Zum 90. GeburtstagDie tragische Karriere des Roger Rivière

Thomas Musch

 · 23.02.2026

Der französische Radprofi Roger Rivière bei der Tour de France 1960, vor seinem Sturz mit den dramatischen Folgen | Photo by Keystone-France\Gamma-Rapho via Getty Images
Geboren: 23. Februar 1936 in Saint-Etienne (FRA) Gestorben: 1. April 1976

Die Biographie von Roger Rivière beschreibt eine der tragischsten und dramatischsten Karrieren, die der Radsport aufzuweisen hat – allerdings liegt sie inzwischen so lange zurück, dass Rivières Schicksal nur noch wenigen Radsportanhängern geläufig ist. Anlässlich seines 90. Geburtstages erinnern wir an den einst berühmten französischen Rennfahrer.

In den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entzündeten sich unter Fans und Journalisten endlose und hitzige Diskussionen darüber, ob nicht anstelle von Eddy Merckx möglicherweise Roger Rivière der größte Radsportler aller Zeiten hätten werden können, wenn, ja wenn nicht ...



Als Rivière 1953 Jahre die Bühne des Radsports betrat, wurde die radsportinteressierte Öffentlichkeit – und das ist in Frankreich praktisch das ganze Land – schnell auf den ungewöhnlich talentierten jungen Mann aufmerksam. Als Debütant war er in seinem ersten Jahr auf der Radrennbahn in seiner Heimatstadt St. Etienne bereits in drei Rennen siegreich. Rivière zeichnete sich aus durch Leichtigkeit, Eleganz, Schnelligkeit und Souplesse. 1956 gewann er als Amateur seine erste Französische Meisterschaft in der Einerverfolgung und wiederholte diesen Erfolg ein Jahr später – vor dem zwei Jahre älteren und schon deutlich bekannteren Jacques Anquetil, der 1957 bereits seine erste Tour de France gewann. Im selben Jahr gewann Rivière auch noch den Weltmeistertitel in der Einerverfolgung und verbesserte zum ersten Mal den Stundenweltrekord auf 46,923 Kilometer. Ein Jahr später überbot er seine eigene Marke und schraubte den Rekord auf 47,346 Kilometer. Die französische Sporttageszeitung „L’Èquipe“ wählte ihn 1957 zum Sportler des Jahres.

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Frühe Erfolge auf der Straße

Auch auf der Straße errang Rivière bereits früh Erfolge. 1955 gewann er den Circuit d’Auvergne, 1956 die insgesamt nur zweimal (1954 und 1956) ausgetragene Tour d’Europe. 1959 gelangen ihm zwei Etappensiege bei der Spanien-Rundfahrt und ein erster Etappenerfolg bei der Tour de France. Die Frankreich-Rundfahrt wurde damals noch von Nationalmannschaften bestritten. Die französische Equipe war mit Jaques Anquetil, Roger Rivière, Louison Bobet und Raphael Geminiani exquisit besetzt und galt als haushoher Favorit. Doch die Mannschaft war intern derart zerstritten, dass sich insbesondere Rivière und Anquetil weitgehend neutralisierten und Spaniens Kletter-Ass Federico Bahamontes die Tour gewinnen konnte – gefolgt von den vier Franzosen Henry Englade, Anquetil, Rivière und Francois Mahé.

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Roger Rivière konnte mit diesen Randbedingungen in der französischen Mannschaft und den daraus resultierenden Anforderungen schlecht umgehen. Zeitzeugen und Journalisten aus der damaligen Zeit erlebten ihn oft als ängstlich, auch überfordert und bedrängt von der Nähe der Fans. Besonders das von vielen Medien genussvoll hochgejazzte Duell mit Jacques Anquetil setzte ihm zu. Es heißt, der sensible junge Mann sei empfänglich für Einflüsterungen der falschen Art geworden, die ihm mithilfe verbotener Medikamente zur Steigerung seines Selbstbewusstseins verhalfen.

