Radsport-Lexikon10 Dinge, die man über Paris-Roubaix wissen muss

Thomas Musch

 · 09.04.2026

Der Wald von Arenberg gilt als eine der Schlüsselstellen bei Paris-Roubaix. Hier führt Mathieu van der Poel das Rennen 2024 an
Foto: BELGA PHOTO DAVID PINTENS

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Paris-Roubaix ist eines der fünf Monumente des Radsports und berühmt für die Kopfsteinplaster-Passagen, die teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Zehn Fakten, die das Rennen besonders machen.

Die Anfänge

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der Radsport bereits populär, fand aber vielfach auf Radrennbahnen statt, was aus zwei Gründen plausibel war: Die Zuschauer konnten die Rennen vom Start bis ins Ziel verfolgen – und den Rennfahrern blieb es erspart, auf den Straßen jener Zeit von einer Reifenpanne zur nächsten zu holpern. So auch in Roubaix, wo 1895 eine Radrennbahn eröffnet wurde, die sich schnell zu einem Publikumsmagneten und Austragungsort populärer Bahnrennen entwickelte. Die Initiatoren der Bahn kamen schließlich auf die Idee, auf dieser Radrennbahn ein Straßenradrennen von Paris nach Roubaix enden zu lassen. Nach Recherchen der Sportzeitung Le Vélo und Streckenerkundungen fand schließlich am 19. April 1896 die Premiere des Rennens statt.

Der erste Sieger

Ein seltenes Glanzlicht für den deutschen Radsport setzte der Premierensieger Josef Fischer aus Atzlern in der Oberpfalz. Wobei: Der Name, der heute nur noch wenigen Radsport-Enthusiasten geläufig ist, gehört einem damals populären Rennfahrer, der international zu den Besten seiner Zunft zählte. Vor seinem Sieg bei Paris-Roubaix hatte er bereits die Rennen bzw. Fernfahrten Wien-Triest (1892), Wien-Berlin (1893) und Mailand-München (1894) gewonnen.

Die Strecke

„Nicht die Strecke macht ein Radrennen schwer, sondern die Fahrer.“ Diese Radsport-Weisheit ist bei Paris-Roubaix weitgehend außer Kraft gesetzt. Es gibt kein anderes Radrennen, dass so direkt und unvorhersehbar durch die Strecke beeinflusst wird. Das war allerdings nicht von Anfang an so. Der größte Teil der völlig flachen Strecke von Paris in die französisch-belgische Grenzregion verlief auf ordentlich ausgebauten Hauptstraßen, erst weit im Norden forderte das berüchtigte Kopfsteinpflaster die Rennfahrer. Weil die Moderne auch vor Frankreichs Norden nicht Halt machte, wurden aber immer mehr Abschnitte asphaltiert und das Rennen immer schneller – um nicht zu sagen eintöniger. Erst in den 1960er-Jahren begannen die Organisatoren, die Rennfahrer gezielt über zunehmend mehr Pflasterstrecken zu schicken, die in der Folge auch eigens für das Rennen erhalten und unter Denkmalschutz gestellt wurden.

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Die Pavés

Die Gründungsgeschichte von Paris-Roubaix besagt, dass die Organisatoren ein eher leichtes Rennen etablieren wollten. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, geprägt von einem unbeirrbaren Fortschrittsglauben und immer neuen Bestleistungen in vielen Bereichen der Gesellschaft, überboten sich auch die Veranstalter von Radrennen mit immer längeren Strecken und größeren Herausforderungen – für deren Bewältigung es, nebenbei bemerkt, in der damaligen Zeit völlig normal war, auch alle medizinischen Substanzen und Neuerungen zu nutzen. Die Organisatoren von Paris-Roubaix wollten diesem Rekordstreben offenbar nicht folgen und führten die Strecke nur auf den letzten drei Dutzend Kilometern über Kopfsteinpflaster. Das änderte sich grundlegend erst in den 1960er-Jahren.

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Heute umfasst Paris-Roubaix je nach Streckenführung rund 30 Kopfsteinpflasterpassagen, die als Sektoren bezeichnet werden und in absteigender Reihenfolge nummeriert sind. Die Sektoren tragen Namen und sind in fünf Schwierigkeitsstufen unterteilt, wobei fünf Sterne die schwerste Kategorie bezeichnen und ein Stern die einfachste. Maßgeblich für die Einstufung sind die Länge des Abschnitts, der Zeitpunkt der Befahrung im Rennverlauf – und natürlich die Ausprägung des Kopfsteinpflasters. Zu den bekanntesten und schwersten Sektoren, die oft rennentscheidende Bedeutung haben, gehören der Wald von Arenberg, Mons-en-Pevèle und der Carrefour de l’Arbre. Der letzte Abschnitt kurz vor der Einfahrt in die Radrennbahn in Roubaix ist nur noch 300 Meter lang, führt über sehr gepflegtes, glattes Pflaster und ist dem ehemaligen Rennfahrer Charles Crupelandt gewidmet, dem einzigen Sieger des Rennens, der aus Roubaix stammt.

Das Ziel

Die erste Radrennbahn, das „Vélodrome roubaisien“, wurde 1895 errichtet und entwickelte sich in den Folgejahren zum Schauplatz bedeutender Bahnradrennen. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die zwischenzeitlich mit Holz belegte 333,33 Meter lange Bahn von den deutschen Besatzern geschlossen und abgebaut. Die heutige Radrennbahn, das „Vélodrome André Petrieux“, stammt aus dem Jahr 1936 und ist Teil des „Parc des Sports“ in Roubaix. Sie ist nicht überdacht, 499,75 Meter lang und besteht aus Beton. Seit 1943 bildet sie das Ziel von Paris-Roubaix mit einer kurzen Unterbrechung zwischen 1986 bis 1988. In den Jahren lag das Ziel in der Innenstadt von Roubaix.

