Das Wilier Garda im Test

Julian Schultz

 · 28.05.2022

Das Wilier Garda im TestFoto: Kerstin Leicht

Die Traditionsschmiede Wilier weckt mit dem neuen Marathon-Rennrad namens Garda Assoziationen an entspanntes Radeln im sonnigen Süden. Den klangvollen Namen füllt das neue Modell allerdings nur bedingt mit Leben.

Wilier Garda sorgt für Kopfkino

Ob man will oder nicht, schon der Name von Wiliers neuem Marathon-Rennrad wirft das Kopfkino an. ­Wilier Garda: Damit verbindet man glitzerndes Wasser, laue Sommerabende, verträumte Gassen ... Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Der Gardasee mit seinem namensgebenden Städtchen ist für viele ein Zufluchtsort, um nur wenige Autostunden von Deutschland entfernt ins Dolce Vita einzutauchen und den Alltag hinter sich zu lassen.

Das weiß natürlich auch die italienische Traditionsmarke Wilier, deren Firmensitz nur knapp 80 Kilometer vom Ostufer des Lago entfernt liegt. “Der Name soll den Charakter des Rades betonen”, so Unternehmenssprecher Mattia Palombini. Das Endurance-Modell sei ideal, um “stressfrei mit einem modernen Rad unterwegs” zu sein. Der TOUR-Test soll klären, in wie weit das Marketingversprechen zutrifft.

Verlagssonderveröffentlichung

Unspektakulärer Auftritt

Im Vergleich zu anderen Neuvorstellungen der Italiener fällt das Wilier Garda eher unspektakulär aus. Wer Innovationen wie beim leichten Wettkampfrad Filante (TOUR 2/2021) oder beim vielseitigen Gravelbike Rave (TOUR 1/2022) erwartet, könnte enttäuscht werden. Im Vergleich dazu kommt der Neuzugang in Wiliers Modellfamilie eher bieder daher. Ins Cockpit integrierte Züge und Kabel ­sowie Platz für bis zu 32 Millimeter breite Reifen kennt man auch schon von anderen Herstellern.

Zwar lässt die Verarbeitung des Carbonrahmens, der mit cyanfarbenen Details an die Arbeitsgeräte des Team Astana erinnert, keine Wünsche übrig. Auch mag das unspektakuläre Konzept genau die Intention von Wilier gewesen sein. Die runde Sattelstütze mit simpler, außen liegender Klemmschelle und der Alu-Lenker mit Standardklemmung sind Balsam für pragmatisch veranlagte Seelen, die dem Integrationstrend der vergangenen Jahre mit Skepsis begegnen. Für eine Marke, die sich in den vergangenen Jahren zu den innovativsten der Branche entwickelte, fällt die Ausrichtung allerdings erstaunlich konventionell aus.

Der Lenker und die runde Sattelstütze werden klassisch einfach geklemmt.
Foto: Kerstin Leicht

Seinen bodenständigen Charakter bestätigt das Wilier Garda in Fahrt - wegen des hohen Gesamtgewichts von 8,9 Kilogramm ist das durchaus wörtlich zu verstehen. Daran können auch die Carbonlaufräder des kürzlich zugekauften Spezialisten Miche nichts ändern. Sie sind nicht leichter als Aluminiumfelgen und machen mit Bereifung (Vittoria Zaffiro Pro) mehr als ein Drittel des Gesamtgewichts aus. Entsprechend satt liegt das verwindungssteife Wilier auf der Straße, lässt aber die Spritzigkeit vermissen. Den Mangel an Agilität kann auch der kurze Radstand nur bedingt ausgleichen. Recht bequem fällt die Sitzposition aus, nur auf wenigen Marathonrädern sitzt man aufrechter im Sattel. Für die Langstrecke ist das ein großes Plus.

Viel Optimierungsbedarf beim Wilier Garda

Diesen Vorteil gegenüber anderen Endurance-Modellen macht das Wilier Garda jedoch mit geringem Fahrkomfort wieder zunichte. Rahmen und Gabel sind hart abgestimmt, schon kleine Unebenheiten kommen relativ ungefiltert beim Fahrer an. Für mehr Federkomfort empfehlen wir, die Alu-Sattelstütze (Ritchey Comp) durch ein Carbonmodell mit mehr Flex zu ersetzen. Davon profitieren vor allem leichte Fahrer. Neben den günstigen Vittoria-Reifen bietet auch der Sattel (Selle Italia Model X) Verbesserungspotenzial. Wie schon bei vorangegangenen Tests, nervte das Modell mit seiner “klebrigen” Oberfläche, die die Radhose magisch anzuziehen scheint, wodurch man immer wieder an der Sattelnase hängen bleibt.

Solche Schwächen sind zwar vergleichsweise leicht zu beheben, mit Blick auf den ambitionierten Listenpreis des Rades aber ärgerlich. Wilier schickte das Top-Modell mit SRAMs Rival eTap AXS über die Alpen, für das die Italiener während unseres Tests den Preis erhöhten und nun 4.900 Euro aufrufen. Insgesamt stehen sieben Ausstattungen in sechs Rahmengrößen zur Auswahl.

Ausstattung mit Felgenbremsen möglich

Als einer der wenigen Hersteller bietet die Traditionsschmiede aus Rossano Veneto ihr Endurance-Modell auch mit Felgenbremsen an, allerdings sind dann maximal 28 Millimeter breite Reifen beim Wilier Garda möglich. Die günstigste Version startet bei 2.800 Euro und ist mit Shimanos mechanischer 2x11-­Ultegra und Alu-Laufrädern ausgestattet. Für Scheibenbremsen werden 400 Euro Aufpreis fällig, das Rahmen-Set liegt bei 2.200 Euro.

In Summe ist das vergleichsweise viel Geld für ein grundsolides, aber eben auch nur durchschnittliches Marathonrad. Zum Vergleich: Im Test der Marathonrenner in TOUR 4/2022 boten drei aktuelle Endurance­-Modelle mit hochwertiger Shimano Ultegra Di2 2x12 mehr Leistung für weniger Geld. Das Garda kann die Hypothek des hohen Gesamtgewichts und geringen ­Federkomforts mit der komfortablen Sitzposition und der ordentlichen Ausstattung nur bedingt aufwiegen - und lässt den Betrachter trotz des Modellnamens am Ende relativ emotionslos zurück.

Fakten zum Wilier Garda

Wilier GardaFoto: Kerstin Leicht
Wilier Garda

Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager* 1.197/412/61 Gramm

Rahmengrößen** XS, S, M, L, XL, XXL

Sitz-/Ober-/Steuerrohr 520/550/164 Millimeter

Stack/Reach/STR*** 592/379 Millimeter/1,56

Radstand/Nachlauf 995/56 Millimeter

AUSSTATTUNG

Antrieb/Schaltung SRAM Rival eTap AXS (2x12, 46/33, 10-36 Z.)

Bremsen SRAM Rival (160/160 mm)

Laufräder/Reifen (Gewichte) Wilier Miche NDR38/Vittoria Zaffiro Pro 28 mm (v./h. 1.457/1.935 g)


*Gewogene ­Gewichte.

**Herstellerangabe Testgröße fett.

***Stack/Reach projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr; STR (Stack to Reach) 1,36 bedeutet eine sehr gestreckte, 1,60 eine aufrechte Sitzposition.