Crédit Agricole 2002Was machen die Fahrer von damals heute?

TOUR Online

 · 28.12.2024

Crédit Agricole beim Mannschaftszeitfahren der Tour de France.
Foto: Picture Alliance / Bernd Thissen
Die Tour de France 2002 war für das französische Team lange eine Enttäuschung – ehe ein junger Norweger das Rennen für Crédit Agricole rettete. TOUR zeigt, wie es nach dem Karriereende für die Fahrer von damals weiterging: von Untersuchungshaft über Autowaschanlage bis zum Stundenweltrekord.

Der französische Radsport befand sich Anfang des Jahrtausends in der Krise. Das Team Crédit Agricole war da keine Ausnahme. Die großen Erfolge fuhren zumeist andere Teams ein. Aber immerhin gelangen dem Team von Roger Legeay gelegentliche Achtungserfolge – beispielsweise der Sieg beim Mannschaftszeitfahren der Tour de France 2001.

Die Frankreich-Rundfahrt 2002 erwies sich allerdings lange als Ernüchterung: Mit Christophe Moreau enttäuschte der Mann für das Gesamtklassement durch mehrere Stürze. Erst spät rettete der junge Thor Hushovd der Mannschaft die Tour mit einem Tagessieg.

Nach dem Karriereende verfolgten viele Fahrer des damaligen Aufgebots interessante Lebenswege. Ein Überblick, wie es den neun Fahrern seitdem erging.

Christophe Moreau

Für die Saison 2002 war der Franzose als Kapitän in die französische Mannschaft gewechselt. Die Tour jenes Jahres lief jedoch ernüchternd: Mehrfach kam Moreau bereits in der ersten Tour-Woche zu Fall, jagte anschließend erfolglos einem Etappensieg hinterher und verließ die Rundfahrt nach der 15. Etappe. Ein Jahr später erreichte Moreau immerhin Platz acht. Die erhofften Resultate erzielte Moreau bis 2005 im Trikot von Crédit Agricole allerdings nicht.

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Christophe Moreau muss nach einem Sturz die Tour de France 2002 aufgeben.Foto: Getty Images / Joel SagetChristophe Moreau muss nach einem Sturz die Tour de France 2002 aufgeben.

Seine Laufbahn setzte der heute 53-Jährige bis 2010 fort. Anschließend war Moreau mehrere Jahre als Experte für den französischen Ableger von Eurosport tätig sowie als Markenbotschafter für den Radhersteller Origine.

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Privat geriet der Moreau in den vergangenen Jahren allerdings in einige Schwierigkeiten: Nach Vorwürfen häuslicher Gewalt und Bedrohungen gegen seine Ex-Frau, einer ehemaligen Hostess bei der Tour de France, wurde er im Januar 2023 in der Schweiz verhaftet und verbrachte einige Zeit in Untersuchungshaft. Außerdem begab sich Moreau in eine Entziehungskur für Alkohol- und Drogenprobleme. Seine Tätigkeit als Manager des französischen Amateurteams Philippe Wagner Cycling musste er daraufhin aufgeben. Heute soll es ihm wieder besser gehen.



Frédéric Bessy

Nach dem Karriereende 2008 probierte es Bessy zunächst als Sportlicher Leiter und übte diese Position eine Saison lang beim Team Cofidis aus. Beim französischen Rennstall absolvierte er von 2003 bis 2007 ebenfalls seine letzten Profijahre. 2009 begleitete er als Sportlicher Leiter noch die Amateurmannschaft Chambéry Cyclisme Formation.

Im Anschluss wechselte Bessy in den Vertrieb und heuerte bei der Schweizer Radmarke BMC an, für die er ab 2009 erst den Bereich im Osten Frankreichs und ab 2015 den gesamten französischen Markt verantwortete. Seit 2017 kümmert er sich beim französischen Unternehmen Materiel-velo.com, einem Online-Radhändler, um das E-Commerce-Geschäft.



Im Profi-Peloton verbrachte Bessy zwölf Jahre und nahm fünfmal an der Tour de France teil. Seinen einzigen Profisieg holte der heute 52-Jährige beim GP Lugano 2004. Für Crédit Agricole fuhr Bessy bis 2002 und beendete die damalige Frankreich-Rundfahrt auf Platz 67.

