Vier Tage vor der Ronde van Vlaanderen ist Dwars door Vlaanderen die letzte große Standortbestimmung vor der “Ronde”, ein Rennen, das Teams gern als Generalprobe nutzen, um Form, Taktik und Material ein letztes Mal zu schärfen. Zwar ist die Distanz spürbar kürzer als bei der Flandern-Rundfahrt, doch leicht wird es deshalb nicht: ruppiges Kopfsteinpflaster, kurze, steile Anstiege und offene Passagen, in denen der Wind das Peloton jederzeit zerreißen kann, sorgen regelmäßig für Selektion und hektische Positionskämpfe. Genau diese Mischung macht den Reiz aus und belohnt vor allem robuste Allrounder mit gutem Timing. Im Vorjahr krönte sich Neilson Powless zum Sieger, als er sich im Finale gegen gleich drei Fahrer von Visma behauptete und den Sprint für sich entschied.
Die Strecke des Klassikers umfasst bei den Männern insgesamt zwölf Hellingen und sieben Kasseien, der optimale Härtetest für die anstehende Flandern-Rundfahrt. Gestartet wird in Roeselare, von wo aus es ostwärts und nach kurzer Zeit das erste mal durch den Zielort Waregem geht. Die Herausforderungen beginnen für das Feld erst bei Kilometer 47, wobei einige Hellingen und Kasseien doppelt bezwungen werden müssen. Auf der Strecke nach der Zieldurchfahrt geht es auf einen verwundenen Kurs mit vielen Richtungsänderungen. Hier kann der Wind immer wieder eine Rolle spielen. Die letzte Überfahrt über den Nokereberg liegt keine zehn Kilometer vom Ziel entfernt, weshalb hier noch einmal attackiert werden kann. Von dort aus ist es nicht mehr weit bis nach Waregem, eine Solofahrt ist gut möglich.
Für die Frauen fällt der Startschuss im Zielort Waregem, damit ist das Rennen ein großer Rundkurs. Ansonsten teilen sich die Männer und Frauen die entscheidenden Passagen. Die doppelte Befahrung des Abschnitts um Ronse fällt bei den Frauen weg. Für sie sind es insgesamt acht Hellingen und sechs Kasseien. Auch hier ist ein Solo von den letzten Hellingen weg möglich, wie Elisa Longo Borghini im letzten Jahr wieder gezeigt hat. Der Faktor Wind spielt ebenso wie beim Männerrennen eine Rolle, die Richtungsänderungen sind durch den fast identischen Streckenverlauf die selben.
Da die beiden Dominatoren Mathieu van der Poel und Tadej Pogačar ihren Fokus voll auf die Flandern-Rundfahrt setzen, ist bei Dwars door Vlaanderen Platz für andere Fahrer die auf den Sieg schielen können. Mads Pedersen ist nach seiner schnellen Genesung schon jetzt sehr gut in Form und könnte vor dem großen Rennen am Sonntag ein Ausrufezeichen setzen. Der Däne dürfte mit Wout van Aert die besten Chancen bei einem hart gefahrenen Rennen haben. Beide Fahrer sind Klassiker-Spezialisten und fühlen sich auf dem Kopfsteinpflaster und in den kurzen, giftigen Anstiegen wohl. Hinter diesen beiden vergisst man schnell Romain Grégoire, der mit seinen 23 Jahren zwar noch eher unerfahren ist, aber bereits Top-Ergebnisse in dieser Saison lieferte.
Florian Vermeersch hat unterdessen die seltene Gelegenheit auf eigene Faust fahren zu können. Ist der Belgier sonst mit Helferdiensten für seinen Kapitän Tadej Pogačar beschäftigt, wird das Team bei Dwars door Vlaanderen wohl für ihn fahren. Mit Podiumsplatzierungen beim Omloop und E3 konnte man das Potenzial des Fahrers von UAE kürzlich schon aufblitzen sehen.
Ebenfalls Chancen dürfen sich Sprinter ausrechnen, die gut über die kurzen Anstiege kommen. Hinter Wout van Aert dürfte das vor allem Matthew Brennan sein, beide Fahrer stehen auch bei der Flandern-Rundfahrt im Aufgebot ihres Teams. Arnaud de Lie, Tobias Lund Andresen, Jasper Philipsen und Biniam Girmay sind auch solche Kandidaten, die zumindest Hoffnung auf ein langsames Rennen haben dürften. Die klassischen Sprinter wie Jonathan Milan und Paul Magnier hingegen werden es an den Hellingen sehr schwer haben das Hinterrad der Klassiker-Fahrer zu halten.
Das Frauenrennen, das erstmals zur höchsten Kategorie, der Women’s WorldTour zählt, ist für das weniger prestigeträchtige Rennen, im Gegensatz zur Flandern-Rundfahrt, unfassbar stark besetzt. Neben der Siegern des vergangenen Jahres, Elisa Longo Borghini, stehen auch Demi Vollering und Marlen Reusser am Start. Die Gesamklassement-Elite rechnet sich hier ebenso Chancen aus, wie echte Klassiker-Spezialistinnen. FDJ hat deshalb direkt zwei Trümpfe: neben Vollering kann auch Elise Chabbey die Rolle der Kapitänin übernehmen, sollte das Rennen besonders explosiv werden. Ebenso sieht es beim Team UAE aus. Neben der Titelverteidigerin kann auch Karlijn Swinkels für mächtig Wirbel sorgen und einen schnellen Antritt einer Konkurrentin mitgehen.
Rechtzeitig zur Klassikersaison ist aber auch Lotte Kopecky wieder in bestechender Form. Nach einem eher enttäuschenden Jahr, mit “nur” einem Klassikersieg bei der Flandern-Rundfahrt, kommt die Belgierin mit Siegen bei Danilith Nokere Koerse und Mailand-Sanremo in ihre Heimat. Neben Kopecky und Swinkels stehen Cat Ferguson und Kim Le Court Pienaar als überragende Spezialistinnen am Start.
Visma setzt auf ihre 38-jährige Marianne Vos, die Dwars door Vlaanderen 2024 für sich entschied. Die ganz große Favoritin mag die Niederländerin vielleicht nicht mehr sein, aber ihre Konkurrentinnen sollten definitiv mit ihr rechnen. Der schwierige Untergrund spielt Vos auf jeden Fall in die Karten, durch ihre Erfahrung im Gelände hat sie eine Radbeherrschung wie kaum eine andere Fahrerin.
Das Männerrennen läuft von 13:45-16:15 Uhr bei Eurosport 1 und Eurosport 2, das Frauenrennen direkt im Anschluss bis 17:45 Uhr. Parallel dazu gibt es einen Live-Stream bei Discovery Plus.
Werkstudent