Standert KreissägeFahrstabiles Alu-Rennrad im Test

Jens Klötzer

 · 05.01.2026

Standert Kreissäge
Foto: Poster_CA
​Die Berliner Marke Standert steht für eine hippe Radkultur, mit ehrlichen Rahmen aus Metall, einprägsamen Modellnamen und frischen Farben. Eine günstigere Version der Kreissäge soll die Fanszene weiter vergrößern.

Sportliche Rennräder mit Aluminiumrahmen sind heutzutage eine echte Rarität. Das robuste Material findet sich bei namhaften Herstellern fast nur noch an preiswerten Einsteigerrennern und Gravelbikes, die für ihre Zielgruppen komfortabel geschnitten und mit günstigen Ausstattungen komplettiert sind. Fans des Leichtmetalls, die ein sportives, leichtes und hochwertiges Rad suchen, werden heute nur noch bei Nischenanbietern fündig, die sich auf Alternativen zum Carbon-Einerlei spezialisiert haben. Einer davon ist die Berliner Marke Standert, die es seit der Gründung 2012 zu bemerkenswerter Bekanntheit gebracht hat – was wiederum dafür spricht, dass hochwertige Bikes aus Alu nach wie vor gefragt sind und dafür auch ordentlich Geld ausgegeben wird. Günstiger als vergleichbare Modelle aus Carbon sind die Räder nämlich in der Regel nicht.

Mit ihren Anfängen als Radsport-Café mit angeschlossenem Stahlrahmenverkauf in Berlin-Mitte gilt die Marke den einen als Inbegriff des Hauptstadt-Hipstertums; andere sehen in dem Angebot eine Abwechslung vom aerodynamisch geformten Carbon-Mainstream, zeitlos und nachhaltig. Nach wie vor jedenfalls stehen die Zeichen in Berlin auf Wachstum: 2019 bezog man ein größeres Hauptquartier in der Friedrichstraße, die Modellpalette wurde sukzessive um Allroad- und Gravelbikes aus Aluminium und Stahl erweitert. Mit dem Alu-Renner Kreissäge RS, der aus Dedacciai-Rohren in Italien von Hand geschweißt wird, unterhält Standert seit einigen Jahren sogar ein eigenes Amateur-Rennteam.

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Standert Kreissäge: Gleicher Name, andere Herkunft

Jüngster Spross der Marke ist ein Ableger dieses Top-Modells für die Straße, der preiswerter, komfortabler und alltagstauglicher sein und so ein breiteres Publikum ansprechen soll. Ein vordergründiger Unterschied ist, dass das Modell Kreissäge ohne „RS“ nicht als konfigurierbares Rahmen-Set angeboten wird, sondern in drei festgelegten Ausstattungsvarianten auf den Markt kommt. Die von uns getestete Variante mit SRAM Force AXS ist dabei die teuerste, der Einstieg beginnt mit Shimanos elektronischer 105 und Alu-Felgen ab 3299 Euro. Damit ist das Rad mehr als 2000 Euro günstiger als das „Original“ aus italienischer Fertigung.

Womit wir beim zweiten Unterschied wären, den einige Interessenten für relevant erachten dürften: Die Kreissäge ohne „RS“ wird nicht in Italien geschweißt und lackiert, sondern stammt aus einer Fabrik in China. Die Rohrquerschnitte sind weniger aufwendig, überwiegend kreisrund, und auch das Grundmaterial unterscheidet sich, denn statt der leichten Scandiumlegierung wird klassisches 6061-Aluminium für die Rahmenrohre verwendet. Daraus resultiert ein Mehrgewicht von etwa 150 Gramm gegenüber der Top-Version. Außerdem müssen Käufer der günstigen Kreissäge eine etwas weniger feine Verarbeitungsqualität hinnehmen. Vor allem am Sitzknoten und im Tretlagerbereich fallen die zwar tadellos geführten, aber deutlich dickeren Schweißnähte auf.

Rund ist Trumpf: Runde Rohre, gerade Linien: Der Rahmen ist betont simpel gezeichnet.Foto: Poster_CARund ist Trumpf: Runde Rohre, gerade Linien: Der Rahmen ist betont simpel gezeichnet.

