Team Milram 2010Was machen die Fahrer von damals heute?

TOUR Online

 · 04.01.2025

Die neun Fahrer des Teams Milram, die die Tour de France 2010 in Angriff nahmen.
Foto: Picture Alliance / Roth/Augenklick
Nach der Saison 2010 endete das enttäuschende Kapitel des deutschen Teams Milram. TOUR zeigt, wie es nach dem Karriereende für die Fahrer von damals weiterging – vom Restaurantbesitzer über einen Juristen bis zum großen Klassikerfahrer.

Ab 2006 gehörte das Team Milram zum Profi-Radsport und gab vor allem vielen deutschen Radsportlern eine sportliche Heimat. Die Ambitionen waren groß, die Ergebnisse jedoch nie. Auch im Jahr 2010 blieben große Erfolge aus: Lediglich zehn Siege verbuchte Milram, zumeist bei kleineren Rennen, und bestritt auch die Tour de France eher unauffällig.

Während der Frankreich-Rundfahrt gab der Titelsponsor des Rennstalls, die Marke Milram der norddeutschen Nordmilch AG, dann seinen Rückzug zum Jahresende bekannt. Einen neuen Geldgeber fand Teamchef Gerry van Gerwen daraufhin nicht. Das Aus des Rennstalls – und eine Zäsur im deutschen Radsport. Denn nach dem Ende von Team T-Mobile 2007 und Gerolsteiner 2008 verschwand damit auch das damals letzte deutsche Profi-Team auf Top-Niveau. TOUR zeigt, wie es den Fahrern aus dem damaligen Tour-Aufgebot von Milram seitdem ergangen ist.

Linus Gerdemann

Statt Trainingsplan geht es bei Gerdemann inzwischen um Speisekarten. In der Kleinstadt Deiá, in den Bergen auf Mallorca, betreibt er seit 2016 das asiatische Restaurant Nama und ist auch ansonsten heimisch auf der spanischen Insel geworden.

Die Immobilie des Restaurants hatte Gerdemann bereits 2013 gekauft, als er nach seinem Vertragsende beim Team RadioShack kein neues Team fand und sich ein Jahr Auszeit nahm. Die meiste Zeit davon verbrachte er auf Mallorca und lernte seine heutige Lebensgefährtin kennen, mit der er das Restaurant eröffnete und bis heute führt.

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Linus Gerdemann galt 2010 als Kapitän für das Team Milram. Allerdings blieben große Ergebnisse aus. Heute führt er ein Restaurant auf Mallorca.Foto: Getty Images / Tim De WaeleLinus Gerdemann galt 2010 als Kapitän für das Team Milram. Allerdings blieben große Ergebnisse aus. Heute führt er ein Restaurant auf Mallorca.

2014 kehrte der gebürtige Münsteraner noch einmal zurück in den Radsport, fuhr für MTN Qhubeka und für das Team Stölting, beendete 2016 mit dem Münsterland Giro aber endgültig seine Karriere – auch aufgrund anhaltender Hüftprobleme. An seine früheren Erfolge konnte er ohnehin nicht mehr anknüpfen. Denn einst galt der heute 42-Jährige nach den Doping-Skandalen um Jan Ullrich und Erik Zabel als junges und sauberes Aushängeschild des deutschen Radsports.

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Im Juni 2005 stattete das dänische Team CSC den damals 22-Jährigen mit einem Profivertrag aus. Kurz darauf war Gerdemann durch Etappensiege bei der Bayern-Rundfahrt und der Tour de Suisse bereits in aller Munde – und wurde für 2006 vom Team T-Mobile abgeworben.

2007 feierte er seinen größten Erfolg mit dem Etappensieg bei der Tour de France in Le Grand-Bornand. Zusätzlich trug er für einen Tag das Gelbe Trikot. 2008 gewann er zudem die Deutschland Tour. Gerdemann galt als großes Rundfahrtentalent. Die riesigen Erwartungen waren für ihn aber nicht zu erfüllen. Für Milram gewann er 2009 zwar die Bayern-Rundfahrt und eine Etappe bei Tirreno-Adriatico, konnte aber vor allem als Kapitän bei der Tour de France keine Akzente setzen. Das galt ebenfalls für die Frankreich-Rundfahrt 2010.

Gerald Ciolek

Der heute 38-Jährige stand damals als Sprintkapitän im Fokus bei Milram, blieb aber wie fast alle Fahrer im Team unter seinen Möglichkeiten. Lediglich bei der Bayern-Rundfahrt gewann er 2010 eine Etappe. Bei der Tour de France verpasste er als Zweiter auf der 5. Etappe in Montargis hinter Mark Cavendish knapp einen Erfolg. Drei weitere Top-Ten-Platzierungen erreichte der Sprinter bei jener Tour. Nach dem Aus von Milram kam Ciolek bei Quick-Step unter und wuchs in die Rolle des Sprintanfahrers hinein.

