Paris-Roubaix 2022: Durch die Hölle des NordensFoto: Getty Images

Profi - Radsport Aktuelles Paris-Roubaix 2022: Durch die Hölle des Nordens

Alisa Rathke

 4/12/2022, Lesezeit: 7 Minuten

Am 17. April 2022 findet der Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix für die Männer bereits zum 119. Mal statt. Bei den Frauen gibt es einen Tag vorher erst die zweite Ausgabe überhaupt. Charakteristisch für das Rennen sind die Passagen auf Kopfsteinpflaster, die besonders bei Nässe zur großen Herausforderung werden können – siehe Video. Hier gibt’s die Vorschau zum Frauen- und Männer-Rennen mit allen Infos zu den Strecken und Teilnehmern.

Die erste Austragung von Paris-Roubaix fand für die Männer bereits im Jahr 1896 statt und wurde damals vom Deutschen Josef Fischer gewonnen. Die nächste Auflage von Paris-Roubaix, einem der berühmtesten Klassiker, startet am Ostersonntag. Damit findet das Rennen eine Woche später als üblich statt. Aufgrund der französischen Präsidentschaftswahl am 10.4.2022 wurden die Termine von Paris-Roubaix mit dem Amstel Gold Race getauscht. Das Rennen wird als die Königin der Klassiker (La Reine des Classiques) oder auch als „Hölle des Nordens“ bezeichnet, da die Region nach dem Ersten Weltkrieg so verwüstet war. Besonders bekannt ist Paris-Roubaix durch die Páves, die Abschnitte über Pflastersteine, die teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Die insgesamt 54,8 Kilometer bei den Männern und 29,2 Kilometer langen Passagen bei den Frauen werden vor allem bei Nässe zur Schwierigkeit. Charakteristisch für das Rennen ist zudem die hohe Dauerleistung, die Sportler abrufen müssen. Das Rennen testet Ausdauer, Tempohärte und Fahrtechnik wie kein anderes. Auch die Stärksten können, sollte es auf der berühmten Radbahn im Velodrom von Roubaix zum Sprint kommen, nicht mehr ihre maximale Leistung abrufen.

Männer-Rennen: Flach, aber ruppig

Die Route im Rennen der Männer führt über 257,2 Kilometer und zirka 1.200 Höhenmeter. Damit ist die Strecke ziemlich flach, verglichen mit den anderen Frühjahrsklassikern. Der Start fand bis 1977 in Paris statt, seither geht’s rund 80 Kilometer nördlich vor dem Schloss in Compiègne los. Der erste von 30 Kopfsteinpflasterabschnitten beginnt unmittelbar hinter dem Dorf Troisvilles nach rund 96 Kilometern Renndistanz. Das erste Kräftemessen der Sieg-Anwärter können die Fans erfahrungsgemäß bei der Fahrt durch den Wald von Arenberg erleben, die angesichts des besonders ruppigen Pflasters bei jedem Wetter hart sein wird. Die darauffolgenden Sektoren Hornaing-Wandignies (Nr. 17), Warlaing-Brillon (Nr. 16) und Tilloy-Sars-et-Rosières (Nr. 15) dienen auch als Vorschau auf die 5. Etappe der Tour de France 2022, bei der diese Abschnitte ebenfalls zu bewältigen sind. Von dort aus sind es fast 70 Kilometer bis zum Ziel mit einigen besonders harten Abschnitten wie den Passagen wie Mons-en-Pévèle und dem Carrefour de l'Arbre.

Auf den 257 Kilometern müssen die Männer insgesamt 30 Pflastersteinabschnitte bewältigen.Foto: Veranstalter
Auf den 257 Kilometern müssen die Männer insgesamt 30 Pflastersteinabschnitte bewältigen.

Nachdem das Rennen 2020 coronabedingt abgesagt worden war, erlebten die Profis im vergangenen Jahr einen absoluten Härtetest. Schlammschlacht und Dauerregen führten zu vielen Stürzen und Defekten. Die Fahrer bewiesen Durchhaltevermögen und quälten sich durch tiefe Pfützen und glitschiges Pflaster, bis die Besten im Velodrom um den Sieg sprinteten. Diesen entschied der Italiener Sonny Colbrelli für sich - knapp vor dem jungen Belgier Florian Vermeersch und Topfavorit Mathieu van der Poel aus den Niederlanden.