Sébastien Hinault

Der Name ist klangvoll, doch mit dem fünffachen Tour-de-France-Sieger Bernard Hinault ist der heute 50-Jährige nicht verwandt. Sébastien Hinault galt derweil als passabler Sprinter und feierte in seiner Laufbahn einige bemerkenswerte Erfolge, darunter ein Etappensieg bei der Vuelta a Espana 2008 sowie ein Tagessieg bei der Deutschland Tour 2004. Bei der Frankreich-Rundfahrt 2002 erreichte Hinault aus einer Fluchtgruppe Platz fünf auf der 8. Etappe in Plouay. Sonst blieben nennenswerte Ergebnisse aus.

Sébastien Hinault holte in seiner Karriere Etappensiege bei der Vuelta a Espana und der Deutschland Tour.Foto: Picture Alliance / RothSébastien Hinault holte in seiner Karriere Etappensiege bei der Vuelta a Espana und der Deutschland Tour.

Bei Crédit Agricole blieb Hinault bis zum Aus des Rennstalls Ende 2008. Danach setzte er seine Karriere bis 2014 für die Teams AG2R und IAM Cycling fort. Im Anschluss wechselte Hinault direkt ins Management als Sportlicher Leiter beim Team Bretagne - Séché Environnement. Auch heute ist Hinault noch bei der Mannschaft tätig, die nun unter dem Namen Arkea-B&B Hotels auftritt. Seit 2019 ist Hinault regelmäßig auch für das Team bei der Tour de France im Einsatz.

Thor Hushovd

Zur Saison 2024 übernahm Hushovd die Position des General Managers beim Pro-Continental-Team Uno-X Mobility, das im Sommer zum zweiten Mal in Serie an der Tour de France teilnahm. Mit dem Rennstall strebt Hushovd künftig den Aufstieg in die World Tour an. In Norwegen ist Hushovd ohnehin eine große Sportpersönlichkeit, immerhin gewann der 46-Jährige 2010 die Straßen-Weltmeisterschaft und in seiner Laufbahn insgesamt zehn Etappen bei der Tour de France. 2005 holte er sich zudem die Punktewertung der Frankreich-Rundfahrt.



Sein Durchbruch war jedoch sein Tour-Etappensieg 2002 in Bourge-en-Bresse. Auf der damaligen 18. Etappe gehörte Hushovd zu einer zehnköpfigen Fluchtgruppe, aus der am Ende er und Christophe Mengin um den Tagessieg sprinteten – mit dem besseren Ende für den spurtstarken Hushovd.

Thor Hushovd gewinnt den Sprint um den Tagessieg gegen Christophe Mengin auf der 18. Etappe der Tour de France 2002.Foto: Getty Images / Tim De WaeleThor Hushovd gewinnt den Sprint um den Tagessieg gegen Christophe Mengin auf der 18. Etappe der Tour de France 2002.

Bereits ein Jahr vor seinem Karriereende 2014 übernahm Hushovd die Rolle als Botschafter des Arctic Race of Norway, die er bis heute ausfällt. Nebenbei arbeitete er als Kommentator für das norwegische Fernsehen und steht seit 2021 hinter dem Unternehmen InterPadel, das sich selbst als eine von Norwegens führenden Padel-Ketten beschreibt. Dort trägt Hushovd inzwischen den Titel des Chief Business Development Officer und führt die Firma zusammen mit den beiden ehemaligen norwegischen Weltklasse-Volleyballspielern Björn Maaseide und Jan Kvalheim.

Anthony Langella

Sechs Jahre gehörte der Franzose ab 1997 zum Profiradsport und bestritt für Crédit Agricole 2002 seine letzte Tour de France. Paris erreichte er auf Rang 148. Anschließend fand er keinen Vertrag mehr, wechselte zurück in den Amateurbereich – und verfolgte fortan den kühnen Plan, als Bahnradsportler an den Olympischen Spiele 2004 in Athen teilzunehmen.

Anthony Langella wechselte nach der Straßenkarriere auf die Bahn und nahm an den Olympischen Spielen in Athen teil.Foto: Picture Alliance / Roth/AugenklickAnthony Langella wechselte nach der Straßenkarriere auf die Bahn und nahm an den Olympischen Spielen in Athen teil.

