GPS-TrackerDie digitalen Detektive im TOUR-Praxistest

Jörg Spaniol

 · 22.10.2022

GPS-Tracker: Die digitalen Detektive im TOUR-PraxistestFoto: Jörg Spaniol

Ein teures Rennrad ist schnell geklaut - aus dem Keller, der Hotelgarage oder vor dem Eiscafé. Profidiebe arbeiten auf Bestellung. Doch Gegenwehr ist möglich: Versteckte GPS-Tracker fürs Fahrrad sollen dem Besitzer zeigen, wo sein gestohlenes Rad gelandet ist. Wie gut funktioniert das? Vier Tracker im TOUR-Praxistest.

Besser hätte es sich die PR-Abteilung eines einschlägigen Geräteherstellers auch nicht ausdenken können: “Da staunten die Polizisten: Bei einer Durchsuchung fanden sie knapp 50 gestohlene Räder. Ein IT-Berater gab ihnen den entscheidenden Tipp”, ver­kündete eine Münchener Boulevardzeitung kürzlich - und berichtete dann, dass der Tipp­geber sein Rad mit einem GPS-Tracker fürs Fahrrad ausgerüstet hatte, der direkt zum Lager des Profidiebs führte. Seit E-Bikes und Sporträder schnell mal mehr­ere Tausend Euro kosten, ist Fahrraddiebstahl immer öfter das Werk organisierter Krimineller, die mit Lieferwagen los­ziehen, um die Beute abzutransportieren.

Verlagssonderveröffentlichung

Wie funktioniert ein GPS-Tracker fürs Fahrrad?

Versteckte GPS-Tracker am Fahrrad, die dem Besitzer zeigen, wo das gestohlene Rad ist, können die polizeiliche Aufklärungsquote deutlich steigern. Fast alle funktionieren nach demselben Prinzip: Am oder im Fahrrad ist ein GPS-Chip montiert. Dieser Chip errechnet anhand von über ihm schwebenden Satelliten seine Position - genau wie bei jedem Auto-Navi oder Fahrrad-GPS. Doch weil der Fahrradbesitzer beim gestohlenen Rad eben nicht im Sattel sitzt, muss ihm das Rad von selbst mitteilen, wo es gerade ist. An dieser Stelle kommt zusätzlich zum GPS die Mobilfunktechnik ins Spiel, denn nun muss das gestohlene Rad seinen Besitzer anrufen und ihm seine Position mitteilen. Dafür ist in Trackern eine SIM-Karte eingebaut, wie sie prinzipiell auch im Handy steckt. Wird das Rad mit scharfgeschaltetem GPS-Tracker bewegt, schickt der eingebaute Sender dem Besitzer eine Nachricht ins Mobiltelefon. Dort empfängt eine App des Geräteanbieters die Meldung und die Position des gestohlenen Rades - die Suche kann losgehen.

Zwang zu Kompromissen bei GPS-Trackern

Doch der Teufel steckt im Detail. Eines dieser Details ist die teils hohe Monatsgebühr für diese SIM-Karte, ein anderes die nötige Strom­versorgung. Obwohl die Positionsdaten viel kleinere Datenpakete als jedes Selfie sind, müssen die Geräte maximal sparsam mit dem Strom umgehen. Gerade am Rennrad wären große, schwere Batterien inakzeptabel und kaum zu verstecken. Die leichtesten Geräte (Bikefinder und Alterlock) im Test wiegen inklusive Akku nur etwa 50 Gramm. Würden sie nicht extrem mit Daten und Sendeleistung geizen, wären sie in wenigen Stunden leer. Das zwingt zu Kompromissen, die man beim E-Bike oder PKW nicht machen müsste: Alterlock funkt im energiesparenden “Internet der Dinge” (IoT, Internet of things), beide rufen die Position selten ab. Eine Entscheidung mit Folgen, denn die meisten Geräte im IoT senden höchstens einmal pro Minute ihren Standort. Bei einem getrackten Schiffscon­tainer mag das okay sein, bei einem gestohlenen Fahrrad verhindert es zumindest eine direkte Verfolgungsjagd.

GPS-Tracker am Fahrrad: Alterlock, Apple Airtag, Bikefinder Tracker und PAJ Allround Finder im PraxistestFoto: Jörg Spaniol
GPS-Tracker am Fahrrad: Alterlock, Apple Airtag, Bikefinder Tracker und PAJ Allround Finder im Praxistest

Die beste Ortungsleistung lieferte entsprechend das unförmigste Gerät im Test: Das 140-Gramm-­Kästchen von PAJ ist etwa so groß wie eine Zigarettenschachtel. Es sendet auf Befehl kontinuierlich, und es reist relativ diskret in einer Werk­zeug­tasche mit, bis der Dieb diese irgendwann durchwühlt. Generell sind die jeweils genutzten Funknetze und ihre Abdeckung ein Thema: In Ländern wie der Schweiz wird schon jetzt das alte 2G-Handynetz abgeschaltet. Dort funktionieren die entsprechenden Tracker nicht. In anderen Ländern ist wiederum das IoT-Datennetz noch sehr dünn - es ist also keine schlechte Idee, vor dem Kauf die Netzabdeckung für das jeweilige Gerät in den persönlich relevanten Ländern zu prüfen.

