Staubrennen Strade BiancheDas nächste Super-Solo von Tadej Pogacar?

Andreas Kublik

 · 06.03.2026

Staubrennen Strade Bianche: Das nächste Super-Solo von Tadej Pogacar?Foto: Getty Images / Tim de Waele
AEingeschränkte Sicht: Tadej Pogacar dominierte zuletzt als Solist die staubigen Ritte bei Strade Bianche
Es wird eine staubige Angelegenheit: Vor dem Rennen Strade Bianche über die Schotterstraßen der Toskana stellt sich die Frage, wer die Dominanz von Tadej Pogacar brechen könnte

Er hat schon Spuren hinterlassen, obwohl er immer noch erst 27 Jahre alt ist: Kurz vor der 20. Auflage des Rennens Strade Bianche (Samstag, 7.3.2026) hat der Rennveranstalter eine Art Denkmal errichten lassen. Das Steilstück auf der Schotterstraße auf den Colle Pinzuto hinauf, trägt nun den Namen von Tadej Pogacar. Der Slowene hat das Rennen bereits dreimal gewonnen (2022, 2024 und 2025), teilweise mit irrwitzig langen Soloritten durch die Hügel der Toskana rund um den Start- und Zielort Siena. Zuvor war die Ehre eines Sektors mit eigenem Namen nur Fabian Cancellara zuteil geworden. Seit 2017 ist der Sektor Monte Sante Marie nach dem Schweizer benannt, der das Rennen in den Jahren 2008, 2012 und 2016 gewonnen hatte.

Namenspatron: Tadej Pogacar bei der Einweihung des Steins, der ihm den Sektor am Colle Pinzuto widmetFoto: Getty Images/Sara CavalliniNamenspatron: Tadej Pogacar bei der Einweihung des Steins, der ihm den Sektor am Colle Pinzuto widmet

Auch wenn Pogacar bereits ein Denkmal am Streckenrand gesetzt wurde, er will hier weiter an seiner Erfolgsgeschichte schreiben. Das Rennen über die unbefestigten Straßen der Toskana, die sie in Italien “strade bianche” (weiße Straßen) nennen, hat er für seinen Saisonstart im Jahr 2026 auserkoren. Dass er ohne die nötige Rennhärte anreist, dürfte kaum eine Rolle spielen. Wenn “Pogi” antritt, will er in der Regel gewinnen und ist in Topverfassung. Und wer im Internet die Videoschnipsel gesehen hat, wie er zuletzt im Training im Windschatten eines Scooters auf dem Fahrrad den Anstieg zum Poggio hinaufrast, der Schlüsselstelle bei Mailand-San Remo, braucht keine Sorgen bezüglich seines Formstands zu haben. Zudem bleibt ihm das Aufeinandertreffen mit einem besonders hartnäckiger Gegner erspart: Mathieu van der Poel lässt das Rennen in diesem Jahr aus - obwohl er mit seinem Sieg beim Omloop Het Nieuwsblad am vergangenen Wochenende bewiesen hat, dass er nach seinem achten Titel als Cross-Weltmeister auch auf dem Straßenrad vom Start weg top in Fahrt ist. Und er war im Jahr 2021 der letzte Rennfahrer, der Pogacar bei diesem Rennen besiegen konnte.

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Nur Tom Pidcock konnte die Serie durchbrechen

Empfangskomitee: Die Fans erwarten Tom Pidcock bei dessen Sieg im Jahr 2023 auf der Piazza del CampoFoto: Getty Images/Dario BelingheriEmpfangskomitee: Die Fans erwarten Tom Pidcock bei dessen Sieg im Jahr 2023 auf der Piazza del Campo
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Ob auf den engen und beim Blick in den Wetterbericht in diesem Jahr voraussichtlich staubigen Straßen ein Weg am Weltranglistenersten vorbeiführt? Zuletzt hat er das epische Rennen, das genaugenommen eine Zeitreise in die Anfänge des Radsports ist, als es nur wenige asphaltierte Straßen gab, immer gewonnen, wenn er morgens an der Festung der Medici außerhalb des historischen Zentrums von Siena am Start gestanden hatte. Als er 2023 fehlte, füllte Tom Pidcock das Machtvakuum - mit einer Alleinfahrt, die eine Art Zitat der Fahrweise des großen Abwesenden war. Pidcock hat zum Saisonstart gute Form bewiesen, wenn es unter den Reifen knirscht und das Rad driftet, ist er in seinem Element. Der 26-jährige Brite ist schließlich Olympiasieger auf dem Mountainbike und war auch schon Weltmeister im Cyclocross. Im Vorjahr kam er in Siena als erster Verfolger des Seriensiegers an.

