Schmerz‑PflasterWas du über die Historie und den Mythos der Pavés von Paris‑Roubaix wissen musst

Matthias Borchers

 · 10.04.2026

Mathieu van der Poel von Alpecin-Deceuninck an der Pont Gibus, 13. April 2025
Foto: Getty Images / Jeff Pachoud
Paris‑Roubaix ist mehr als ein Radrennen – es ist ein Ritt über jahrhundertealte Granitsteine, die einst Bauern, Händler und Soldaten trugen. Heute formen sie den brutalsten Mythos des Radsports. Wer die Pavés gebaut hat, wer sie rettet – und warum John Degenkolb zu ihren wichtigsten Verbündeten zählt.

Themen in diesem Artikel

Die Hölle des Nordens: Warum Paris‑Roubaix so einzigartig ist

„Paris‑Roubaix ist ein schreckliches Rennen zu fahren, aber das schönste, das man gewinnen kann.“
Sean Kellys berühmter Satz trifft den Kern dieses Radsport‑Monuments. Paris‑Roubaix – oft als Hölle des Nordens bezeichnet – ist ein Paradox: brutal, zerstörerisch, archaisch und zugleich eines der schönsten Rennen der Welt.

Gleichzeitig ist Paris‑Roubaix ein Kampf gegen eine Strecke, die in ihrer heutigen Form einzigartig ist: 30 Pavé‑Sektoren mit zusammen 54,8 Kilometern Kopfsteinpflaster, verteilt über eine Gesamtdistanz von 258,3 Kilometern. Bei einer typischen Siegergeschwindigkeit von rund 45 km/h bedeutet das, dass die Profis das Rennen in etwa 5 Stunden und 40 Minuten absolvieren – und davon mehr als eine Stunde ununterbrochen auf den Steinen verbringen. Die Streckenführung 2026 folgt dabei erneut dem klassischen Verlauf mit allen Schlüsselpassagen, darunter Mons‑en‑Pévèle, Carrefour de l’Arbre und der lange Sektor Hornaing–Wandignies‑Hamage.

Die Herkunft der Pavés: Wie das Kopfsteinpflaster von Paris‑Roubaix entstand

Ursprünglich waren die Pavés keine sportliche Herausforderung, sondern reine Infrastruktur. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden Feldwege und Verbindungsstraßen in Nordfrankreich mit regionalem Granit gepflastert – einem extrem harten, widerstandsfähigen Gestein, das schwere Fuhrwerke tragen konnte und nicht im Schlamm versank.

Damals nutzten Bauern, Händler, Soldaten und Fabrikarbeiter diese Wege täglich. Die Steine wurden von Hand behauen, oft grob, kantig und unregelmäßig. Zudem liegen sie bis heute auf Erde oder Sand, nicht auf Beton. Dadurch entsteht ein Untergrund, der selbst moderne Rennradtechnik an Grenzen bringt.

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Als später Asphalt den Straßenbau eroberte, verschwanden die Pavés fast überall. Doch einige Abschnitte blieben erhalten, werden heute gepflegt und sind das Markenzeichen von Paris‑Roubaix.

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Die härtesten Pavé‑Sektoren: Carrefour, Mons‑en‑Pévèle & Arenberg

Wer Paris‑Roubaix gewinnen will, muss die Königssektoren überstehen: Mons‑en‑Pévèle, Carrefour de l’Arbre, Arenberg. Jeder dieser Abschnitte ist ein Kapitel Radsportgeschichte, jeder hat seine eigenen Opfer und Helden.

Henri Pélissier, Sieger von 1919, brachte es einst auf den Punkt:
„Es ist kein Radrennen, sondern eine Pilgerfahrt.“

Gerade deshalb wäre es fatal gewesen, wenn diese Wege verschwunden wären. Und tatsächlich standen viele Sektoren kurz davor – bis eine Gruppe Freiwilliger eingriff.

Les Amis de Paris‑Roubaix: Die Hüter des Kopfsteinpflasters

Les Amis de Paris Roubaix bei der Restaurierung eines Pavés-AbschnittsFoto: Imago Images / Florian Van EenooLes Amis de Paris Roubaix bei der Restaurierung eines Pavés-Abschnitts

Um die Pavés zu retten, gründete sich 1977 der Verein Les Amis de Paris‑Roubaix. Zu diesem Zeitpunkt waren viele Sektoren bereits überwuchert, zerstört oder durch die Nutzung von schweren Landmaschinen beschädigt.

Seither graben die Hüter des Kopfsteinpflasters jeden Stein aus, setzen sie neu, befreien Wege von Erde und Bewuchs und restaurieren ganze Abschnitte. All das geschieht ehrenamtlich und in enger Zusammenarbeit mit der Amaury Sport Organisation (A.S.O.), dem Veranstalter des Rennens. Ohne sie gäbe es heute nur noch einen Bruchteil der legendären Pavé‑Sektoren.

