Der Auftakt zur Tour de France Femmes ist kurz und knackig: nur 78,8 Kilometer sind für die Profi-Sportlerinnen ein sehr kurzes Rennen.
Das heißt, dass sehr aggressiv gefahren werden wird und dass es nahezu unmöglich sein wird zu kontrollieren, was geschieht. Alle sind heiß, alle haben Energie von Anfang bis Ende. Es dürfte daher ein sehr hektisches und schnelles Rennen werden.
Schärfstes Hindernis im Kurs ist die Côte de Cadoudal, 1,7 km lang mit durchschnittlich 6,2 % Steigung. Wahrlich kein Monsterberg, aber wie selektiv eine Steigung ist, hängt nicht nur an Länge und Steilheit, sondern auch am Tempo, mit dem die Fahrerinnen die Klippe unter die Räder nehmen. Der Anstieg ist auf den Schlussrunden in Plumelec dreimal zu nehmen, die letzte Durchfahrt ist das Ziel. Entschieden wird das Rennen daher vermutlich am Schlussanstieg – entweder im Stil eines Ausscheidungsfahrens oder als Sprint aus einer kleinen Gruppe.
Können Sprinterinnen in solch einem Finale bestehen? Beim 2025 erstmalig ausgetragenen Mailand- San Remo Donne, mit kürzerer Strecke, aber gleichem Finale wie bei den Männern, konnte sich die derzeit beste Sprinterin der Welt, Lorena Wiebes, am Poggio, der vorselektierenden Steigung, in der Spitzengruppe halten. Mithilfe ihrer Teamkollegin Lotte Kopecky holte sie Elisa Longo Borghini zurück, die sich am Ende der Abfahrt aus der 15-köpfigen Gruppe absetzen konnte, und gewann dann den Sprint der Gruppe – allerdings in flachem Terrain.
Bei der ersten Etappe der Tour aber ist das Ziel am Ende der Steigung, es wird daher zum Shootout am Anstieg kommen. Die Situation ist daher nicht vergleichbar mit dem Poggio. Wahrscheinlicher ist, dass sich eine Puncheurin durchsetzen kann, wie etwa Lotte Kopecky. Aber auch eine sprintstarke Bergfahrerin hat eine Chance.
Doch damit zur Technik. Welches Material verspricht für diese Art Rennen Vorteile? Sollten die Räder so leicht wie möglich sein oder kommt es eher auf die Aerodynamik an? Wer die Tech-Briefings zur Männer-Tour gelesen hat, ahnt, dass wohl auch hier Aerodynamik das Gewicht toppt.
Es gibt jedoch Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Die Frauen sind im Schnitt deutlich leichter und haben auch etwas weniger Power in Relation zum Gewicht als die Männer. Für die Räder gelten allerdings die gleichen Regeln: 6,8 Kilogramm Mindestgewicht sind auch für die Frauen gesetzt. Das heißt, dass die Räder in Relation zum Körpergewicht schwerer sind als bei den Männern und daraus folgt, dass Gewichtsunterschiede bei den Bikes für die Frauen relativ mehr Wirkung zeigen.
Welches Bike ist also unter diesen leicht veränderten Umständen das schnellste? Wir simulieren das Ausscheidungsfahren nach Antritt an der letzten Steigung.
Den Sprint bergauf gewinnt das Cervélo S5 in unserer Simulation. Die Eckdaten sind aus der Männertour bekannt: das S5 hat eine Top-Aerodynamik, kann mit 1x12-Antrieb aber dicht an die 6,8 Kilo-Grenze gebracht werden. Altmeisterin Marianne Vos dürfte sich freuen, das nach Papierform schnellste Rad fahren zu dürfen. Ob es zum Sieg langt, werden wir sehen.
Die Tabelle zeigt: Im Bergauf-Sprint führen die Räder mit geringem Gewicht, die zugleich auch aerodynamisch geformt sind.
Robert Kühnen ist studierter Maschinenbauer, schreibt für TOUR über Technik- und Trainingsthemen und entwickelt Prüfmethoden. Die Simulationsrechnungen verfeinert Robert seit Jahren, sie werden auch von Profi-Teams genutzt.