Andreas Kublik
· 09.03.2026
Anders als im Rennen der Männer, das Tadej Pogacar früh mit seinem Soloritt entschied, blieb es im Wettbewerb der Frauen zuvor bis auf die letzten Meter packend. Drei Rennfahrerinnen kämpften noch auf der Piazza del Campo um den Sieg bei der 12. Auflage des Rennens. Die Erkenntnis: Die Rennen der Frauen sind extrem spannend, die Leistungsdichte steigt - nach vielen Solofahrten in den vergangenen Jahren.
Jens Voigt würde sagen, für den Erfolg im Radsport müsse man nur ausdauernd genug auf das Glück einprügeln, es immer wieder versuchen. Elise Chabbey ist vielleicht nicht das größte Talent im Frauenradsport. Aber die ehemalige Rennkanutin aus der Westschweiz fällt seit Jahren mit offensiver Fahrweise auf - meist blieb das unbelohnt. Bei Strade Bianche feierte die WM-Vierte nun ihren bisher größten Sieg. Als ihre Kapitänin bei der Equipe FDJ-SUEZ Demi Vollering wegen eines Defekts aussichtslos zurückfiel, sprang sie in die Bresche. Animierte das Rennen, fiel zurück, kämpfte sich wieder heran - und war im entscheidenden Moment ganz vorne. Endlich einmal auf höchstem Niveau.
Jahrelang war Franziska Koch beim Team Picnic-PostNL in einer Rolle als Helferin gefangen, konnte ihr Talent nicht wirklich zeigen. Nun im Alter von 25 Jahren ist sie in der Weltspitze angekommen. Sie hat an ihrem Gewicht gearbeitet und bekommt beim neuen Team FDJ-SUEZ sichtbar mehr Verantwortung und Freiheiten. In einer engen Kurve kurz vor dem Ziel wurde sie im Kampf um den Sieg ausgebremst. Zudem engagierte sie sich während des Rennens immer wieder als Helferin für ihre Teamkollegin und spätere Siegerin Elise Chabbey - vielleicht noch eine Angewohnheit aus ihrer jahrelangen Helfer-Tätigkeit in der zweiten Reihe des Profiradsports. Zusammengefasst: Es wäre noch mehr drin gewesen als Rang drei. Die amtierende Deutsche Meisterin ist aber aktuell die Nummer eins im deutschen Frauenradsport, wenn es um Eintagesrennen geht. Liane Lippert landete mit 3:28 Minuten Rückstand auf Rang 13.
Im Vorjahr gewann sie überlegen die Tour de France. Die Französin Pauline Ferrand-Prévot war auf den Punkt fit, hatte mit extremen Gewichtsmanagement einen sichtbaren Vorteil an den langen Bergen. Zuvor hatte die Mountainbike-Olympiasiegerin mit ihrem Sieg bei Paris-Roubaix ihre Vielseitigkeit bewiesen. Man hätte darüber diskutieren können, ob sie nach ihrer Rückkehr in den Straßenradsport eine Art weiblicher Pogacar wird - ein Seriensieger. Die aktuelle Erkenntnis vom Saisondebüt 2026: Sie war noch nicht auf ihrem besten Niveau. Sie kann nicht wie der Slowene vom Saisonstart bis zum Ende auf höchstem Niveau performen. Das zeigte sich schon bei der Straßen-WM im vergangenen Herbst, als sie kraftlos wirkte. Zwar kam Ferrand-Prévot bei bei Strade Bianche auch ein Defekt dazwischen. Aber das sollte sie nicht aussichtslos zurückwerfen, wie es nun der Fall war. Dass ihre Gruppe später noch fehlgeleitet wurde, war gar nicht mehr entscheidend. Zur Erinnerung: Pogacar hat auf dem Weg zum Sieg in Siena in der Vergangenheit auch ein schwerer Sturz nicht bremsen können.
Der französische Rennstall FDJ-SUEZ wirkt aktuell wie die stärkste Kraft im Frauenradsport. Angeführt wird die Equipe von Teammanager Stephen Delcourt durch Demi Vollering, der Tour-Siegerin von 2023. Aber wie die Mannschaft den Ausfall der ihrer Besten während des Rennens kompensierte, zeigt die neu gewonnene Stärke. Mit Elise Chabbey und Franziska Koch prägte die Mannschaft das Rennen und schaffte es so, die individuell an den Bergen stärkeren Elisa Longo Borghini und Kasia Niewiadoma im Verbund zu bezwingen. Offenbar beeindruckt die Klasse auch internationale Großsponsoren. Laut Branchengerüchten will Red Bull dort künftig viel Geld investieren - und sich damit auch im Frauenradsport verstärkt engagieren. Angeblich soll das Engagement des neuen Namenssponsors noch vor der bevorstehenden Tour de France Femmes fixiert werden. Bei Strade Bianche ließ Delcourt der Öffentlichkeit ausrichten: “No comment”. Ein Dementi klingt anders.

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