Neues Langstrecken-Rennrad der KoblenzerDas neue Canyon Endurace wird ein Aero-Racebike

Jens Klötzer

 · 30.03.2026

Matthieu van der Poel bei den E3 Saxo Klassik: Neues Canyon zum Sieg gefahren
Foto: Getty Images/Tim de Waele
Bei den derzeit laufenden Klassiker-Rennen in Belgien sind von Canyon ausgestattete Profis auf einem noch unveröffentlichten Rennradmodell unterwegs, das Team Alpecin-Deceuninck fuhr sogar schon zwei Siege damit ein. Was wie ein neues Aero-Rennrad aussieht, entpuppt sich als Nachfolger des komfortablen Langstrecken-Primus’ Endurace. Was wir bislang über die Neuheit wissen - und was nicht

Man muss schon sehr genau hinschauen, um die Unterschiede zu erkennen: Das neue Canyon-Modell, das unter anderem die Alpecin-Deceuninck-Stars Matthieu van der Poel und Jasper Philipsen gerade in den Klassiker-Rennen durch Belgien pilotieren, ist auf dem ersten Blick vom Standard-Arbeitsgerät Aeroad kaum zu unterscheiden. Besonders die Front und die Gabel des aerodynamisch optimierten Rennrads orientieren sich stark an der Formensprache des Wettkampf-Allrounders, den die von Canyon gesponserten Profis von Movistar und Alpecin zuletzt ausnahmslos in allen Wettkämpfen einsetzten. Lediglich die andere Form des Sitzrohrs - im unteren Drittel deutlich verjüngt statt tragflächenartig in die Länge gezogen - liegt ein klar erkennbarer Unterschied. Bei genauerem Blick erkennt man weitere Details: Das Unterrohr ist in Höhe des Flaschenhalters deutlich breiter, die Sitzstreben sind weiter ausgestellt. Als erste Vermutung liegt nahe, dass es sich um einen Nachfolger des Aeroad handelt. Doch der Blick auf die Rückseite des Sitzrohrs lässt etwas überraschendes erkennen: Was die Profis hier als Prototypen pilotieren, ist ein Ausblick auf das zukünftige Langstreckenmodell Endurace.

​Nicht nur durch die beiden letzten Siege - Philipsen gewann am Wochenende In Flanders Fields in Welvegem, van der Poel rollte in der Woche zuvor beim Rennen E3 Saxo Klassik als Erster über die Linie - rückte auch das neue Rad in den Blickpunkt der Zuschauer. Auch die Frage, was die Favoriten bei den demnächst anstehenden Monumenten Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix fahren werden, beschäftigt die Fans zunehmend, weshalb viele bei den Vorbereitungsrennen genauer hinschauen.

Wie ist das neue Canyon Endurace positioniert?

Wohl deutlich sportlicher als bisher, das lässt sich zumindest über die von den Profis genutzte Luxusvariante CFR (Canyon Factory Racing) schon von den ersten Bildern sagen. Nicht nur die Rahmenform orientiert sich an aktuellen Wettkampf-Rennrädern, scheint bis ins Detail aerodynamisch optimiert. Auch die Sitzposition ist deutlich gestreckter und rennmäßiger als vom bisherigen Endurace bekannt. Van der Poel und Phillipsen sitzen nicht sichtbar anders, sprich aufrechter, auf dem neuen Rad als bisher auf dem Aeroad. Wohl hauptsächlich aus diesem Grund kam das Endurace nie in Profi-Rennen zum Einsatz. Ob für günstigere Varianten andere, langstreckentauglichere Geometrien vorgesehen sind oder die bisherige, sehr komfortabel geschnittene Endurace-Plattform parallel im Programm bleibt, ist noch nicht bekannt.

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Wird das Endurace noch komfortabler als bisher?