Gerald Ciolek verpasste 2010 knapp einen Etappensieg bei der Tour de France. Den größten Erfolg feierte er 2013 mit dem Sieg bei Mailand-San Remo.Foto: Picture Alliance / Klaus VolkmannGerald Ciolek verpasste 2010 knapp einen Etappensieg bei der Tour de France. Den größten Erfolg feierte er 2013 mit dem Sieg bei Mailand-San Remo.

Der Kölner ging einst mit großen Vorschusslorbeeren in seine Karriere. Mit 18 Jahren sicherte sich Ciolek 2005 den Titel des Deutschen Meisters, ein Jahr später folgte der U23-Weltmeistertitel. Erfolge, die Ciolek auf Anhieb eine riesige Erwartungshaltung einbrachten, die sich jedoch als unrealistisch herausstellte.

Trotzdem legte Ciolek eine beachtliche Karriere hin, die insbesondere aber immer dann große Siege vorsah, wenn keiner mit ihm rechnete. Stellvertretend dafür steht sein sensationeller Sieg im Schneechaos bei Mailand-San Remo 2013. Außerdem gewann Ciolek 2009 eine Etappe bei der Vuelta a Espana.

Mit 30 Jahren zog er 2017 schließlich ein Schlussstrich unter seine Karriere und ging zunächst auf Abstand zum Profi-Radsport. Seit einigen Jahren engagiert sich Ciolek jedoch im Breitensport- und Nachwuchsbereich. Ab 2019 übernahm er die Sportliche Leitung beim deutschen Continental-Team Dauer-Akkon. Ebenfalls seit 2019 engagiert sich Ciolek in dem Kölner Community-Projekt RennRad Cycling Club. Außerdem ist er ausgebildeter Barista.

Johannes Fröhlinger

Für das Team Milram bestritt Fröhlinger 2009 und 2010 jeweils die Tour de France und übernahm damals bereits überwiegend Helferaufgaben. Die Rolle als loyaler Domestiken füllte er anschließend bis 2019 beim Team Sunweb aus, ehe sein Vertrag nicht mehr verlängert wurde. Fröhlinger beendete daraufhin seine Karriere. Einen Profisieg verbuchte er nie.

Johannes Fröhlinger erarbeitete sich in seiner Profilaufbahn den Status eines loyalen Helfers.Foto: Picture Alliance / Roth/AugenklickJohannes Fröhlinger erarbeitete sich in seiner Profilaufbahn den Status eines loyalen Helfers.

2020 begann er eine Stelle als Sportreferent beim Baden-Württembergischen Triathlon Verband (BWTV) und ist in Freiburg Stützpunkttrainer im U17- und U19-Nachwuchs für den Bahn- und den Straßenradsport. Außerdem begleitet der als Experte inzwischen die Übertragungen der Tour de France bei der ARD-Sportschau.

Nebenbei studierte der heute 39-Jährige an der Sporthochschule in Köln und ist nun Diplomtrainer. Der Titel seiner Abschlussarbeit: “Wo kommen die Radprofis von Morgen her? Eine Analyse der Attraktivität deutscher Radsportvereine für vereinsferne Rennradfahrer*innen.”

Roger Kluge

Der 38-Jährige ist auch heute noch im Radsport unterwegs. Allerdings inzwischen für das deutsche Pro-Continental-Team Rad-Net Oßwald. Zuvor hatte sich Kluge im Straßenradsport vor allem den Ruf als herausragender Sprintanfahrer erarbeitet: Mit dem australischen Sprinter Caleb Ewan bildete Kluge lange bei den Teams Orica-Scott und Lotto-Soudal ein erfolgreiches Duo.

Roger Kluge (links) feierte seine größten Erfolge auf der Bahn, unter anderem gewann er mit Theo Reinhardt 2019 den WM-Titel im Madison.Foto: Getty Images / Dean MouhtaropoulosRoger Kluge (links) feierte seine größten Erfolge auf der Bahn, unter anderem gewann er mit Theo Reinhardt 2019 den WM-Titel im Madison.

Seine erste von fünf Frankreich-Rundfahrten bestritt Kluge derweil 2010 für das Team Milram. Nach einem Sturz musste er die Tour nach der 8. Etappe allerdings mit einem Kahnbeinbruch aufgeben. Zwar übernahm Kluge zumeist Helferrollen, dennoch stehen eigene Siege in seiner Vita: Unter anderem ein Etappensieg beim Giro d’Italia 2016, als Kluge im Trikot von IAM Cycling den Sprintern auf dem letzten Kilometer davonfuhr und wenige Meter an Vorsprung ins Ziel rettete.