Apple macht weltweit Jagd auf Diebe mit GPS-Tracker

Apple macht gleich alles ganz anders. Die gut münzgroßen “AirTags” der iPhone-Marke sind eigentlich dafür gedacht, verlorene Schlüssel und Ähnliches im Nahbereich wiederzufinden, doch Preis und Gewicht verlocken dazu, sie (entsprechend versteckt) auch für die Fahrrad-Fahndung zu verwenden. Sie haben keinen GPS-Chip und funken nur über die für den Nahbereich entwickelte Bluetooth-Verbindung. Der Trick (den prinzipiell auch die Marken Samsung oder Tile nutzen) ist eine Art Netzwerk: Wenn das Rad als gestohlen gemeldet wird, ist die weltweite Jagd eröffnet. Jedes iPhone, das sich mit eingeschalteten Ortungsdiensten in Bluetooth-Nähe zum gesuchten Objekt befindet, wird ungefragt von Apple gekapert und als Router verwendet. Der gesuchte Chip und das Telefon sagen sich kurz “Hallo”, dann funkt das Telefon den Standort des Rendez­vous zum iCloud-Server, von wo er zum Suchenden gelangt. Nach 8 bis 24 Stunden Dauersuche fängt das Gerät an, laut zu piepen, um Stalkern den Spaß zu verderben. Doch bis dahin dürfte es unbemerkt arbeiten. Dass jeder Tracker prinzi­piell auch Nutzerdaten erhebt, sei hier nur am Rande angemerkt. Alle hier vertretenen Anbieter versichern, der Datenschutz sei gewährleistet.

GPS-Tracker am Fahrrad: Welcher ist der Beste?

Am Ende unserer aufwendigen digitalen Schnitzeljagd hätten wir gerne eine Siegerliste veröffentlicht. Doch die Geräte sind nicht direkt vergleichbar: Der etwas klobige Tracker von PAJ punktet bei der Ortung, der im Lenker versteckte Bikefinder ist smart, überzeugt aber ebenso wenig wie der Alarmanlagen-Tracker von Alterlock bei in Gebäuden abgestellten Rädern. Die Bluetooth-­Lösung von Apple kann für abgestellte Räder im städtischen Raum funktionieren, ist aber sehr voraussetzungsreich. Angesichts von Preisen bis etwa 200 Euro und kostenpflichtigen Mobilfunk-Abos sind die Tracker derzeit noch eine teure Ergänzung zu Wachsamkeit, einem soliden Schloss und - je nach Sicherheitsbedürfnis - einer Diebstahlversicherung.


GPS-Tracker am Fahrrad: das Glossar

Beim Kauf von GPS-Trackern und Ähnlichem tauchen viele abgekürzte Technikbegriffe und Markennamen auf. Wer sie versteht, kann die Pro­dukte besser beurteilen.

Bluetooth

Ein Standard für die kabellose Datenübertragung zwischen Geräten im Nah­bereich (etwa 5–10 Meter). Bluetooth-Signale werden leicht durch Wände etc. abgeschirmt.

GPS

Global Positioning System. GPS-Satelliten senden ihre Signale zur Erde. Mit den Daten von mindestens drei Satelliten lässt sich die Position auf der Erdoberfläche relativ genau bestimmen.

GPS-Tracker

Während ein GPS-Logger den Streckenverlauf nur aufzeichnet, sendet ein Tracker die Daten schon von unterwegs an einen Empfänger.

GSM

Der hierzulande veraltete Mobiltelefonie-Standard (2G) hat weltweit eine gute Ab­deckung und wird daher auch für GPS-Tracker verwendet. Nachteil: hoher Stromverbrauch, künftige Abschaltung, z.B. in der Schweiz.

LPWAN

Low Power Wide Area Network, ein Überbegriff für Funkstandards wie NB-IoT, LoRaWAN, LTE-M oder Sigfox, die zwar wenige Daten übertragen, aber gut durch Wände dringen und wenig Energie verbrauchen. Bei GPS-Trackern sehr verbreitet.

LTE-M

Neuerer Funkstandard für Datenkommunikation mit geringem Stromverbrauch. Häufiges Senden der Positionsdaten möglich.

NB-IoT

Narrowband-Internet of Things. Relativ verbreiteter Funkstandard für Datenkommunikation mit geringem Energieverbrauch, guter Abdeckung in Deutschland und guter Gebäudedurchdringung.


