Sandra Schuberth
· 02.05.2026
Irgendwann reicht eine Runde um den See nicht mehr. Irgendwann wird aus „ich fahre gern weit" ein Lebensstil, aus dem Wochenendausflug ein mehrtägiges Abenteuer mit wenig Schlaf, aus dem Sattel ein zweites Zuhause. Willkommen im Ultracycling – einem Sport, der weniger mit Rennsport gemein hat als mit Expedition, und trotzdem einer der faszinierendsten Wettkampfbereiche des Radsports ist.
Aber fangen wir von vorne an.
Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Grob gesagt spricht man von Ultracycling, sobald Distanzen und Zeiträume weit jenseits klassischer Ausdauerveranstaltungen liegen – in der Praxis bedeutet das oft mehrere Hundert bis mehrere Tausend Kilometer, häufig nonstop oder mit nur minimalen Schlafpausen.
Das Besondere: Anders als im klassischen Radsport steht hier nicht die Taktik im Feld oder das perfekte Sprint-Timing im Vordergrund. Ultracycling ist ein Dialog mit dir selbst – mit deinem Körper, deinem Kopf und irgendwann gesellen sich vielleicht Halluzinationen zu dir. Ursache: Schlafentzug. Es geht um Selbsteinschätzung, Logistik, Ernährung, mentale Stärke und die Fähigkeit, auch dann weiterzufahren, wenn alles wehtut und nichts mehr Sinn ergibt.
Innerhalb des Sports gibt es zwei grundlegend verschiedene Welten: Supported und Unsupported Ultracycling – und die unterscheiden sich nicht nur durch die Frage, ob ein Begleitauto dabei ist.
Bevor es Bikepacking-Taschen, GPS-Tracker und Dot-Watching gab, gab es die Randonneure. Und bevor es die Randonneure gab, gab es Paris–Brest–Paris (PBP).
PBP ist eines der ältesten Radsportevents der Welt, erstmals ausgetragen 1891 – damals noch als Profirennen, auf Schotterwegen, mit Öllampen als Beleuchtung. Seit 1931 findet es in seiner heutigen Form als Brevet statt: 1.200 Kilometer von Paris nach Brest und zurück, alle vier Jahre, mit einem Zeitlimit von 90 Stunden. Keine Konkurrenz, kein Siegertreppchen. Wer ins Ziel kommt, ist ein Ancien – und steht damit in einer Liste, die bis 1891 zurückreicht. Der Audax Club Parisien (ACP) hat PBP erfunden und in der Folge die Regeln für Brevets geschaffen. Der Verein wacht über die weltweit enstandene Brevet-Szene und steuert die weltweiten Audax-Ableger. So darf z.B. Audax Deutschland Brevets veranstalten, die als Qualifikation zu PBP dienen. Man könnte Paris-Brest-Paris auch als WM der Randonneure bezeichnen. Das nächste PBP findet 2027 statt.
Ein Brevet (französisch für „Prüfung") ist im Kern eine selbstorganisierte Langstreckenfahrt mit Kontrollstellen, bei der du innerhalb eines Zeitlimits fährst – aber nicht gegeneinander. Die Szene nennt sich Randonneure, und die Philosophie dahinter ist eine der ältesten im Radsport: Du fährst, weil du fährst. Nicht um zu gewinnen, sondern um anzukommen.
Klassische Brevet-Distanzen sind 200, 300, 400 und 600 Kilometer – und wer alle vier in einem Jahr absolviert, darf sich Superrandonneur nennen. Wer Paris–Brest–Paris finisht, ist für immer Ancien. In Großbritannien besonders beliebt ist London–Edinburgh–London (LEL): 1.500 Kilometer zwischen den britischen Hauptstädten, alle vier Jahre ausgetragen, mit bis zu 1.500 Teilnehmenden.
Brevets sind gewissermaßen die Wurzel, aus der vieles gewachsen ist, was wir heute Unsupported Ultracycling nennen. Die Haltung ist dieselbe: Du bist auf dich allein gestellt, die Uhr läuft, und du findest deinen eigenen Weg. Beim Brevet ankommen innerhalb des Zeitlimits das Ziel – egal ob nach 60 oder 89 Stunden. Der Kern von Brevets ist ein in den Regel exakt definiertes Zeitlimit. Manche Unsupported-Events verstehen sich bewusst in dieser Tradition: kein Wettkampf, nur die Herausforderung.
