Aero ist Trumpf: Dieser Maxime verschrieb sich die italienische Traditionsmarke Cinelli in den vergangenen Monaten und entwickelte das Aeroscoop. Die Melange aus avantgardistischem Aero-Design und traditionsbehaftetem Schriftzug wirkt zunächst etwas seltsam, denn in den vergangenen Jahren zehrte Cinelli eher vom Kultstatus der Marke und war mit dem ikonischen geflügelten „C“ vor allem in der Retro- und Fixie-Szene präsent. Nach wie vor beliebt sind die klassisch anmutenden Stahlrahmen aus italienischer Produktion. Zwar führt Cinelli schon länger auch modern designte Rahmen aus Carbon im Programm, im Marktumfeld fielen sie aber kaum mit innovativen Ansätzen auf und blieben eher eine Randerscheinung. Ambitionen im Profisport hegte man schon seit Jahrzehnten nicht mehr.
Mit dem neuen Aeroscoop soll sich das Image des Herstellers aus dem Großraum Mailand nun ändern. Laut Cinelli ist die Neuheit das bislang schnellste Rennrad in der mehr als 75-jährigen Firmengeschichte. Das markanteste Detail des Rahmen-Sets findet sich am Hinterbau, wo in den flächigen Knotenpunkt zwischen Sitzstreben und Sitzrohr ein auffälliges Fenster geschnitten ist. Die Italiener bezeichnen die Konstruktion als “Double Arm Seat Stay Design”, das wie zwei Tragflächen den Luftstrom um den Hinterbau lenken soll. Mehr Einfluss auf die bemerkenswert gute Aerodynamik dürfte indes die filigrane Front haben: Das Steuerrohr ist konkav geformt, das tiefer gesetzte Unterrohr schmiegt sich um das Vorderrad.
Das volle Aero-Potenzial reizt eine Tuning-Version aus, die uns für den Test zur Verfügung gestellt wurde: Mit flächigen Aero-Laufrädern von Columbus sowie dem strömungsoptimierten Vorderreifen von Continental kitzelt es auch bei der Ausstattung jedes Watt Leistung heraus. Besonders gespannt waren wir deshalb auf das Ergebnis des Windkanal-Tests. Dort enttäuscht das Aeroscoop nicht: 207 Watt benötigt es im gezeigten Set-up zur Überwindung des eigenen Luftwiderstands im Renntempo. Die Top-Version des Cinelli reiht sich damit knapp hinter den populären Aero-Flundern Scott Foil RC Ultimate (203 Watt), Canyon Aeroad CFR (204 Watt) und Colnago Y1Rs (204 Watt) ein.
Als schneller Race-Allrounder lässt das Aeroscoop auch das Gesamtgewicht nicht außer Acht. Unser Testrad hängt mit 7,2 Kilogramm an der Laborwaage. Das Cinelli erreicht damit das Niveau der aerodynamisch optimierten Modelle von Canyon oder Storck, ist aber noch ein Stück entfernt vom ähnlich schnellen Scott Foil, das es dank superleichter Vollcarbonlaufräder auf 6,9 Kilogramm bringt. Auch dem Cinelli helfen Carbonspeichen in den hauseigenen Columbus-Laufrädern auf die Sprünge; die derzeit verfügbaren Serienaufbauten mit Laufrädern von Fulcrum dürften rund 200 Gramm mehr wiegen. Astreine Race-Allrounder wie das Specialized S-Works Tarmac SL 8 (6,6 Kilo; 209 Watt), die den Spagat aus geringem Gewicht und hoher Geschwindigkeit anstreben, sparen im Vergleich zum Aeroscoop einige Hundert Gramm.
