Die Frage Gravelbike mit oder ohne Motor polarisiert. Die einen sehen das E-Gravelbike als Bereicherung, die anderen als Verrat am Sportgedanken. Alles eine Frage der Perspektive. Aber vor allem gilt: Es kommt, wie so oft, auf den Anwendungsfall an.
Ein E-Gravelbike soll so nah wie möglich an einem unmotorisierten Gravelbike bleiben und sich in Bezug auf Handling, Aussehen und mögliche Terrains kaum unterscheiden. Der Motor erweitert die Reichweite (Voraussetzung: E-Bike-freundliche Infrastruktur mit Lademöglichkeit) und bietet mehr Optionen bei der Routenplanung. Treten muss man aber trotzdem, die Unterstützungsstufe entscheidet, wie viel Leistung die eigenen Beine treten und wie viel der Motor unterstützt. Ein Gravelbike mit Motor bleibt ein Sportgerät. Trotz leichterer und eleganter integrierter Technik sieht man manchen Bikes ihr Wesen immer noch deutlich an – und ein Gravelbike mit 14 Kilo fährt sich nicht so natürlich, wie es die Werbung verspricht.
Meist sind Antrieb und Akku vollständig integriert, so dass auch erfahrene Radfahrende schonmal zweimal hinsehen müssen, um ein E-Gravelbike als solches zu erkennen.
Das Geschwindigkeitsniveau beim Graveln ist im Schnitt niedriger als auf der Straße. Da in Deutschland die Unterstützung bis 25 km/h reicht, bringt der Motor im Gravelbereich mehr als am Rennrad, wo man schneller ans Limit der Unterstützung kommt. Der Motor kann Leistungsunterschiede ausgleichen und so gemeinsames Fahren von Leuten ermöglichen, die sonst nicht zusammen gefahren wären.
Ich habe es selbst erlebt: Wäre unsere Mini-Bikepacking-Tour nicht auf E-Bikes gewesen, hätte es die Gruppe schon auf den ersten Kilometern komplett zerrissen. Die Leistungsunterschiede waren groß. Der Motor nivelliert genau das – bergauf. Auf flachen Abschnitten hört die Unterstützung in Deutschland ab 25 km/h auf. Dann müssen die Stärkeren Rücksicht nehmen.
Ein Motor bedeutet nicht, dass man sich nicht anstrengen muss. Wer gefordert sein will, schaltet die Unterstützung runter oder fährt schneller. Aber das kennt man von Gruppenausfahrten ohne Motor genauso.
Auch Matthias Borchers aus der TOUR-Redaktion, der das Scott Solace Gravel eRIDE zum ersten Mal gefahren ist, war überrascht: Der lautlose Motor schiebt kraftvoll, aber nie aufdringlich. Der Übergang bei 25 km/h ist so sanft, dass man ihn kaum bemerkt.
Du willst mit Leuten fahren, die fitter sind als du – oder umgekehrt eine Gruppe zusammenhalten, deren Leistungsniveau auseinanderklafft. Du willst mehr Höhenmeter oder mehr Distanz angehen, als deine aktuelle Form hergibt. Du planst Bikepacking-Touren und willst das Gewicht des Gepäcks kompensieren. Du bist nach Unfall, Krankheit oder mit nachlassender Kraft im Alter wieder oder anders in den Sport eingestiegen und willst mit den Radkollegen mithalten.
Wenn Training dein primäres Ziel ist – also wenn du gezielt Watt treten, Leistung aufbauen, Trainingseffekte erzielen, vielleicht auch Rennen fahren willst – dann ist der Motor nichts. Insbesondere für Rennen, denn da musst du ohne Motor am Start stehen. Der Motor hilft genau dort, wo es wehtut. Das ist sein Sinn. Aber genau das ist auch sein Nachteil, wenn Schmerz erwünscht ist.
