Legendäre ProfiteamsDie Merckx-Mannschaft Molteni

Daniel Brickwedde

 · 23.01.2026

Legendäre Profiteams: Die Merckx-Mannschaft MolteniFoto: Witters/Presse Sports
Wo Merckx antrat, wollte er gewinnen; hier strebt er seinem vierten Sieg bei Mailand-San Remo 1976 entgegen

Ihre Trikots sind unvergessen, ihre Kapitäne prägten die großen Rennen: TOUR erinnert an die schillerndsten Teams der Radsportgeschichte. In dieser Folge: Das Team Molteni.

Hellbraun, dazu der Molteni-Schriftzug auf der Brust: Unter Liebhabern gilt das Trikot des gleichnamigen Teams heute zu den ikonischsten Kleidungsstücken der Radsportgeschichte. Populär wurde es vor allem durch Eddy Merckx. Das Vermächtnis von Molteni prägen jedoch weitere große Namen – darunter Rudi Altig, Gianni Motta sowie Ernesto Colnago.



Entstehungsgeschichte vom Team Molteni

Für Pietro Molteni und seinen Sohn Ambrogio drehte sich Leben und Arbeit in den 1950er-Jahren um Salami, Pancetta und Mortadella. Gemeinsam führten sie in der Lombardei eine gutgehende Wurstwarenfabrik. Pietro Molteni dachte jedoch größer: Ihre Delikatessen sollten ganz Italien erobern. Seine Idee: Das 1958 gegründete Radrennteam würde die Botschaft des Unternehmens nicht nur anlässlich des Giro d’Italia, der sämtliche Regionen des Landes durchquert, in die Welt tragen. Der Clou der Moltenis: Das hellbraune Teamtrikot, das sich optisch von allen Jerseys der anderen Mannschaften zu jener Zeit unterschied.

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Legendär: Das Team Molteni bei der Vorstellung der Mannschaft 1975 in BrüsselFoto: Imago ImagesLegendär: Das Team Molteni bei der Vorstellung der Mannschaft 1975 in Brüssel

Der bedeutendste Erfolg

17 Jahre lag der letzte italienische Sieg bei Mailand-San Remo zurück, ehe Michele Dancelli diese Durststrecke mit einem 70-Kilometer-Solo im Jahr 1970 beendete. Auf den letzten Kilometern soll ein aufgeregter Pietro Molteni ihm aus dem Teamauto heraus sogar die ganze Wurstwarenfabrik als Siegprämie angeboten haben. Bekommen hat Dancelli das Unternehmen zwar nicht – doch der Sieg bei Mailand-San Remo war der größte Triumph seiner Karriere. Als Erinnerung an den Sieg entwarf der Teammechaniker Ernesto Colnago das „Asso di Fiori“, das Kreuz-Ass, das fortan Dancellis Rad zierte. Seit vielen Jahren und bis heute ist es das Markenzeichen von Colnagos weltweit bekannter Rennradmarke.

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Der Boss

Der Italiener Giorgio Albani fuhr 1959 selbst noch als Fahrer für Molteni, ehe er 1961 ins Teamauto wechselte. Mit ihm stellten sich allmählich die Erfolge bei Molteni ein. Ein „Lautsprecher“, wie manche andere Sportdirektoren jener Zeit, war Albani jedoch nicht; er wird als besonnen und analytisch beschrieben, was ihm den Spitznamen „der Professor“ einbrachte. 1970 gelang es ihm, Eddy Merckx bei einem Besuch in dessen Haus in Brüssel von einem Wechsel zu Molteni zu überzeugen.

Die prägendsten Fahrer

Gianni Motta

Ernesto Colnago persönlich bürgte 1964 bei Molteni für Gianni Motta. Bereits in seinem ersten Jahr gewann der junge Mann aus Cassano d’Adda mit 21 Jahren die Lombardei-Rundfahrt; 1966 schlug er beim Giro d’Italia die favorisierten Felice Gimondi und Jacques Anquetil. Motta schien auserkoren, ein ganz Großer zu werden, doch zunehmend plagten ihn Schmerzen im Bein, 1965 war er von einem Auto angefahren worden. Bei Molteni fuhr er bis 1968. Erst 1970 stellten Ärzte ein Blutgerinnsel in seiner linken Beinarterie fest; an frühere Leistungen konnte er aber nie mehr anknüpfen.

