Paul SeixasFrankreichs Wunderkind unter hohem Erwartungsdruck

Kristian Bauer

 · 09.05.2026

Paul Seixas: Frankreichs Wunderkind unter hohem ErwartungsdruckFoto: Getty Images/Bernard Papon
Paul Seixas und Tadej Pogacar Lüttich-Bastogne-Lüttich 2026
​Paul Seixas ist der jüngste Teilnehmer der Tour de France seit 1937 – sollte er wie angekündigt in Barcelona starten. Die Erwartungen an ihn sind riesig. Sein Tourstart ist eine riskante Wette mit unbekanntem Ausgang: Wie steckt er die Anstrengungen der Tour und den Erwartungsdruck weg?

Themen in diesem Artikel

​Ganz Frankreich wartete auf diese Nachricht: Paul Seixas vom Decathlon CMA CGM Team gab Anfang Mai seinen Start bei der Tour de France 2026 bekannt. Mit seinen herausragenden Leistungen im Frühjahr war dieser Schritt längst erwartet worden: 73 Prozent der Franzosen rechneten laut einer zuvor erfolgten Umfrage mit seinem Tour-Debüt. Der 19-jährige aus Lyon hat bisher noch keine Grand Tour bestritten. Er ist erst in seinem zweiten Jahr als Radprofi und 2026 sensationell durchgestartet. Nach dem Etappensieg bei der Algarve-Rundfahrt (2. Platz insgesamt) folgte sein zweiter Platz bei Strade Bianche hinter Tadej Pogacar. Kurz danach gewann er die Baskenland Rundfahrt, Flèche Wallonne und wurde schließlich Zweiter bei Lüttich-Bastogne-Lüttich. In dem Rennen war er der letzte Fahrer, der das Hinterrad von Pogacar bis fast zum Ende halten konnte.

Paul Seixas inszeniert seine Ankündigung

Mit einem inszenierten Besuch bei seinen Großeltern wurde auf Social Media der Tourstart angekündigt. In dem Video sieht man die vielen Pokale von Seixas und wie er seinen Großeltern von seinem „Rennen im Juli“ erzählt. Die vielen Pokale und Siegertrikots können eines nicht kaschieren: die Tour de France ist größer als alles, was er bisher erlebt hat. Beim Grand Départ in Barcelona wird Seixas 19 Jahre und 9 Monate alt sein und damit der jüngste Teilnehmer der Grande Boucle seit 1937. Allein das zeigt schon wie gewagt das Experiment ist.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

"Es ist mein Kindheitstraum, etwas, das ich mir oft vorgestellt habe und jetzt sehr nah dran ist. Ich bin erst 19 Jahre alt, aber wie ich schon sagte, ist das Alter weder ein Hindernis noch eine Entschuldigung", kommentierte Seixas. Diese Entscheidung, die in Absprache mit dem Management des Teams getroffen wurde, wurde „sorgfältig durchdacht und in den letzten Tagen gemeinsam aufgebaut.“

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?
Empfohlener redaktioneller InhaltInstagram

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogenen Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzbestimmungen.

Paul Seixas: Frankreichs Tour-Hoffnung

In den französischen Medien wird er wahlweise als Goldstück oder Phänomen beschrieben und in den Podcasts überschlagen sich die Lobeshymnen. Schnell fielen Vergleiche mit Bernard Hinault – dem letzten französischen Sieger der Tour de France. Der Wunsch Frankreichs nach einem französischen Toursieger ist groß und wurde in den vergangenen Jahren schon einigen starken Fahrern zur schweren Last. Seit 1985 hofft Frankreich auf einen erneuten Sieg eines Franzosen – Thibaut Pinot war der letzte große Hoffnungsträger. Bei seinem dritten Platz 2014 war er erst 24 Jahre alt und damit das Zukunftsversprechen des französischen Radsports. Der große Druck der französischen Öffentlichkeit war bei ihm stets zu spüren – der Sieg gelang ihm nie. Mit Jean-Christophe Peraud 2014 und Romain Bardet 2016 konnten zwei Franzosen sogar den zweiten Rang belegen – höher kamen auch sie nie hinaus. Marc Madiot hat nicht zuletzt bei Pinot mitbekommen wie anstrengend der Druck für einen Sportler ist. Er sieht den Tourstart von Seixas als gefährlich an und hat ihm davpn öffentlich abgeraten. In der RMC-Sendung “Les Grandes Gueules du Sport” unterstrich er den Unterschied zwischen der Tour und anderen Rundfahrten: ”Wir unterschätzen, was die Tour de France ist. Wenn man als Fahrer bei der Tour de France ist, egal ob jung, Anfänger oder erfahrener Radsportler, steigt man in eine Waschmaschine, die einen packt, die einen Tag für Tag verschlingt.” Er betont auch den Stress vor und nach den Etappen, der ein eigenes Rennen im Rennen sei und viel Kraft koste.

