Test 2014: Frauenrennräder von Giant und SpecializedFoto: Markus Greber

Rennrad DamenTest 2014: Frauenrennräder von Giant und Specialized

Unbekannt

 7/11/2014, Lesezeit: 5 Minuten

Zwei Frauenrennräder, die nicht nur fürs Schnellfahren gemacht sind: Giant präsentiert das erste Aero-Rennrad für Frauen, Specialized versucht den Spagat zwischen Renn- und Triathlonmaschine.

Das Envie Advanced 1 von Giant rollt mit den typischen Merkmalen eines Aero-Straßen­rades an die Startlinie: stromlinienförmige Rohre, windschnittige Laufräder, aerodynamischer Lenker, die Bremsen in Gabel und Rahmen integriert: So will der taiwanische Fahrrad-Multi Rennradlerinnen ansprechen – auch solche, die sportlich sehr ­ambitioniert sind und Wert legen auf die technische Qualität ihres Renners. Seit 2013 ist die Top-Ausführung des Envie Dienstfahrzeug der Niederländerin Marianne Vos, der besten Radsportlerin der Welt.

  Giant Envie Advanced 1 2014Foto: Markus Greber
Giant Envie Advanced 1 2014

Beim Alias Pro Tri von Specialized ist die Zielgruppe klarer umrissen und vermutlich sogar recht groß: Frauen, die Triathlon-Wettkämpfe über Kurz- und Mitteldistanzen bestreiten, dabei aber nicht einsehen, warum sie für Training und Rennen zwei Räder brauchen. Ein einziges Rad muss es richten, das möglichst beides leisten soll. ­Dafür ­basiert das Alias Pro Tri auf einem Carbon­rahmen, der vom Vorderrad bis zum Sitzrohr ein lupenreines Rennrad ist. Dann kommt der Unterschied. Der Sitzrohrwinkel ist mit 77,5 Grad extrem steil und erlaubt in Kombination mit dem serienmäßig mitgelieferten Lenkeraufsatz eine aerodynamische Liegeposition. Ohne Aufsatz will das Alias Pro Tri ein fast normales Rennrad sein.

  Spcialized Alias Pro Tri 2014Foto: TOUR Magazin
Spcialized Alias Pro Tri 2014

Der Carbonrahmen des Giant ist ein direkter Ableger des spektakulären Aero-Straßenrades Propel, mit einigen Unterschieden. Das ­Steuerrohr ist bei nominell gleicher Größe einen Zentimeter länger als beim Männermodell, das Oberrohr minimal kürzer. Das erlaubt eine etwas aufrechtere, wenngleich immer noch sportliche Sitzposition. Wichtiger ist, dass sich, anders als beim Top-Modell der Propel-Baureihe, die Sattelstütze in der Höhe verstellen lässt – gut nicht nur für die Anpassung sondern auch für den Transport des Rades. Dass der Envie-Rahmen nicht ganz so torsionssteif ist wie das Männer­modell, störte die Testfahrerinnen überhaupt nicht. Für normal proportionierte Frauen reicht die Fahrstabilität allemal. Das Gefühl, besonders schnell unterwegs zu sein, teilten beide Pilotinnen.

Versteckte Bremsen

Dazu beigetragen hat der Aero-Radsatz, ­dessen carbonverkleidete Alu-Felgen gute Brems­eigenschaften garantieren. Die hinter die Gabelscheiden beziehungsweise Sitz­streben verlegten Bremsen, die wie die von Mountainbikes bekannten V-Brakes funktio­nieren, verzögern kräftig und gut dosierbar. Allerdings sind die Bremsen spürbar weniger steif als aktuelle Shimano-Bremsen und ­neigen wegen der an beiden Bremsarmen ­getrennt einstellbaren Rückstellfedern dazu, sich gelegentlich zu verstellen. Ein großes Problem ist das jedoch nicht. Kritikwürdig ist das sehr hohe Gabelgewicht, tadellos ­dagegen arbeitet die mechanische Ultegra-Schaltung. Ausdrückliches Lob von beiden Testerinnen bekommt auch der Arione-­Donna-Sattel von Fizik.

Das Alias Pro Tri von Specialized macht vor allem dann Spaß, wenn Frau mit montiertem Lenkeraufsatz richtig Gummi gibt. Das Rad ist ausgesprochen fahrstabil und hält ­sicher die Spur, die Armschalen sind sehr bequem. Der windschnittig geformte Rahmen mit dem relativ langen Steuerrohr verstärkt mutmaßlich den Aero-Vorteil der flach geduckten Sitzposition – im Windkanal ­getestet haben wir das Rad nicht. Geschmackssache ist der recht weich gepolsterte Jett-Sattel, der wie der größte Teil der Ausstattung aus dem umfangreichen Zubehörprogramm der US-Marke stammt. "Fühlt sich etwas kantig an", lautete der Eintrag im Testprotokoll. Weitere Kritikpunkte gab es nicht.