Weitaus mehr Erfolge verbuchte Kluge jedoch auf der Bahn. Im Oktober 2024 gewann er in Kopenhagen nach 2018 und 2019 zum dritten Mal den Weltmeistertitel im Madison – dieses Mal mit Tim Torn Teutenberg an seiner Seite. 2008 holte er bei den Olympischen Spielen in Peking die Silbermedaille im Punktefahren. An den Olympischen Spielen 2012 in London, 2016 in Rio de Janeiro, 2021 in Tokio und 2024 in Paris nahm er ebenfalls teil. Und auch die Spiele 2028 in Los Angeles hat Kluge bereits als Ziel anvisiert – dann mit 42 Jahren.

Christian Knees

Beim Milram galt Knees als vielversprechendes Rundfahrtentalent – immerhin beendete er die Tour de France 2009 auf Platz 19. Für die Tour 2010 waren die Hoffnungen ebenfalls groß: Bei der Generalprobe, dem Criterium du Dauphine, landete Knees auf Platz 13 und sicherte sich kurz vor dem Tour-Start in Sangerhausen den Gewinn der Deutschen Straßenmeisterschaft. Doch bei der Tour stürzte Knees gleich auf der 2. Etappe und kämpfte neben Problemen mit seiner Po- und Beinmuskulatur ebenfalls mit einer Erkältung. Paris erreichte er auf Platz 88.

Christian Knees war 2010 im Trikot des deutschen Meisters bei der Tour de France unterwegs.Foto: Getty Images / Tim De WaeleChristian Knees war 2010 im Trikot des deutschen Meisters bei der Tour de France unterwegs.

Seine Auftritte brachten ihm nach dem Aus von Milram für 2011 jedoch einen Vertrag beim Team Sky ein. Dort entwickelte er sich als großgewachsener Fahrer zum Bodyguard und Road Captain für seine Teamkollegen bei Flachetappen. So gehörte Knees zum Tour-Aufgebot des Teams bei den Tour-Gesamtsiegen von Bradley Wiggins 2012 und Chris Froome 2017.

Nach dem Karriereende 2019 blieb der gebürtige Bonner der britischen Mannschaft erhalten und ist inzwischen Sportlicher Leiter. Unter anderem betreut der 43-Jährige Kim Heiduk in der Mannschaft.

Luke Roberts

Der heute 47-Jährige ist weiterhin im Profi-Radsport aktiv und seit 2015 Sportlicher Leiter bei der niederländischen Mannschaft Picnic PostNL (zuvor Team dsm-firmenich PostNL). In dieser Rolle begleitete er unter anderem Tom Dumoulin bei dessen Gesamtsieg beim Giro d’Italia 2017. Obwohl gebürtig aus Adelaide in Australien, ist Roberts inzwischen in Deutschland beheimatet und lebt in der Nähe von Köln.

Große Erfolge feierte Roberts als Aktiver in erster Linie auf der Bahn und holte sich 2002, 2003 und 2004 den Weltmeistertitel in der Mannschaftsverfolgung. Bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen gewann er ebenfalls die Goldmedaille in dieser Disziplin. Seine Straßenkarriere begann derweil in Deutschland beim Amateurteam ComNet-Senges aus Stolberg.

Luke Roberts bestritt nur die Saison 2010 bei Milram. Heute ist er Sportlicher Leiter beim niederländischen World-Tour-Team Picnic PostNL.Foto: Getty Images / Tim De WaeleLuke Roberts bestritt nur die Saison 2010 bei Milram. Heute ist er Sportlicher Leiter beim niederländischen World-Tour-Team Picnic PostNL.

Nach den Erfolgen auf der Bahn wechselte er 2004 ins dänische Profiteam CSC und nahm 2005 erstmals an der Tour de France teil. Im Anschluss fuhr Robert wieder für das deutsche Continental-Team Kuota (zuvor ComNet), ehe er 2010 zum Team Milram ging. Bei der damaligen Tour de France erreichte er aus einer Fluchtgruppe Platz fünf auf der 15. Etappe nach Bagneres-de-Luchon.

2011 und 2012 fuhr er erneut für das dänische Team Saxo-Bank. 2014 beendete er dann seine Laufbahn beim Team Stölting und wechselte dort erstmals in die sportliche Leitung.