Aber dann gibt es die Rennen. Beim Transcontinental Race (TCR), beim Silk Road Mountain Race, beim Atlas Mountain Race gewinnt, wer zuerst ankommt – ohne Preisgeld, ohne Startgage, ohne Pokal. Trotzdem gilt der Ruhm den Schnellsten. Für die allermeisten Teilnehmenden geht es aber nicht ums Gewinnen, sondern ums Finishen, ums Ankommen. Das ist der Unterschied zu einem klassischen Rennen: Hier kämpft die große Mehrheit nicht gegen die anderen, sondern gegen die Strecke, den Schlafentzug – und sich selbst.
Lost Dot, der Veranstalter des TCR, nennt das den Spirit of the Race: eine Verpflichtung zur Autonomie, zur Eigenverantwortung und zur Integrität. Keine Crews, kein privater Nachschub – aber die Route planst du selbst. Wer die beste Linie durch Europa findet, wer Fähren, Pässe und Schlafpausen klüger kalkuliert als die anderen, hat einen echten Vorteil. Routenwahl ist Teil des Wettkampfs.
Beim Supported Ultracycling hingegen ist der Wettkampfcharakter von Anfang an klar – und das Team Teil des Spiels.
Beim Supported Ultracycling fährt die Athletin oder der Athlet nicht allein. Ein Begleitteam – oft mehrere Personen in ein oder zwei Fahrzeugen – sorgt für Verpflegung, Wechselklamotten, medizinische Versorgung, Navigation und moralische Unterstützung. Es gibt sehr strenge Regeln für die Begleitfahrzeuge und Zeitstrafen oder Disqualifikation bei Verstößen. Sich auf dieses Regelwerk einzustellen gehört zu den großen Herausforderungen für Athleten und Betreuer. Die logistische Komplexität eines solchen Unternehmens ist enorm, und die körperlichen Leistungen, die Supported-Fahrer erbringen, sind schlicht unvorstellbar.
Das bekannteste Rennen der Szene ist das Race Across America (RAAM) – rund 5.000 Kilometer von der Westküste (Oceanside, Kalifornien) zur Ostküste, mit über 52.000 Höhenmetern. Die Uhr läuft durch, Tag und Nacht, durch Wüsten, über Gebirgspässe, durch Kleinstädte mitten in der Nacht. Die Profis brauchen etwa acht Tage – das sind rund 600 Kilometer täglich, mit weniger als einer Stunde Schlaf pro Tag.
Im europäischen Raum ist die TORTOUR ein Pflichttermin: Das Event führt über 1.000 Kilometer und mehrere Alpenpässe, nonstop, solo oder im Team – und kehrt 2026 nach Schaffhausen zurück, an seinen Geburtsort. Ebenfalls auf dem Radar: der Race Around Austria (RAA) mit 2.200 Kilometern und 30.000 Höhenmetern, seit 2025 auch Austragungsort der Ultracycling-Weltmeisterschaft. In Deutschland ist das Race Across Germany das bekannteste Rennen der Szene – rund 1.100 Kilometer von Flensburg nach Garmisch-Partenkirchen, und gleichzeitig eines der wichtigsten RAAM-Qualifikationsrennen im deutschsprachigen Raum.
Die dominierende Figur der Supported-Szene ist Christoph Strasser aus Graz. Der Österreicher hat das RAAM sechsmal gewonnen – als Einziger dreimal in Folge (2017, 2018, 2019). Beim RAAM nimmt er bis zu 13.000 Kalorien täglich zu sich, fährt streng nach Powermeter und schläft weniger als eine Stunde pro Tag. Er selbst nennt seinen Sport am liebsten „Weitradlfahren" – mittlerweile ist er von Supported zu Unsupported gewechselt.
Elena „Leni" Roch aus Niederösterreich ist die aktuell stärkste Frau im Supported-Bereich: 2025 holte sie bei extremer Hitze und trotz einem schweren Sturz kurz vor dem Ziel sowohl den Europameister- als auch den Weltmeistertitel beim Race Around Austria – mit gerade mal 2 Stunden und 45 Minuten Schlaf über das gesamte Rennen. 2024 war sie zwei Stunden schneller als der erste Mann.
Die Schweizerin Nicole Reist ist eine der erfolgreichsten Ultracycling-Fahrerinnen der Welt. Sie gewann dreimal das RAAM, fünfmal das Race Around Austria und mehrere WM-Titel im Ultracycling.