Talent: Gianni Motta gehörte für Molteni bei den Rundfahrten zu den Besten. Hier kämpft er bei der Tour 1965 gegen Raymond Poulidor (links) und den Deutschen Karl-Heinz Kunde (rechts)Foto: Witters/Presse SportsTalent: Gianni Motta gehörte für Molteni bei den Rundfahrten zu den Besten. Hier kämpft er bei der Tour 1965 gegen Raymond Poulidor (links) und den Deutschen Karl-Heinz Kunde (rechts)

Rudi Altig

Der gebürtige Mannheimer erlebte beim italienischen Team ab 1966 seine zwei erfolgreichsten Jahre. Zunächst spielte er eine entscheidende Rolle beim Giro-Sieg von Gianni Motta. Bei der Tour de France in jenem Jahr war Altig dann der Kapitän, gewann drei Etappen und trug an neun Tagen das Gelbe Trikot. Für den Gesamtsieg kam er jedoch nicht infrage: Für das Hochgebirge war Altig stets zu schwer. Dafür gewann er 1966 ein anderes großes Rennen: Bei der Weltmeisterschaft am Nürburgring bezwang er im Schlusssprint Jacques Anquetil. Nach der Saison 1967 verließ Altig das Team.

Star aus Deutschland: Rudi Altig gewann 1966 die WM auf dem Nürburgring und mehrte den Ruhm von Molteni in der Folge im WeltmeistertrikotFoto: Imago ImagesStar aus Deutschland: Rudi Altig gewann 1966 die WM auf dem Nürburgring und mehrte den Ruhm von Molteni in der Folge im Weltmeistertrikot

Eddy Merckx

Der Belgier veränderte ab 1971 die Identität des Teams. Von seinem vorherigen Rennstall Faema brachte Merckx zahlreiche belgische Helfer sowie den Sportlichen Leiter Guillaume Driessens mit. Zudem fuhr Molteni fortan unter belgischer statt italienischer Flagge. Der Erfolg gab dieser Zäsur recht: Bei Molteni verdiente sich Merckx endgültig den Namen „Kannibale“ – gemeinsam mit seinen Teamkollegen zermürbte er die Konkurrenz. Liebesbekundungen gab es dafür keine, aber etliche Siege: Merckx gewann 246 Rennen im Trikot von Molteni.

Finale: Merckx’ vierter Sieg bei Mailand-San Remo war 1976 einer der letzten großen Erfolge für Molteni. Ende des Jahres löste sich das Team aufFoto: Witters/Presse SportsFinale: Merckx’ vierter Sieg bei Mailand-San Remo war 1976 einer der letzten großen Erfolge für Molteni. Ende des Jahres löste sich das Team auf

Die Kontroverse

1975 stand Eddy Merckx vor seinem sechsten Tour-Sieg. Inzwischen kämpfte er jedoch nicht nur gegen seine Rad-Konkurrenten, sondern auch gegen Teile des französischen Publikums. Die Abneigung gegen seine Dominanz gipfelte in einem Leberhaken, den ihm ein Zuschauer am Puy de Dôme versetzte. Am Tag darauf verlor Merckx das Gelbe Trikot bei der Bergankunft nach Pra-Loup und zog sich einige Etappen später bei einem Sturz Wangen- und Kieferfrakturen zu. Paris erreichte er trotzdem auf Platz zwei. Der Sieg bei der Frankreich-Rundfahrt ging endlich wieder an einen Franzosen: Bernard Thévenet.

Zu stark: Französische Fans reagierten Mitte der 70er-Jahre zunehmend genervt auf Merckx’ Überlegenheit. Bei der Tour 1975 knockte ihn der Leberhaken eines Zuschauers ausFoto: Getty ImagesZu stark: Französische Fans reagierten Mitte der 70er-Jahre zunehmend genervt auf Merckx’ Überlegenheit. Bei der Tour 1975 knockte ihn der Leberhaken eines Zuschauers aus

Das Ende

Trotz der vielen Erfolge geriet Molteni Mitte der 1970er-Jahre in finanzielle Schwierigkeiten und stieg 1976 als Radsportsponsor aus. Später erhielt Molteni eine Anklage wegen Steuerhinterziehung und musste 1987 Insolvenz anmelden.

Der Trophäenschrank

  • Giro d’Italia: 1966 (Gianni Motta), 1972, 1973, 1974 (Eddy Merckx)
  • Tour de France: 1971, 1972, 1974 (Merckx)
  • Vuelta a España: 1973 (Merckx)
  • Lombardei-Rundfahrt: 1964 (Motta), 1971, 1972 (Merckx)
  • Mailand-San Remo: 1970 (Michele Dancelli), 1971, 1972, 1975, 1976 (Merckx)
  • Lüttich-Bastogne-Lüttich: 1971, 1972, 1973, 1975 (Merckx), 1976 (Joseph Bruyère)
  • Paris-Roubaix: 1973 (Merckx)
  • Flandern-Rundfahrt: 1975 (Merckx)

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