Der Rhön-Radmarathon ist Deutschlands bekanntester Radmarathon. Er wird vom RSC Bimbach jährlich über die Pfingsttage in der Rhön veranstaltet. Die Strecken führen durch die hügelige Landschaft der Rhön und bieten spektakuläre Ausblicke. Die Marathondistanzen sind immer sehr schnell nach dem Anmeldestart ausgebucht. In diesem Jahr gab es wegen kurzfristigen Absagen noch Restplätze.
Samstag. Noch ganz euphorisch von der RTF (Strecke 4, 156km) hatte ich mir ein Marathon Ticket für die 183er Route gekauft. Völlig überraschend gab es noch welche. Was für ein Glück! Die Veranstaltung ist sonst über Monate ausverkauft. Viele hatten ihre Teilnahme abgesagt. Langsam dämmerte mir auch, warum. Morgen sollte es schlimm werden. Richtig schlimm. Wir sitzen am Tisch, checken verschiedene Wetter-Apps und diskutieren die Optionen. Eigentlich gibt es aber keine Optionen. Pfingsten fährt man Bimbach.
Ich meine, heute ging es ja auch. Zwei, vielleicht drei klitzekleine Schauer. Und wir können ja auch Glück haben. Bei dem Wind ändert sich die Wolkendecke ja auch recht schnell. Es ist ja auch warm. Dennis hat dann sogar eine App gefunden, in der es maximal drei Stunden regnet. Ab Mittag dann 6 Stunden Sonne und 14 C, gefühlt 21 C. Geil. Lieber noch Sonnencreme einpacken.
Überhaupt. Hier, vor meinem Tost mit Butter und Spiegelei ist die Welt einfach in Ordnung. Mal im Ernst, wie schlimm soll es schon werden? Wird man halt nass. Trocknet ja bei dem Wind auch schnell wieder. Hatten wir ja heute. Also. Wecker steht auf 4:15 Uhr. Das wird richtig geil! Wir RadfahrerInnen sind Meister im Selbstbetrug.
Sonntag. Nach vier Stunden Nachtruhe der erste bange Blick aus dem Fenster. Sehr gut. Es regnet nicht und es ist relativ warm. Wusste ich es doch. Die absolute Übertreibung. Ist immer so. Selbstbetrug und Übertreibung. Können wir.
Ich trenne mich dann unterwegs recht schnell von den Jungs und gehe allein auf die Strecke. Ich vermisse einfach meine Trainingspartnerin Wulfman - sie hat sich leider das Schlüsselbein gebrochen. Ich entspanne mich und bin guter Dinge, weil ich heute nicht bei dreihundert Watt irgendwo ‚locker‘ rollen soll. Es beginnt zu regnen. Große, dicke Tropfen. Na gut. Etwas mehr, als erwartet, aber aushaltbar. Drei Stunden ab jetzt, kein Problem, schaffe ich. K1 lasse ich liegen. Ich meine, was soll ich da im Regen? Rumstehen? Ohnehin hält mich Dennis Haferflockenzubereitung vermutlich noch für mehrere Tage satt. Absolut satt.
Streckenteilung. Ich bin dann über weite Teile ganz allein und fahre durch die Idylle. Gerne würde ich ein Foto machen. Aber wie soll ich den Apparat ohne Kollateralschäden aus meiner Rückentasche pulen? Ich kann das nicht mal richtig, wenn es trocken ist. Wie machen die Leute das? Keine Ahnung. Ich sehe Mohnblumen und Nebelschwaden. Wunderschön. Wie ich mich da so das Hohe Moor? Schöne Moor? Rote Moor? raufschraube, denke ich an Sherlock Holmes und an meine Unfähigkeit, mir unterwegs irgendwelche Sachen zu merken. Wie zum Teufel heißt dieser Anstieg?
Endlich hellt es etwas auf, Ein Loch in der Wolkendecke! Ich gucke auf den Wahoo. Exakt drei Stunden. Geil. Also kommen jetzt gleich auch die gefühlten 21 C. Also theoretisch - praktisch ist das ganz anders. Der Regen setzt wieder ein und damit zusammen ein brutaler Wind aus allen Richtungen. Streckenweise schaffe ich nur 18 km/h. Bergab! Ich meine, im Grunde kommt mir diese Geschwindigkeit ja entgegen. Aber das? Ein Nightmare. Unten bin ich ein Wrack, runtergrockt bis auf die Grundmauern. Statt der ersehnten gefühlten 21° C waren es gefühlte 2° C, in Sommerklamotten. Zum Glück habe ich Sonnencreme.
Kontrollpunkt K2. Ich will da nicht hin. Absteigen bedeutet frieren. Mehr frieren geht aber eigentlich nicht. Außerdem muss ich Pipi. Und ich sollte vielleicht doch mal was essen. Ich erinnere mich, dass das in Lüttich eine gute Strategie war.