Damit sind sie die unsichtbaren Helden des Rennens – die Bewahrer eines kulturellen Erbes, das sonst längst verloren wäre.

John Degenkolb: Der deutsche Botschafter der Pavés

Für deutsche Fans ist John Degenkolb der emotionale Anker dieses Rennens. Sein Sieg 2015 machte ihn zum ersten deutschen Gewinner seit Josef Fischer 1896. Doch seine Verbindung zu Roubaix geht weit über seinen sportlichen Erfolg hinaus.

Seit 2018 ist Degenkolb offizieller Botschafter von Les Amis de Paris‑Roubaix – der erste Profi überhaupt in dieser Rolle. Darüber hinaus unterstützte er den Verein finanziell und öffentlich, etwa 2019 im Rahmen einer großen Crowdfunding‑Aktion zur Rettung des Juniorenrennens. Überschüsse gingen an die Amis.

Der längste Pavé‑Sektor des Rennens verbindet die beiden nordfranzösischen Gemeinden Hornaing und Wandignies‑Hamage – und trägt zu Ehren Degenkolbs seit 2020 offiziell den Namen „Pavé John Degenkolb“. Damit ehrt die Region den deutschen Roubaix‑Sieger, der sich wie kaum ein anderer Profi für den Erhalt der historischen Kopfsteinpflaster einsetzt.

So schwer sind die Pavés: Zahlen zu 55 Kilometer Kopfsteinpflaster

55 Kilometer Kopfsteinpflaster – das klingt abstrakt. Doch die Zahlen dahinter zeigen, warum Paris‑Roubaix so gigantisch ist:

  • rund 13,5 Millionen Steine
  • insgesamt 29.000 Tonnen Gewicht
  • etwa 1.200 LKW‑Ladungen Pflastersteine, aneinandergereiht 19 Kilometer lang

Hinzu kommen die physikalischen Effekte: Die Steine erzeugen Vibrationen, die Hände taub machen, Schultern brennen lassen und Material an seine Grenzen bringen. Fugen verschlucken Räder, Kanten zerstören Carbon. Kein Reifen, kein System, kein Rahmen kann die Härte der Pavés vollständig entschärfen.

Deshalb bleibt Paris‑Roubaix ein Kampf – gegen die Steine, gegen den Körper, gegen das Leiden.

Wissenswertes und Kurioses über die Pavés von Paris‑Roubaix

  1. Schätzungsweise 13,5 Millionen Steine pflastern die Pavés – genug für eine 1.900‑km‑lange Steinlinie, die fast von Paris bis Athen reichen würde
  2. Das gesamte Pflaster wiegt 29.000 Tonnen – fast drei Eiffeltürme
  3. Für deren Transport bräuchte man 1.200 LKW, aneinandergereiht 19 Kilometer lang
  4. Die Pavés sind zwischen 120 und 200 Jahre alt – manche trugen schon Napoleons Soldaten
  5. Ein Pflasterstein wiegt zwischen 2 und 20 Kilogramm
  6. Die Steine liegen direkt auf der Erde, nicht auf Beton
  7. Der Zielsektor vorm Velodrom in Roubaix wurde zum 100‑jährigen Jubiläum von Paris‑Roubaix erst 1996 neu angelegt
  8. ​2026 müssen die Profis insgesamt 30 Pavé‑Sektoren bewältigen – zusammen 54,8 Kilometer Kopfsteinpflaster auf einer Gesamtdistanz von 258,3 Kilometern
  9. Der Sektor von Hornaing nach Wandignies‑Hamage trägt den Namen von John Degenkolb und ist mit 3,7 Kilometer der längste
  10. Ohne die Les Amis de Paris‑Roubaix gäbe es heute kaum noch Pavés

JOHN DEGENKOLB – DER HÜTER DER PAVÉS

Roubaix 2015, Sieger John DegenkolbFoto: Getty Images / Tim de WaeleRoubaix 2015, Sieger John Degenkolb

Geboren: 1989 in Gera
Roubaix‑Sieger: 2015
Rolle: Offizieller Botschafter von Les Amis de Paris‑Roubaix seit 2018

John Degenkolb ist mehr als ein Sieger – er ist ein Bewahrer. Seine Liebe zu Paris‑Roubaix geht weit über sportliche Erfolge hinaus. 2019 rettete er mit einer Spendenaktion das Juniorenrennen, unterstützte die Amis finanziell und wurde zum Gesicht des deutschen Engagements für die Pavés.

Für ihn ist Roubaix kein Ort des Schmerzes, sondern der Leidenschaft. Kein Hindernis, sondern ein Erbe. Kein Rennen, sondern ein Mythos.

Matthias Borchers ist im Test-Ressort von TOUR, Experte für Bekleidung und Zubehör. Als Hobbyradsportler hat er die TOUR-Transalp und die TOUR-Trans Austria absolviert. Prägend sind zudem Reportage-Reisen von San Francisco bis Sakai sowie 17 Trips zur Tour de France mit rund 30.000 Wohnmobilkilometern.

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