Cannondale SuperSix EvoNeues Profi-Rennrad nahe an der Perfektion

Jens Klötzer

 · 28.02.2026

Diskret an die Spitze: Cannondale hat das SuperSix Evo behutsam, aber konsequent weiterentwickelt
Foto: Cannondale
Cannondale verfeinert stetig das Rezept für das SuperSix Evo als perfekten Race-Allrounder. Mit der fünften Generation kommt die US-Marke dem Ziel ein gutes Stück näher

Auf den ersten Blick konnte man fast enttäuscht sein von der Neuvorstellung des Cannondale SuperSix. Rein äußerlich hat es sich kaum verändert. Die Bilder von der Tour Down Under, bei der das Rad im Januar schon vor der offiziellen Präsentation vom Team EF Education-EasyPost erstmals im Profirennen eingesetzt wurde, mussten selbst Experten direkt nebeneinanderlegen, um beurteilen zu können, ob die Fahrer auf einem neuen oder dem bekannten Modell unterwegs waren. Schlichtes Vorderteil, das markant geformte Sitzrohr, tief angesetzter Hinterbau – alles beim Alten, könnte man meinen. Und wir stellten uns auch die Frage, warum man nach nicht einmal drei Jahren Laufzeit ein neues Modell auf den Markt bringen muss, das dem bisherigen so sehr ähnelt.

Viele Verbesserungen am SuperSix Evo

Doch die nur behutsame Weiterentwicklung sei Konzept, heißt es aus der Marketingabteilung von Cannondale. Zur offiziellen Präsentation im Februar versprachen die Entwickler bei aller Ähnlichkeit viele Verbesserungen. Leichter und vor allem aerodynamisch besser soll das fünfte SuperSix geworden sein. Bewährtes wurde beibehalten, wie die erwähnte Form des Sitzrohres, das oben windschnittig ist und unten federt. An den Rohrformen des vorderen Rahmendreiecks betrieb man viel Feintuning, was kaum sichtbar, aber messbar schneller sein soll. Außerdem werden gleich zwei neue Lenkerkombis eingeführt, eine überarbeitete Geometrie und eine leicht veränderte Modellstrategie. Doch der Reihe nach.

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Als Testrad spendierten die Amerikaner eine exklusive LAB71-Variante, so etwas wie die Nobelversion des SuperSix Evo. Sie bezeichnet die hochwertigste Carbonqualität, also das leichteste Rahmen-Set, sowie eine Ausstattung auf Profi-Niveau. Unter dem Label gibt es ab sofort zwei verschiedene Varianten: Die gezeigte mit Shimanos DuraAce, hohen Reserve-Felgen und flächiger Lenkerkombi ist das aerodynamisch schnellste Set-up. Als LAB71 SL kommt das SuperSix mit flacheren DT Swiss-Laufrädern, SRAM Red AXS und einer leichteren Carbon-Kombi mit rundem Lenker: der Berg-Spezialist sozusagen; das SuperSix soll dann laut Hersteller weniger als 6,4 Kilogramm wiegen. Im Aero-Kleid hängt das Top-Modell mit 6.890 Gramm an der TOUR-Waage, was ein sehr ordentlicher Wert ist, aber nicht rekordverdächtig. Der Hauptkonkurrent, das Specialized Tarmac SL8, ist noch einmal rund 250 Gramm leichter. Damit trifft das Cannondale ziemlich genau das Gewicht des Vorgängers, den wir Anfang vergangenen Jahres testen konnten. Allerdings kommt die fünfte Generation auf deutlich höheren Aero-Laufrädern angerollt, womit im Umkehrschluss an der Rahmenbasis so manches Gramm gespart werden konnte.

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Schnelle Laufräder segeln vor dem Wind

In Sachen Aerodynamik als zweiter wichtiger Disziplin hat sich das SuperSix gegenüber dem Test vor einem Jahr tatsächlich noch einmal verbessert. Schon das Vorgängermodell galt für sein Gewicht als aerodynamisch stark; in unserem diesjährigen Versuch im GST-Windkanal in Immenstaad macht das Cannondale einen weiteren Satz nach vorne um fünf Watt und schrammt mit 205 Watt nur knapp an einer Bestnote vorbei. Das ist bislang das Niveau spezialisierter Aero-Renner, vergleichbar mit einem Canyon Aeroad oder Scott Foil, die mit deutlich ausladenderen Formen aufwarten. Unser Experiment offenbart aber auch, dass die Laufräder einen ordentlichen Anteil am Ergebnis haben. Sie zeigen vor allem bei großen Anströmwinkeln, also in der Praxis bei starkem Seitenwind, einen ausgeprägten Segeleffekt und drücken somit den berechneten Widerstandswert in unserer Gewichtung.

Die Felgenhöhe dürfte unter seitlichen Böen aber die Lenkung spürbar beeinflussen. Um diesen Effekt bereinigt, sprich mit dem Referenz-Laufradsatz gemessen, reduziert sich der Aero-Vorteil gegenüber dem Vorgängermodell auf etwa die Hälfte. Das soll aber die Qualität der Neuentwicklung keinesfalls schmälern. Zusammen mit dem weiterhin guten Komfort am Sattel und sehr guten Steifigkeitswerten entsteht zumindest auf dem Papier ein Wettkampf-Renner, der auf allen Terrains glänzen kann und die Profis im Team EF Education-EasyPoast vom Bergfloh bis zum Sprinterkönig ausnahmslos glücklich machen dürfte.