Es nützt also alles nichts. Ich halte an und schütte erstmal das Wasser aus den Schuhen. Irgendwo muss man ja anfangen. Mit nassen Klamotten auf Klo zu gehen ist entwürdigend. Geht das nur den Frauen so? Danach weiß ich auch nicht so genau. Die Station wird gerade erst aufgebaut. Ich bin früh dran. Mich verlässt der Mut. Eine Nachricht an Wulfman. Es ist alles schlimm. Ich schaffe es nicht nach Oberzell. Weil Sie selbst nicht fahren kann, hatte sie sich dort als Helferin angeboten. Wulfman versteht mich. Ich weiß, dass sie genau weiß, wie schlimm es ist.
Zum Glück gibt es wunderbare Menschen. Und den THW. Der THW hatte so einen Heizlüfter aufgebaut. Irgendjemand gibt mir eine Portion Nudeln und irgendjemand von den Helfern eine Jacke. Eine trockene Jacke. Ein Goldnugget! Meine hatte ich ausgewrungen und stand da, im Baselayer, zitternd, neben dem Heizlüfter. Das muss wohl ein sehr jämmerliches Bild abgegeben haben. Das Zelt füllt sich langsam und ich sehe viele ramponierte Radfahrer. Es startet eine Umfrage, wer abgeholt werden will. Nein. Ich lasse mich auf keinen Fall abholen. Dieses erbärmliche Gefühl kenne ich, es haftet an Dir. Man schüttelt es nie wieder so richtig ab, nicht mal nach Jahren. Sofort geht es mir also besser. Aber ich denke über einen Shortcut nach.
Acht Leute hocken vor einem Handydisplay, starren auf das Wetterradar und diskutieren die Lage. Draußen regnet es in Strömen. Nach diesem Regengebiet wird es endlich besser. Bestimmt. Selbstbetrug. Alle wissen das. Alle machen mit. Wie eine stillschweigende Verabredung. Die Sonne kommt dann tatsächlich etwas raus und die gefühlten 21° C können nicht mehr weit sein. Man kann sie förmlich ahnen. Während ich mir also die Welt schönrede und wieder etwas Hoffnung aufkeimt, ein neuer Wolkenbruch. Immerhin. Nicht mehr so kalt. Ansonsten alles wieder auf Anfang.
An K3 habe ich keine Erinnerung mehr. Crazy. Realität offenbar völlig ausgeblendet. Nur Haribos, eine Steigung und ich. Mehr weiß ich nicht. In diesem Tunnel vergesse ich sogar den Shortcut. Gut so. Hätte mich maßlos geärgert. An K4 wartet nämlich Wulfman. Light of the day! Ab da wird das Wetter stabiler und sowieso alles besser. 130km in the books. 130km erst? Für diese Schinderei? Na ja, ich fahr ja auch „nur“ Tour B. Basic. Hört sich irgendwie ein bisschen abfällig an. Wer nimmt jemals das Basispaket von irgendwas? Egal. Ab jetzt Rückweg beim Rhön Radmarathon! Endlich sind sie da, die gefühlten 21 C und das erste Mal an diesem Tag will ich freiwillig die Jacke ausziehen.
Gut. Das mag auch an der brutalen 20 Prozent Steigung liegen. Aber wer weiß das schon. Selbstbetrug. Wir können das. Immer wieder finde ich ein freundliches Hinterrad, was mich ein Stückchen schneller zum Ziel transportiert, als ich es allein könnte. Wir haben inzwischen sogar trockene Straßen! Geil! Einfach geil. Es macht richtig Spaß jetzt und in mir wächst langsam die Gewissheit, dass der Rest sich locker wegrollen lässt. Locker bleiben. Jetzt nur kein Sturz. Dass die nächste Regen- Wind Kombination mir nur die Brille weghaut und nicht das Gleichgewicht, verbuche ich also mal als Glück. Liegt jetzt irgendwo im Gebüsch. Meine halbherzige Suche bleib erfolglos.
Für die letzten Kilometer gegen den Wind finde ich dann nochmal ein großartiges Hinterrad und frage, ob ich mich reinhängen darf. Er gibt zu bedenken, dass ich dann aber nass werde. Das hat schon etwas Situationskomik. Nass? Natürlich will ich mit! Es ist eh keine Stelle mehr trocken. Keine. Wir rasen ins Ziel, glücklich und stolz. What a day! Pfingsten fährt man Bimbach.
TOUR-Leserin Michaela Jux
Hinweis: Der Leser-Bericht gibt die Meinung und das Erlebnis des Autors und nicht der Redaktion wieder. Da wir nicht dabei waren können wir nicht überprüfen, ob alle Aussagen korrekt sind. Alle geäußerten Meinungen sind Leser-Meinungen und nicht die der TOUR-Redaktion.