Vier GPS-Tracker fürs Fahrrad im Praxistest

Alterlock

  • Info: https://alterlock.net
  • Preis: 135 Euro
  • Laufende Kosten: bis 3,99 Euro monatlich
  • Gewicht: 48 Gramm
  • Montage: unter Flaschenhalter
  • Laufzeit Stand-by: bis 1,5 Monate
  • Suche: k.A.
  • Funktechnik: GPS, Bluetooth, WiFi/LPWAN Sigfox,
  • Abdeckung: West- und Nordeuropa
  • Bewegungsmeldung: ja
  • Positionsmeldung: einstellbar bis max. 1 x pro Minute, im Stillstand
  • Extras: Alarmanlage, Fahrradpass in App, Routing durch Google Maps, Social Media Plug-Ins

Praxistest

Nach erfolgtem Alarm vom GPS-Tracker fürs Fahrrad in der App keine Posi­tionsmeldung des fahrenden Rades. Erst etliche Minuten nach dem Abstellen im Freien gefunden, dann aber präzise. Kein Live-Tracking möglich, kein Signal im Innenraum. Empfindlichkeit der akustischen Alarmanlage gut einstell- bzw. abschaltbar.

Fazit

Aufgrund der miniaturisierten Bauweise muss der Sender Strom sparen und sendet auch im Suchmodus höchstens minütlich. Das Rad wird erst im Stand lokalisiert. Im Gebäude sehr schwach. Ähnliche Ortungsleistung wie Bikefinder. Kann bei Entdeckung ohne Werkzeug zerstört werden. Die App ist sehr smart, die Alarmanlage dürfte bei einem Kaffeestopp viel bewirken.

Gut platziert: Der Anti-Diebstahl-Bolzen von Alterlock passt zwischen Flaschenhalter und Rahmen
Foto: Georg Grieshaber

+ leicht, Alarmanlage, Zusatzfunktionen der App

- Netzabdeckung, mäßige GPS-Leistung, hohe Entdeckungswahrscheinlichkeit


Apple Airtag

  • Info: www.apple.com
  • Preis: 35 Euro (Adapter von NC-17: 20 Euro)
  • Laufende Kosten: keine
  • Gewicht: 26 Gramm komplett
  • Montage: Steuerlager-Adapter u.a.
  • Laufzeit Stand-by: 1 Jahr
  • Funktechnik: Bluetooth
  • Abdeckung: weltweit
  • Bewegungsmeldung: nein
  • Positionsmeldung: durch andere iPhones in der Nähe
  • Extras: App auch für Android erhältlich

Praxistest

Im ersten Durchgang (Autotransport und Innenraum) keine Ortung jenseits der Bluetooth-Distanz zum GPS-Tracker. Fundstelle im Gebäude wurde um zwei Kilometer verfehlt. Erst im Freien konnte die Position mit 20 Minuten Ver­zögerung gefunden werden. Kein Live-Tracking.

Fazit

Die winzigen AirTags GPS-Tracker funktionieren prima im Freien bei längerfristig abgestelltem Fahrrad. Im Auto oder Gebäude sind sie jenseits der Bluetooth-Distanz kaum zu orten. Geeignet als leichte, gebührenfreie Option vor allem für Alltagsräder in Gebieten mit vielen iPhone-Besitzern. Das Versteck in der NC-17-Steuersatzkappe ist gut gewählt.

Gut integriert: Der AirTag lässt sich gut in der Steuersatzkappe verstecken
Foto: Jörg Spaniol

+ preiswert, wenig Aufwand, lange Laufzeit

- örtlich und technisch eingeschränkte Funktion


Bikefinder Tracker

  • Info: www.bikefinder.com
  • Preis: 169 Euro
  • Laufende Kosten: bis 5,49 Euro mtl
  • Gewicht: 52 Gramm
  • Montage: Lenkerende, auch Rennlenker (innen 15-23 mm), Spezialschrauben
  • Laufzeit Stand-by: bis 8 Wochen
  • Suche: 16 Stunden
  • Funktechnik: GPS, Bluetooth, 2G
  • Abdeckung: europäische Länder
  • Bewegungsmeldung: ja
  • Positionsmeldung: max. jede Minute
  • Extras: Suchhilfe durch Hersteller, optionale Diebstahlversicherung

Praxistest

Unter den erschwerten Testbedingungen (Autotransport, Innenraum) lag die Positionsmeldung von diesem GPS-Tracker fürs Fahrrad 50 Meter daneben. Erst bei Ansprechen der Bluetooth-Distanz kam eine zutreffende Meterangabe. Testdurchgang im Freien auf offenem Feld präzise. Kein Live-Tracking, da die Position nur im Stillstand und maximal einmal pro Minute aktualisiert wird.

