| Geboren | 27.2.1998 in Nußdorf-Debant |
| Größe | 1,80 m |
| Gewicht | 66 kg |
| Wohnort | Salzburg |
| Teams | Development Team Sunweb (2017-2019), Team Sunweb/DSM (2020-2021) AG2R-Citroen/Decathlon AG2R La Mondiale/Decathlon CMA CGM (seit 2022) |
| Wichtigste Erfolge | Junioren-Weltmeister Straße (2015), Etappensieg und Achter Tour de France, Etappensieg Tour de Suisse (2023), Vierter Tour de Suisse, Fünfter Tour de France, Achter Vuelta a Espana (2025) |
TOUR: Felix, Sie haben sich im vergangenen Jahr als Top-Klassementfahrer etabliert. Leben Sie immer noch inmitten der Berge im Lienzer Talkessel in Osttirol – oder haben Sie sich wie viele Radprofis mittlerweile ein wärmeres Domizil im Süden gesucht?
FELIX GALL: Wärmer nicht, aber ich bin jetzt seit Ende 2025 in Salzburg zuhause.
Warum ist die Wahl auf Salzburg gefallen?
Ich habe es dort schon immer schön gefunden. Mein neuer Teamkollege Gregor Mühlberger ist jetzt auch dort zu Hause. Der Flughafen ist näher. Und meine Freundin spielt Klarinette, ist klassische Musikerin – und das ist in Lienz eher schwierig auszuüben. Ich habe den kleinen Schubs von ihr gebraucht. Ich bin sehr, sehr froh, dass ich den Schnitt gemacht habe. Und es ist etwas anderes zum Trainieren. Ich bin begeistert und fühle mich sehr wohl.
Ihre Freundin kommt auch aus Osttirol?
Nein, die kommt aus Amerika, aus Minnesota. Im April (2025) ist sie zu mir nach Lienz gezogen. Wenn sie schon von Amerika nach Lienz kommt, dann kann ich von Lienz nach Salzburg gehen, dachte ich mir.
Wie haben Sie sich kennengelernt?
Radprofis kommen viel rum – aber nicht unbedingt nach Minnesota. Ja, das ist eine lustige Geschichte. Meine Freundin hat ihr Musikstudium in New York im Frühjahr 2024 beendet, dann ist sie zu Hause bei ihren Eltern in Minnesota beim Rollerskaten gestürzt, hat sich die Hand gebrochen und musste ihre geplanten Auftritte absagen. Sie hatte Schmerzen, aber ihr Vater hat gesagt: Hör auf zu jammern, du setzt dich jetzt mit mir vor den Fernseher und wir schauen uns Tour-de-France-Dokumentationen an.
Und dann fuhr ein fescher Tiroler durchs Bild?
Ich bin dann erschienen auf dem Fernseher. Und sie hat mich gleich auf meinem Instagram-Profil angeschrieben. Ich bin eines Tages aufgewacht und habe die Nachricht gesehen: „Marry me!“ Es war nach der ersten Nacht im Höhentrainingslager in Isola 2000, eine Woche vor der Tour de France 2024. Ich war etwas skeptisch, habe aber ein paar Stunden später zurückgeschrieben. Und seither haben wir dann jeden Tag geschrieben und uns nach der Tour das erste Mal getroffen. Und seit vergangenem April (2025) ist sie jetzt fix bei mir.
Und – heiraten Sie?
Soweit sind wir noch nicht.
>>> Das Tour-de-France-Rad von Felix Gall
>>> Interview mit Felix Gall am Ende der Tour de France 2023
>>> Saisonrückblick 2025 mit Felix Gall
Klären Sie uns auf – ist das üblich, dass Radprofis von Fans angeschrieben werden und die Partnerwahl übers Internet so funktioniert?
Bei meiner Freundin Maya ist das ein lustiger Zufall gewesen. Ich will keinen Fan als meine Partnerin haben. Aber sicher spielt Instagram heutzutage eine Rolle. Man ist als Radprofi viel unterwegs. Und es ist gar nicht so einfach, jemanden kennenzulernen, weil man irgendwo auf Trainingslager ist, keine Energie oder Zeit hat oder so fokussiert ist.
