Finca-Urlaub auf Mallorca - SpanienMallorca (mit GPS-Daten)

Finca-Urlaub auf Mallorca - Spanien: Mallorca (mit GPS-Daten)

Radsport auf Mallorca heißt für die meisten: Wohnen im Pauschalhotel mit täglichem Training in der Gruppe, um die Form zu optimieren. Unser Reporter, selbst oft Teilnehmer im Trainingslager, wollte wissen, ob das auch anders geht und buchte sich landestypisch ein.

Sauftour 2009” grabscht sich gerade seine überdimensionierte Reisetasche vom Gepäckband, während sich “Fankurve Ost” mit einem dämlichen Strohhut auf dem Kopf den Weg durch die Masse bahnt. Ich bin auf Mallorca angekommen, Deutschlands gefühltem 17. Bundesland – das verraten die T-Shirt-Aufdrucke der Fluggäste in Palma. Ob nun mit Sangria-Eimer am Strand oder zum Grundlagentraining beim Radveranstalter – Mallorca mauserte sich in den vergangenen Jahrzehnten zum Schmelztiegel der deutschen Gesellschaft; und da gehöre ich natürlich mit rein. Ich mag Mallorca. Seit 14 Jahren fliege ich dort hin, quartiere mich in einem Hotel bunker ein und radle mit Gleichgesinnten Kilometer um Kilometer. Diesmal soll alles anders werden: Ich will die Baleareninsel von anderen Seiten kennenlernen. Und alleine. Ohne “Tempo”- oder “Kilometerhaie”- Gruppe, ohne Pauschalhotel. Dieses Mal will ich mallorquinisch wohnen, in einer Finca, in einem ehemaligen Kloster und einem Landhotel.

Ein Bierchen während der Tour

So lecker das Essen auch ist, noch fühlt sich mein Finca-Leben ungewohnt an – besonders, als ich morgens das Rad am Pool entlangschiebe. Gleichgesinnte? Fehlanzeige. Vor der Finca: keine ungeduldig wartende Trainingsgruppe. Und von den 80.000 Radfahrern, die jährlich Mallorca besuchen, keine Spur. Auf das Einklicken in die Pedale folgt das Staunen über die Schönheit der Landschaft. Steinmauern ziehen sich die schmale Straße entlang, die golden im Morgenlicht schimmert. Aus dem Augenwinkel sehe ich die Wellenkämme des Mittelmeers glitzern. Auf der leichten Kletterei zum 509 Meter hohen Puig Sant Salvador wärmt die Sonne an genehm die blasse Haut und Muskeln. Am Gipfel versuchen gerade ein paar Rennradfahrer aus Manchester, sich vor der Digitalkamera zu postieren. Ich nehme dem Selbstauslöser die Arbeit ab und knipse die Engländer. William und seine Freunde sind auch auf dem individuellen Mallorca-Trip und wohnen in einer Finca in der Nähe von Felanitx. Ihren Entschluss bekräftigen sie mit drei Flaschen Bier. "Bei welchem Veranstalter kannst du dir ein paar Bierchen während der Tour gönnen?", fragt mich William und prostet seinen Kollegen zu. "Außerdem hatten wir keine Lust, am Büffet Schlange zu stehen und abends vor dem Fernseher zu versauern."

Wer nicht beim Trainingscamp-Veranstalter bucht, muss jedoch auch ohne dessen "Rundum-Sorglos-Paket" auskommen. Das bedeutet für mich, dass lieb gewonnene Dinge flachfallen. Sei es der Transfer vom Flughafen, ein Mietrad, der Powerriegel-Verkauf oder auch nur eine Standpumpe. Schon bei der Auswahl der Unterkünfte stellen sich banale Fragen: Wie sicher steht der Renner am Abend? Gibt es einen Waschplatz für Räder? Andererseits folgt man als Individual-Urlauber nicht nur dem eigenen Geschmack – sei es in einer gemütlichen Finca auf dem Land oder einem kleinen Hotel in den Bergen –, sondern auch dem eigenen Zeitplan. Ich bestimme selbst, wann ich esse, trainiere und pausiere.

  Ländliches Mallorca: Gruppenhatz, Schnitt halten, Kette rechts – alles Dinge, die hier überhaupt nicht herpassen.
Ländliches Mallorca: Gruppenhatz, Schnitt halten, Kette rechts – alles Dinge, die hier überhaupt nicht herpassen.

