Ich bin Seiteneinsteiger. Ende der Achtziger fing ich mit Mountainbiken an – weil neu, weil cool, weil Zeitgeist. Damals galt eine einfache Regel: Je dicker der Reifen, desto besser. Und je mehr Federweg, desto komfortabler.
Erst kamen die breiten Pneus. Dann die Federgabeln. Später die Vollfederung. Und irgendwann die Freeride-Bewegung, deren Philosophie ungefähr so lautete: Mehr Federweg ist immer die Lösung.
Man könnte sagen: Wir haben den Untergrund systematisch entmachtet.
Steine, Wurzeln, Kanten – alles wurde von Luftkammern und Dämpfern geschluckt. Der Trail war nicht mehr Gegner, sondern Kulisse.
So weit, so bequem.
Vor Kurzem begann ich mit Gravelbiken. Auch wieder aus den üblichen Gründen: neu, cool, Zeitgeist.
Und plötzlich war sie wieder da, diese längst vergessene Erfahrung: der direkte Kontakt mit dem Boden.
Vollfederung weg. Dicke Reifen weg. Komfort weg.
Stattdessen spürte ich den Untergrund in meinem Körper, als würde ich in einer Seifenkiste über Kopfsteinpflaster rumpeln. Die Schläge wanderten durch mich hindurch wie eine Salsa-Welle: erst Hände, dann Arme, dann Wirbelsäule.
Mal klapperten die Zähne.
Mal nickte der Kopf.
Mal vibrierte der ganze Körper.
Manchmal alles gleichzeitig.
Am schlimmsten sind die Überraschungen.
Gerade noch rollt man über einen weichen Waldweg, der Lenker schnurrt in den Händen wie unsere Katze Paulina auf meinem Schoß.
Dann plötzlich: Bämm!
Ein Schlag aufs Vorderrad.
Ein Stoß in die Arme.
Eine Botschaft an die Wirbelsäule.
Der Boden verteilt Kinnhaken.
Mal ist es eine versteckte Rinne im Forstweg. Mal eine Raupenspur vom Schrecken des Waldes, dem Harvester. Mal eine Betonkante, die dort eigentlich nichts verloren hat.
Der Ablauf ist immer derselbe:
Schlag. Schreck. Schmerz.
Und sofort danach: Ärger.
Scheiß Boden. Scheiß Rad. Scheiß fehlende Aufmerksamkeit!
Und doch passiert etwas Merkwürdiges.
Man beginnt, den Untergrund wieder wahrzunehmen.
Er wird plötzlich zu einer Landschaft aus Texturen. Sand. Kies. brüchiger Asphalt. Pflaster, das sich wölbt wie Hefeteig. Gras, Wurzeln, Ziegel, Betonplatten.
Mal zuckt der Lenker nervös.
Mal vibriert er wie eine elektrische Zahnbürste.
Und manchmal rollt das Rad plötzlich ruhig und weich, als hätte jemand die Welt neu geteert.
Dieses intensive Spüren hatte ich zuletzt in den Neunzigern – beim Rollerbladen. Auch damals gab es diese Mischung aus Glück und Schrecken.
Ein perfekter Asphaltstreifen fühlte sich an wie Fliegen.
Eine Pflasterkante wie ein Faustschlag.
Vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit des Gravelbiking.
Es bringt uns den Boden zurück.
Nicht als dekorativen Hintergrund, sondern als Mitspieler. Manchmal sogar als Gegner.
Der Preis für diese unmittelbare Erfahrung sind Schläge, Schreckmomente und gelegentliche Wutausbrüche.
Aber vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Für Schönheit und Eleganz muss man eben ein bisschen leiden.
Das sage ich jetzt natürlich ganz entspannt.
Bis zum nächsten Schlagloch.
Dann fletsche ich wieder die Zähne.
Grrrr.

Redakteur