RSV Seerose FriedrichshafenEin TOUR-Besuch zum großen Jubiläum

Tim Farin

 · 25.12.2022

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Bilder: Thomas Straub

Am Bodensee blüht zum großen Jubiläum ein traditionsreicher Radsportverein auf. Der nun 100 Jahre alte RSV Seerose Friedrichshafen hat sich von seiner großen Krise erholt und lockt heute erstaunlich viele junge und weibliche Menschen in den Sport.

Die Hände schnellen hoch. Nur eines der sieben Kinder zögert an diesem herbstlichen Freitagnachmittag am Ufer des Bodensees. Wer sich eine Profikarriere im Radsport vorstellen könne, lautete die Frage an die jungen Sportler. Die Mädchen und Jungs hier in Deutschlands Süden sind fast reflexhaft einer Meinung. Die Einzige, die nicht sofort dabei ist, hat halt noch nie ein Rennen absolviert.

100 Jahre!

Hundert Jahre ist der RSV Seerose Friedrichshafen dieses Jahr alt geworden. Aber alt, das Wort passt nicht zum ersten Eindruck, den der traditionsreiche Sportverein aus dem badenwürttembergischen Friedrichshafen beim ersten Treffen hinterlässt. Der Club hat ein ereignisreiches Festjahr absolviert, hat seinen runden Geburtstag für Öffentlichkeitsarbeit und Sponsorensuche genutzt - und sich auch am Ende dieser Saison den Schwung erhalten.

Die Betreuer der Nachwuchsabteilungen haben für diesen herbstlichen Freitagnachmittag zum lockeren Anschwitzen gebeten - und eine dynamische Gruppe von Kindern, Jugendlichen, Eltern und Betreuern vieler Altersklassen rollt gut gelaunt in die eher triste Szenerie an der Seepromenade.

RSV Seerose Friedrichshafen: Wichtiger Bestandteil der Nachwuchsförderung sind gemeinsame Ausfahrten mit erfahrenen Vereinsmitgliedern Foto: Thomas Straub
RSV Seerose Friedrichshafen: Wichtiger Bestandteil der Nachwuchsförderung sind gemeinsame Ausfahrten mit erfahrenen Vereinsmitgliedern

Es ist heutzutage an sich beachtlich, wenn es einem Radsportverein gelingt, eine größere Zahl junger Menschen in den Sport zu ziehen. Beim RSV Seerose passiert das nun schon seit einigen Jahren, noch dazu lockt das sportliche Angebot mehrheitlich Mädchen aufs Sportgerät.

Wir fördern jetzt die Jugendarbeit!

Eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte ist das, die sich hier in einem eingetragenen Verein abgespielt hat. “Wir haben eine sehr umtriebige Mitgliedschaft”, sagt Stefan Huber, der erste Vorsitzende des RSV. “Wenn jemand sagt, wir fördern jetzt die Jugendarbeit, dann steht der Verein auch dahinter.”

Und das fällt inzwischen leicht, denn die Arbeit der vergangenen Jahre hat sich auf der Weltbühne des Sports längst bewährt. Mit Liane Lippert hat die Seerose eine Fahrerin hervorgebracht, die den Sport in Friedrichshafen gelernt hat und nun zu den Besten in der World-Tour gehört - auch Clara Koppenburg und Laura Süßemilch sind Top-Athletinnen, die zwischenzeitlich für den Friedrichshafener Verein fahren.



Die große Krise

Dabei sah es vor einem guten Jahrzehnt so aus, als würde der Verein zerbrechen. Die Seerose hatte sich damals schon einen Namen gemacht, war sportlich sehr erfolgreich und Gründungsstätte des ersten Stoppomats - einer jederzeit nutzbaren Zeitmessanlage für Bergfahrer, die Vereinsmitglieder an der Straße zum Höchsten anlegten. Inzwischen gibt es derartige Einrichtungen an vielen beliebten Anstiegen, damals war es eine Pionieridee. Sie symbolisierte die sportlichen Ambitionen des RSV Seerose Friedrichshafen.

