Das neue Liv Langma Advanced Pro 1 im TOUR-TestFoto: Kerstin Leicht

Rennrad DamenDas neue Liv Langma Advanced Pro 1 im TOUR-Test

Angelika Rauw

 6/1/2022, Lesezeit: 5 Minuten

Leichter, steifer, schneller sollte die Neuauflage des Langma der Frauenmarke Liv sein - zumindest in der Top-Variante. Doch trifft das auch auf das Mittelklassemodell Liv Langma Advanced Pro 1 zu? TOUR hat es herausgefunden.

Grundsätzlich kann man es als Rennrad­fahrerin nicht genug wertschätzen, dass ­Giant mit seiner Frauenmarke Liv als einziger Radhersteller noch so konsequent auf weibliche Kundschaft setzt. Während alle anderen Radmarken nach diversen Experimenten mit Frauen-Geometrien ausschließlich wieder Unisex-Rahmen herstellen, entwickelt Liv weiterhin eigene Rahmenformen für Frauen.

Im TOUR-Test: das neue Liv Langma Advanced Pro 1

“Da kommt man gleich in den Race-Modus”, ruft Testerin Birgit begeistert, als sie mit dem Liv Langma Pro 1 auf der TOUR-­Teststrecke bergab schießt. Zugegeben, das Rad in Größe 54 passt der 1,71 Meter großen Testfahrerin nicht nur ­perfekt, sondern kommt ihrem Geschmack auch in punkto Sitzposition entgegen: kompakt, ­etwas schmalerer Lenker, Bremsgriffe gut zu erreichen. Und man muss erwähnen, dass Birgit direkt zuvor auf einem eher gemächlichen Marathonrad mit sehr aufrechter Sitzposition ­unterwegs war; in Relation zu einem durchschnittlichen Endurance-Rad ist die Neuauflage des Langma klar renntauglicher. Doch wie gut eignet es sich wirklich als Wettkampfrad, das erklärte Ziel der Liv-Entwickler?

Als die Frauenmarke des taiwanischen Fahrradriesen Giant das erste Langma-­Modell 2017 auf den Markt brachte, wurde es bewusst als Allrounder platziert: zwischen dem Liv Avail, einem gutmütigen Marathon-Rennrad vor allem für Einsteigerinnen, und dem Envie (heute EnviLiv), der schnellen Aero-Maschine von Liv. Für die Saison 2022 bekam das Langma einen komplett neuen Rahmen spendiert. Das Ziel: Es sollte leichter und wendiger sein, aber vor ­allem aerodynamischer - und damit seiner Rolle als Wettkampfrad noch besser gerecht werden.

Nach kurzer Zeit empfanden die Testerinnen unangenehmen Druck durch die Kanten der großen Aussparung in der Sattelmitte. Foto: Kerstin Leicht
Nach kurzer Zeit empfanden die Testerinnen unangenehmen Druck durch die Kanten der großen Aussparung in der Sattelmitte.
Die neue, leichte Gabel lässt genug Raum für 32 Millimeter breite (Tubeless-)ReifenFoto: Kerstin Leicht
Die neue, leichte Gabel lässt genug Raum für 32 Millimeter breite (Tubeless-)Reifen
Nach kurzer Zeit empfanden die Testerinnen unangenehmen Druck durch die Kanten der großen Aussparung in der Sattelmitte. Foto: Kerstin Leicht
Nach kurzer Zeit empfanden die Testerinnen unangenehmen Druck durch die Kanten der großen Aussparung in der Sattelmitte.
Die neue, leichte Gabel lässt genug Raum für 32 Millimeter breite (Tubeless-)ReifenFoto: Kerstin Leicht
Die neue, leichte Gabel lässt genug Raum für 32 Millimeter breite (Tubeless-)Reifen
Die neue, leichte Gabel lässt genug Raum für 32 Millimeter breite (Tubeless-)Reifen
Nach kurzer Zeit empfanden die Testerinnen unangenehmen Druck durch die Kanten der großen Aussparung in der Sattelmitte.

Zumindest sollte das für das Top-Modell ­gelten, denn das Langma gibt es in drei Ausführungen: als Advanced, Advanced Pro und als Advanced SL, mit dem auch die Frauen des World-Tour-Teams Bike-Exchange-Jayco unterwegs sind. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Schaltgruppen, aber vor allem in der Carbonqualität ihrer Rahmen. Die Rahmenform ist bei allen Modellen gleich - und sichtbar anders als beim Vorgängermodell Advanced 1+.

Damals fanden unsere Testerinnen, dass sich das Advanced 1+ nicht wie eine Renn­maschi­ne anfühlte. Genau daran haben die Entwickler gearbeitet: Die Sitzposition beim Advanced Pro 1 ist zwar immer noch nicht ausgesprochen sportlich, aber längst nicht mehr so aufrecht wie beim Vorgängermodell; das Oberrohr fällt nicht mehr ganz so tief ab, sondern fügt sich stimmiger ans Sitzrohr; dazu sind Sattelstütze, Gabel und Lenker windschnittiger geformt. Und der Alacra-SL-­Sattel ist ein leichter, kurzer Performance-Carbon­sattel mit großzügiger Aussparung.

