Bikepacking und E-Bike - passt das zusammen? Kommt drauf an. Zum Beispiel auf die Infrastruktur und auf die Strecke. Wir haben es ausprobiert.
Es ist Mitte Oktober. Die wohl wärmsten Tage im Monat. Nach wochenlangem Trübsal mit dicken Wolken und Regen scheint endlich wieder die Sonne. Perfekt für die anstehenden Pläne. Gegen neun Uhr morgens steigen ein paar Leute am Salzburger Hauptbahnhof aus dem Zug. In Fahrradkleidung, mit Fahrradhelm und Brille. Und mit einer großen blauen Tüte voller Bikepacking-Taschen. "Nanu, haben die vielleicht ihre Räder vergessen?" mögen Unbeteiligte bei diesem Anblick denken.
Einer dieser Menschen mit Fahrradhelm und Radklamotten bin ich. Und nein, ich habe mein Rad nicht vergessen. Ein paar Meter außerhalb des Bahnhofs warten schon Räder und die restliche Gruppe. Für mich steht eine Premiere an, genau genommen gleich mehrere:
Neben dem Bahnhof stellen wir die Räder passend ein, lassen uns den Umgang mit den E-Bikes erklären und bauen die Bikepacking-Taschen an die Gravelbikes. "Ich lade dir mal noch zwei weitere Modi auf dein Bike" sagt Florian Tischhart, Marketing Manager bei Bosch E-Bikes Austria und erklärt genau, was welcher Modus bedeutet.
Und dann geht's los. Die kleine Truppe blickt erwartungsvoll auf die anstehenden zwei Tage. Wir radeln entlang der WOSSA-Bikepacking-Route, die Max Riese gemeinsam mit Tourismuszentren aufwendig erarbeitet hat. An mehreren Punkten halten wir an, zücken unsere Brevet-Karte, die Fragen bereit hält. Wir versuchen, die Fragen zu beantworten und Max erklärt Hintergründe.
Jeden Tag stehen rund 60 Kilometer auf dem Plan mit rund 1000 Höhenmetern. Eigentlich gar nicht so viel für mich. Eigentlich! In diesem Jahr aber schon. Schon 30 Kilometer fühlen sich weit an. Der Grund: Ich hatte Rücken, wie es so schön heißt, und konnte nur unter Schmerzen sitzen. Monatelang.
Als wenige Wochen zuvor die Einladung zur Tour kam, dachte ich: E-Bike und Bikepacking. Passt das? Hab ich darauf Lust? Und noch wichtiger: Schaffe ich die Distanzen und die Höhenmeter? Nach einer kurzen Bedenkzeit war ich überzeugt: Ja, ich will und ja, ich schaffe das! Ich will offen sein für Neues. Die motorisierten Gravelbikes geben mir Sicherheit und Zuversicht.
In der Praxis bestätigen sich meine Vermutungen. Wäre diese Tour nicht auf E-Bikes, dann würde es die Gruppe wohl schon auf den ersten Kilometern komplett zerreißen. Die Leistungsunterschiede sind groß.
Die Route unseres zweitätigen Rundkurses orientiert sich an der WOSSA-Route. WO... Was? WOSSA heißt eine 567 Kilometer lange Gravel Bikepacking-Route, auf der man den Wasserkreislauf in den Alpen per Rad erkundet. Sie ist anspruchsvoll, aber sie lässt sich ganz individuell einteilen. Wer es extrem mag, fährt die Route an einem Wochenende. Ich mag es extrem. Meine Empfehlung ist trotzdem: Lasst euch Zeit, denn auf und an der Strecke gibt es viel zu entdecken und zu lernen.
| Distanz | 567 Kilometer |
| Anstieg | 7600 Höhenmeter |
| Etappen | beliebig |
| Empfohlene Reisezeit | Mai bis Oktober (abhängig von Schnee) |
| Sonstiges | geeignet für E-Bikes |
Wer will, kann die Route in 3 kürzere Runden aufteilen und an mehreren Wochenenden fahren. Oder man nimmt sich mehr Zeit; eine beispielhafte Aufteilung sind sieben Etappen. So bleibt genügend Zeit, um die Aufgaben auf der Brevet Karte zu lösen, Pausen einzulegen, E-Bike-Akkus zu laden und das Wellnessangebot im Hotel zu genießen. Die Brevet-Karte, eine kostenlose Papierkarte mit Aufgaben, die es unterwegs zu lösen gilt, gibt es in den Tourismusinformationen der teilnehmenden Regionen.
