Felix Gall im TOUR-Interview“Ich war unglaublich gestresst”

Andreas Kublik

 · 19.08.2023

Felix Gall im TOUR-Interview: “Ich war unglaublich gestresst”Foto: Getty Velo
Auf dem Weg zum bisher größten Erfolg seiner Karriere: der Österreicher Felix Gall, der am Col de la Loze allen davonfuhr
Er war die Entdeckung der Tour de France: Nur fünf Wochen nach seinem Tour-de-Suisse-Etappensieg gewann der Österreicher Felix Gall die Königsetappe der Tour und wurde am Ende Achter. Mit TOUR sprach der 25-Jährige über harte Tage, Zweifel und den Weg von der Dolomiten-Radrundfahrt an die Weltspitze.

Felix Gall im TOUR-Gespräch

Das Interview wurde geführt von Andreas Kublik

TOUR: Sie sitzen gerade im Teambus auf dem Weg zur letzten Etappe nach Paris. Blicken wir zurück: Wie haben Sie sich gefühlt auf dem Steilstück ins Etappenziel auf dem Flugplatz von Courchevel – nach 5400 Höhenmetern Ihren größten Erfolg vor Augen, die Verfolger im Nacken?

Felix Gall: Ich war unglaublich gestresst. Ich hatte solche Angst, dass ich noch eingeholt werden könnte. Der Abstand zu Simon Yates (dem ersten Verfolger; Anm. d. Red.) war eigentlich immer recht konstant – und es wäre natürlich schön gewesen, wenn er sich vergrößert hätte. Ich dachte: Scheiße, jetzt breche ich ein – oder: In der Abfahrt fahre ich die Kurven falsch und verliere dadurch viel Zeit. Am Ende habe ich nur versucht, einfach da raufzukommen, so schnell wie möglich, ohne irgendwelche Gedanken. Ich habe einfach alles gegeben und erst auf den letzten 50 Metern realisiert, dass ich gewonnen habe.

TOUR: Sie hatten sich am schwersten Berg dieser Tour, dem Col de la Loze, von allen abgesetzt. Wann haben Sie beschlossen, die letztlich entscheidende Attacke zu riskieren?

Felix Gall: Es gab keinen Schlüsselmoment. Ich habe auch gar nicht alles mitbekommen. Es war so laut dort, die Stimmung war absolut irre. Am Schlussanstieg habe ich mich richtig gut gefühlt und gewartet, bis das richtig Steile losgeht. Ben (Teamkollege O’Connor, Vierter der Tour de France 2021; Anm.d. Red.) hatte zuvor noch super Tempo-Arbeit für mich gemacht.

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TOUR: Wie motivieren Sie sich, wenn es wie am Col de la Loze derart wehtut?

Felix Gall: Natürlich schaut man ein bisschen auf die Watt-Zahlen. Ich fühle mich wohl dabei, hohe Trittfrequenzen zu fahren, und versuche nur die Bewegung im Kopf zu haben: ziehen, drücken. Und schön gleichmäßig zu atmen, was immer schwieriger wird. Und ich versuche, die Gesichtsmuskulatur zu entspannen – weil es den Fokus zurückbringt, wenn man das Gesicht entspannt. Man versucht einfach, mit ein paar Tricks das Beste herauszuholen.

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TOUR: Das klingt nach professionellem Mentalcoaching.

Felix Gall: Richtig viel mache ich da nicht. Es ist schon mentaler Stress, wenn man drei Wochen lang Leader im Team ist. Ich glaube, dass ich noch mehr machen kann, damit ich entspannter werde. Ich wirke nach außen sehr entspannt, aber innerlich mache ich mir viele Gedanken.



TOUR: Ihre Fahrt zum Etappensieg führte über die nicht ungefährliche Abfahrt vom Col de la Loze. War der Unfall von Gino Mäder bei der Tour de Suisse bei Ihnen im Hinterkopf?

Felix Gall: Ich muss gestehen, dass ich das ziemlich verdrängt habe. Es ist im Hinterkopf, aber nicht wirklich präsent. Ich habe auch versucht, dass Ganze in den Tagen danach mit Freunden, Kollegen, Psychologen zu verarbeiten.

TOUR: Auf der 20. Tour-Etappe durch die Vogesen fuhren Sie auf Tagesrang zwei – hinter Pogacar, direkt vor Tour-Sieger Vingegaard. Sehen Sie für sich Möglichkeiten, sich dauerhaft und über drei Wochen auf deren Level zu bewegen?