Halten wir fest: Es lohnt sich in mehrfacher Hinsicht, wenn man wie Sie bei der Tour de France auffällig auftritt. Dazu eine Frage: Wissen Sie, wer Adolf Christian war?
War das irgendein österreichischer Radlfahrer vor langer Zeit?
Richtig. Er war der bisher beste Österreicher bei der Tour de France. Er wurde 1957 Gesamt-Dritter. Danach wurde er in Ihrer Heimat Sportler des Jahres, punktgleich mit der Skilegende Toni Sailer. Ist das ein Antrieb: bester Österreicher in der Tour-Historie zu werden, es aufs Podium der Tour de France zu schaffen?
Es ist auf jeden Fall ein Traum. Es hat einfach was ganz was Besonderes, wenn man in Paris auf dem Podium steht. Heuer Top-Fünf war schon sehr, sehr gut. Ich bin sehr zufrieden und es ist alles mehr oder weniger perfekt verlaufen. Für dieses Jahr ist es das große Ziel, der logische Schritt dann, das Podium bei Giro und Vuelta. Dort kann man es vielleicht ein bisschen offensiver angehen.
Warum fiel die Wahl bei Ihrer Rennplanung für 2026 auf diese beiden Rennen?
Den Giro bin ich erst einmal gefahren. Er war meine erste Grand Tour 2022. Damals war ich nicht ansatzweise auf dem Level, auf dem ich jetzt bin. Ich bin ein bisschen gespannt, wie das wird. Die Vuelta bin ich zweimal gefahren, aber jeweils mit der Vorbelastung durch die Tour de France. Es ist ein Rennen, das mir sehr gut taugt, von der Charakteristik her, mit der Hitze, mit der ich gut zurechtkomme. Es reizt mich, das mit einer wirklich optimalen Vorbereitung anzugehen.
Für Sie ist 2026 kein Start bei der Tour de France geplant. Wie schade ist das für Sie?
Ein guter Weg, dass ich was anderes probiere mit dem Ziel: Grand-Tour-Podium bei Giro oder Vuelta. Und dann werde ich vielleicht wieder zurückkehren zur Tour mit dem Ziel Gesamtwertung und Podium.
Wobei es für mich bei der Tour de France auch ein Ansporn wäre, auf Etappenjagd zu gehen.
Wie hart und wie schön war die letzte Tour für Sie persönlich?
Man erlebt alle Emotionen, die das Spektrum hergibt in den drei Wochen. Im Vergleich zu 2024, als ich keine optimale Vorbereitung hatte und wir, natürlich auch ich persönlich, ein bisschen zu viel gewollt haben, ist es uns 2025 sehr gut gelungen. Wir haben gesagt, wir schauen einfach, dass ich bis zum ersten Ruhetag so gut wie möglich komme. Es hat mich somit mental nicht gestresst. Ich war ziemlich ruhig, was in der Vergangenheit nicht ganz so war. Und natürlich werde ich immer stärker oder einfach resistenter, ich erhole mich besser, verkrafte die Belastungen besser. Und ich habe einfach mehr Vertrauen gekriegt, bin ein bisschen ruhiger geworden.
Unser letztes Interview haben wir auf dem Weg nach Paris bei der Tour 2023 geführt. Damals stand neben der Freude über den Etappensieg am Col de la Loze das Thema Stress, der Leader sein zu müssen, den Erfolg ins Ziel zu bringen. Sie haben angedeutet, dass Sie diesbezüglich an sich arbeiten wollen. Was ist zwischenzeitlich passiert?
Ich habe 2024 ein paar neue mentale Herangehensweisen probiert. Das hat nicht ganz so funktioniert. Es hat eher Energie gekostet, als dass es mir etwas gebracht hätte. Und seit 2025 habe ich einen neuen Mentaltrainer, mit dem ich jetzt zusammenarbeite. Ich habe gemerkt, ich brauche mich gar nicht wirklich neu erfinden. Ich bin, wie ich bin. Ich habe meine Stärken und Schwächen. Ich akzeptiere das so und mache mich nicht verrückt, wenn ich etwas verliere. Ich bin mir bewusst, was ich alles gut kann. Das ist wie die Widerstandsfähigkeit eine Stärke, die mit dem Alter kommt. Man findet gute Routinen, wie beim Schlafen.
