Tour de FranceDeutscher Friseur-Weltmeister frisiert Radsport-Stars

Sandra Schuberth

 · 25.07.2024

Seit 2019 ist Nico Wolfram mit Alpecin unterwegs, um Radprofis wie Mathieu van der Poel und den Teams die Haare zu schneiden.
Foto: Mr.Pinko / Stefan Rachow
Nico Wolfram aus Schmalkalden, Thüringen, wurde 2008 Friseurweltmeister, seit 2019 frisiert er Radsportstars die Haare. Uns hat brennend interessiert, wie er dazu kam und wie viele Köpfe er an einem solchen Tag frisiert.

Bereits seit 2019 ist Nico Wolfram als Radsport-Friseur unterwegs, erstmals bei der Tour de France, die damals in Brüssel gestartet ist. Alles begann mit einem Anruf, Alpecin fragte zwei Wochen vor Tourstart, ob Nico Wolfram Zeit hätte, mitzukommen. Sie versprachen einen mobilen Caravan, mit dem es von einem Team zum nächsten gehen sollte. An den Team-Hotels sollten die Haare der Fahrer und der Crew-Mitglieder geschnitten werden.

Bedenkzeit bis gestern

Von jetzt auf gleich konnte der Friseur-Weltmeister aus Schmalkalden nicht zusagen. Zu dem Zeitpunkt kannte Nico Wolfram noch niemanden vom Alpecin-Team. Er fragte nach Bedenkzeit, schließlich wäre er eine Woche aus seinem Laden weg und müsse die gesamte Kundschaft in dem Zeitraum absagen. “Eigentlich haben wir schon gestern eine Antwort gebraucht”, war die Antwort von Alpecin. Dann durfte er doch eine Nacht darüber schlafen. Danach war klar: “ich mach’s”. Seit dem ist er Teil des Teams und kennt mittlerweile jede und jeden.

Seitdem er 2008 in Chicago Weltmeister geworden ist, arbeitet Nico Wolfram mit Alcina zusammen. Die wiederum gehören zu Dr. Kurt Wolff, der Gruppe, zu der auch Alpecin gehört. “Alpecin hat bei Alcina angerufen und gesagt ‘wir brauchen einen Friseur. Kennt ihr jemanden?’”, berichtet Nico Wolfram und führt weiter aus: “So kam es, dass ich dann jemanden vom Sportmarketing von Alpecin am Telefon hatte.”

Keine Verbindung zum Radsport

Zu der Zeit hatte Nico Wolfram keinerlei Verbindung zum Radsport. “Das letzte Mal, dass ich aktiv Radsport angeschaut habe, war zu den Zeiten von Ullrich und Zabel”, erinnert er sich. 2019 hatte er also die ganzen berühmten Radfahrer auf dem Stuhl und kannte niemanden. Mittlerweile hat sich das geändert. Auch in seinem Friseursalon in Schmalkalden läuft immer Radsport und er ist bestens informiert. Von der Tour de France ging es weiter nach Yorkshire zur Rad-WM 2019. Eigentlich war der Plan, den mobilen Friseur-Salon ein Jahr als Jubiläumsaktion zu machen. Aber es ging weiter, der Erfolg und der Andrang war groß. Seit dem frisiert Nico Wolfram regelmäßig nicht nur zum Start der Tour de France, sondern auch zum Start der Vuelta, des Giro d’Italia und mehr. Wenn möglich, geht es zum Beispiel auch zu Weltmeisterschaften - oder zur Deutschland Tour. Bedingt durch den Sponsor, Alpecin, ist der mobile Friseursalon ausschließlich im Männer-Radsport unterwegs.

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Der Alpecin Barber Shop unterwegs.Foto: Mr.Pinko / Stefan RachowDer Alpecin Barber Shop unterwegs.