Vermutlich nicht, es dürfte eher das Gegenteil der Fall sein. Die Sattelstütze des neuen Modells ähnelt stark der aerodynamisch optimierten Form des Aeroad, möglicherweise ist sie sogar mit dieser identisch. Alle Erfahrungen besagen, dass diese Form deutlich weniger gut federt als die konkurrenzlos komfortable runde Blattfederstütze, die im bisherigen Endurace steckt. Gegenüber dem Aeroad scheint zwar besonders das Sitzrohr mit Blick auf besseren Komfort konstruiert worden zu sein. Die Verjüngung am unteren Ende des Sitzrohres nutzt unter anderem auch das Cannondale SuperSix, um den Federkomfort zu verbessern, dort ist es noch deutlich markanter. Dass die Konstruktion die herausragenden Komfortwerte des bisherigen Endurace erreichen kann, ist äußerst unwahrscheinlich.

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Was wird das neue Endurace wiegen?

Bei den Gewichten darf man sich wohl am Canyon Aeroad orientieren. In der Top-Version, das heißt mit Shimano Dura-Ace- oder SRAM Red-Gruppe, schafft es das auf glatt sieben Kilogramm. Aufgrund breiterer Reifen und mit breiteren Felgen muss mit 100-200 Gramm Aufschlag zu rechnen sein. Bleibt Canyon bei seiner Strategie, werden wohl drei Rahmenqualitäten angeboten: CFR, CF SL und CF, die immer günstiger, aber auch schwerer werden. Wir vermuten, dass das Bike nur noch Funkschaltungen zulässt: Shimano 105 Di2 und SRAM Rival AXS dürften dann die günstigsten Ausstattungsvarianten werden und rund 8,5 Kilogramm wiegen.

Welche Reifen passen in das neue Endurace?

Auch wenn die Plattform deutlich rennmäßiger ausgelegt ist, dürften mindestens 35 Millimeter breite Straßenreifen in Rahmen und Gabel passen. Schon mit dem letzten Update des Endurace vergrößerte Canyon das maximal zulässige Maß von 32 auf 35 Millimeter; kürzlich vorgestellte Neuheiten wie das Rose Shave zeigen, dass der Trend bei Endurance-Bikes in diese Richtung geht.

Welche weiteren neuen Features bietet das Rad?

Ein Schaltauge im UDH-Standard, davon durfte man bei der Neuvorstellung aber ausgehen. Darüber hinaus ist nichts besonderes zu erkennen oder bekannt: Über ein Staufach im Oberrohr, wie es das letzte Endurace bot, verfügt das neue offensichtlich nicht. Es kann aber auch hier sein, dass das den preiswerteren, dafür schwereren Rahmenvarianten vorbehalten bleibt. Bei den CFR-Versionen holen die Canyon-Ingenieure schließlich die maximale Performance raus.

Wann wird das neue Endurace vorgestellt/erhältlich sein?

Die Tatsache, dass die Profis relativ öffentlich das Rad zur Schau stellen, spricht dafür, dass die Einführung kurz bevor steht. Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix sind beliebte prominente Bühnen für eine Neuvorstellung, auch wenn die Profis solche Modelle aufgrund der aufrechten Sitzposition dort in der Regel nicht fahren. Beim neuen Endurace dürfte das anders sein, denn seine Renntauglichkeit hat es hier schon unter Beweis gestellt. Für den Einsatz bei Paris-Roubaix spricht das Mehr an Reifenbreite. Und ein Sieg bei einem Radsport-Monument zum Zeitpunkt der Markteinführung ist die beste Werbung, die sich ein Radhersteller vorstellen kann.

Jens Klötzer

Jens Klötzer

Redakteur

Jens Klötzer ist gelernter Wirtschaftsingenieur und bei TOUR der Experte für Komponenten aller Art: Bremsen, Schaltungen, Laufräder oder Reifen – alles testet Jens auf Herz und Nieren. Er sammelt historische Rennräder, besitzt sowohl ein modernes Zeitfahrrad wie ein Gravel-Reise-Rennrad aus Titan. Auf Reisen erkundet er gern unbekannte Straßen in Osteuropa – auf breiten, aber schnellen Reifen.

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