worte. Ich erfahre, wie er die Nacht mit vier Riegeln überlebt hat und dass seine Frau Linda (die spätere Siegerin) auch am Rennen teilnimmt. Die nächste Tankstelle naht. Ich biege rechts ab- und Philippe diesmal zu meiner Erleichterung auch.

Das eigene Tempo fahren

Auf und Ab, ab und Auf geht es seit Stunden auf einer Schotter-Achterbahnfahrt durch den Böhmerwald. Ich liege faul auf meinen Aufliegern, trete, esse und trete. Die Reifen wirbeln abwechselnd feinen oder groben Schotter vom Waldweg auf, manchmal knallt ein Stein beängstigend laut ans Unterrohr. In der Ferne sehe ich einen Fahrer an einem Anstieg. Ich bin vollkommen ahnungslos und frage ihn, ob er auch an der Veranstaltung teilnimmt. Stefan bejaht und wir wechseln ein paar Worte. Er ist die Nacht durchgefahren, hat mich am Wegesrand schlafen sehen. Ich respektiere die Nachtfahrt, möchte jetzt aber nicht in seiner Haut stecken. Die nächste Nacht naht schon bald in wenigen Stunden. Mein Plan ist es, jede Nacht 3 bis 4 Stunden zu schlafen, unabhängig von den Aktionen anderer Fahrer. Ich fahre mein Tempo weiter und schaue nicht nach hinten. Auf einem langen Asphalt-Stück mit Gefälle habe ich mal wieder meine Freude am Fahren in Aero-Position. Ich lümmle gemütlich auf den Aufliegern und bin mit wenig Krafteinsatz zügig unterwegs. Respekt vor allen auf der Strecke, die mangels Aerobars nicht in diesen Genuss kommen.

Geschätzt ist Max etwa ein Drittel der Zeit auf den Aufliegern gefahren. Die Hände haben es ihm gedankt.Foto: Maty Podroužek
Geschätzt ist Max etwa ein Drittel der Zeit auf den Aufliegern gefahren. Die Hände haben es ihm gedankt.

Wenn eine richtige Toilette und Seife zur Wohltat wird

Die Route des Bohemian Border Bash verlässt die Berge und führt zu Checkpoint 4 in eine Perle des böhmischen Tourismus. Český Krumlov könnte die Kulisse für alles Mögliche sein, nur nicht für eine normale Kleinstadt. Die zahlreichen Restaurants und Bars in der Altstadt interessieren mich zwar grundsätzlich, aber im Moment habe ich nur ein Auge für Checkpoint 4. Irgendwo am Stadtrand stehe ich vor einem Metalltor. Nach verschämtem mehrmaligem Umherblicken öffnet es sich widerstandslos. Ich finde den Stempel und eine richtige Toilette. Was für ein Gefühl, die Hände unter lauwarmes Wasser zu halten und sie mit richtiger Seife zu waschen!

Max, bereit für den Regen.Foto: Max Gaumnitz
Max, bereit für den Regen.

IV. Adventure

Was ist die beste Tankstelle in einem Bikepacking-Rennen? Diejenige, welche nonstop geöffnet ist. Ich bin froh, gegen dreiundzwanzig Uhr so eine Oase der Energie zu entdecken. Ein Berg aus Baguettes und Süßigkeiten landet auf dem Verkaufstresen. Leider kann ich die freundliche Tankstellenverkäuferin dahinter nicht sehen, blicke aber trotzdem dankbar in Ihre Richtung. Ohne diese regelmäßigen Essens-Berge entlang der Strecke, wäre es nicht halb so einfach. Der Vorrat sollte für die Fahrt in die kühle Nacht und in den noch kühleren Morgen ausreichen. In Summe sollte ich etwa acht Stunden autark sein können, bis die nächste geöffnete(!) Tankstelle verfügbar ist. Wasser kann man mit etwas Vorplanung und Glück in Quellen entlang des Weges finden.

Und wieder schieben

Ein kurzweiliger, zweistündiger Hike-a-Bike auf steilen, verwinkelten Wanderwegen bringt meine Berechnung glücklicherweise nicht völlig durcheinander. Ich hatte eine Essensreserve eingeplant. Als Bonus nehme ich daraus mit, dass das Gesäß sich über solche ungewollten längeren Sitzpausen freut. Ich schaue mich in einem Bergdorf nach einem überdachten Schlafplatz um. Der Innenhof einer Kirche ist leider verschlossen. Aber eine attraktive Bushaltestelle lässt mich frohlocken. Sie ist perfekt an einem Hang Richtung Osten gelegen, sodass mich die aufgehende Sonne morgens begrüßt und etwas wärmt.