Trotz der sechsstündigen Schlammschlacht hatte Sonny Colbrelli noch Körner für den Schlussspurt übrig und entschied das Rennen für sich.Foto: Getty Images
Trotz der sechsstündigen Schlammschlacht hatte Sonny Colbrelli noch Körner für den Schlussspurt übrig und entschied das Rennen für sich.

Diesmal gehen bei den Männern insgesamt 25 Teams am Start. Mit Sicherheit wird es einen anderen Sieger als im Vorjahr geben, da Europameister Colbrelli nach einem lebensgefährlichen Zusammenbruch im Ziel der Katalonien-Rundfahrt einen Defibrillator eingesetzt bekam und die Fortsetzung seiner Karriere nun ungewiss ist. Schlechte Wettquoten dürfte es für Mathieu van der Poel geben, der unbedingt diesen Klassiker erstmals gewinnen will und voraussichtlich als Topfavorit an den Start gehen wird. Van der Poels Dauerrivale Wout Van Aert musste zuletzt wegen einer Covid-Erkrankung pausieren. Ob er starten wird, ist ungewiss.

Völlig ausgepumpt und dreckverschmiert im Ziel: Sieger Colbrelli vom Team Bahrain VictoriousFoto: Getty Images
Völlig ausgepumpt und dreckverschmiert im Ziel: Sieger Colbrelli vom Team Bahrain Victorious

Klappe, die zweite, für die Frauen

Einen Tag vor den Männern starten am 16. April die Frauen. Erst im vergangenen Jahr fand die Premiere des Frauen-Rennens von Paris-Roubaix statt. Die 124,7 Kilometer lange Strecke zwischen Denain und Roubaix wird 17 Kopfsteinpflaster-Sektoren mit insgesamt 29,2 Kilometer Länge enthalten. Die Frauen müssen allerdings nicht durch den Wald von Arenberg fahren. Die Gesamtdistanz der Kopfsteinpflasterabschnitte bleibt zwar unverändert, das Rennen ist in diesem Jahr aber acht Kilometer länger. Die letzten 84 Kilometer der Strecke sind die gleichen wie bei den Männern und beginnen bei Hornaing. Anders als bei den Männern waren die Frauen im Vorjahr noch auf vergleichsweise trockenem Pflaster unterwegs – der große Regen begann erst in der Nacht zwischen den beiden Rennen. Bei der Erstauflage siegte die Britin Lizzie Deignan nach einer überraschend frühen Attacke und einer Solofahrt über 80 Kilometer. In Roubaix lag sie 1:17 Minute vor Marianne Vos und Elisa Longo Borghini.

Die knapp 125 Kilometer lange Strecke der Frauen führt von Denain nach Roubaix.Foto: Veranstalter
Die knapp 125 Kilometer lange Strecke der Frauen führt von Denain nach Roubaix.

In diesem Jahr gehen bei den Frauen 24 Teams an den Start. Deignan wird fehlen – die 33-Jährige pausiert wegen Schwangerschaft. Aus deutscher Sicht wird interessant, ob Lisa Brennauer den vierten Platz aus dem Vorjahr verbessern kann. Noch ein möglicher Lichtblick für die deutschen Fans: Die 21-jährige Franziska Koch überraschte im Vorjahr als Siebte.

Verhältnismäßig sauber blieben die Frauen im vergangenen Jahr und auch ein Schlussspurt um den Sieg blieb, anders als bei den Männern, aus. Elisabeth Deignan gewann mit über einer Minute Vorsprung.Foto: Getty Images
Verhältnismäßig sauber blieben die Frauen im vergangenen Jahr und auch ein Schlussspurt um den Sieg blieb, anders als bei den Männern, aus. Elisabeth Deignan gewann mit über einer Minute Vorsprung.