Nach der Abfahrt vom Puig Sant Salvador stemmt sich der Wind vom Meer immer stärker gegen mich, drückt mich in den Unterlenker und bläst mir langsam jeden Genuss aus der Tour. Wo ist jetzt die Speed-Gruppe, oder meinetwegen auch die Cappuccino-Truppe, in deren Windschatten ich mich klemmen kann? Mallorca allein, ohne Windschatten – eine dämliche Idee, denke ich in diesem Moment. "Portocristo" steht abgeblättert auf dem Straßenschild. Erleichtert steige ich in diesem Fischerstädtchen vom Rad, schütte mir eine Cola in den Rachen und lasse den Blick über die Badebucht schweifen, die fast nur Einheimische nutzen. Die Touristenschwärme beschränken sich auf die Tropfsteinhöhlen Coves del Drac und Coves del Hams. Hotelneubauten, die sich am Strand drängen, findet man hier kaum, Rennradler wohnen woanders. Gruppenhatz, Schnitt halten, Kette rechts – alles Dinge, die hier überhaupt nicht herpassen.

DER REIZ DER EINSAMKEIT
Die Tür ist zu, da hilft auch kein Fluchen. In meinem neuen Domizil, dem ehemaligen Kloster Ermita de la Victoria, stehe ich vor meiner Zimmertür. Ohne Schlüssel. Der liegt drinnen. Der Wind, der über die Halbinsel von Alcùdia streicht und in den Bäumen rauscht, hat sie zugeworfen. Die Rezeption ist zu später Stunde nicht besetzt, daher verbiege ich die Kreditkarte am Türschloss. Ohne Erfolg. Also die letzten Brocken Spanisch aus dem Hirn gekramt und nach Hilfe telefoniert. Der Chef der Einsiedelei ist an der Strippe. Unten, im Schreibtisch, in der linken Schublade, liege ein Ersatzschlüssel. Nein, da ist er nicht. Dann müsse er Carmen anrufen, die sei tagsüber an der Rezeption und wisse, wo die Schlüssel liegen. Eine halbe Stunde später sitze ich wieder in meinem Zimmer. Carmen lacht am nächsten Morgen. "Ja, der Schlüssel", sagt sie, " das kenne ich schon." Sie habe dem Chef schon oft gesagt, er solle schwerere Türen einbauen. Das würde sonst immer wieder passieren.
Einsiedeleien haben es so an sich, dass sie einsam liegen. Da macht die Ermita de la Victoria keine Ausnahme. 200 Meter über der Bucht von Alcùdia thront sie auf einem Bergrücken wie ein aus Stein gemeißelter Block, versteckt zwischen Bäumen. Hotels und Strände, der Trubel der Hauptstadt Palma – weiter weg von all dem kann man auf Mallorca kaum sein. Die Mönche suchten hier Kontemplation. Vielleicht sind die Fenster so klein wie Schießscharten, um den Blick nach innen zu richten? Mein Zimmer hat die Größe eines Schuhkartons. Kein Fernseher – der steht in einem offenen Vorraum im Flur –, kein Schrank, keine Willkommensseife auf dem Wasch- beckenrand. Trotzdem fühle ich mich wohl in der Kargheit und blicke hinaus auf die Bäume, die sich bis hinunter zur Bucht von Pollença ziehen. Nichts kreuzt den Blick: kein Hotel, keine Straßen, kein Supermarkt.

Am nächsten Morgen frühstücke ich mit einem Lehrerehepaar aus Deutschland. Sie erzählen von ihren Wanderungen auf der Insel, ihren Kindern, ihrer Arbeit. Diskussionen über Grundlagenausdauertraining sind meilenweit entfernt. Ebenso wie die sonst übliche Frage im Trainingslager: Und? Wie viele Kilometer willst du heute machen? Mallorca ohne Trainingsdruck.