Verdiente Bestnote für das SuperSix Evo

Mit der verdienten Bestnote von 1,5 reiht sich das SuperSix in die Riege der besten Rennräder der Welt ein, auf Augenhöhe mit Boliden wie dem Specialized Tarmac, Canyon Aeroad oder Scott Foil. Manche sind minimal schneller aber schwerer, andere leichter aber aerodynamisch langsamer, doch das sind letztlich nur Nuancen.

Bleibt die Frage, ob das Rad auch in der Praxis so viel Spaß macht, wie es die Fabelwerte versprechen. Die lässt sich uneingeschränkt mit einem „Ja“ beantworten, denn von seinen Qualitäten im Fahrverhalten hat das Rad nichts eingebüßt. Im Gegenteil schärft das neue SuperSix seinen Charakter und fühlt sich noch etwas mehr nach waschechtem Renngerät an. Die Sitzposition ist sportlicher geworden, mit weniger Stack lastet mehr Gewicht auf dem Vorderrad, und die neue Lenkerkombi verlagert die Griffposition zusätzlich etwas weiter nach vorne. Damit wirkt das Rad noch spritziger, das Lenkverhalten bleibt dennoch gutmütig und ausgewogen, auch in schwierigen Situationen vermittelt es stets das Gefühl, die Kontrolle zu behalten. Das Fahrwerk schluckt Unebenheiten passabel weg, breite und geschmeidig rollende Reifen komplettieren den rundum gelungenen Fahreindruck.

Günstigere Preise

Eine in diesen Zeiten erstaunliche Nachricht ist, dass das neue SuperSix günstiger geworden ist, nachdem die letzte Generation mit schwindelerregenden 15.500 Euro neue Maßstäbe in der Preisgestaltung für Rennräder setzte. Der Preis für die Profi-Version normalisiert sich etwas, auch wenn knapp 12.000 Euro immer noch im oberen Bereich für vergleichbare Top-Modelle liegen. Die leichtere SL-Variante kostet 800 Euro Aufpreis. Bei den günstigeren Ausstattungen wurden ebenfalls die Preise gesenkt, die Modelle mit Shimano Ultegra oder SRAM Force kosten bis zu 1.000 Euro weniger. Insgesamt neun Komplettrad-Varianten und zwei Rahmen-Sets bietet Cannondale vom neuen SuperSixEvo an. Die höchste Carbonqualität bleibt den LAB71 Versionen vorbehalten, die zweithöchste (Hi-MOD) dem SuperSix Evo 1.

Powermeter sind nur an diesen Versionen serienmäßig. Den Einstieg bildet das EVO 5 mit Shimanos 105 Di2 für 4.499 Euro. Die viele Jahre geführte Komponenten-Eigenmarke Hollowgram stampft Cannondale endgültig ein: Die Generation 5 des SuperSix ist mit Laufrädern von Reserve oder DT Swiss ausgestattet, die Lenkerkombi läuft unter Cannondale. Das SmartSense-Konzept, das beim Vorgänger die Schaltung und eine integrierte Beleuchtung über einen zentralen Akku versorgte, wird es nur noch beim Endurance-Modell Synapse geben.

Die wichtigsten Infos um Cannondale SuperSix Evo LAB71

  • Preis: 11.999 Euro
  • Gewicht Komplettrad: 6,9 Kilo
  • Info: www.cannondale.com
  • Rahmengrößen: 44, 48. 50, 52, 54, 56, 58, 61 cm

Geometrie

  • Sitz-/Ober-/Steuerrohr: 515/570/150 Millimeter
  • Stack/Reach/STR: 572/390 Millimeter/1,47
  • Stack+/Reach+/STR+: 630/593 Millimeter/1,06
  • Radstand/Nachlauf: 995/58 Millimeter

Ausstattung

  • Antrieb/Schaltung: Shimano Dura-Ace Di2 (52/36, 11-30 Z.) | Note: 1,0
  • Bremsen: Shimano Dura-Ace (160/140 mm) | Note: 1,0
  • Reifen: Vittoria Corsa Pro TLR 29 mm | Note: 1,5
  • Laufräder: Reserve 57|64
  • Laufradgewichte: 1.225/1.555 Gramm (v./h.)

Messwerte

  • Gewicht Komplettrad: 6.890 Gramm | Note: 1,7
  • Aerodynamik: 205 Watt | Note: 1,3
  • Fahrstabilität: 8,2 N/mm | Note: 1,7
  • Komfort Heck: 135 N/mm | Note: 2,0
  • Komfort Front: 103 N/mm | Note: 3,0
  • Antritt/Tretlagersteifigkeit: 63 N/mm | Note: 1,0
Die Charakteristik des Cannondale SuperSix EvoFoto: TOURDie Charakteristik des Cannondale SuperSix Evo

Stärken und Schwächen auf einen Blick

  • Das gefällt: sehr gute Aerodynamik, leicht, komfortabel, viele Varianten
  • Das kann man kritisieren: als Top-Version relativ teuer

Jens Klötzer

Jens Klötzer

Redakteur

Jens Klötzer ist gelernter Wirtschaftsingenieur und bei TOUR der Experte für Komponenten aller Art: Bremsen, Schaltungen, Laufräder oder Reifen – alles testet Jens auf Herz und Nieren. Er sammelt historische Rennräder, besitzt sowohl ein modernes Zeitfahrrad wie ein Gravel-Reise-Rennrad aus Titan. Auf Reisen erkundet er gern unbekannte Straßen in Osteuropa – auf breiten, aber schnellen Reifen.

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