Der Begriff “Klassiker” bezeichnet Radrennen, die an einem Tag stattfinden - meistens jedes Jahr zum gleichen Zeitpunkt und auf der gleichen Strecke, zumindest aber in derselben Region. Ihre Namen geben meistens schon den Hinweis, wo das ist. Klassiker heißen sie vor allem deshalb, weil es sie schon sehr lange gibt, manche davon seit weit über 100 Jahren.
Die fünf traditionsreichsten und damit prestigeträchtigsten Klassiker hat der Internationale Radsportverband UCI (Union Cycliste Internationale) zu sogenannten “Monumenten des Radsports” erklärt. Das sind Mailand-San Remo, die Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich und die Lombardei-Rundfahrt. Die ersten vier finden im Frühjahr zwischen März und April statt, die Lombardei-Rundfahrt im Herbst. Das älteste dieser fünf Monumente ist Lüttich-Bastogne-Lüttich, das seit 1892 ausgetragen und mit dem Ehrennamen “La Doyenne” (die Älteste) bezeichnet wird. Es gibt auch Klassiker, die nicht zu den Monumenten zählen, aber dennoch großes Renommée genießen und hart umkämpft sind - das bekannteste davon ist das Amstel Gold Race in den Niederlanden, ebenfalls im April.
Richtig trennscharf ist der Begriff Klassiker übrigens nicht. Fest steht dabei nur, dass es sich um ein Eintagesrennen handelt. Wann und unter welchen Voraussetzungen aus einem solchen Eintagesrennen ein Klassiker wird, ist nicht klar geregelt. Nach zehn Austragungen wird ein Eintagesrennen sicher noch nicht zum Klassiker geadelt, nach 20 wahrscheinlich auch noch nicht, nach 30 vielleicht - vorausgesetzt, die Strecke ist charaktervoll und schwer, der Sieg bei dem Rennen begehrt und hart umkämpft und die Namensliste der Sieger prominent besetzt. Gelegentlich wird als Kriterium angeführt, dass die erste Austragung eines Klassikers vor dem ersten Weltkrieg stattgefunden haben sollte. Eine anerkannte Institution, die ein Eintagesrennen in den Stand eines Klassikers erhebt, gibt es - anders als bei den Monumenten - nicht. Die Würdigung entsteht auch aus dem Zuspruch der Fans und der Bedeutung, welche die Medien dem Rennen beimessen.
Die Faszination der Klassiker - klassischer Eintagesrennen - speist sich aus vielen Aspekten. Da ist zum einen die Charakteristik der verschiedenen Strecken, idealtypisch zu erkennen an den Monumenten. Mailand-San Remo führt die Rennfahrer aus dem Ende März oft noch grauen Norditalien an die Riviera, wo meistens schon Frühling herrscht. Das Rennen ist mit fast 300 Kilometern das längste des Jahres, dafür aber fast völlig flach. Erst an der Mittelmeerküste führt die Strecke über einige Hügel wie Capo Mele, Capo Berta, Cipressa oder den Poggio di San Remo. Die Steigungen sind aber so kurz und flach, dass die Rennfahrer mit extrem hohem Tempo darüber jagen und es sehr oft zu einer Sprintankunft eines größeren Fahrerfeldes auf der Via Roma in San Remo kommt.
Typisch für die Flandern-Rundfahrt wiederum sind viele kurze, aber steile und oftmals gepflasterte Anstiege (Hellingen) im Verlauf des Rennens - und oft auch schwierige Wetterbedingungen mit Kälte, Wind und Regen. Die bekanntesten Anstiege sind der Oude Kwaremont, die Mauer von Geraardsbergen, Koppenberg und Paterberg. Das macht die “Ronde van Vlaanderen” zu einer Art Ausscheidungsfahren, bei dem nur die an diesem Tag Besten um den Sieg fahren und als Solisten oder in sehr kleinen Gruppen ins Ziel kommen.
Paris-Roubaix hingegen ist tellerflach und bezieht seine Faszination aus den etwa 50 Kopfsteinpflaster-Passagen, die im Verlauf der rund 250 Kilometer bewältigt werden müssen. Der Begriff “Kopfsteinplaster” ist dabei wörtlich zu nehmen: Die Pflastersteine (französisch “Pavé”) der Karrenwege aus dem vorvergangenen Jahrhundert sind groß wie Kinderköpfe - und dazwischen klaffen Fugen, in denen auch moderne breite Rennradreifen problemlos verschwinden können. Weil sie schon so lange da liegen, haben sie es sich in ihrem Bett bequem gemacht; beim einen ist eine Ecke abgesunken, beim nächsten steht sie hoch, der Dritte ist zerbrochen - und so fort.