Da Bosch auf diese Tour eingeladen hat, ist klar: unsere Gravelbikes sind mit Bosch-Motoren ausgestattet.
Meine Packliste für zwei Tage Radfahren mit Hotel-Übernachtung, tagsüber sind zwischen 6 und 15°C gemeldet.
Das meiste davon habe ich an. Die Regenjacke verstaue ich in meiner Bikepacking-Tasche Evoc Seat Pack WP 8.
Eigentlich ist eine Jeans auf einer Bikepacking-Tour für mich ein No-Go. Zu schwer, braucht zu viel Platz. Dieses Mal entscheide ich mich dafür, da ich direkt im Anschluss an die Tour zu einer Veranstaltung gehen möchte. Da will ich nicht mit Sportleggings hin.
Am ersten Tag zeigt sich schnell, wie die Motoren in der Lage sind, die großen Leistungsunterschiede glattzubügeln. Jedenfalls bergauf. Auf Asphalt und auf Gucci-Gravel, also feinstem, schnell rollenden Gravel, steigt die Geschwindigkeit an der Spitze schon mal auf über 25 Kilometer pro Stunde. Da komme ich nicht mit. Bald groovt sich aber alles ein. Die Spitze weiß, bei mehr als 25 Kilometern pro Stunde zerreißt es die Gruppe - und zieht die Bremse. Bergauf erlebe ich etwas, das nur mit Motor möglich ist. Max fährt in seinem Tempo, fast ohne Unterstützung den Berg hoch, ich lege den Turbo-Modus ein und kann einfach mithalten.
Zugegeben: im Turbo-Modus bleiben meinen Beinen nicht allzu viele Watt übrig, weil der Motor den Großteil übernimmt. Um gleichzeitig gefordert zu sein und in den Genuss der E-Unterstützung zu kommen, müsste ich
So ähnlich kenne ich es auch aus Gruppenausfahrten ohne E-Bike. Mal ist es etwas zu schnell, mal zu langsam. Wir bleiben als Gruppe zusammen. Ein Motor bedeutet also nicht, dass man sich nicht anstrengen muss.
Am Hotel angekommen, werden alle Bikes an den Strom gehängt, so dass wir am nächsten Tag sorgenfrei zurück nach Salzburg kommen. Und als wir wieder auf den Rädern sitzen merke ich, dass meine Beine am Tag zuvor arbeiten mussten. Heute schaue ich öfter auf meine Wattwerte. Ich trete im Schnitt nicht weniger als auf einem nicht motorisierten Fahrrad. Ich bin nur schneller im Anstieg.
Dann passiert es: Heidemarie Pau, Marketing und Communications Manager von Bosch eBike Austria, schaut auf ihre Akkustandanzeige. Der zweite Tag hat es in sich. Und der Turbomodus zieht genauso viel Energie wie ihre gerade erst überstandene Erkältung. Viel Saft ist nicht mehr im Akku. In den Beinen auch nicht. Schaffen wir es damit bis nach Salzburg?
Die Stimmung gegenüber den E-Bikes ist in der Gruppe gemischt. Einer sagt “nächstes Mal wieder ohne Motor”. Die meisten sind aber positiv angetan. Ehrlich gesagt wären die meisten ohne Motor gar nicht am Start gewesen. Aus Gründen wie “ich merke meine Erkältung noch zu sehr”, “ich hab Rücken”, “so viele Höhenmeter”, “kann ich mithalten?” Die Tour hat gezeigt:
Am Ende: Erleichterung! Heidemaries Akku hat gehalten. Wir bauen die Taschen von den Rädern, werfen alles wieder in die große blaue Tüte und spazieren zum Zug.
Entscheidend für eine erfolgreiche Bikepacking-Tour mit dem E-Bike ist aber die Infrastruktur, die das Ganze überhaupt ermöglicht. Ohne Möglichkeit, den Akku zu laden, ist der Frust schnell groß.
Und jetzt: Kalender zücken, eigene Tour planen!