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Mit dem Filante verbindet die traditionsreiche Marke aus Rossano Veneto die größten Erfolge ihrer jüngeren Geschichte. Nicht nur, dass der 2020 eingeführte Racer schon damals eine außergewöhnlich gute Balance aus Aerodynamik und geringem Gewicht bot: Schon bei der Premiere wog das damals als reines Aero-Modell konzipierte Rad weniger als sieben Kilogramm. Rückblickend könnte man das Filante als frühen Vertreter des Trends zum Allround-Renner einordnen – aber auch als Comeback der über Jahrzehnte technisch abgehängten italienischen Rennradindustrie.
Zwischenzeitlich belieferte der in Bassano del Grappa gegründete Hersteller, der in diesem Jahr sein 120. Firmenjubiläum begeht, zwei prominente Pro-Tour-Teams, die fast ausschließlich das vielseitige Aero-Modell fuhren. Womöglich auf ewig in den Geschichtsbüchern bleibt der Rekord von Mark Cavendish, der 2024 im Astana-Trikot auf einem Filante seinen 35. Tour-de-France-Etappensieg holte. Beflügelt vom anhaltenden Aufwärtstrend soll die zweite Generation des Filante nun an diese Erfolge anknüpfen. Fünf Jahre ließ man sich Zeit, um das Flaggschiff neu aufzustellen. Währenddessen investierte Wilier viel Aufwand in Windkanaltests und CFD-Simulationen, denn eine verbesserte Aerodynamik stand im Lastenheft weit oben. Pate bei der Entwicklung standen auch die Fahrer des Teams Groupama-FDJ, mit dem Wilier eine langjährige Partnerschaft pflegt.
Dem ersten Eindruck nach ist der Modellwechsel eher Evolution statt Revolution. Das Design des Filante ID2* bleibt schnörkellos und elegant, orientiert sich in seinen Proportionen stark am Vorgänger. Ein avantgardistisches Aero-Rennrad, wie es jüngst Colnago mit dem Y1Rs oder Factor mit dem ONE präsentierten, ist das Filante nicht geworden – es bleibt auch optisch seinem Anspruch des vielseitigen Allrounders treu.
Ein neues, auffälliges Element sind die Aero-Flaschen mit speziellen Flaschenhaltern, die gemeinsam mit Marktführer Elite entwickelt wurden. Sie fügen sich harmonisch und windschnittig an die Rohrformen und sollen dem Rad zusätzlichen Speed mitgeben. Die weiteren Änderungen erscheinen subtil, können bei näherer Betrachtung aber aerodynamisch effektiv sein: Gabel und Hinterbau sind etwas weiter ausgestellt, wie es zuletzt an den schnellsten Aero-Boliden zu sehen war. Die Sitzstreben schließen tiefer und tragflächenartig an das Sitzrohr an, die neue Lenkerkombi ist flacher und kantiger als bisher.
Auf der Waage kann das Filante schon mal beeindrucken: exakt 6.800 Gramm (ohne Pedale und Flaschenhalter) sind die erste Kampfansage an die Konkurrenz. Zunächst verschaffen wir uns aber einen Fahreindruck, bevor wir die Performance in Zahlen messen. Wir nehmen auf einem ausnehmend sportlichen Renner Platz, der vom ersten Meter an keine Zweifel an seinem ihm zugedachten Einsatzzweck lässt. Die kompakte, nach vorne orientierte Sitzposition mit sehr tief positioniertem Lenker verleitet dazu, ordentlich Gas zu geben. Dabei reagiert das Rad prompt und setzt Antritte willig in Vortrieb um.
Unser Testrad ist mit neuen Carbonlaufrädern der Wilier-Hausmarke Miche ausgestattet, die mit Carbonspeichen aufgebaut sind und entsprechend leicht ausfallen. Mehrere Hundert Gramm Gewichtsunterschied wirken sich hier spürbar auf das Fahrverhalten aus; das Filante wirkt deutlich spritziger als andere Räder der gleichen Kategorie und Gewichtsklasse. Schnelle Kurven erfordern dafür etwas Konzentration, denn das ohnehin wendige Lenkverhalten wird vom leichten Vorderrad noch verstärkt. Auf Rüttelpisten offenbart sich eine Schwäche des Wilier, denn im Vergleich zu Konkurrenten fährt es sich über Unebenheiten relativ hart. Angesichts des Designs der versatzlosen Aero-Stütze wundert das kaum, genaueren Aufschluss werden die Messungen im TOUR-Labor ergeben.
Gut gefällt uns die Ergonomie des neuen, in Rahmenfarbe lackierten Lenkers. Die Lenkerenden beschreiben unterhalb der Bremsgriffe keinen stetigen Bogen, sondern sind kaum sichtbar abgewinkelt, wodurch die Hände im Unterlenkergriff einen besseren Halt finden. Auch den Oberlenker und den leichten Flare – die seitlich ausgestellten Lenkerbögen – finden wir ausgesprochen angenehm. Etwas enttäuscht sind wir von der Praxistauglichkeit der neuen Aero-Flaschen. Um sie zu füllen, sind zwei Hände nötig, weil sie nicht von selbst stehen. Auch ist die Öffnung relativ klein, weshalb sie sich schlecht füllen und reinigen lassen. Dass sie immer in einer Richtung in die Halterung geschoben werden müssen, daran gewöhnt man sich schnell. Doch das Versprechen, dass auch runde Flaschen in die Halter passen, wird nur eingeschränkt gehalten. Zwar halten die Standard-Flaschen problemlos; große 750-MilliLevel.
Der Test auf unseren Prüfständen offenbart aber auch manchen Kompromiss. Der mäßige Komforteindruck täuscht nicht, hier schneidet das Wilier nur durchschnittlich ab. Auch die Fahrstabilität trifft nicht den heutigen Stand der Technik, was eine Teilerklärung für das etwas nervöse Fahrverhalten in schnellen Kurven sein dürfte. Schwerere Piloten könnten sich ein stabileres Fahrwerk mit besserer Rückmeldung wünschen. Harte Sprints sind dagegen unproblematisch, die Steifigkeit im Tretlager ist top.
Die Eins vor dem Komma in der TOUR-Note ist verdient, die Abzüge verhindern jedoch, dass das Filante in allen Disziplinen mit den besten Wettkampfrennern der Konkurrenz gleichziehen kann. Versierte wie trainierte Fahrer dürften der geringe Komfort und die Schwäche bei der Fahrstabilität kaum stören; Rennprofis sind in der Regel leicht, und in den entscheidenden Situationen kommt es auf die Kerndisziplinen an. Insofern ist auch das neue Filante ein heißer Kandidat für weitere Profisiege auf allen Etappenprofilen.
Wilier bietet das Filante ID2* in acht Ausstattungsvarianten mit Schaltgruppen aller drei führenden Hersteller an. Allerdings ist schon der Einstieg teuer: Mit Ultegra Di2 und einfachen Miche-Carbonfelgen kostet es 9.700 Euro. Die neuen Miche-Deva-Laufräder sind noch nicht auf der Webseite gelistet, dürften aber etwa 1.000 Euro Aufpreis bedeuten. Das Rahmen-Set kostet 5.800 Euro. Günstiger wird das „alte“ Filante SLR ID1, welches weiter im Programm ist, zu Preisen ab 7.499 Euro.

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