Hinzukommt, dass über den Winter der Wind unaufhörlich Erde von den benachbarten Feldern über die Wege rieseln lässt. Bei schönem Wetter verwandeln sich die Pavé-Abschnitte daher zu Staubtunneln und bei Regen zu schlammigen Rutschbahnen. Die bekanntesten und oft rennentscheidenden Pavé-Sektoren sind der Wald von Arenberg und der Carrefour de l’Arbre. Das Finale des Rennens findet auf der ikonischen Radrennbahn in Roubaix statt. Früher war die Zielankunft auf einer Radrennbahn bei vielen Rennen üblich (auch bei der Tour de France), heute ist Paris-Roubaix das einzige Straßenrennen von Rang, das diesen Anachronismus noch pflegt.
Ein weiteres Faszinosum der Klassiker ist, dass sich der Kampf um den Sieg auf einen Tag, auf mehrere Stunden, konzentriert. Bei einem mehrtägigen Etappenrennen können die Rennfahrer einen schlechten Tag auf der bzw. den folgenden Etappen wieder gutmachen - bei einem Klassiker geht das erst wieder bei der nächsten Austragung ein Jahr später. Rennfahrer, die bei den legendären Eintagesrennen gut sein wollen, müssen deshalb auf den Tag genau in Top-Form sein; sie müssen reaktionsschnell sein, taktisch klug agieren, risikobereit, entscheidungsfreudig - und das alles oft in Bruchteilen von Sekunden. Unter den Radprofis gibt es solche, die mit diesen Anforderungen besonders gut umgehen können und deshalb als Klassikerspezialisten gelten. In der Generation aktueller Profis sind das beispielsweise Mathieu van der Poel oder Wout van Aert.
Wichtig für den Erfolg bei einem Klassiker ist auch detaillierte Streckenkenntnis. Es gewinnt daher eher selten ein Rennfahrer einen der großen Frühjahrsklassiker, der das Rennen zum ersten Mal fährt. Vor den engen Kletterpassagen über die Hellingen muss man sich ebenso in aussichtsreiche Position bringen wie vor den Pavé-Abschnitten - sonst droht die Gefahr, abgehängt zu werden. Gut ist es auch, bei bestimmten Streckenabschnitten zu wissen, woher der Wind üblicherweise weht - entweder um sich dann im Windschatten der anderen Rennfahrer zu verstecken und Kraft zu sparen oder um anzugreifen und es den Gegnern extraschwer zu machen, nachzufolgen.
Deutschland tut sich schwer mit Radrennen, die einen international anerkannten Klassiker-Status für sich reklamieren dürfen. Am ehesten gilt das für das Radrennen am 1. Mai in Frankfurt. Seit seiner Gründung 1962 hieß es “Rund um den Henninger Turm” und war unter diesem Namen bis in die 2000er-Jahre national und international populär. Weil sich im Laufe seiner Geschichte aber immer wieder Streckenführung, Start und Ziel, Austragungsmodus und Rennklassen änderten, entwickelte es nicht die Konstanz anderer klassischer Eintagesrennen. Als ungünstig erwies sich auch der Termin am 1. Mai, der nicht in allen Ländern ein Feiertag ist und immer wieder auf einen anderen Wochentag fällt. Damit fiel es schwer, im internationalen Kalender, der sich in erster Linie an den Wochenenden ausrichtet, einen sicheren Platz zu finden. Inzwischen firmiert das Rennen unter dem Namen Eschborn-Frankfurt.
Das älteste noch existierende Eintagesrennen in Deutschland ist Rund um Köln, das 1908 zum ersten Mal stattfand. Es ist ein renommiertes Rennen, erreichte aber über die deutschen Grenzen hinaus keinen Klassiker-Status, weil es über Jahrzehnte hinweg als Amateurrennen ausgetragen wurde.
Das sportlich am höchsten stehende Eintagesrennen in Deutschland sind die Cyclassics in Hamburg, die 1996 als HEW Cyclassics gegründet wurden - mitten hinein in den damaligen Radsport-Boom, den Bjarne Riis, Jan Ullrich und das Team Telekom mit ihren Siegen bei der Tour de France 1996 (Riis) bzw. 1997 (Ullrich) auslösten. 2026 finden die Cyclassics zum 30. Mal statt. Da das Rennen sportlich nicht besonders anspruchsvoll ist und in der Regel mit einem Massensprint auf der Mönckebergstraße endet, dürfte es aber auch künftig kaum in den Rang eines echten Klassikers erhoben werden.

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