Felix Gall: Boah. Die beiden sind einfach noch mal stärker als alle anderen. Im Moment kommt da niemand ran. Jumbo hat auch ein unglaubliches Team. Für mich sind das ganz neue Sphären. Im Winter kann ich mir darüber Gedanken machen, was für mich noch möglich ist.

Felix Gall gewann die 17. Etappe der Tour de France 2023Foto: Getty VeloFelix Gall gewann die 17. Etappe der Tour de France 2023

TOUR: Manche Beobachter haben sich gefragt, warum Sie sich nicht offensiver um den Gewinn des Bergtrikots auf der 20. Etappe bemüht haben – es war in Reichweite, Giulio Ciccone bis dahin nur wenige Zähler entfernt.

Felix Gall: Mir ist bewusst, dass ich vielleicht nie wieder die Chance habe, bei der Tour ein Trikot zu gewinnen. Aber fürs Team war der achte Gesamtrang sehr wichtig – und für mich auch. Mir hat der Tag gezeigt, was für mich in der dritten Woche möglich ist. Von daher bereue ich nichts.

TOUR: Sie stammen aus Nußdorf-Debant in Osttirol – mit Blick auf die Lienzer Dolomiten. Hat Sie die Heimat, haben Sie die Berge geprägt?

Felix Gall: Ich fühle mich sehr wohl in den Bergen. Sie sind ein Rückzugsort für mich nach den Rennen, bei denen man so viel um die Ohren hat – und ich mag die Nähe zur Natur. Dafür nehme ich in Kauf, dass ich etwas länger zum Flughafen fahren muss.

Nach heutigen Maßstäben bin ich ein Spätzünder. Ich habe einfach mehr Zeit gebraucht.

TOUR: Sie haben in Osttirol als Triathlet mit dem ehrgeizigen Radfahren begonnen. Es heißt, Sie seien bei der Dolomiten-Radrundfahrt von Ihrem ersten Trainer Günther Feuchtner entdeckt worden, der Sie dann 2015 zum WM-Titel im Straßenrennen der Junioren führte.

Felix Gall: Triathlon war der erste Sport, den ich mit 14 Jahren gemacht habe – quasi wie ein Profi. Nach zwei Jahren habe ich aufgehört. Das Radfahren hat mir schon immer getaugt. Es war aber nicht so, dass ich vorhatte, Radprofi zu werden. Ich bin ein paar Hobbyrennen gefahren, Hill Climbs und auch die Dolomiten-Radrundfahrt, die ein bekannter Radmarathon ist. Und da sind einige auf mich aufmerksam geworden.

TOUR: Sie sind jetzt 25. Sie waren als erster Österreicher Junioren-Weltmeister. Aber es hat etwas gedauert, bis Sie jetzt bei den Profis richtig von sich reden machen. Warum hat der Durchbruch bei den Profis auf sich warten lassen – im Vergleich mit dem gleichaltrigen Pogacar beispielsweise?

Felix Gall: Jeder hat seine eigene Entwicklungskurve. Aber es ist natürlich richtig: Nach heutigen Maßstäben bin ich ein Spätzünder. Ich habe einfach mehr Zeit gebraucht. Ich war in den vergangenen Jahren gesundheitlich nicht stabil genug, um immer so trainieren zu können, wie ich es mir vorgestellt hätte oder wie ich es gebraucht hätte, um die nächsten Schritte zu machen. Jetzt ist es mir erstmals gelungen, lange Zeit ohne Krankheit durchzukommen.

TOUR: Sie haben zur Saison 2022 das Team gewechselt – nach fünf Jahren beim Nachwuchs- und Profiteam von Sunweb beziehungsweise DSM. Warum?

Felix Gall: Das Team DSM war nicht ganz perfekt für mich. Das Development Team zuvor war absolut spitze. Ich will es nicht schlechtreden. Aber manches Team passt nicht zum Rennfahrer – oder der Rennfahrer nicht zum Team. Wir hatten unterschiedliche Ansichten, wohin die Reise geht. Es hat den Neustart bei AG2R gebraucht. Ich fühle mich dort sehr wohl und habe mein Selbstbewusstsein gefunden.

TOUR: Was brauchen Sie, um erfolgreich zu sein?

Felix Gall: Freiheit! Und ich möchte darüber mitreden können, was mir guttut und was mir nicht guttut. Das Wichtigste war: Das Team AG2R hat mir so einen Vorschuss an Vertrauen gegeben, trotz meiner Resultate in den vergangenen Jahren. Sie haben in mir ein Potenzial gesehen, das ich selbst schon immer in mir gesehen habe. So habe ich mich wieder selbst aufbauen können. Das ist kein Prozess, der über Nacht geht. Das kommt langsam, von Resultat zu Resultat.

Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.

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