Weitere Namen: Philipp Kaider, Sieger des RAAM 2025, Isa Pulver aus Deutschland, Siegerin 2015 und 2023, 2025 musste sie nach einem Sturz aufgeben, Nicole Reist gewann dreimal das RAAM und fünfmal das Race Around Austria, sowie mehrere WM-Titel.
Hier wird es für viele noch interessanter. Unsupported bedeutet: Du fährst allein. Kein Begleitfahrzeug, keine Crew, die dir nachts eine warme Suppe an den Straßenrand bringt. Du hast alles, was du brauchst, am Rad. Verpflegung kaufst du unterwegs in Läden und Tankstellen. Schlafen? Wo auch immer – auf einer Parkbank, im Mehrbettzimmer, im Bivy unter freiem Himmel. Die Uhr läuft weiter.
Was zunächst nach Masochismus klingt, ist für viele der reinste Ausdruck des Radsports: ein echtes Abenteuer, unverfälscht, ungeschönt. Kein Support-Fahrzeug, das dir den Weg leuchtet. Kein Mechaniker, der das Schaltwerk einstellt. Nur du, dein Rad – und was die Welt vor dir ausbreitet. Und irgendwo unterwegs passiert dann meistens etwas, das sich schwer beschreiben lässt: Du merkst, dass du weiter kommst als du dachtest. Dass die Grenzen, die du dir selbst gesetzt hattest, weicher waren als erwartet – und dass dahinter noch mehr wartet.
Unsupported Ultracycling findet auf allen Untergründen statt: auf Asphalt, auf Schotter und in gröberem Terrain. Entsprechend vielfältig sind die Rennen.
Die Straße ist das traditionelle Revier – schnell, effizient, oft kilometerlang leer. Viele der großen Rennen wie das TCR führen größtenteils über Asphalt. Das Besondere hier: Die Route planst du selbst, suchst dir deinen Weg zwischen den Checkpoints und Pflicht-Passagen, optimierst Pässe, Fähren, Schlafmöglichkeiten. Wer klüger plant, gewinnt Zeit – Routenwahl ist ein echter Wettbewerbsfaktor.
Gravel- und Mountainbike-Events spielen nach etwas anderen Regeln: Die Route ist vorgegeben, alle fahren dieselbe Strecke – im Gegensatz zur Straße, wo bei vielen Events jeder seine eigene Route zwischen den Checkpoints plant. Dafür verlagert sich die Planung woanders hin – wo gibt es Wasser? Wo die nächste Einkaufsmöglichkeit? Wo lässt sich sinnvoll schlafen?
Besondere Anziehungskraft in diesem Bereich haben die Mountain Races von Nelson Trees: das Silk Road Mountain Race in Kirgisistan, das Hellenic Mountain Race in Griechenland, das Atlas Mountain Race in Marokko und das Taurus Mountain Race in der Türkei. Hochalpine Pässe, Flussquerungen, völlige Abgeschiedenheit – und am Start stehen überwiegend Mountainbikes, was Trees auch ausdrücklich empfiehlt: Wer mit dem Gravelbike kommt, wünscht sich am Ende fast immer ein Mountainbike. Andersrum hat das noch niemand bereut. Trees nimmt die Schwierigkeit seiner Rennen ernst – wenn zu viele ins Ziel kommen, gilt das für ihn als Zeichen, dass die Strecke zu leicht war.
Und hier schließt sich der Kreis zu Christoph Strasser: Seit 2022 fährt der sechsfache RAAM-Sieger auch Unsupported – und gewann das TCR gleich bei seiner ersten Teilnahme. Seitdem ist er regelmäßig dabei und kämpft konstant um die Spitze. Strasser ist damit die vielleicht schillerndste Figur der gesamten Ultracycling-Szene: eine Person, die in beiden Welten mitspielt – und in beiden ganz vorne dabei ist.
Und dann gibt es noch die Hunderten von „normalen" Menschen, die sich einmal im Jahr einen Urlaub nehmen, ein Rennen anmelden und danach nie wieder dieselbe Person sind. Das ist vielleicht das Schönste am Unsupported Ultracycling: Es gibt keine Ressource, die du kaufen kannst, um besser zu werden. Nur Zeit im Sattel – und die Bereitschaft, dir selbst zu begegnen.

Redakteurin