Thomas Rohregger

Beim Team Milram bestritt Rohregger 2010 seine einzige Tour de France und kam auf Platz 71 in Paris an. Bis 2013 setzte der Österreicher seine Karriere bei RadioShack (zuvor Leopard-Trek) fort, ehe er seine Profilaufbahn beendete. Sein größter Erfolg war der Gesamtsieg der Österreich-Rundfahrt 2008.

Nach der aktiven Zeit zog es ihn zurück an die Universität und Rohregger studierte Jura und Wirtschaft. Ab 2015 übte er beim Radsportweltverband UCI dann die Rolle als Technischer Delegierter aus und kümmerte sich hauptsächlich als Sportdirektor und Streckenplaner um die Weltmeisterschaft 2018 im österreichischen Innsbruck, seiner Heimat.

Thomas Rohregger bestritt einzig im Jahr 2010 die Tour de France. Nach der Karriere wurde er Jurist.Foto: Getty Images / Luc ClaessenThomas Rohregger bestritt einzig im Jahr 2010 die Tour de France. Nach der Karriere wurde er Jurist.

2019 stieg Rohregger in die Anwaltskanzlei CHG Czernich Rechtsanwälte in Innsbruck ein und legte seine Rechtsanwaltsprüfung ab. 2022 wechselte er in die Rechtsberatung von Deloitte Legal nach München. Seit 2023 ist er in der Position als Director Global Partnership beim Unternehmen Lidl in Neckarsulm tätig.

Den Profiradsport verfolgt Rohregger seit vielen Jahren als Experte und Kommentator bei den Übertragungen des österreichischen TV-Senders ORF.

Niki Terpstra

Aus dem damaligen Milram-Aufgebot legte Terpstra die bemerkenswerteste Sportkarriere hin. Die damalige Tour de France beendete er indes nach der 2. Etappe aufgrund von Fieber. Damals trug er das Trikot des niederländischen Straßenmeisters. Nach dem Aus von Milram nahm die Laufbahn des Niederländers bei Quick-Step allmählich Fahrt auf: Terpstra gehörte über Jahre zu den besten Klassikerspezialisten für die flämischen Frühjahresrennen und gewann unter anderem 2014 Paris-Roubaix und 2018 die Flandern-Rundfahrt.

2010 gewann Niki Terpstra die niederländische Meisterschaft. Später gewann er für Quick-Step Paris-Roubaix und die Flandern-Rundfahrt.Foto: Getty Images / Tim de Waele2010 gewann Niki Terpstra die niederländische Meisterschaft. Später gewann er für Quick-Step Paris-Roubaix und die Flandern-Rundfahrt.

Ab 2019 absolvierte der heute 40-Jährige seine letzten Profijahre beim französischen Team TotalEnergies, konnte jedoch keine nennenswerten Resultate mehr einfahren. Stattdessen erlitt er mehrere schwere Stürze. Ende 2022 beendete er seine Laufbahn.

Seitdem nimmt Terpstra an Gravel-Rennen teil, ist Gast in einigen Podcasts und schreibt Kolumnen für die belgische Zeitung Het Nieuwsblad, in denen er das aktuelle Geschehen im Profiradsport kommentiert und analysiert.

Fabian Wegmann

Der heute 44-Jährige ist auch heute noch überaus präsent in der Radsportszene. Für die Gesellschaft zur Förderung des Radsports (GFR) und die ASO verantwortet er als Rennleiter die deutschen World-Tour-Events Eschborn-Frankfurt und seit 2024 auch die Cyclassics Hamburg. In gleicher Position leitet er ebenfalls die sportlichen Abläufe beim Münsterland Giro und seit 2018 bei der Deutschland Tour. Zudem ist der Münsteraner seit seinem Karriereende 2016 regelmäßig als TV-Experte bei der ARD und bei Eurosport im Einsatz.

Fabian Wegmann verantwortet heute als Rennleiter die Deutschland Tour.Foto: Picture Alliance / Roth/AugenklickFabian Wegmann verantwortet heute als Rennleiter die Deutschland Tour.

In seiner aktiven Zeit galt Wegmann insbesondere als Klassikerfahrer, der dreimal die deutsche Straßenmeisterschaft und zweimal Eschborn-Frankfurt gewann. Sein größter Erfolg war der Gewinn der Bergwertung beim Giro d’Italia 2004. Bei der Tour de France 2010 landete Wegmann auf der 3. Etappe in Belgien auf Platz drei. Ansonsten bestritt er eine unauffällige Rundfahrt – auch beeinflusst durch eine Erkältung. Nach dem Aus von Milram fuhr Wegmann noch für Leopard Trek (2011), Garmin (2012 bis 2013), Cult Energy (2015) und Team Stölting (2016).

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