Beim Anschwitzen vor den Rennen am Wochenende fahren die zehnjährige Nele und der achtjährige Ben ganz vorne Foto: Thomas Straub
Beim Anschwitzen vor den Rennen am Wochenende fahren die zehnjährige Nele und der achtjährige Ben ganz vorne

Doch in der Vereinschronik lässt sich nachlesen, dass die Organisation auf dem Weg zu einem ihrer größten Gipfel in eine Krise raste. Der Verein sei gerade dabei gewesen, die Deutschen Bergmeisterschaften am Höchsten auszurichten, als es im Vorstand zum Zerwürfnis kam. Das berichtet Kurt Lippert, Vater des heutigen Vereinsstars Liane Lippert.

Kümmerer und Unterstützer

Er sei damals “voll in die Spaltung hinein” zum Verein gestoßen, habe sich wie alle damals für eine Seite entscheiden müssen - und hat dieses Jahr nach zehnjähriger Recherche eine knapp 50-seitige Vereinschronik zusammengestellt. “Nach dem Vereinsbruch regierte anfangs die Depression”, erinnert sich Lippert. Die Elitefahrer und die mittelalten Breitensportler hatten den Verein verlassen. Nach und nach begannen neue Kräfte, die offenen Plätze zu belegen - und Lippert kümmerte sich um die “zusammengebrochene” Jugendarbeit.

Kurt Lippert (mit Tochter Liane) gilt als Drahtzieher für den Aufschwung des RSV Seerose Friedrichhafen beim Nachwuchs- und Frauenradsport Foto: Thomas Straub
Kurt Lippert (mit Tochter Liane) gilt als Drahtzieher für den Aufschwung des RSV Seerose Friedrichhafen beim Nachwuchs- und Frauenradsport

Lippert, inzwischen 66 Jahre alt, gilt als Drahtzieher für den Aufschwung des RSV Seerose beim Nachwuchs- und Frauenradsport. Als er zum Verein kam, war seine achtjährige Tochter schon leidenschaftliche Radsportlerin - inzwischen ist sie Deutsche Meisterin auf der Straße. Um Liane Lippert wuchs eine Jugendgruppe.

Ihr Vater unterstützte sie, half im Verein. “Jugendarbeit ist ein bisschen wie frisch verliebt, es löst eine nachhaltige Sucht nach Mehr aus”, sagt der pensionierte Zollbeamte, der sich nun, Ende des Jahres, nach langjähriger Vorstandsarbeit sowie der Ausbildung von etwa 200 jungen Menschen aus der Vereinsarbeit zurückzieht - nur die Allerjüngsten will er noch bis zum Eintritt in die U13 auftrainieren.


Bildergalerie zu Liane Lippert

Liane Lippert in Paris zur Tour de France Femmes 2022
Bilder: Getty Velo

Bislang ist überall von ihm die Rede. “Der Kurt”, sagen die Kinder am Bodenseeufer als Antwort auf die Frage, wieso sie sich überhaupt für Radsport entschieden haben. Das sagt auch Nele Büngener, inzwischen zehn Jahre alt und schon seit zwei Jahren im Verein. Lippert, ein Bekannter der Familie, hatte sie zum Training eingeladen. Er zeigte ihr, wie man bremst, wie man schaltet. Inzwischen fährt Nele längst Rennen. “In der Schule fragen mich die Lehrer oft, wie es war.”

Es ist heutzutage beachtlich, wenn es einem Radsportverein gelingt, eine größere Zahl junger Menschen in den Sport zu ziehen

Das Vereinsleben ist lebhaft, zünftig, vertraut. Am Freitagabend nach dem kurzen Anschwitzen der Jüngeren am Bodensee organisiert die Seerose ihr jährliches Grillfest. Es schüttet und ist kühl, am Feuer unter dem Zeltdach drängen sich Männer und Frauen mit Bierflaschen in der Hand, daneben spielen die Kleinen Fußball auf dem nassen Rasen.

Familiensache

Drinnen im Haus des Jugendgruppentreffs Tunau sind die meisten Bierbänke unterm Neonlicht besetzt, das Schwäbisch klingt ausgelassen. Gut 200 Mitglieder hat der Verein inzwischen, das ist historischer Höchststand. Für viele ist der Sport Familiensache. Sieben Kinder sind aktuell bei den Jüngsten, zehn bei der U15 - oft zieht das auch die Eltern mit zur Seerose.