2004 gewann er einen Weltcup in der Mannschaftsverfolgung und erfüllte damit tatsächlich die Qualifikation für die Spiele in Athen. Eine Medaille holte er zwar nicht, sicherte sich ein Jahr später allerdings noch den französischen Meistertitel im Punktefahren und ebenfalls in der Mannschaftsverfolgung.



Nach der Karriere arbeitete Langella zunächst als Trainer am Velodrome in Bordeaux. Seit 2005 ist der heute 50-Jährige in der Regierungsverwaltung der Stadt Marmande tätig, nordwestlich von Bordeaux. Außerdem ist Langella Präsident und Trainer des Amateurvereins Cycliste Marmande 47.

Anthony Morin

Der Franzose ist inzwischen Geschäftsführer einer Autowaschanlage in der Gemeinde Plestin-les-Grèves in der Bretagne. Dort kann man nach Medienberichten nicht nur Autos, sondern auch Wohnmobile und Boote reinigen.

Anthony Morin bei einem Ausreißversuch auf der 7. Etappe der Tour de France 2002.Foto: Getty Images / Ezra ShawAnthony Morin bei einem Ausreißversuch auf der 7. Etappe der Tour de France 2002.

In seiner Profikarriere fuhr Morin von 1997 bis 2003 für die Teams in Bigmat Auber, La Française des Jeux und Crédit Agricole. 2002 absolvierte er seine letzte von fünf Tour-de-France-Teilnahmen und erreichte Paris auf Platz 90.

Heute gehört Morin jedoch weiterhin zum Tross der Frankreich-Rundfahrt. Für den Tour-Veranstalter Amaury Sport Organisation (A.S.O.) ist Morin nach eigener Aussage rund 80 Tage im Jahr bei Events wie der Tour de France oder der Rally Dakar in Einsatz. Der heute 50-Jährige begleitet die Events als offizieller Motorradfahrer der A.S.O.

Stuart O’Grady

Insgesamt 17-Mal nahm O’Grady an der Tour de France teil und war vor allem in seinen ersten Profijahren ein guter Sprinter. Bei der Tour 2002 sammelte O’Grady sieben Top-Ten-Platzierungen; besser lief es 1998 und 2004, als er bei der Tour jeweils aus Fluchtgruppen eine Etappe gewann. Bei Crédit Agricole stand O’Grady bis Ende 2003 unter Vertrag. Im Trikot von CSC gewann der heute 51-Jährige 2007 zudem das Monument Paris-Roubaix. Mehr und mehr wuchs der Australier anschließend in die Rolle eines erfahrenen Road Captains hinein.

Stuart O’Grady beendete 2013 seine Karriere und ist heute Renndirektor der Tour Down Under.Foto: Getty Images / Mike PowellStuart O’Grady beendete 2013 seine Karriere und ist heute Renndirektor der Tour Down Under.

Erfolgreich war O’Grady ebenfalls auf der Bahn. 1992 holte er bereits Silber in der Mannschaftsverfolgung bei den Olympischen Spielen in Barcelona, 1996 kamen zwei Bronzemedaillen in Mannschaftsverfolgung und im Punktefahren hinzu. 1993 holte er mit Australien außerdem den WM-Titel in der Mannschaftsverfolgung und 1994 Gold bei den Commonwealth Games. Erst danach konzentrierte sich O’Grady mehr auf den Straßenradsport.

Seine letzten Karrierejahre bestritt O’Grady beim Team Orica GreenEdge. Nach Ende der Tour de France 2013 belastete ein Kommissionsbericht des französischen Senats O’Grady mit Dopingvorwürfen aus dem Jahr 1998. Der Australier war daraufhin geständig und beendete seine Laufbahn.

Seit 2021 ist O'Grady inzwischen Renndirektor der Tour Down Under. Außerdem ist er für das Unternehmen Mummu Cycling Tours aktiv, das Radreisen anbietet.

Jonathan Vaughters

Die Tour de France 2002 gab Vaughters nach einem Sturz am Col d'Aubisque auf der 11. Etappe auf. Es war somit seine vierte Aufgabe bei seiner vierten Teilnahme an der Frankreich-Rundfahrt. Im Anschluss bat er um Auflösung seines Vertrags bei Crédit Agricole und beendete Ende 2002 vorzeitig mit 29 Jahren seine Profikarriere. Die größten Erfolge für Vaughters waren zwei Etappensiege am Mont Ventoux beim Critérium du Dauphiné 1999 und 2001.