Haben Sie ein Beispiel?
In der Vergangenheit habe ich relativ oft Koffein-Gel im Rennen verwendet. Das hat gut funktioniert, aber es ist, auf drei Wochen gesehen, nicht wirklich nachhaltig. Es verzögert die Regeneration. Man schläft nicht so gut, man ist ein bisschen unruhiger. Wenn ich jetzt kein Koffein nehme, schlafe ich viel besser, bin ruhiger und erholter im Kopf.
Sie betonen, dass Sie gelernt haben, sich so zu akzeptieren, wie sie sind. Sie fallen mit Ihrer Fahrweise auf, weil sie mit weit ausgespreizten Knien in die Pedale treten.
Ja, wenn ich wirklich am absoluten Limit bin. Aber vielleicht nicht nur dann, es ist einfach mein Körperbau. Wir haben einen kleinen Spacer eingebaut bei den Pedalen und den Q-Faktor (den Abstand zwischen den Pedalen; Anm. d. Red.) vergrößert. Mal schauen, ob das die Knie ein bisschen mehr in die Mitte bringt. Aber es ist bei mir die Natur, ich sitze auch relativ aufrecht. Ich fühle mich so am wohlsten am Anstieg, aber ich lasse dadurch schon ein paar Watt liegen und ich bin nicht ganz so effizient wie jemand anderes. Ein wirkliches Wundermittel gibt es nicht. Der Körper ist, wie er ist.
Macht die Kniestellung keine Schmerzen?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe keine Probleme. Ich bin beschwerdefrei.
Sie dürfen als Spätstarter gelten, der erst jenseits Mitte 20 sein Potenzial bei den Profis gezeigt hat. Als Sie mit 17 Junioren-Weltmeister wurden, stand hinter Tadej Pogačar, wie Sie Jahrgang 1998, in der WM-Ergebnisliste ein DNF – er kam nicht ins Ziel. Er lieferte auch kaum auffällige Ergebnisse bei den Junioren. Haben Sie Erklärungen, warum die Entwicklung bei Ihnen beiden derart unterschiedlich lief?
Nicht wirklich. Auch Marc Hirschi war ein guter Junior und hat dann extrem früh bei der Tour eine Etappe gewonnen (im Jahr 2020; Anm. d. Red.). Und das hat mich auch ein bisschen gestresst. Ich habe einfach länger gebraucht. Mit dem Umstieg auf die U23 und die Elite-Klasse bin ich nicht ganz so gut zurechtgekommen. Bei mir ist nicht wirklich was weitergegangen. Ich war oft ein bisschen krank. Und ich glaube, mein Körper war nicht wirklich dafür bereit, auf so einem Level Rennen zu fahren. Jeder macht seinen eigenen Weg.
Hatten Sie als Junior das Gefühl, dieser kleine und zarte Slowene könnte mal der Mann sein, der mit Eddy Merckx verglichen wird und den Profi-Radsport so dominiert, wie man das seit Jahrzehnten nicht gesehen hat?
Nein. Ich glaube, das erste Mal, dass er wirklich etwas gezeigt hat, das war bei der Friedensfahrt U23 (damals GP Priesnitz, im Jahr 2018; Anm. d. Red.), die er am letzten Tag noch gewonnen hat, solo. Da hat er alle ein bisschen überrascht. Und er hat die Tour de l’Avenir (ebenfalls 2018) gewonnen. Danach ist es rapide nach oben gegangen. Aber als Junior war er nicht der Überflieger.
Sie haben viel später Fahrt aufgenommen. Es fällt auf, dass Sie mit dem Wechsel zu Ihrem jetzigen Team massiv aufgeblüht sind. Was waren die Details, die dabei geholfen haben, dass Sie Ihr Potenzial entfalten konnten?
Es war bei DSM eine super Zeit als U23-Fahrer, als Profi irgendwie nicht mehr. Es ist nicht vorangegangen. Ich hatte einfach die Konstanz nicht. Und wir hatten dann auch unterschiedliche Ansichten, was meine Zukunft angeht. Es war einfach eine frustrierende Zeit. Ich habe nicht mehr gewusst, was ich wirklich kann, was ich wirklich will, wo mein Platz ist.