Doch genug der Theorie, nun zum Fahreindruck. Auf dem Aeroscoop sitzt es sich rennmäßig kompakt, extrem fällt die Geometrie aber nicht aus. Der nur 360 Millimeter schmale Lenker passt zum Anspruch eines modernen Aero-Renners. Eine Besonderheit finden wir bei der Form des Unterlenkers: Das seitlich abgeflachte und an der Vorderseite mit einer Fingermulde versehene Rohr liegt ausgesprochen gut in der Hand und gibt in Sprints sicheren Halt. Weil der Drop gering ausfällt, ist die Fahrt in aerodynamischer Unterlenkerposition auch über längere Zeit bequem. Auf der Straße setzt das Rad dank der sehr leichten Laufräder mit Carbonspeichen die eingebrachte Energie gut in Geschwindigkeit um, geradeaus hält es gut das Tempo.
Leider offenbart sich bei der Testfahrt auch schnell, dass Fahrkomfort nicht die Stärke des rassigen Italieners ist. Schlechte Untergründe machen sich spürbar am Sattel bemerkbar, im Labor auf dem Komfortprüfstand bestätigt sich der Eindruck: Auch hier federn der mehrfach verstrebte Hinterbau und die flächige Aero-Stütze kaum. Einzig über die Reifen ließe sich das verbessern, immerhin gibt Cinelli den Rahmen für bis zu 34 Millimeter breite Gummis frei. Schwere und kraftvolle Piloten dürften sich zudem ein verwindungssteiferes Rahmen-Set wünschen, denn in schnell gefahrenen Kurven steuert sich das Cinelli etwas unpräzise. Die Gründe liefern die Steifigkeitsmessungen im TOUR-Labor, auch hier offenbart das Aeroscoop Schwächen und lässt einige Punkte liegen.
Das Rahmen-Set ist vom Steifigkeitsniveau moderner Rennradrahmen ein gutes Stück entfernt, sowohl im vorderen Bereich, der verantwortlich für Spurtreue und Stabilität in schnellen Kurven ist, als auch im Tretlager, was vor allem Sprinter bei kraftvollen Antritten merken dürften. Für leichte Piloten sind die Werte unkritisch, sie verhageln dem Aeroscoop aber eine bessere Gesamtnote.
Der große Wurf ist das Aeroscoop also noch nicht. Zwar stellen die Italiener einen sehr eigenständig designten Flitzer auf die Räder, der mit UDH-Schaltauge und geschraubtem T47-Tretlager auch im Detail auf dem Stand der Technik ist und in den Kerndisziplinen Aerodynamik und Gewicht eine durchaus beachtliche Performance bietet. Die etablierte Konkurrenz hat allerdings schon vorgemacht, dass sich guter Fahrkomfort und für alle Belange ausreichende Steifigkeitswerte mit diesen Eigenschaften nicht ausschließen. Auch im Detail gibt es noch Verbesserungsbedarf: Der Sattel ließ sich am Testrad trotz deutlich erhöhtem Drehmoment und viel Carbonpaste nicht so fixieren, dass er bei Schlaglöchern in seiner Stellung blieb.
Gemessen an anderen italienischen Traditionsmarken ist das neue Top-Modell nicht übertrieben teuer. Cinelli bietet vom Aeroscoop fünf Komplettrad-Optionen zwischen 6000 und 10.700 Euro an. Alle Konfigurationen kommen mit elektronischer Schalttechnik von Campagnolo, Shimano oder SRAM. Mit mechanischen Schaltungen lässt sich der Rahmen nicht aufbauen. Die preiswertesten Versionen mit Ultegra Di2 und 105 Di2 sind mit Alu-Laufrädern von Fulcrum ausgestattet, in den Varianten mit Dura-Ace Di2, Red AXS und Super Record WRL stecken Fulcrum-Wind-Carbonlaufräder. Die Serienversionen tragen außerdem alle recht günstige Vittoria-Reifen. Eine Version mit den gezeigten Columbus-Laufrädern, die maßgeblich an den guten Leistungen und der Top-Aerodynamik des Aeroscoop beteiligt sind, soll im Frühjahr 2026 folgen. Das Rahmen-Set zum Selbstaufbau inklusive Sattelstütze und der Lenkereinheit von Columbus, die auch an allen Kompletträdern montiert ist, gibt es auch jetzt schon, allerdings für relativ teure 4500 Euro. Neben fünf Rahmengrößen stehen in allen Ausstattungsvarianten zwei Farboptionen zur Auswahl.