Riskantes Experiment

Aus Sicht des Teams Decathlon CMA CGM ist der Tourstart von Seixas ein riskantes Unterfangen. Niemand kann absehen, wie Seixas die dreiwöchigen Strapazen der Tour de France wegsteckt und ob er den Druck der Öffentlichkeit verkraftet. Erleichtert wurde die Entscheidung aber durch zwei Entwicklungen: Ursprünglich wollte das Team bei der Tour de France voll auf Olav Kooij und das Grüne Trikot setzen – der Sprinter wurde aber durch eine langwierige Krankheit im Frühjahr ausgebremst. Gleichzeitig könnten im Management des Teams bereits Gedanken an die unvorhersehbare Zukunft eine Rolle gespielt haben. Weil Seixas als eines der größten Radsporttalente seit langem gilt, sind die Begehrlichkeiten anderer Teams groß. Es kursieren bereits Gerüchte über Interesse von Team Visma|Lease a Bike, UAE Team Emirates-XRG, Red Bull-BORA-hansgrohe und Netcompany INEOS an Seixas. Wenn eines dieser Teams tief in die Kasse langt, könnte das Decathlon CMA CGM Team seinen Star schnell verlieren. Vielleicht ist auch das eine Motivation für das hohe Risiko. Die Scheinwerfer sind in jedem Fall auf Seixas gerichtet – selbst wenn das Experiment fehlschlägt. Nur im Feld mitrollen und Erfahrungen sammeln, wird Seixas nicht als Auftrag mitgegeben: „Paul geht in Barcelona mit realistischen Ambitionen an den Start, um ein bestmögliches Resultat im Gesamtklassement zu erzielen“, erklärte Teamchef Dominique Serieys.

Tour de France: Stress ohne Ende

Üblicherweise werden Radprofis erst einmal beim Giro d’Italia oder der Vuelta an die Strapazen dreiwöchiger Rundfahrten gewöhnt. Der Sprung zur Tour de France ist noch einmal gewaltig. Nico Denz hatte beispielsweise 2017 bei der Spanienrundfahrt Erfahrungen gesammelt, startete 2018 beim Giro und erst 2024 folgte die Tour-Premiere. Sein Fazit nach seinem Tour-Debüt: „Das Niveau ist abartig. Es wird so unfassbar schnell Rad gefahren, das ist mit nichts zu vergleichen.“ Im Bora-Podcast erklärte er, dass der Giro ein Rennen sei, bei dem man Instinkt zeigen und Freiheiten nutzen kann. Die Tour de France hingegen sei ein dreiwöchiger Dauersprint. Bei der Tour gäbe es keinen einzigen entspannten Kilometer, da der Kampf um die Positionen im Feld ununterbrochen und extrem aggressiv sei.“ Bisher zeigte Seixas eine verblüffende Unbekümmertheit gegenüber öffentlichem Druck – die Tour de France wird ihn in jeder Hinsicht fordern wie nie zuvor.

Kristian Bauer

Kristian Bauer

Redakteur

Kristian Bauer ist gebürtiger Münchner und liebt Ausdauersport – besonders wenn es in die Berge geht. Er ist ein Fan der Tour de France und bevorzugt solide Rennradtechnik. Er führt für TOUR Interviews, berichtet von Events im Hobbyradsport und schreibt Artikel über die Fahrradbranche sowie Trends im Rennradsport.

Meistgelesen in der Rubrik Profi - Radsport