Firmenbesuch bei GiantIm Zweiminuten-Takt fallen neue Komplettbikes vom Band

Peter Nilges

 · 01.03.2026

In der Giant Taiwan Manufacture entstehen aus hunderten Carbon-Spulen eigene Carbon-Matten.
Foto: Giant; Sterling Lorence
Giant ist der größte Fahrradhersteller Taiwans und zählt auch weltweit zu den Taktgebern der Branche. Bei einem exklusiven Hausbesuch am Hauptsitz in Taichung konnten wir einen Blick hinter die Kulissen des vielseitigen Branchenriesen werfen.

Hunderte Spindeln surren im Gleichtakt und füttern ohne Unterlass die gefräßige Web-Maschine. Am anderen Ende schiebt sich ein meterbreiter, schwarzer Teppich aus hauchdünnen Carbonfilamenten heraus. Schnell, präzise, Meter für Meter ohne Unterlass. Ich stehe mitten in einer der unzähligen Fabrikhallen des über 9000 Fußballfelder großen Areals und erlebe live, wie ein Fahrrad entsteht.

Wer in Taiwan landet, begegnet einem Land zwischen Hightech und Handwerk, dicht bevölkert, energiegeladen – und zutiefst geprägt vom Fahrrad. Die Insel mit ihren 23 Millionen Einwohnern ist nicht nur einer der wichtigsten Produktionsstandorte der Welt, sie ist zugleich die Heimat eines Unternehmens, das sich an die Spitze der globalen Fahrradindustrie gesetzt hat: Giant.

1.000.000 Fahrräder produziert Giant pro Jahr und ist damit der weltgrößte Hersteller. Nur 70 Prozent laufen unter der Eigenmarke Giant und LIVFoto: Peter Nilges1.000.000 Fahrräder produziert Giant pro Jahr und ist damit der weltgrößte Hersteller. Nur 70 Prozent laufen unter der Eigenmarke Giant und LIV

Giant ist nicht nur der größte Fahrradproduzent Taiwans, sondern hat sich auch auf internationaler Bühne zur Nummer Eins entwickelt. Allein im krisengebeutelten Geschäftsjahr 2025 erzielte das börsennotierte Unternehmen 1,34 Milliarden Euro Umsatz. Um das zu erreichen, fallen im Zweiminuten-Takt neue Komplettbikes vom Band und verschwinden effizient wie gut gepolstert in Kartons. Unter dem Giant-Dach entstehen mittlerweile noch weitere Marken: Die speziell auf Frauen zugeschnittenen Bikes der Marke Liv, Momentum für den urbanen Sektor und die Marke Cadex, die sich auf hochwertige Carbon-Laufradsätze und -Cockpits für den Road-und Gravel-Bereich spezialisiert hat. Innerhalb der Marken gibt es kaum ein Teil, das nicht selbst in einer der vielen Hallen hergestellt wird. Giant hat die Fertigungstiefe perfektioniert und stellt lieber selbst her, als beim Zulieferer zu kaufen. Lenker, Vorbauten, Felgen, Naben, Sättel, Telestützen, ja, selbst Federgabeln und Dämpfer sind mittlerweile Teil des Portfolios. Es gibt weltweit wohl keinen Hersteller, der mehr in Eigenregie an einem Fahrrad herstellen kann.

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​So entsteht ein Carbon-Rahmen bei Giant

1. Schritt: Unzählige hauchfeine Carbonfilamente werden zu breiten Carbonmatten verwoben. Die breiten Matten bekommen im Anschluss eine dünne Beschichtung aus Harz und werden für 15-30 Tage bei -12 Grad gelagert.
Foto: Peter Nilges

Um zu verstehen, warum sich dieser Hersteller inzwischen „Riese“ nennen darf, muss man dorthin gehen, wo 1972 alles begann – nach Dajia, einem Stadtteil von Taichung. Hier, wo die Luft nach See, Metall und warmem Harz riecht, steht das schlagkräftige Herz des Konzerns: Die Giant Taiwan Manufacture oder kurz GTM. Nur rund 30 Kilometer daneben befindet sich der Kopf, die Firmenzentrale von Giant.

Das Headquarter als Manifest

Seit 2019 erhebt sich Giants neue Firmenzentrale als architektonisches Statement. Die gedrehte Aluminiumfassade erinnert an die geschwungene Kontur Taiwans, die gigantische Eingangshalle an ein modernes Museum, was zusätzlich ein Jahr später in einem nicht weniger imposanten Gebäude nebendran gestellt wurde. Tatsächlich ist das Headquarter mehr als ein Firmengebäude – es ist Symbol für die Transformation, die Giant seit den 1970er-Jahren durchlaufen hat.

