Das E-Rennrad polarisiert, das ist in der TOUR-Redaktion nicht anders als im echten Leben. Während die Testredakteure sich des Themas aber mit professioneller Neutralität annehmen, meiden andere Kollegen die Dinger wie der Teufel das Weihwasser – bis jetzt: TOUR-Redakteur Wolfgang Papp und seine Eindrücke vom ersten Mal.
Meine Mutter hat mir das Motto „ Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ mit auf den Weg gegeben – oder wie man in Bayern sagt „Leben und leben lassen“. Übertragen auf meine Einstellung zum E-Rennrad heißt das, dass es für mich persönlich eher nicht in Frage kommt, ich mir aber schon vorstellen kann, dass es Lebenssituationen gibt, in denen man sich über eine Schubhilfe freuen darf. In meiner Gedankenwelt beschränkt sich das allerdings auf die Hilfe beim Bergauffahren. In der Ebene, so meine überhebliche Meinung, braucht der Rennradler keinen Motor, der nur bis 25 km/h hilft – da fängt das Rennradleben doch gerade erst an!
Mit dieser Grundeinstellung hatte ich mir für die Testrunde mit dem Kollegen Kristian das Rad ausgesucht, das für mich am ehesten noch wie ein normales Rennrad aussieht – das Canyon Endurace:ONfly – und hoffte trotzdem, den wesentlich fitteren Kollegen endlich mal im Anstieg abhängen zu können. Doch dazu später.
Erster Eindruck: Fährt wie ein Rennrad! Aber wo bitte ist der Motor? Das Drücken auf den Knopf am Lenkerende bot mir zwar drei unterschiedlich farbige Leuchten an, Schub konnte ich beim Losfahren von der Redaktion jedoch bei keiner Farbe feststellen. Ein kurzer Anruf beim Experten ließ mich wissen, dass der Motor des Canyon zwar klein, leicht und unauffällig, aber eben auch schwach ist, und ich folglich die rote und stärkste Unterstützungsstufe wählen solle – in der Hoffnung, den Anstieg zu Halbzeit unserer Runde hinaufzufliegen.
Auf dem Weg dahin hörte ich immer in Rad und Oberschenkel hinein, ob ich nicht doch eine Schubhilfe bemerken würde. Okay, beim Losfahren an einer grünen Ampel habe ich etwas gespürt, aber für mehr als zwei Pedalumdrehungen reichte es nicht, dann fuhren wir wieder schneller als 25 km/h. Am Anstieg der Entscheidung schließlich wollte ich es wissen, gab alles für einen persönlichen Rekord auf Strava, frage mich aber immer noch, ob ich den auf meinem normalen Rennrad mit dem Aufwand nicht auch geschafft hätte. Und von wegen den Kollegen abhängen. Der fuhr fröhlich grinsend und handyfotografierend neben mir her. Welch Schmach! Unangenehm aufgefallen ist mir noch, dass der Nabenmotor rund um die 25 km/h-Schwelle ruckelt. Gerade bergauf ein eher unschönes Gefühl! Am Ende bleibe ich dabei: Es wird sinnvolle Einsatzbereiche für E-Rennräder geben; der des Canyon Endurace:ONfly dürfte aus meiner Sicht aber ein eher kleiner sein.