Rad schieben und tragen gehörte dazu.
Foto: Maty Podroužek

Der dritte Tag im Rennen beginnt. Die deutsch-tschechischen Grenzsteine werden von österreich-tschechischen abgelöst. Danach biegt die Route Richtung Nordosten auf einen etwa zweihundertfünfzig Kilometer langen Abschnitt zwischen den tschechischen Landesteilen Böhmen und Mähren ein.

Die Strecke offenbart mir endgültig ihren wahren Charakter. Sie wurde als Hindernisparcours konzipiert. Meine Favoriten unter den Hindernissen sind: Wildpfade durch dichtes Gebüsch, mannshohe Wiesen ohne Orientierungsmöglichkeit, verblockte Trails, Bahndammschottertrassen, frisch angelegte Holzernte-Wege, Matschgruben und natürlich die hunderten querliegenden Bäume.

Erschöpft komme ich nach hundertsiebzig Kilometern in elf Stunden nachmittags an einem Dorfladen vorbei.

Die Verkäuferin des kleinen Ladens schaut mich aufgeregt mit ein paar Geldmünzen in der Hand an. Sie will mich nicht weiterfahren lassen. Nicht ohne mein Wechselgeld. Ich versuche gar nicht erst zu erklären, dass mir die Münzen zu viel für mein Reisegepäck während eines Bikepacking-Rennens sind. Also lasse ich die Münzen kraftlos auf dem Fenstersims Ihres Geschäfts liegen.

Die zäheste Etappe des Bohemian Border Bash Races

Die Fahrt zu Checkpoint sechs entpuppt sich für mich als die zäheste Etappe des Rennens. Ich kämpfe nicht mehr gegen die Strecke, sondern gegen mich selbst. Und meine Schmerzen.

Immerhin kenne ich die Beschwerden, die langes Fahren mit sich bringt schon etwas von meinen Fahrradurlauben. Schmerzen in der Achillessehne begegne ich mit mehrmaligem Reduzieren der Sattelhöhe. Die schmerzhaft-tauben Fußsohlen entlaste ich durch Änderung der Cleat-Position am Schuh. Wo die Strecke es zulässt, klicke ich die Schuhe aus dem Pedal und pedaliere auf der Ferse.

Nachts passiere ich eine hügelige Landschaft aus sehr feuchten Wäldern und Wiesen. Ich bin nass und kalt und meine Scheibenbremsen sind es auch. Sie beschweren sich bei steilen Abfahrten mit Schleifbremsung mit minutenlangem, ohrenbetäubend Quietschen. Ich wecke zwischen Mitternacht und 3 Uhr ganze Dörfer damit auf. Erst fangen die Hunde an zu bellen, dann gehen in manchen Häusern die Lichter an. Gut, dass ich meistens schnell wieder weg bin.

Die Ankunft an Checkpoint 6 in einem Freibadgelände in der kleinen Stadt Choceň feiere ich mit einem Baguette und dem Gang auf die Toilette. Danach lege ich mich auf die Veranda des Schwimmbades und schlafe wie ein Stein ein.

V. Race

Hinter einem Busch nähert sich ein laut brüllendes Ungeheuer. Es ist kurz davor, mich zu verschlingen. Dann wache ich auf. Der Rasenmäher fährt in der Grünanlage ein paar Meter neben meinem Schlafsack vorbei. Die engagierten Grünpfleger lassen sich morgens um sechs Uhr nicht von einem langschlafenden Bikepacker von Ihrer Arbeit abhalten.

Gähnend stehe ich auf und versuche nicht gleich wieder hinzufallen. Meine Fußsohlen glühen schmerzhaft und sind trotzdem irgendwie taub und gefühllos. Ich torkle umher und schnalle mühsam meine Camping-Ausrüstung ans Rad. Die Grünpfleger schauen belustigt in meine Richtung. Da hat es wohl einer gestern Abend vollkommen übertrieben, denken sie sicher. Und damit haben sie vollkommen recht.

Die ersten Meter am Morgen sind für mich immer besonders unangenehm, aber heute ist in dieser Hinsicht schon ein ganz besonderer Tag. Zum Aufsteigen suche ich mir eine hohe Borsteinkante, weil ich sonst mit dem Bein nicht über den Sattel komme. Ich weiß, dass die Schmerzen nachlassen werden und versuche mich abzulenken, bis es so weit ist.

Kleine Gänge sind gefragt

Gedanklich gehe ich schon mal in den nächsten Tankstellen shoppen und versuche zu visualisieren, welche Hindernisse der Gravel-Parcours auf den letzten vierhundert Kilometer bereithält. Adlergebirge, Heuscheuergebirge, Riesengebirge, Isergebirge, Lausitzer Gebirge – es ist eine topografische Liebeserklärung an kleine Gang-Übersetzungen und Scheibenbremsen.