Fazit

Die Anbringung im Lenker, die Mechanik und die App sind sehr gut gemacht. Die Positionsmeldungen konnten aufgrund schwacher GPS-Daten nicht überzeugen. Das könnte am stromsparenden, miniaturisierten Aufbau liegen. Der Hersteller entwickelt das relativ neue Produkt aber ständig weiter.

Gut versteckt: Den flexiblen Bikefinder-Tracker kann man sogar in gebogene Rennlenker schieben
Foto: Georg Grieshaber

+ leicht, gute und unauffällige Montage im Rennlenker, durchdachte App

- hohe Abo-Kosten, geringe Akku-Laufzeit, mäßige Präzision im Test


PAJ Allround Finder

  • Info: www.paj-gps.de
  • Preis: 49,99 Euro
  • Laufende Kosten: bis 6,99 Euro mtl.
  • Gewicht: 141 Gramm
  • Montage: z. B. in Werkzeugtasche
  • Laufzeit Stand-by: bis 60 Tage
  • Suche: bis 20 Stunden
  • Funktechnik: GPS, 2G
  • Abdeckung: 40+ Länder (EU, Nord- und Osteuropa)
  • Bewegungsmeldung: ja
  • Positionsmeldung: kontinuierlich
  • Extras: Streckenspeicher, Notruftaste, Geofencing

Praxistest

Auch im tiefen Altbau-Keller ließ sich der Finder präzise orten. Die kontinuierliche Datenspur im 2G-Netz erleichtert die Verfolgung. Sehr gutes Fahndungsergebnis in unserem Test. Unpraktisch: Tracker muss für jede Fahrt aktiviert werden.

Fazit

Der Allround-Finder ist kein radspezifisches Gerät, sondern ein kleines Kästchen. Wir denken, dass es im Werkzeugtäschchen eher unauffällig mitfährt. Viele Zusatzfunktionen wie die Streckenaufzeichnung sind für den Diebstahlschutz verzichtbar.

Gut verstaut: Der PAJ ist zu groß, um ihn direkt am Rad anzubringen. Das Satteltäschchen ist der beste Ort
Foto: Georg Grieshaber

+ preiswert, sehr gute Positionsangaben

- Montagemöglichkeiten, sehr hohe Abo-Kosten


GPS-Tracker: So testet TOUR

Systematischer Diebstahl: Für den Praxistest wurden die vier GPS-Tracker fürs Fahrrad in geeignete Räder montiert, um etwaige Abschirmungen der Signale durch Rahmen/Lenker zu berücksichtigen. Die präparierten Räder wurden in verschiedenen, nicht einsehbaren Innenräumen versteckt (was dem Vorgehen professioneller Diebe entspricht) und mithilfe der jeweiligen Hersteller-App gesucht. Auch die Findbarkeit während des Transports in einem geschlossenen Lieferwagen war Teil des Praxistests. Eine zweite Testrunde aller Geräte fand am fahrenden und abgestellten Rad im städtischen Umfeld statt. Bewertet haben wir die Präzision der Ortung und die Handhabung der App. Angesichts der sehr verschiedenen Ausrichtung der Produkte ist eine direkt vergleichende Punktewertung jedoch nicht möglich.


Fahrrad mit GPS-Tracker gefunden - was dann?

Ein Interview mit Michael Marienwald, Polizeipräsidium München

TOUR: Angenommen, ich stehe vor einem Mehrparteienhaus und mein GPS-Tracker verortet das Fahrrad irgendwo dort drinnen: Wird mir die Polizei helfen, oder muss ich einfach klingeln und selbst weitersuchen?

Michael Marienwald: Wir raten aus verschiedenen Gründen davon ab, selbst durchzuklingeln. Einer davon ist natürlich die Gefahr, der Sie sich aussetzen, ein anderer ist die Störung unserer Arbeit: Sie wollen nur Ihr Rad zurückhaben, aber wir wollen zudem noch den Dieb ermitteln.

TOUR: Also rufe ich die Polizei, und die durchsucht das Haus?

Marienwald: Mit einem so allgemeinen Verdacht bekommen wir nie einen Durchsuchungsbeschluss. Das würde ja alle Bewohner zu Verdächtigen machen, und eine Durchsuchung der Wohnungen wäre ziemlich unverhältnismäßig. Wenn Sie uns aber präzise Angaben machen können, und die Hausverwaltung uns den Zugang zu allgemeinen Räumlichkeiten wie Fahrradkeller oder Hof ermöglicht, können die Kollegen sich das natürlich ansehen. Oder Sie orten das Fahrrad beispielsweise in einer freistehenden Scheune. Da sollte eine Durchsuchung problemlos sein.

Michael Marienwald, Polizeipräsidium MünchenFoto: Polizeipräsidium München
Michael Marienwald, Polizeipräsidium München