Dazu kommt: Ein E-Gravelbike wiegt je nach Modell zwischen 13 und 19 Kilo. Das merkst du beim Tragen, beim Transport im Auto, beim Hochschleppen in die Wohnung. Wer auf Bikepacking-Abenteuern abseits befestigter Wege regelmäßig sein Rad tragen muss, sollte das einkalkulieren. Und wer gern schraubt oder möglichst wenig Werkstatttermine will: Motor, Akku und Software-Updates bedeuten mehr Komplexität als ein Gravelbike ohne Motor.
Nicht jedes E-Gravelbike fährt sich gleich. Wer gern grundsätzlich auf eine harmonische Dauerunterstützung spekuliert, die auch am Berg viel Power bietet, ist mit dem Bosch SX unterwegs. Der andere Typ fährt gern auch mal längere ebene Passagen ohne Unterstützung und gönnt sich den Zusatzschub, wenn die Ausdauer nachlässt oder es steiler wird. Der Bosch-Akku fasst 400 Wh – genug für lange Touren, aber das System bringt auch rund 4,5 Kilo auf die Waage.
Der TQ-Motor, verbaut zum Beispiel in Modellen von Stevens oder Scott, gilt als besonders leise, wiegt mit 1850 Gramm am wenigsten in seiner Klasse und liefert bis zu 300 Watt und 50 Nm. Die Pedale sitzen kaum weiter auseinander als ohne Motor.
Der Mahle X20 ist ein Hinterrad-Nabenmotor und damit das unauffälligste System: leise, leicht, kein Eingriff ins Tretlager. Der Akku fasst meist nur 242 Wh – für kurze Touren und flaches Terrain ausreichend, für lange Bergtouren knapp.
Wer mit dem E-Gravelbike auf mehrtägige Tour geht, muss die Logistik mitdenken. Ohne Möglichkeit, den Akku zu laden, ist der Frust schnell groß. Als grobe Orientierung: Je nach Gelände, Gepäck und Unterstützungsstufe reichen die meisten Akkus für 60 bis 100 Kilometer. Konkret heißt das: Ladestationen auf der Strecke prüfen, im Vorfeld die Reichweite mit Gepäck testen, und das Ladegerät ist groß – es braucht Platz in den Taschen. Mehr Gewicht zieht den Akku schneller leer.
Die Preisspanne ist enorm. Solide einsteigen lässt sich ab rund 3.600 Euro, Premiummodelle kosten 10.000 Euro und mehr.
Ein E-Gravelbike ist kein Betrug am Sport und keine Wunderwaffe. Es ist ein Werkzeug – und wie jedes Werkzeug sollte man es kaufen, wenn der Einsatzzweck klar ist. Wer gemeinsam mit anderen fahren will, Höhenmeter sammeln statt Training absolvieren möchte, oder nach einer Auszeit wieder ins Gravel-Leben einsteigen will: kaufen. Wer gezielt trainiert und jedes Watt selbst treten will: Gravel ohne Motor. Und wer sich unsicher ist? Testfahrt machen. Das überzeugt schneller als jede Kaufberatung.
| Pro E-Gravel | Contra E-Gravel |
| Leistungsunterschiede in der Gruppe ausgleichen | Mehrgewicht: Ein E-Gravel wiegt 13 bis 19 kg je nach Modell |
| Mehr Höhenmeter und Distanz als die eigene Form hergibt | Tragepassagen sind deutlich anspruchsvoller (in den Keller, in den Bergen, über umgestürzte Bäume) |
| Bikepacking mit Gepäck besser kompensierbar | Reichweite abhängig von Infrastruktur (Laden!) |
| Wiedereinstieg nach Verletzung oder Pause | Mehr Wartungsaufwand (Motor, Akku, Software) |
| Routen planbar, die sonst zu anspruchsvoll wären | Kein Trainingseffekt, wo der Motor übernimmt |
| Unauffälliges Design, fährt sich fast wie ein Gravelbike ohne Motor | Höherer Preis: ab ca. 3.600 Euro, oft deutlich mehr |
| Nicht renntauglich |

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