Der hohe Anspruch

Das Liv Langma Advanced Pro 1, dessen Rahmendesign und schillernd blaugrüne Lackierung den Testerinnen gut gefallen hat, fährt sich spurtreu und dennoch agil. Bergauf macht sich das relativ geringe Gesamtgewicht positiv bemerkbar, selbst wenn der Rahmen etwas schwerer ist als der des Vorjahresmodells.

Deutlicher als die neue Sattelstütze, die nachgiebiger ist als die Vorgängerin, federn die 25-Millimeter-Tubelessreifen alle Un­ebenheiten der Straße ab (die neue Gabel lässt sogar bis zu 32 Millimeter breite Reifen zu). Leider wird dieser Effekt konterkariert durch den Sattel: Der Alacra SL fuhr sich ­nur anfangs angenehm, nach kurzer Zeit empfanden die Testerinnen unangenehmen Druck durch die Kanten der großen Aussparung in der Sattelmitte.

Angesichts der wirklich geringen Tretlagersteifigkeit von 47 N/mm wirkt die offizielle Gewichtsbeschränkung von 126,5 Kilogramm, die Liv für Pilotinnen angibt - sagen wir - kurios. Zusammen mit der ebenfalls geringen Steifigkeit im Lenkkopf (75 Nm/Grad) sind das Messwerte, wie sie für ein modernes, auch für Wettkämpfe gedachtes Rennrad nicht mehr zeitgemäß sind. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die TOUR-­Testerinnen, die nicht einmal die Hälfte des erlaubten Gewichts auf die Waage bringen, diese Nachgiebigkeit in Tretlager und Lenkkopf selbst bergab oder bei Sprints nicht spürten. Was bedeutet, dass diese Werte zumindest für leichte Fahrerinnen unproblematisch sein dürften.

Und was ist nun mit der vielbeschworenen Aerodynamik?

Während der Fahrt fühlte sich das neue Liv Langma Advanced Pro 1 durchaus schnell an - doch wie schnell Rennräder wirklich sind, zeigt sich erst im TOUR-Windkanal-Test. Und diese Prüfung bestand das Liv Langma Advanced Pro 1 nicht gerade mit Bravour. Der relativ mäßige Aero-Wert wird Fahrerinnen, die es im Rennen wirklich wissen wollen, nicht zufriedenstellen. Da gibt es deutlich schnellere Räder, das EnviLiv aus gleichem Haus etwa, das in der Vergangenheit im Windkanal immer hervorragende Werte ablieferte. Warum das neue Langma nur in Teilen - Sattelstütze, Gabel, Lenker - aerodynamisch getrimmt wurde, ist nicht ganz nachvollziehbar.

Vor allem das auffällig breite Unterrohr dürfte verantwortlich sein für die mäßige Aerodynamik. Womöglich liegt es an der Ausrichtung des Live Langma Advanced Pro 1: Es soll ein Allround-Wettkampfrad sein. Also ein Rad für alle Einsatzzwecke. Frau soll damit einen Radmarathon bestreiten können, aber eben auch ein Rennen. Daher soll es einen guten Kompromiss bilden aus Leichtbau, Aerodynamik und Alltagstauglichkeit. Mit diesem hohen Anspruch taten sich auch schon die vier Allround-Rennräder schwer, die wir in TOUR 12/21 getestet haben.

Das Langma Advanced kostet in der günstigsten Version mit Shimano-105-Schaltung 2.399 Euro, als Advanced Pro 1 mit Shimano Ultegra sowie dem Leistungsmesser Giant PowerPro an Bord 4.199 Euro und in der Top-Variante Advanced SL mit Dura-Ace Di2 und Powermeter 11.299 Euro.

Fazit

Das Liv Langma Advanced Pro 1 ist ein ­optisch attraktives, leichtes und durchaus sportliches Rad, das aber ambitionierten Fah­rerin­nen nicht sportlich genug sein dürfte.

Fakten zum Liv Langma Advanced Pro 1

Liv Langma Advanced Pro 1Foto: Kerstin Leicht
Liv Langma Advanced Pro 1

Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager*: 984/409/46 Gramm

Rahmengrößen**: XXS, XS, S, M, L

Sitz-/Ober-/Steuerrohr: 480/540/156 Millimeter

Stack/Reach/STR***: 560/378 Millimeter/1,48

Radstand/Nachlauf: 985/53 Millimeter

Ausstattung

Antrieb/Schaltung: Shimano Ultegra (2x11, 52/36, 11-30 Z.)

Bremsen: Shimano Ultegra (160/140 mm)

Laufräder/Reifen (Gewichte): Giant SLR 2/Giant Gavia Course 1 25 mm (v./h. 1.311/1.771 g)


*Gewogene ­Gewichte.

**Herstellerangabe Testgröße fett.

***Stack/Reach projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr; STR (Stack to Reach) 1,36 bedeutet eine sehr gestreckte, 1,60 eine aufrechte Sitzposition.