Das Interview wurde geführt von Andreas Hausler
... Florian Jöckel über die Vergänglichkeit der Straßenkunst
„Im ersten Corona-Jahr haben wir den Col du Madeleine mit einem 150 Meter langen Teppich angemalt. Unsere Kunstwerke sehen heute noch aus wie neu, als hätten wir sie erst gestern gepinselt. Vielleicht haben wir mit unseren Werken nicht die schönsten Galerien erschaffen, dafür haben wir auf dem Galibier, dem Madeleine sowie auf dem Col de l’Iséran die höchsten Galerien in Europa eröffnet. Uns macht das stolz.“
... über die Tour de France
„Wir sind Hardcore-Fans des Rennradfahrens, krasse Anhänger der Tour de France. Das bedeutet, dass wir mit unseren Möglichkeiten das größte frei zugängliche Sportevent der Welt unterstützen. Wir sind nicht die Sympathisanten eines Clubs sondern der traditionsreichsten Veranstaltung aller Zeiten: der Tour de France.“
... über die Staatsgewalt
„Im vergangenen Jahr wurde ich am Col du Galibier einen halben Tag festgenommen. Ein ganz wichtiger Landrat, der mit der Tour nichts am Hut hatte, fühlte sich wohl hintergangen, weil wir ihn nicht gefragt hatten. Daraufhin musste ich mit Begleitschutz nach Briançon fahren. Dem Richter habe ich dann erklärt, dass unsere Kunstwerke auf den Straßen nicht nur von Tour-Fans heiß und innig geliebt werden, sondern auch von jedem Profi. ,Hören Sie zu, lieber Herr Richter‘, habe ich gesagt. ,Wir sorgen mit unseren Meisterwerken dafür, dass Frankreich ein noch schöneres Bild abgibt als ohnehin schon.‘ Das hat den Staatsmann anscheinend überzeugt, zumindest durfte ich nach der Anhörung die Polizei-Dienststelle verlassen.“
... über die Meinung der Franzosen
„Die Menschen in Frankreich vergöttern uns. Das liegt auch daran, dass wir immer kompetenter wurden. Haben wir anfangs nur kleine Schriftzüge und Botschaften gemalt, kamen dann immer mehr Trikots sowie große Bilder wie ein traditioneller Bembel aus unserer hessischen Heimat oder der Adler von Eintracht Frankfurt dazu. Ebenso lieben sie unsere weiße Friedenstaube und das Cycling-Ultras-Signet.“
... über den Coup am Chalet Reynard
„Wir sind mit einem Lastwagen voller biologisch abbaubarer Fassaden-Farbe und Graffiti-Spraydosen von Frankfurt bis zum Mont Ventoux gefahren. Dort haben wir uns dann am Chalet Reynard komplett künstlerisch ausgetobt. Chris Froome hatte dann im Rennen genau an dieser Passage einen Defekt am Rad und rannte auf seinen Klickschuhen wie ein Verrückter den Berg hoch. Für uns war das wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen. Weltweit zeigten TV-Sender unsere Meisterwerke. Die Farbeimer sind unsere Bengalos.“
... über das Verhältnis zur französischen Polizei
„Damit die französische Anti-Terror- Einheit, die bei der Tour für die Sicherheit zuständig ist, uns auch gut findet, haben wir gleich am ersten Tag ,I love Gendarmerie‘ auf die Straße gepinselt. Das Bild mit dem führenden Kommandeur hängt heute noch in seiner Dienststelle in Paris.“
... über die Ideen für die Malereien
„Die entwickeln wir auf der Zwölf-Stunden-Fahrt nach Frankreich. Die wichtigsten Farben, also Gelb für das gelbe Trikot, Grün für das grüne Trikot sowie Rot und Weiß für das Bergtrikot, haben wir immer an Bord. Ohne diese Farben rücken wir erst gar nicht aus. Mittlerweile haben wir aber nicht mehr nur 100 Liter Farbe an Bord, sondern 1000 Liter sowie 200 Dosen Graffiti-Spray.“
... über Auftragsarbeiten
„Der Komponenten-Hersteller Shimano hatte uns gefragt, ob wir ihnen zum 50-jährigen Jubiläum einer Schaltgruppe nicht helfen wollen. Hallo? Natürlich! Wollen! Wir! Also haben wir 2023 das Dach der Tour, den Col du Tourmalet bei La Mongie, mit einer 250 Meter langen Hommage an die unzähligen Erfolge von Shimano auf dem Asphalt verewigt. Schön ist’s geworden.“
… über den professionellen Auftritt
„Einen offiziellen Charakter hat das schon ein wenig, schließlich haben wir Absperrhütchen sowie alle notwendigen Schilder der Wanderbaustellen in Frankreich ,ausgeliehen‘, Warndreiecke, Straßenschilder, alles original. Die stellen wir auf, sperren eine Straßenseite, sodass wir den Verkehr nicht aufhalten. Wenn man uns so sieht, könnte man den Eindruck gewinnen, dass wir eine ganz normale Straßenbaufirma aus Bordeaux sind.“