Kurz darauf starte ich in den bergigen Nordwesten. Der Rückenwind wuchtet mich den leichten Anstieg hinauf, lässt die Beine um das Innenlager wirbeln. Coll de sa Batalla im Geschwindigkeitsrausch. Umrahmt von Bäumen und Felswänden führt das Sträßchen direkt zu einem Café. In den Plastikstühlen hocken fünf belgische Radfahrer und krümmen sich jedesmal vor Lachen, wenn ein großer Reisebus versucht, sich über die kleine Brücke am Berghang zu quetschen. Die Belgier sind dieses Jahr schon zum zweiten Mal auf der Insel. "Im Januar haben wir noch ernsthaft an unserer Form gearbeitet, jetzt machen wir Urlaub", sagt Frank Winne. Auf die Frage, was der Unterschied zwischen Urlaub und Training sei, antwortet er: "Jedes Trainingslager beim Veranstalter verwandelt sich doch spätestens nach einer Woche zum vorsaisonalen Kräftemessen: Du scannst morgens die anderen Teilnehmer ab und versuchst sie dann an jeder Bodenwelle zu deklassieren – natürlich alles im GA1-Bereich. Das wollten wir diesmal nicht und rollern einfach entspannt über die Insel."
Der Leckerbissen zum Schluss: Nach Finca und Kloster folgt ein kleines, feines Landhotel an der Westküste Mallorcas. In Estellencs buche ich mich in dem vom Guide Michelin ausgezeichneten Hotel Nord ein. Die Anfahrt mit dem Auto entwickelt sich zum Abenteuer – zumindest in Estellencs. Die Straßen sind nicht breiter als ein Bett und verteilen sich so wirr über das Städtchen wie die Striche eines Jackson-Pollock-Gemäldes. An jedem geparkten Auto klaffen tiefe Schürfwunden im Blech. Ein älterer Mallorquiner erkennt meine Not und leitet mich durch die engen Gassen. Bei seinem Blick in den Kofferraum lächelt er. "Ah, Radfahrer. Aus Deutschland?", fragt er. Ich nicke.
Im Hotel Nord begrüßt mich die Empfangsdame. "Wollen Sie gleich essen?", fragt sie und deutet auf den begrünten, ummauerten Hinterhof, dessen Wände im Kerzenschein gelblich schimmern. Vier leckere Gänge warten. Fisch und Wein verschmelzen im Mund. Über mir funkeln die Sterne und lassen mich über das sonst übliche Schlangestehen am Hotelbüffet schmunzeln. Individuelles Trainingslager – immer wieder gerne. Das nächste Mal aber besser mit ein paar Kumpels.

Alles über den etwas anderen Mallorca-Urlaub erfahren Sie im PDF-Download unten.

Für diese Routen können Sie sich die GPS-Daten auf den Rechner laden:

Foto: Christian Rolle

TOUR 1: Küstenklassiker

89 Kilometer, 1.900 Höhenmeter, maximal 8% Steigung
Route entlang der zerklüfteten Steilküste. Besonders reizvoll ist der Abschnitt um Deià – hier blickt man hinab aufs tiefblaue Meer. In Sóller sollte man eine Pause auf der Plaça vor der Kirche einlegen und bei einem frisch gepressten Orangensaft Kraft tanken. Danach noch schnell den Col du Sóller erklimmen, bevor es zurück geht zum Hotel.


• TTOUR 2: Treffpunkt der Winde

67 Kilometer, 1.320 Höhenmeter, maximal 9% Steigung
Schon beim Anflug auf Mallorca kann man Cap Formentor im Norden sehen – den aussichtsreichen Wendepunkt der Tour. Nach dem Start an der Ermita folgt die Straße der Küste, dann geht’s in ständigem Auf und Ab, teilweise im Schatten der Wälder, zum Leuchtturm von Cap Formentor, wo ein grandioser Ausblick aufs Mittelmeer wartet.

TOUR 3: Nordschleife

121 Kilometer, 1.430 Höhenmeter, maximal 12% Steigung
Von der Ostküste erhebt sich die Straße ins Bergland Mallorcas, wo man am Coll de sa Batalla im Café mit anderen Radlern fachsimpeln kann. Es folgen eine kurvenreiche Abfahrt ins Inselinnere und flache Kilometer durch haushohes Schilf vor Alcùdia.

TOUR 4: Gesegnete Runde

118 Kilometer, 1.540 Höhenmeter, maximal 12% Steigung
Eine Fahrt im Südosten der Insel, entlang der Küste über Porto Cristo und ins Landesinnere. Höhepunkt ist der Abstecher zum 509 Meter hoch gelegenen Kloster auf dem Berg Puig de Sant Salvador, zu dem sich die Straße hochschlängelt. Nach einem Stärkungskaffee rollt es angenehm bergab.