Dank leichter Carbonfelgen, die auf konventio­nellen Faltreifen rollen, lässt sich das Rad leicht in Fahrt bringen. Die Bremseigenschaften, bei Carbonfelgen mitunter problematisch, erwiesen sich ­zumindest bei Trockenheit als unkritisch. Tadellos auch die Kombination aus mechanischer Dura-Ace-Schaltgruppe mit Ultegra-Bremsen und der steifen Carbonkurbel von Specialized. Deren Kettenblatt-Kombination mit 52/36 Zähnen stellt viele Gänge über ein breites Spektrum zur Verfügung – für schnelle Passagen und steile Berge gleichermaßen. Gewöhnungsbedürftig ist bei der Nutzung ohne Lenkeraufsatz der steile Sitzwinkel. Selbst wenn, wie bei unseren Testfahrten, eine Sattelstütze mit Versatz nach hinten montiert ist – die serienmäßige Carbonstütze kommt ohne Versatz aus – sitzt man merklich weiter vorne über dem Tret­lager. Ein ­Effekt ist, dass Schläge deshalb deutlich am Sattel zu spüren sind – vermutlich der Grund für den weichen Sitz. Der Einsatz als nor­males Straßenrennrad erfordert daher eine ­gewisse Kompromissbereitschaft. Ein großer Vorteil des Konzepts liegt jedoch darin, dass das Alias Pro Tri bei hohem Tempo so sicher auf der Straße liegt wie ein fahrstabiles Rennrad, was sich von vielen Zeitfahrrahmen nicht sagen lässt. Den Anspruch, ein Modell für Training und Wettkampf auf die Räder zu stellen, erfüllt Specialized mit diesem Renner auf interessante Weise.

Giant Envie Advanced 1

Preis 3.399 Euro
Gewicht 7,5 Kilo
Erhältlich im Fachhandel
Bezug/Info www.giant-bicycles.de

Rahmengrößen** XS, S, M
Sitz-/Lenkwinkel 73°/72°
Sitz-/Ober-/Steuerrohr 500/540/147 mm plus 10 mm Steuersatzkappe
Radstand/Nachlauf 980/60 mm
Stack/Reach/STR*** 546/368 mm/1,48

AUSSTATTUNG
Lenklager FSA, oben 1-1/8, unten 1-1/2 Zoll
Bremsen Giant/TRP
Schaltung/Tretlager Shimano Ultegra (50/34 Z., Press-Fit)
Laufräder/Reifen Giant P-SLR1/Giant P-SL1 (23C)
Lenker/Vorbau Giant Contact Aero/Giant Contact
Sattel/-stütze Fizik Arione Donna/Giant Aero (24 x 40 mm)

MESSWERTE & EINZELNOTEN
Gewicht Komplettrad 7,5 Kilo (o. Pedale)
Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager**** 1.118/574/55 g
Normiertes Gewicht Rahmen-Set***** 1.820 g: 3,3
Lenkkopfsteifigkeit 84 Nm/°: 2,3
Seitensteifigkeit Gabel 50 N/mm: 1,7
Tretlagersteifigkeit 60 N/mm: 1,0
Komfort Rahmen 205 N/mm: 2,3
Komfort Gabel 127 N/mm: 5,0

Foto: TOUR Magazin
Foto: TOUR Magazin

Specialized Alias Pro Tri

Preis 5.299 Euro
Gewicht 7,3 Kilo
Erhältlich im Fachhandel
Bezug/Info www.specialized.com

Rahmengrößen** 44, 47, 51, 54, 57 cm
Sitz-/Lenkwinkel 77,5°/72,5°
Sitz-/Ober-/Steuerrohr 455/500/165 mm plus 22 mm Steuersatzkappe
Radstand/Nachlauf 985/53 mm
Stack/Reach/STR*** 564/377 mm/1,50

AUSSTATTUNG
Lenklager FSA, 1-1/8 Zoll
Bremsen Shimano Ultegra
Schaltung/Tretlager Shimano Dura-Ace 9000/Specialized Fact Carbon (52/36 Z., OS-BB)
Laufräder/Reifen Roval Rapide CL 40/Specialized Turbo Pro 23C
Lenker/Vorbau Specialized Women’s Expert/Specialized
Sattel/-stütze Specialized Jett Gel/Specialized (27,2 mm)

MESSWERTE & EINZELNOTEN
Gewicht Komplettrad 7,3 Kilo (o. Pedale)
Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager**** 1.211/453/56 g
Normiertes Gewicht Rahmen-Set***** 1.889 g: 3,3
Lenkkopfsteifigkeit 91 Nm/°: 1,7
Seitensteifigkeit Gabel 41 N/mm: 3,0
Tretlagersteifigkeit 56 N/mm: 1,7
Komfort Rahmen 205 N/mm: 2,3
Komfort Gabel 104 N/mm: 5,0

Foto: TOUR Magazin
Foto: TOUR Magazin

* In die Gesamtnote gehen das Rahmen-Set mit 40 Prozent, die Ausstattung mit 60 Prozent ein. In die Bewertung fließen Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nur zum Teil abdrucken. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nachkommastellen gerechnet; zur besseren Übersichtlichkeit geben wir aber alle Noten mit gerundeter Nachkommastelle an.
** Herstellerangaben; Testgröße fett.
*** Stack/Reach: projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr; STR (Stack to Reach): 1,36 bedeutet eine sehr ­gestreckte, 1,60 eine aufrechte Sitzposition.
**** Gewogene Gewichte.
***** Bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 cm und Gabelschaftlänge 225 mm.