Die Deutschen bei Paris-Roubaix

Der Paukenschlag gelang gleich zur Premiere: Nach dem Sieg durch Josef Fischer sollte es 119 Jahre dauern, bevor ihm John Degenkolb 2015 als erst zweiter deutscher Sieger nachfolgte. Aufs Podest schafften es 1932 der deutsche Rennfahrer Herbert Sieronski als Dritter und 1967 Rudi Altig, ebenfalls auf Rang drei. Ebenfalls dritte Plätze gelangen 1980 Didi Thurau und 1982 Gregor Braun. Olaf Ludwig schaffte es zweimal aufs Treppchen, 1992 als Zweiter, 1993 auf Rang drei. Steffen Wesemann belegte im Jahr 2002 den zweiten Platz. 2014 wurde John Degenkolb Zweiter hinter dem Niederländer Niki Terpstra, bevor er ein Jahr später das Rennen gewinnen konnte. Nils Politt vervollständigt mit Rang zwei im Jahr 2019 die bisherige Bilanz von Podiumsplätzen deutscher Radprofis bei Paris-Roubaix.

Deutscher Botschafter

John Degenkolb wurde 2018 zum Botschafter des Vereins der Freunde von Paris-Roubaix ernannt. Der Freundeskreis widmet sich dem Erhalt der Strecke des legendären Radrennens. Hintergrund für die Würdigung Degenkolbs war die drohende Absage des Juniorenrennens von Paris-Roubaix 2019 mangels Geld. Degenkolb initiierte daraufhin eine Spendenaktion und beteiligte sich selbst mit 2500 Euro. Mit dem gesammelten Geld konnte das Rennen gerettet werden. Zur Anerkennung von Degenkolbs Initiative wurde der Pavé-Sektor d’Hornig à Wandignies-Hamage in „Secteur John Degenkolb“ umbenannt. Er ist der einzige ausländische –und noch aktive – Radprofi, dem diese Ehre zuteilwurde.

Die Trophäe

Bei Paris-Roubaix gibt’s für den Sieger keinen Pokal sondern einen auf einen Sockel montierten Pflasterstein, der die besondere Anforderung des Rennens symbolisiert.

Die Hölle des Nordens

Den Beinamen „L’Enfer du Nord“ erhielt das Rennen erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Er bezog sich auch nicht auf die herausfordernde Fahrt über die schlechten – für die damalige Zeit aber völlig üblichen – Straßen und Kopfsteinpflasterpassagen. Die Zuschreibung bezog sich auf die Verwüstungen des Krieges in der Region. Roubaix war im späten 19. Jahrhundert zusammen mit Lille Teil des nordfranzösischen Kohlereviers, ein Zentrum der internationalen Textilindustrie und als „Stadt der Tausend Schornsteine“ bekannt. Entsprechend litt die wirtschaftlich erfolgreiche Region unter den Beschlagnahmungen und Zerstörungen durch die deutsche Besatzungsmacht. Das erste Radrennen nach dem Krieg 1919 führte durch eine rauchende, stinkende, im Matsch versinkende Trümmerlandschaft – eben durch die „Hölle des Nordens“.

Rekorde

Vier Siege in der „Hölle des Nordens“ markieren die Bestmarke, erzielt von Roger De Vlaeminck (1972, 1974, 1975 und 1977) sowie von Tom Boonen (2005, 2008, 2009 und 2012), beide aus Belgien. Herausragend auch die Leistungen des legendären Klassiker-Teams Mapei, das in sechs Jahren zwischen 1995 und 2000 fünfmal den Sieger stellte und zweimal alle drei Plätze auf dem Siegerpodest belegte (1996 und 1998). Das schnellste Rennen absolvierte 2024 Mathieu van der Poel mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 47,85 km/h.

Das Rennen der Frauen

Paris-Roubaix Femmes ist einer der jüngsten Ableger der klassischen Eintagesrennen des Frühjahrs, gehört aber seit der ersten Austragung zur WorldTour der Frauen. Es verdankt seine Entstehung der Zwangspause des Radsports während der Corona-Pandemie. Nach zweimaliger Verschiebung wegen der Pandemie fand es am 2. Oktober 2021 erstmals statt. Start der bisherigen Austragungen war Denain, ab wo die Frauen im Wesentlichen dem Parcours der Männer folgen und rund 20 Pave-Abschnitte bewältigen müssen. Das Ziel bildet ebenfalls die Radrennbahn in Roubaix. Premierensiegerin war 2021 die Britin Lizzie Deignan, zuletzt (2025) triumphierte die Französin Pauline Ferrand-Prévot.


Thomas Musch

Thomas Musch

Herausgeber

Der lupenreine Freizeitsportler beschloss einst als Student der Germanistik und Politikwissenschaften, sein Glück als Journalist zu versuchen. Seine Rennradleidenschaft führte ihn schnurstracks als Praktikant in die TOUR-Redaktion, woraus eine inzwischen mehr als 30 Jahre währende Herzensangelegenheit geworden ist, 16 Jahre davon als Chefredakteur. Als – nach eigener Aussage – „Generalist in der Nische Radsport“ interessiert er sich für alle Themen rund ums Rennrad (und Gravelbike) und begeistert sich bis heute ganz besonders für den Rennsport. Highlights seiner eigenen Rennradler-Karriere sind die Teilnahme an der TOUR-Transalp, dem einen oder anderen Jedermann-Rennen und die regelmäßigen Alpentouren mit Freunden.

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