Dem Radsport blieb der US-Amerikaner jedoch erhalten. Bereits 2003 gründete er das Unternehmen Slipstream Sports und organisierte sein erstes Radteam, aus dem 2008 das Profi-Team Garmin-Chipotle hervorging. In den folgenden Jahren wechselte der Rennstall häufig den Namen und ist derzeit als EF Education EasyPost unterwegs. 2024 nahm das Team zum 17. Mal an der Tour de France teil.

Jonathan Vaughters bestritt 2002 seine letzte Tour de France. Heute ist er Teamchef bei EF Education EasyPost.Foto: Getty Images / Tim De WaeleJonathan Vaughters bestritt 2002 seine letzte Tour de France. Heute ist er Teamchef bei EF Education EasyPost.

Insbesondere beim Thema der Ökonomie des Profi-Radsports ist Vaughters eine der prägendsten und innovativsten Persönlichkeiten unter den Teamchefs, unter anderem, da er selbst mehrere Male nach Sponsorenrückzügen sein Team vor dem Aus retten musste. Außerdem war Vaughters von 2009 bis 2013 Präsident der Teambetreibervereinigung AIGCP.



2012 legte Vaughters im Rahmen der Doping-Ermittlungen gegen US Postal und Lance Armstrong ein Dopinggeständnis ab und belastete darin auch Armstrong. Für US Postal fuhr Vaughters für zwei Jahre ab 1998. Dass Vaughters trotz des Geständnisses in der Profiszene akzeptiert ist, liegt auch daran, dass er sich nach seinem Karriereende 2003 als Anti-Doping-Aktivist engagierte. Zur Teamphilosophie seines Rennstalls gehört es unter anderem, auch überführten Dopingtätern eine zweite Chance zu geben – stets unter der Prämisse, dass sie geläutert sind. Beispielsweise fuhr David Millar nach seiner Dopingsperre viele Jahre für das Team. 2020 veröffentlichte Vaughters seine Biografie “One Way Ticket”.

Jens Voigt

Als Gesicht und Stimme ist Voigt heute weiterhin im deutschen Radsport präsent und begleitet die großen Rennen im Kalender seit 2019 als Experte für den TV-Sender Eurosport. Nebenbei arbeitet er als Analyst auch für den amerikanischen Sender NBC. Seine Laufbahn beendete er 2014 im Alter von 42 Jahren – in jenem Jahr nahm er seine 17. Tour de France in Angriff, womit er deutscher Rekordstarter ist.

Seine größten Erfolge waren zwei Tour-Etappensiege 2001 und 2006, außerdem gewann er die Deutschland Tour 2006 und 2007. Mit seiner offensiven Fahrweise erhielt Voigt zu jener Zeit enorme Popularität. Der heute 53-Jährige eroberte unter anderem aus Ausreißergruppen 2001 und 2005 jeweils für einen Tag das Gelbe Trikot. Zum Karriereende 2014 stellte er im Velodrome Suisse mit 51,115 Kilometer einen Stundenweltrekord auf.

Jens Voigt feierte für Crédit Agricole bei der Tour de France 2001 große Erfolge: Er gewann eine Etappe und trug für einen Tag das Gelbe Trikot.Foto: Getty Images / Michael KienzlerJens Voigt feierte für Crédit Agricole bei der Tour de France 2001 große Erfolge: Er gewann eine Etappe und trug für einen Tag das Gelbe Trikot.

Seine Tour de France 2002 war indes eher unauffällig. 2003 verließ er Crédit Agricole und fuhr anschließend bis 2010 für das Team CSC. Anders als viele seiner damaligen Teamkollegen wurde Voigt jedoch nie des Dopings überführt und betonte, auch nie solche Praktiken innerhalb der Mannschaft mitbekommen zu haben. Ein Kommissionsbericht des französischen Senats konnte Voigt 2013 ebenfalls kein Doping nachweisen – anders als bei O’Grady. Die eingefrorene Urinmenge aus dem Jahr 1998 war bei Voigt zu gering für eine Analyse.

Die letzten Karrierejahre verbrachte Voigt beim Team Trek, blieb dem Rennstall ab 2014 als Berater erhalten und fungierte zudem als Markenbotschafter für den Radhersteller.

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