Der erweiterte Vorstand des RSV Seerose Friedrichshafen um Stefan Huber (hinten Mitte) und Stellvertreterin Yvonne Link (vorne Mitte) Foto: Thomas Straub
Der erweiterte Vorstand des RSV Seerose Friedrichshafen um Stefan Huber (hinten Mitte) und Stellvertreterin Yvonne Link (vorne Mitte)

Kurt Lippert ist an diesem Abend nicht da. Er hat Urlaub. Es ist auch ein “äußerst mühsames” Loslassen. Am Telefon hat er seine Sorgen zum Ausdruck gebracht, dass der Verein, der jetzt am Höhepunkt seiner Geschichte stehe, bald wieder einen Abwärtstrend erleben könnte. Der Vereinsvorsitzende Stefan Huber kennt diese Sorgen, er weiß um Lipperts Mahnen und Passion. Es bestehe immer eine Abhängigkeit davon, dass sich Leute finden lassen, die sich engagieren, sagt er.

Trainingsnerd belebt die Nachwuchsarbeit

Aber aktuell, das hört man raus, vertraut er auf das Engagement der Männer und Frauen, die auch in Lipperts Windschatten zur Seerose gekommen sind. “Das sind Leute, deren Sache nicht die Vereinsmeierei ist”, sagt Huber. Die aktiven Ehrenamtler haben in den vergangenen Jahren viel dafür getan, dass neue Betreuer eingebunden werden.

So erfuhr auch Arthur Viselskij von Lippert, dass bei der Seerose viel in Entwicklung ist. “Ich bin vorher in einem anderen Verein auf der Straße gefahren, da war aber das Vereinsleben eingeschlafen”, sagt der 23 Jahre alte Maschineninstandhalter, “hier gab es die Gelegenheit, sich wirklich einzubringen.”

Heute belebt Viselskij die Nachwuchsarbeit, nennt sich selbst einen “Trainingsnerd”, bringt systematische Erkenntnisse aus der Sportwissenschaft in die Arbeit mit den Größeren im Jugendsport ein. “Hier ist Freiraum, um etwas zu entwickeln”, sagt er, der gemeinsam mit Moritz Bensch im kommenden Jahr den Trainerschein machen wird.

RSV Seerose Friedrichshafen - Sport als Familiensache

Bei manchen kommen die radsportaffinen Eltern mit den Kindern in den Club. Bei anderen bringen Mütter und Väter ihren Nachwuchs mit. Bei Torsten Becker, 45, war das selbstverständlich. Der ehemalige U23-Bundesligafahrer arbeitet als Projektmanager bei MTU - sein Sohn Benjamin ist der jüngste Lizenzfahrer bei der Seerose. Seit anderthalb Jahren trainiert der heute Achtjährige und fährt inzwischen Rennen. Sein Vater wurde so auch fester Teil der Jugendarbeit, betreut mit Arthur Viselskij die älteren Jahrgänge. “Ich sehe auch Eigeninteresse und fahre manchmal mit den Kleineren”, sagt er.

Zum Vereinsgeschehen gehören auch gesellige Abende. Die Alten stoßen an, die Jungen spielen Foto: Thomas Straub
Zum Vereinsgeschehen gehören auch gesellige Abende. Die Alten stoßen an, die Jungen spielen

Wenn man zehn Jahre Rennen gefahren sei, habe man eben einen ganz anderen Blick für den Sport. Das könne er weitergeben, sagt Becker. Diese Verzahnung ist ein Punkt, den viele der Gesprächspartner bei der Seerose benennen. Wenn die zehnjährige Nele mit Liane Lippert trainiert und etwas über das Lesen von Rennen erfährt, wenn in der Whats-App-Gruppe die erfahrenen Breitensportler ihre Touren melden und sich Jüngere dazugesellen, oder eben bei den regelmäßigen Ausfahrten des Clubs.