Der Wechsel zur Saison 2022 hat alles verändert?
Es war ganz wichtig, dass ich ein Team gefunden habe, das an mich geglaubt hat. Man hat dort von Anfang an in mir etwas gesehen, an das ich selbst nicht geglaubt habe. Das war genau das, was ich zu diesem Zeitpunkt gebraucht habe. Es gab Vertrauen in mich und ich habe wieder Spaß gefunden. Sie haben mir Top-Ten-Ergebnisse bei bestimmten Rennen zugetraut – dabei bin ich zuvor noch nie bei einem Profirennen in die Top-Ten gefahren. Ich horche jetzt auf meinen Körper und weiß, was mir guttut. Und das stimme ich dann mit meinem Trainer Stephen Barrett ab.
Woher hatte man bei Ihrem jetzigen französischen Team diese Hinweise auf Ihr Potenzial?
Es wundert mich auch. Aber es war wirklich ein bisschen der Junioren-WM-Titel, der noch nachgestrahlt hat. Und meine Werte waren auch ganz okay oder gut.
Sie sind als Rennfahrertyp ein Klassementfahrer. Für die Leistung am Berg gilt mittlerweile wegen der Leistungsdichte ein knallhartes Diktat des Quotienten Watt pro Kilogramm. Sie müssen also sehr aufs Gewicht achten. Wie schwierig ist das, wieviel Entbehrung bedeutet das?
Ich muss mich jetzt nicht ganz so extrem geißeln, damit ich das letzte Kilo noch runterkriege. Ich bin relativ stabil. In der Off-season bin ich maximal zwei, drei Kilo über Tour-Gewicht. Wenn ich nicht trainiere, dann schläft der Stoffwechsel gewissermaßen ein und ich habe dann gar kein riesiges Hungergefühl. In der wichtigen Phase ab Jänner, spätestens im Höhentrainingslager, schreibe ich mir wirklich alles auf, was ich esse, lege alles auf die Waage. Das ist ein extra Aufwand, aber dann ist das keine Unbekannte mehr. Wenn man sich einmal nicht so gut fühlt, dann gibt es kein Rätselraten, ob man zu viel trainiert oder zu wenig gegessen hat. Man kann nachgucken.
Sie galten früh als großes Talent. Nun ist Paul Seixas in Ihrem Team, der mit 18 Jahren schon Top-Ergebnisse erzielt hat, mit Lob überhäuft und in Frankreich schon als kommender Sieger der Tour de France benannt wird. Wie sehen Sie das?
Ich find den Hype ein bisschen erschreckend. Aber ich kann es natürlich nachvollziehen, weil er schon Unglaubliches, Historisches, in so jungen Jahren geleistet hat: Bei der Lombardei-Rundfahrt Top Ten zum Beispiel oder bei der Dauphiné. Es ist schon sehr, sehr beeindruckend und er hat auf jeden Fall ein irrsinniges Potenzial. Wie weit das dann reicht, kann man jetzt noch nicht abschätzen.
Ihr Team hat sich zur neuen Saison deutlich verstärkt. Decathlon hat den niederländischen Top-Sprinter Olav Kooij verpflichtet, der sein Debüt bei der Tour geben soll. Dazu den starken Bergfahrer Matthew Riccitello, Fünfter der Vuelta. Was verändert das an Ihrer Rolle im Team?
Ich finde, mein Team entwickelt sich sehr, sehr gut. Wir haben große Ziele. Es wird auch viel geredet, aber es passiert auch sehr, sehr viel. Ich finde es angenehm, dass der Olav bei der Tour den Stress hat. Es ist jetzt eine geteilte Verantwortung. Wenn wir ein Top-Team werden, noch weiter nach oben wollen, dann brauchen wir ein paar Leader: Top-Sprinter und sehr, sehr gute Bergfahrer.
Welche Träume bleiben Ihnen im Radsport?
Sicher ein Grand-Tour-Podium, ein Tour-de-France-Podium, vielleicht auch mal ein Gelbes Trikot, das ist ein spezieller Traum. Ich habe schon eine Tour-Etappe gewonnen, was ganz schwer ist. Das würde ich gerne nochmal machen – es ist einfach etwas ganz Spezielles.

Redakteur
Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.