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Seinen Weltmeistertitel hat Nico Wolfram im Herrenbereich. Bei der Weltmeisterschaft ist ein Zeitlimit gesetzt, in der eine vorgegebene Frisur umgesetzt werden muss. Dabei kontrolliert eine Jury vorher und nachher Haarlänge und mehr. “So in etwa kann man sich das vorstellen”, beendet der Weltmeister von 2008 seine Erklärung.

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Die Fahrer lieben ihn

Sichtbar zufrieden mit dem Ergebnis: Michael MatthewsFoto: Mr.Pinko / Stefan RachowSichtbar zufrieden mit dem Ergebnis: Michael Matthews

Mittlerweile hat Nico, naja das ganze Team um den Alpecin Barber Shop, ein gutes Standing. Die Fahrer schreiben ihn an und fragen “Hey, bist du wieder am Start von ... [hier beliebiges Radrennen einsetzen]”. Der Kontakt mit den Fahrern läuft dabei viel über Social Media.

Bei den Radrennen selbst geht es für Nico Wolfram und sein Team direkt zu den Team-Hotels, wo nicht nur die Fahrer, sondern alle willkommen sind, “denn ohne Mechaniker, ohne Masseur, ohne den Koch, den Busfahrer, ohne Social Media und ohne Teamchef und wen auch immer wäre das alles nicht möglich”, betont der Friseur-Weltmeister. “Dank uns muss man sich nicht im Vorfeld um einen Friseurtermin kümmern.”

“Ich dachte, das sei überflüssig”

Mit einem solchen Andrang hätte der Friseur aus Schmalkalden nicht gerechnet. “Ehrlich gesagt dachte ich, das sei überflüssig, da die Fahrer eh alle kurze Haare haben.” Doch sowohl Fahrer als auch die Teams drum herum haben allesamt im Vorfeld so viel zu tun, sie sind im Trainingslager, vielleicht geht es nochmal schnell zur Familie und vieles mehr. Da kommt es sehr gelegen, wenn sich niemand im Vorfeld noch um einen Friseurtermin kümmern muss, sondern das direkt vor Ort erledigt wird. Bei einigen Fahrern lag der letzte Friseurbesuch schon mehrere Monate in der Vergangenheit, “da konnte ich richtig viel runterholen”, erzählt Nico Wolfram erstaunt.

Bei der Tour de France oder anderen Radrennen wollen viele Köpfe frisiert werden. Wie viele genau, weiß der Friseur nicht, schätzt aber 50+ Köpfe am Tag. Am Tag vor unserem Gespräch, zwei Tage vor Start der Tour de France 2024, wurde der Caravan um 8 Uhr morgens aufgebaut - und 23:15 Uhr am Abend geschlossen. Die Tage sind aber nicht nur lang, sondern bringen auch Spaß für den Friseur und Abwechslung für die Fahrer plus Teams.

Vertrauensvorschuss

Beeindruckt ist Nico Wolfram von der Offenheit der Fahrer und dem Vertrauensvorschuss, der ihm entgegen gebracht wird. Nicht jeder Besuch bei einem fremden Friseur endet mit einem Lächeln, aber dem Friseur aus Schmalkalden kann man vertrauen. Das scheint sich herumgesprochen zu haben. “Gestern kam Pogacar, hat direkt sein Fahrrad am Barber-Camper abgestellt und sich auf den Stuhl gesetzt und wir haben direkt angefangen, Haare zu schneiden”, berichtet er einen Tag vor Tour-Start 2024.

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Sandra Schuberth

Sandra Schuberth

Redakteurin

Sandra Schuberth, mal Feierabendrunde, mal Trainingsride, mal unsupported Bikepacking-Challenge. Hauptsache sie und ihr Gravelbike – abseits vom Verkehr. Seven Serpents, Badlands oder Bright Midnight: Sie hat anspruchsvolle Bikepacking-Rennen gefinisht. Gravel und Bikepacking sind ihre Herzensthemen, ihr Anspruch an Equipment ist hoch. Was sie fährt, nutzt und empfiehlt, muss draußen bestehen: nicht im Marketing, sondern im echten Leben.

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