Anlässlich der Produktpräsentation des neuen Giant Anthem, das Bike des frischgebackenen MTB XC-Weltmeisterts, konnte ich einen exklusiven Blick hinter die Kulissen werfen und die Entstehung eines Carbon-Rahmens miterleben. Während die eben noch zu Carbonmatten verwobenen Filamente mit Harz getränkt werden und anschließend ins -12 Grad kalte Lagerhaus wandern, geht die Entdeckungstour in einer der weiteren Hallen weiter.

Damals, 1972, gründete King Liu in Dajia eine kleine Fertigungsstätte, die sich zunächst auf die Produktion von Fahrradrahmen aus Stahl konzentrierte. Auch wenn Carbon noch kein Thema war, stand die Qualität stets im Vordergrund, weshalb Giant bereits früh als Erstausrüster Rahmen für namhafte US-Marken produzierte. Schwinn ließ ab 1977 hier fertigen, später folgten weitere Firmen wie Scott, Trek und Colnago. Nur wenige Jahre später beschloss Giant schließlich selbst zur Marke zu werden. 1981 vollzogen die Taiwanesen diesen Schritt und brachten Fahrräder mit dem eigenen Giant-Label auf den Markt. Zunächst in Taiwan, danach in Europa und Nordamerika. Keine sechs Jahre später präsentierte Giant mit dem Cadex 980 C das erste bezahlbare Carbon-Rennrad für die breite Masse. Eine Konstruktion aus Alumuffen und eingeklebten Carbonrohren, die aktuell, fast 40 Jahre später, ein kleines Revival erlebt.

Handarbeit und Automatisierung

Aus der Handvoll Fabrikarbeiter von damals wurde im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte eine 2000 Mann, bzw. Frauen starke Truppe. Der Frauenanteil am Hauptproduktionsstandort GTM beträgt immerhin 30 Prozent. Weltweit betreibt Giant heute neun Produktionsstätten, zwei davon in Europa. Doch bei der Carbon-Rahmen-Produktion ist mittlerweile nicht nur Manpower gefragt. Das nächste Gebäude in Reinraumqualität wirkt steril und ist ein Paradebeispiel für Automatisierung. Mit scharfer Klinge zerteilen die Schneidetische die Carbonmatten in viele kleine Puzzleteile. Selbst beim Zusammenfügen, dem Layup kommen Roboterarme den vielen menschlichen Händen zu Hilfe und legen die Formstücke mit äußerster Präzision streng nach Bauplan aufeinander. Wiederholgenau und mit 100 Prozent Erfolgsquote. Eine besondere Behandlung, die bislang nur den Top-Rahmen in der Produktion zu Teil wird. Im anschließenden Molding werden die Carbon-Rohlinge dann in einer Stahlform unter Hitze und Druck zum fertigen Rahmen ausgehärtet.

Um bereit für die große Weltbühne zu sein, ging Giant bereits im Jahre 1994 an die Börse und sponserte 1995 sein erstes MTB-Weltcup-Team mit legendären Racern wie John Tomac oder auch den norwegischen Cross-Country-Star Rune Hoydahl. Wenig später knüpfte Giant an seinem Engagement im Straßenradsport an und setzte mit dem TCR-Rahmen nicht nur bei der Tour de France, sondern auch aus technischer Sicht Ausrufezeichen. Genauso wie der erstmals eingeführte Kompaktrahmen mit abfallendem Oberrohr prägt auch der viergelenkige Maestro-Hinterbau, der 2004 eingeführt wurde bis heute das Bild der Giant-MTB-Flotte.

Unmittelbar in Giants Nachbarschaft schaut man auf den riesigen TSMC-Schriftzug, der sich über die Werke des Halbleiterproduzenten erstreckt. Ein weiteres Beispiel für die Marktführerschaft eines taiwanesischen Herstellers. Das gesamte Umfeld von Dajia ist ein Ökosystem: Alleine für den Fahrradbereich sitzen rund 900 Zulieferer im direkten Umkreis, darunter Branchengrößen wie Sram, Fox und Merida. Taiwan ist nicht nur Standort, sondern das Silicon Valley des Fahrradbaus. Und mittendrin da steht ein Riese. Gewaltig und ziemlich komplett.

​Fakten-Check: Giant Bicycles

  • 1972 startet Giant mit der Produktion von Stahlrahmen in Dajia, Taichung.
  • 67.000 m2 umfasst die Produktionsstätte aktuell.
  • 1.000.000 Fahrräder produziert Giant pro Jahr und ist damit der weltgrößte Hersteller.
  • 70 % der produzierten Bikes laufen unter der Eigenmarke Giant und Liv, die restlichen Kapazitäten werden für die Produktion von Fremdmarken genutzt.
  • 2.000 Mitarbeiter beschäftigt Giant in der Giant Taiwan Manufacture
  • 3:1 beträgt das Verhältnis von Alu- zu Carbon-Rahmen

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