Matthias Borchers
· 10.04.2026
„Paris‑Roubaix ist ein schreckliches Rennen zu fahren, aber das schönste, das man gewinnen kann.“
Sean Kellys berühmter Satz trifft den Kern dieses Radsport‑Monuments. Paris‑Roubaix – oft als Hölle des Nordens bezeichnet – ist ein Paradox: brutal, zerstörerisch, archaisch und zugleich eines der schönsten Rennen der Welt.
Gleichzeitig ist Paris‑Roubaix ein Kampf gegen eine Strecke, die in ihrer heutigen Form einzigartig ist: 30 Pavé‑Sektoren mit zusammen 54,8 Kilometern Kopfsteinpflaster, verteilt über eine Gesamtdistanz von 258,3 Kilometern. Bei einer typischen Siegergeschwindigkeit von rund 45 km/h bedeutet das, dass die Profis das Rennen in etwa 5 Stunden und 40 Minuten absolvieren – und davon mehr als eine Stunde ununterbrochen auf den Steinen verbringen. Die Streckenführung 2026 folgt dabei erneut dem klassischen Verlauf mit allen Schlüsselpassagen, darunter Mons‑en‑Pévèle, Carrefour de l’Arbre und der lange Sektor Hornaing–Wandignies‑Hamage.
Ursprünglich waren die Pavés keine sportliche Herausforderung, sondern reine Infrastruktur. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden Feldwege und Verbindungsstraßen in Nordfrankreich mit regionalem Granit gepflastert – einem extrem harten, widerstandsfähigen Gestein, das schwere Fuhrwerke tragen konnte und nicht im Schlamm versank.
Damals nutzten Bauern, Händler, Soldaten und Fabrikarbeiter diese Wege täglich. Die Steine wurden von Hand behauen, oft grob, kantig und unregelmäßig. Zudem liegen sie bis heute auf Erde oder Sand, nicht auf Beton. Dadurch entsteht ein Untergrund, der selbst moderne Rennradtechnik an Grenzen bringt.
Als später Asphalt den Straßenbau eroberte, verschwanden die Pavés fast überall. Doch einige Abschnitte blieben erhalten, werden heute gepflegt und sind das Markenzeichen von Paris‑Roubaix.
Wer Paris‑Roubaix gewinnen will, muss die Königssektoren überstehen: Mons‑en‑Pévèle, Carrefour de l’Arbre, Arenberg. Jeder dieser Abschnitte ist ein Kapitel Radsportgeschichte, jeder hat seine eigenen Opfer und Helden.
Henri Pélissier, Sieger von 1919, brachte es einst auf den Punkt:
„Es ist kein Radrennen, sondern eine Pilgerfahrt.“
Gerade deshalb wäre es fatal gewesen, wenn diese Wege verschwunden wären. Und tatsächlich standen viele Sektoren kurz davor – bis eine Gruppe Freiwilliger eingriff.
Um die Pavés zu retten, gründete sich 1977 der Verein Les Amis de Paris‑Roubaix. Zu diesem Zeitpunkt waren viele Sektoren bereits überwuchert, zerstört oder durch die Nutzung von schweren Landmaschinen beschädigt.
Seither graben die Hüter des Kopfsteinpflasters jeden Stein aus, setzen sie neu, befreien Wege von Erde und Bewuchs und restaurieren ganze Abschnitte. All das geschieht ehrenamtlich und in enger Zusammenarbeit mit der Amaury Sport Organisation (A.S.O.), dem Veranstalter des Rennens. Ohne sie gäbe es heute nur noch einen Bruchteil der legendären Pavé‑Sektoren.
Damit sind sie die unsichtbaren Helden des Rennens – die Bewahrer eines kulturellen Erbes, das sonst längst verloren wäre.
Für deutsche Fans ist John Degenkolb der emotionale Anker dieses Rennens. Sein Sieg 2015 machte ihn zum ersten deutschen Gewinner seit Josef Fischer 1896. Doch seine Verbindung zu Roubaix geht weit über seinen sportlichen Erfolg hinaus.
Seit 2018 ist Degenkolb offizieller Botschafter von Les Amis de Paris‑Roubaix – der erste Profi überhaupt in dieser Rolle. Darüber hinaus unterstützte er den Verein finanziell und öffentlich, etwa 2019 im Rahmen einer großen Crowdfunding‑Aktion zur Rettung des Juniorenrennens. Überschüsse gingen an die Amis.
Der längste Pavé‑Sektor des Rennens verbindet die beiden nordfranzösischen Gemeinden Hornaing und Wandignies‑Hamage – und trägt zu Ehren Degenkolbs seit 2020 offiziell den Namen „Pavé John Degenkolb“. Damit ehrt die Region den deutschen Roubaix‑Sieger, der sich wie kaum ein anderer Profi für den Erhalt der historischen Kopfsteinpflaster einsetzt.
55 Kilometer Kopfsteinpflaster – das klingt abstrakt. Doch die Zahlen dahinter zeigen, warum Paris‑Roubaix so gigantisch ist:
Hinzu kommen die physikalischen Effekte: Die Steine erzeugen Vibrationen, die Hände taub machen, Schultern brennen lassen und Material an seine Grenzen bringen. Fugen verschlucken Räder, Kanten zerstören Carbon. Kein Reifen, kein System, kein Rahmen kann die Härte der Pavés vollständig entschärfen.
Deshalb bleibt Paris‑Roubaix ein Kampf – gegen die Steine, gegen den Körper, gegen das Leiden.
Geboren: 1989 in Gera
Roubaix‑Sieger: 2015
Rolle: Offizieller Botschafter von Les Amis de Paris‑Roubaix seit 2018
John Degenkolb ist mehr als ein Sieger – er ist ein Bewahrer. Seine Liebe zu Paris‑Roubaix geht weit über sportliche Erfolge hinaus. 2019 rettete er mit einer Spendenaktion das Juniorenrennen, unterstützte die Amis finanziell und wurde zum Gesicht des deutschen Engagements für die Pavés.
Für ihn ist Roubaix kein Ort des Schmerzes, sondern der Leidenschaft. Kein Hindernis, sondern ein Erbe. Kein Rennen, sondern ein Mythos.

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