Das Drama bei der Tour der France 1960

Bei der Tour de France 1960 galt Rivière dennoch als Top-Favorit – Jacques Anquetil verzichtete nach seiner Teilnahme am Giro d’Italia auf den Start. Nach dem Gewinn des ersten Einzelzeitfahrens und zwei weiteren Etappen (6. und 10.) liegt Rivière mit 1:38 Minuten Rückstand in Reichweite des Gelben Trikots, das der Italiener Gastone Nencini trägt, auf Rang zwei. Es folgt die 14. Etappe von Millau nach Avignon, es ist Sonntag, der 10. Juli. Die Pyrenäen liegen hinter den Fahrern, die Tour rollt auf einer der so genannten Transferetappen über schmale Straßen durch die Mittelgebirgslandschaft der Cevennen. Auf der kurvenreichen Abfahrt vom Col du Perjuret jagt Roger Rivière dem Mann in Gelb hinterher, als er plötzlich die niedrige Begrenzungsmauer am Straßenrand rammt und in hohem Bogen in den Abgrund stürzt. Der deutsche Radsport-Journalist Hans Blickensdörfer bezeichnet es später als „fatales Reporterglück", dass sein Begleitfahrzeug genau an der Unfallstelle zum Stehen kommt. Er wird Augenzeuge des Dramas und schildert dies später in seinen Büchern:

„Dichtes Gebüsch versperrt die Sicht; tief unten blinkt Metall in der Sonne - die Vordergabel des zertrümmerten Rennrades. Sekundenlang ist nur das Zirpen der Grillen zu hören.
Wir alle haben das unheimliche Gefühl, in ein Grab hinunterzustarren.

Dann schreit einer: „Es ist Rivière".

Gewissheit erhalten wir erst ein paar Minuten später, nachdem wir mühsam den steilen Abhang hinuntergeklettert sind. Neben einem jungen Kirschbaum liegt mit einer klaffenden Wunde am Hinterkopf bleich und bewegungslos Roger Rivière, der große Favorit der Tour de France. Sein Anblick lässt das Schlimmste befürchten. Zum ersten Mal erlebe ich, wie abgebrühte Fotografen auf ein Sensationsfoto verzichten, um erste Hilfe zu leisten.”

Frühes und tragisches Ende

Die erste Hilfe kam. Mit dem Rettungshubschrauber wurde Rivière, schwer verletzt an Kopf und Wirbelsäule, ins Krankenhaus nach Montpellier geflogen. In seinen Trikottaschen sollen Medikamente mit verbotenen Substanzen gefunden worden sein und es wurde vermutet, dass diese Substanzen seine Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt haben könnten. Für die Heilung und den monatelangen Kampf gegen ein Leben im Rollstuhl hat Roger Rivière dann alle Kraft aufgewendet, die er aufbringen konnte, doch seine Karriere war beendet. Das Publikum wandte sich ab, das Interesse der Journalisten erlosch. Mit seinen Unternehmungen – eine Bar, eine Autowerkstatt, ein Campingplatz – scheiterte er. Rivière verlor den Halt und fand keine Hilfe. Er suchte Zuflucht bei den Drogen und starb im Alter von nur 40 Jahren am 1. April 1976 an Krebs.

Roger Rivière - zur Person

Wichtigste Erfolge

  • Verfolgungs-Weltmeister 1957, 1958 und 1959
  • Tour d‘Europe 1956
  • Stundenweltrekord 1957 (46,923 km) und 1958 (47,436 km)
  • fünf Etappensiege Tour de France (1959 und 1960)
  • zwei Etappensiege Vuelta a Espana (1959)
Thomas Musch

Thomas Musch

Herausgeber

Der lupenreine Freizeitsportler beschloss einst als Student der Germanistik und Politikwissenschaften, sein Glück als Journalist zu versuchen. Seine Rennradleidenschaft führte ihn schnurstracks als Praktikant in die TOUR-Redaktion, woraus eine inzwischen mehr als 30 Jahre währende Herzensangelegenheit geworden ist, 16 Jahre davon als Chefredakteur. Als – nach eigener Aussage – „Generalist in der Nische Radsport“ interessiert er sich für alle Themen rund ums Rennrad (und Gravelbike) und begeistert sich bis heute ganz besonders für den Rennsport. Highlights seiner eigenen Rennradler-Karriere sind die Teilnahme an der TOUR-Transalp, dem einen oder anderen Jedermann-Rennen und die regelmäßigen Alpentouren mit Freunden.

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