Eine kurvige Straße windet sich entlang der tschechisch-polnischen Grenze in die Höhe. Rechts und links des Weges starren mich große, graue Ungetüme aus dem Wald an. Es sind die in Beton gegossene Zeugen einer Zeit der Gewalt. Sie sollte Vergangenheit bleiben. Leider ist sie Gegenwart, jetzt im Sommer 2022. Das absurde Bunkersystem (Tschechischer Wall, ca. 10000 Bunker) und noch die selten noch sichtbare Teile des Eisernen Vorhangs (Stacheldrahtverhaue, Minen, Selbstschussanlagen) geben der Route manchmal einen morbiden, beunruhigenden Charakter. Immerhin bin ich jetzt in Polen, das vierte Land entlang der Strecke, und bisher wollte niemand meinen Ausweis sehen oder mich beim Überqueren der Grenze erschießen.

Mit diesen Gedanken erscheint es wieder mal umso mehr als Privileg, hier zu sein und das zu tun, was ich so gerne mache: Inmitten fantastischer Landschaft Fahrrad zu fahren. Ich tauche in märchenhafte Sandsteinlabyrinthe ein, durchquere die makellose Stille dichter Wälder und kann von langgezogenen Bergrücken weit ins Land schauen. Vor Sonnenuntergang bin ich fast am Fuße des Riesengebirges. Und doch nicht ganz. Ein morastiger, zugewachsener Pfad liegt im Dickicht vor mir. Ein Markenzeichen der Route: Kaum glaubt man fast da zu sein, folgt ein lustiges, unerwartetes Hindernis. Ich trete mit voller Anstrengung, fahre aber Schritttempo in der Ebene.

Schlüsselstelle im Rennen

Die nächste steile Schotterpiste ist Vergleich dazu wie eine Erlösung. Es ist der erste Anstieg im Riesengebirge, einer von vielen. Regen und Dunkelheit umhüllen mich. Ich empfinde Zeitpunkt und Ort als Schlüsselstelle im Rennen, spule einen Anstieg nach dem anderen ab, bis ich gegen ein Uhr nachts in einem Skiort am Hintereingang eines Musikclubs stehen bleibe. Die Musik, Licht und Wärme wirken surreal und belohnend. Ich gönne mir ein schnelles Baguette im Stehen und wippe etwas mit dem Beat mit. Ich nehme ihn als Motivation in die nächste Rampe mit.

Die Straße ist asphaltiert, trotzdem trete ich am hart am Limit, um nicht schieben zu müssen. Das Baguette verpufft im Anstieg. Ich muss auf sechs Kilometer Anstieg drei Schokoriegel nachschieben. Checkpoint neun liegt am höchsten Punkt der Route, eine halbstündige Abfahrt folgt. Dafür ziehe sofort ich alle meine Textilien an. In Wahrheit aber schlägt jetzt die Stunde des gut gepflegten Unterhautfetts.

Im Gegenanstieg bringe ich den Körper wieder etwas auf Betriebstemperatur. Und zum perfekten Zeitpunkt am perfekten Ort auf der Route sehe ich die perfekte Behausung für die Nacht. In einer gemütlichen Wanderhütte schlafe ich mal wieder in Sekunden ein.

Max’ Rad vor einer Hütte.Foto: Maty Podroužek
Max’ Rad vor einer Hütte.

Den nächsten Tag empfinde ich wie einen langen schönen Traum. Ich sehe die Morgensonne über den Wolken im Tal, Sterne vor meinen Augen an einer steilen Rampe, verschneite Berge, fahre über Hochflächen zwischen Wäldern, verwinkelte, flowige Trails, trage mein Rad über steiles Geröll. Beim Überqueren einer Holzbrücke in einer dieser Märchen-Landschaften passen mich Organisator Ondřej und Fotograf Maty für ein paar Bilder ab. Ich habe keine Ahnung, wie ich im Rennen liege und frage vorsichtig, ob ich dafür Zeit habe. Maty lächelt mich nur an.

Er hatte keine Ahnung, dass er auf Platz 1 war.Foto: Maty Podroužek
Er hatte keine Ahnung, dass er auf Platz 1 war.

Endlich im Ziel des Bohemian Border Bash Races

Max Gaumnitz erreichte nach Schnee, Regen, Nässe und Kälte das Ziel. 108 Stunden und 38 Minuten hat er gebraucht, um 1345 Kilometer zurückzulegen und 23730 Höhenmeter zu überwinden.

Mit dem Schwert im Gepäck ging es zurück nach Hause. Das rote Gummiband hält noch immer den Schuh zusammen.Foto: Privat
Mit dem Schwert im Gepäck ging es zurück nach Hause. Das rote Gummiband hält noch immer den Schuh zusammen.

Nach Max Gaumnitz erreichten noch 25 weitere Personen das Ziel vom Bohemian Border Bash Race 2022, in dieser Zahl inkludiert ist auch die Siegerin und ein Zweierteam.

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