Die Augen richten sich auf einen Teenager

Drängt in den Kreis der Weltbesten: Paul Seixas (rechts), hier als Dritter der EM 2025b neben Europameister Tadej Pogacar und dem Zweitplatzierten Remco Evenepoel (links)Foto: Getty Images/Davind PintensDrängt in den Kreis der Weltbesten: Paul Seixas (rechts), hier als Dritter der EM 2025b neben Europameister Tadej Pogacar und dem Zweitplatzierten Remco Evenepoel (links)

Dazu dürfte sich ein Teenager in den Kreis der Favoriten drängen. Paul Seixas gilt in Frankreich schon als kommender Sieger der Tour de France. Dabei ist der Radprofi vom Team Decathlon gerade erst 19 Jahre alt. Aber sein World-Tour-Debüt als Teenager war im vergangenen Jahr so stark, wie man es zuletzt von Remco Evenepoel gesehen hat. Zum Saisonende belegte er bei der EM Rang drei hinter Pogacar und Evenepoel. Nun im Frühjahr egalisierte er bei einem Rennen an einem Anstieg die Rekordzeit des Slowenen, die dieser auf dem Weg zu seinem EM-Triumph im Vorjahr aufgestellt hatte. Dennoch: Der hochgelobte Franzose ist ein Hoffnungsträger und wohl noch nicht auf Augenhöhe mit dem Dominator des Radsports. Zumal: Sollte Pogacar bei den Strade Bianche, wie in der Vergangenheit geschehen, in einer Kurve übermütig wegrutschen, könnte Teamkollege Isaac del Toro in die Bresche springen. Der Mexikaner, der im Vorjahr den Giro-Gesamtsieg nur knapp verpasste, ist im Alter von 22 Jahren in der Weltspitze angekommen und übernahm im Vorjahr das Rosa Trikot just auf der Giro-Etappe, die über die Strade Bianche nach Siena führte - als Etappenzweiter hinter Tagessieger Wout van Aert. Del Toro hat die Kletterstärke, die auf den mehr als 3.500 Höhenmetern des 203 Kilometer langen Eintagesrennen gebraucht wird. Das bewies er zuletzt als überlegener Sieger der UAE Tour.

Ein Fall für Einzelkämpfer

Abgekämpft: Ben Healy (rechts) im letzten Steilstück vor dem Ziel in SienaFoto: Getty Image/Luc ClaessenAbgekämpft: Ben Healy (rechts) im letzten Steilstück vor dem Ziel in Siena

Zum erweiterten Favoritenkreis zählt eine Handvoll kletterstarker und angriffslustiger Rennfahrer, die sich gerne im Kampf Mann gegen Mann beweisen: Der Ire Ben Healy (EF Education), die Franzosen Valentin Madouas und Roman Grégoire (beide Groupama-FDJ), der slowenische Haudegen Matej Mohoric (Bahrain), Lokalmatador Alberto Bettiol (Astana), der unweit von Siena aufgewachsen ist, und natürlich die Männer aus dem vielseitig aufgestellten Team Visma-Lease a bike mit dem US-Boy Matteo Jorgenson und Klassikerspezialist Wout van Aert (Sieger im Jahr 2020), bei dem man aber noch nicht gesehen hat, ob der die in der Cross-Saison erlittenen Verletzungen und die damit verbundene Trainingspause gut verkraftet hat. Julian Alaphilippe, Sieger auf der Piazza del Campo im Jahr 2019, wirkte zuletzt nicht mehr so, als könnte er bei hochklassigen Rennen noch mit den Allerbesten mithalten. Aber er hat zuletzt nochmal betont, dass sein Ehrgeiz mit den Jahren nicht nachgelassen habe. Vom Who is who des Profiradsports fehlen auf der Startliste nur der zweimalige Tour-Sieger Jonas Vingegaard (Visma-Lease a bike), dem Eintagesrennen eher nicht liegen, und Remco Evenepoel, der sich bei Red Bull-Bora-hansgrohe gezielt und mit wenigen Rennen auf die Tour de France vorbereiten will.

Die Deutschen bekleiden Helferrollen

Die deutschen Starter dürften nur Nebenrollen spielen. John Degenkolb, Roubaix-Sieger von 2015, steht ebenso wenig am Start wie Klassikerspezialist Nils Politt oder Lennard Kämna, der in der Toskana in der Vergangenheit schon starke Auftritte hatte. Team Red Bull-Bora-hansgrohe schickt in Emil Herzog und Ben Zwiehoff zwei Ex-Mountainbiker ins Rennen. Aber für die Ergebnisse dürften eher der neu verpflichtete belgische Klassikerspezialist Gianni Vermeersch oder der Italiener Giulio Pellizzari verantwortlich sein. Der Deutsche Meister Georg Zimmermann (Team Lotto-Intermarché) musste seinen Start kurzfristig absagen. Er laboriert an den Folgen eines Sturzes beim Rennen Trofeo Laigueglia. Kim Heiduk (Ineos) und Hannes Wilksch (Tudor) sind laut vorläufiger Startliste die einzigen weiteren Deutschen.


Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.

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