Familiär und zünftig geht es zu, beim RSV Seerose Friedrichshafen Foto: Thomas Straub
Familiär und zünftig geht es zu, beim RSV Seerose Friedrichshafen

Das mit der modernen Kommunikation ist in einem so traditionsreichen Verein natürlich kein einfaches Thema. Der Schwung, der seit einigen Jahren bei der Seerose herrscht, der kam nicht über klassische Vereinsstrukturen. Vielmehr passierte vieles spontan. Rennradfahrer trafen sich auf der Straße, eine Trainingsgruppe sammelte digitale Kontakte, über den Messenger vernetzten sich immer neue Leute.

Etliche von ihnen kamen dadurch in die Vereinsarbeit. Der Vorsitzende Stefan Huber ist Mitglied in allen Chat-Gruppen, die mit dem Verein zu tun haben, und da komme schon eine Menge an Nachrichten durch. Das spricht einerseits für florierendes Leben.

Tradition trifft Digitalisierung

Auf der anderen Seite berichtet Huber von eher traditionellen Vereinsmitgliedern, die in der Live-Kommunikation nicht mehr mitkommen. Früher gab es gesetzte Termine für Ausfahrten unterschiedlicher Leistungsklassen, heute könne die verantwortliche Person kurzfristig den Plan ändern. Dass es durchaus Kommunikationslücken geben kann in einem derart agilen Verein, erleben wir beim Besuch am Bodensee.

Die verabredete Teilnahme an der regelmäßigen Samstagvormittagsrunde entfällt, denn vom Organisator kommt keine Rückmeldung mehr. So bleibt leider keine Chance, auch mit dem Breitensport des RSV Seerose eine Runde zu drehen, den Kurt Lippert als “Filetstück” des Vereins bezeichnet.

  Mehr Mädels: Auffällig weiblich ist beim RSV Seerose Friedrichshafen der Nachwuchs, der sich beim Training am Bodenseeufer trifft Foto: Thomas Straub
Mehr Mädels: Auffällig weiblich ist beim RSV Seerose Friedrichshafen der Nachwuchs, der sich beim Training am Bodenseeufer trifft

Jubiläumsjahr 2022

Das Jubiläumsjahr 2022 war für den RSV Seerose Friedrichshafen eine gute Gelegenheit, um für Verein und Radsport zu werben. Yvonne Link, die Zweite Vorsitzende, kümmert sich um das Netzwerk. Sie ist Geschäftsführerin in der Baubranche, sie weiß, wie man Dinge voranbringt und Kontakte knüpft. Zum Verein kam sie vor fünf Jahren, als sie an einem Drei-Stunden-Weihnachtsspinningkurs der Seerose teilnahm. In den Vorstand rückte sie dann auf, weil ihr ältester Sohn auch Rennen im Verein fuhr.

Das Jubiläumsjahr 2022 war für den RSV Seerose eine gute Gelegenheit, um für Verein und Radsport zu werben

Heute treibt sie neue Projekte an. “Wenn ich mit meinem Namen draufstehe, muss auch was Gescheites passieren”, sagt Link. Sie sagt das stellvertretend für die Sponsoren, von denen die Seerose beim Blick auf das Trikot doch einige gewonnen hat. Link hat sich dafür eingesetzt, dass der Verein auch Kindern aus weniger einkommensstarken Familien das Hobby ermöglicht, sie organisierte nicht nur Mieträder, sondern auch Fördermittel.

Torsten Becker fuhr früher hochkarätige Rennen, jetzt engagiert er sich für den Nachwuchs Foto: Thomas Straub
Torsten Becker fuhr früher hochkarätige Rennen, jetzt engagiert er sich für den Nachwuchs

Im abgelaufenen Jahr gelang es dem Team um Link, einen Renntag im Friedrichshafener Stadtzentrum zu organisieren. Das brachte Spenden und Aufmerksamkeit. Yvonne Link will diese Welle nutzen. Sie spricht bereits mit den Gewerbetreibenden, um auch 2023 ein Seerose-Rennen in der City abzuhalten. So kommt Leben in die Stadt, findet Link - und in den Verein natürlich auch.