Davon abgesehen ist das Rad jedoch eine Kopie des erfolgreichen Ur-Modells. Die klassische und aufgeräumte Optik weckt sofort Sympathien, auch die sportliche Auslegung werden Fans von Rennrädern klassischen Zuschnitts schätzen. Die Geometrie unterscheidet sich nur minimal, auch auf der preiswerten Kreissäge sitzt man also vergleichsweise sportlich und kompakt. Ein sehr kurzer Radstand und steile Winkel münden in ein sehr wendiges Fahrverhalten, das zackige Lenkmanöver ermöglicht. Dabei reagiert das Rad jederzeit präzise und direkt, was die für Alu-Rahmen typischen hohen Steifigkeitswerte aus dem TOUR-Labor unterstreichen. Das Komfortversprechen beschränkt sich auf eine größere Reifenfreiheit, bis zu 35 Millimeter breite Pneus passen in Rahmen und Gabel. Beim „RS“ ist bei 30-Millimeter-Gummis Schluss.

Gut aufgeräumt: Die Leitungen sind sauber integriert; der Rahmen ist nur mit Elektro-Schaltungen kompatibel.Foto: Poster_CAGut aufgeräumt: Die Leitungen sind sauber integriert; der Rahmen ist nur mit Elektro-Schaltungen kompatibel.

Dass sich der in klassischer Diamantform gehaltene Rahmen hart anfühlt, wie es für stabile Alu-Rahmen mitunter kolportiert wird, können wir nicht bestätigen: Sattelstütze und Lenker aus Carbon schlucken feine Vibrationen spürbar, auch die 30er-Reifen tragen zum ordentlichen Komforteindruck bei. Überdies wird der Fahreindruck von der gut ausgesuchten Ausstattung geprägt. Die SRAM-Force-Gruppe funktioniert vorbildlich, schnelle Laufräder und Top-Reifen machen Laune, auch der neu entwickelte Lenker greift sich gut. Sogar eine Leistungsmessung ist ab Werk verbaut, auch wenn das wellenbasierte SRAM-Powermeter nur auf einer Seite misst.

Alles fühlt sich hochwertig an; dass ein ähnlich teures Rad aus Carbon ein gutes Pfund weniger wiegen könnte, lässt sich da leicht verschmerzen. Allerdings sieht das mit anderen Ausstattungsvarianten wieder anders aus: Mit Alu-Laufrädern und einer schwereren Gruppe dürfte das Gesamtgewicht Richtung neun Kilo klettern. Unterm Strich empfiehlt sich die Kreissäge als sportliches und robustes Rad für Fahrerinnen und Fahrer, die weniger Wert auf niedriges Gewicht und ausgefeilte Aerodynamik legen, dafür aber mehr auf ein klassisches Erscheinungsbild. Inwiefern der Aspekt der Nachhaltigkeit angesichts einer Fertigung in China noch trägt, muss jeder selbst entscheiden. Die vergleichbar ausgelegte Kreissäge RS, die in Europa produziert wird, ist weiterhin im Onlineshop gelistet. Allerdings ist sie ungleich teurer und war in den beliebten Größen zum Testzeitpunkt ausverkauft.

Das Standert Kreissäge im Detail

  • ​Preis: 4499 Euro
  • Gewicht Komplettrad: 8,3 Kilo
  • ​Rahmengrößen: 48, 50, 52, 54, 56, 58, 60 cm (Testgröße gefettet)
  • TOUR-Note: 2,0
Das Standert KreissägeFoto: Poster_CADas Standert Kreissäge

Geometrie

  • ​Sitz-/Ober-/Steuerrohr: 520/555/153 Millimeter
  • Stack/Reach/STR: 568/379 Millimeter/1,50
  • Stack+/Reach+/STR+: 624/556 Millimeter/1,12
  • Radstand/Nachlauf: 987/64 Millimeter

Ausstattung

  • ​Antrieb/Schaltung: SRAM Force AXS (2x13, 48/35, 10-33 Z.) | Note: 1,0
  • Bremsen: SRAM Force (160/160 mm) | Note: 1,0
  • Reifen: Pirelli P-Zero Race 30 mm | Note: 1,0
  • Laufräder: DT Swiss ARC 1600 Spline
  • Laufradgewichte: 1375/1754 Gramm (vorne/hinten)

Messwerte

  • ​Gewicht Komplettrad: 8,3 Kilo | Note: 3,3
  • Fahrstabilität: 9,1 N/mm | Note: 1,0
  • Komfort Heck: 128 N/mm | Note: 2,0
  • Komfort Front: 89 N/mm | Note: 2,3
  • Antritt/Tretlagersteifigkeit: 59 N/mm | Note: 1,3

Stärken, Schwächen und weitere Details zum Standert KreissägeFoto: TOURStärken, Schwächen und weitere Details zum Standert Kreissäge

Vor- und Nachteile des Rennrads

Vorteile

  • toll ausgestattet
  • fahrstabil
  • viele fein gestufte Rahmengrößen

Nachteile

  • Relativ schwer

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