Alle Infos zu Paris-Roubaix auf einen Blick

Termin: 16. April (Frauen), 17. April (Männer)

Start: Compiègne, Schlossplatz (Männer), Denain, Rathaus (Frauen); Ziel: Roubaix, Velodrom

Distanz: 257,2 km (Männer), 124,7 km (Frauen)

Auflage: 119. (Männer), 2. (Frauen)

Erstes Rennen: 1896 (Männer), 2021 (Frauen)

Rekordsieger: Roger De Vlaeminck (BEL), Tom Boonen (BEL), je viermal

Deutsche Sieger: Josef Fischer (1896), John Degenkolb (2015)

Ergebnis 2021

Männer

1. Sonny Colbrelli (ITA / Bahrain Victorious), 6:01:57 Std.

2. Florian Vermeersch (BEL / Lotto-Soudal)

3. Mathieu van der Poel (NED / Alpecin-Fenix), alle gleiche Zeit

4. Gianni Moscon (ITA / Ineos Grenadiers), + 0:44 Min.

5. Yves Lampaert (BEL / Deceuninck-Quick Step), + 1:16 Min.

Frauen

1. Elizabeth Deignan (GBR / Trek-Segafredo), 2:56:07 Std.

2. Marianne Vos (NED / Jumbo-Visma), + 1:17 Min.

3. Elisa Longo Borghini (ITA / Trek-Segafredo), + 1:47 Min.

4. Lisa Brennauer (GER / Ceratizit-WNT Pro), + 1:51 Min.

5. Marta Bastianelli (ITA / Ale‘ BTC Ljubljana), +2:10 Min.

Schlüsselstellen: Die härtesten Pavé-Sektoren Wald von Arenberg (nur Männer), Mons-en-Pevèle und Carrefour de l’Arbre (jeweils fünf Sterne vom Veranstalter)

TV: Samstag, 16. April von 15:15 bis 17:15 Uhr bei Eurosport 1 (Frauen)

Sonntag, 17. April von 12:00 bis 17:45 Uhr bei Eurosport 1 (Männer)

Sektoren mit Schwierigkeitsgraden

  • 30 : Troisvilles to Inchy (km 96,3 – 2,2 km) ***
  • 29 : Viesly to Quiévy (km 102,8 – 1,8 km) ***
  • 28 : Quiévy to Saint-Python (km 105,4 – 3,7 km) ****
  • 27 : Saint-Python (km 110,1 - 1,5 km) **
  • 26 : Vertain to Saint-Martin-sur-Écaillon (km 117,9 – 2,3 km) ***
  • 25 : Haussy (km 123,7 - 0,8 km) **
  • 24 : Saulzoir to Verchain-Maugré (km 130,6 – 1,2 km) **
  • 23 : Verchain-Maugré to Quérénaing (km 134,9 - 1,6 km) ***
  • 22 : Quérénaing to Maing (km 137,6 - 2,5 km) ***
  • 21 : Maing to Monchaux-sur-Ecaillon (km 140,7 - 1,6 km) ***
  • 20 : Haveluy to Wallers (km 153,7 - 2,5 km) ****
  • 19 : Trouée d'Arenberg (km 161,9 - 2,3 km) *****
  • 18 : Wallers to Hélesmes (km 167,9 - 1,6 km) ***
  • 17 : Hornaing to Wandignies (km 174,7 - 3,7 km) **** (Erster Sektor Frauen)
  • 16 : Warlaing to Brillon (km 182,2 - 2,4 km) ***
  • 15 : Tilloy to Sars-et-Rosières (km 185,6 - 2,4 km) ****
  • 14 : Beuvry-la-Forêt to Orchies (km 192 - 1,4 km) ***
  • 13 : Orchies (km 197 - 1,7 km) ***
  • 12 : Auchy-lez-Orchies to Bersée (km 203,1 - 2,7 km) ****
  • 11 : Mons-en-Pévèle (km 208,6 - 3 km) *****
  • 10 : Mérignies to Avelin (km 214,6 - 0,7 km) **
  • 9 : Pont-Thibault to Ennevelin (km 218 - 1,4 km) ***
  • 8 : Templeuve - L'Epinette (km 223,4 - 0,2 km) *
  • 8 : Templeuve - Moulin-de-Vertain (km 223,9 - 0,5 km) **
  • 7 : Cysoing to Bourghelles (km 230,3 - 1,3 km) ***
  • 6 : Bourghelles to Wannehain (km 232,8 - 1,1 km) ***
  • 5 : Camphin-en-Pévèle (km 237,3 - 1,8 km) ****
  • 4 : Carrefour de l'Arbre (km 240 - 2,1 km) *****
  • 3 : Gruson (km 242,3 - 1,1 km) **
  • 2 : Willems to Hem (km 249 - 1,4 km) **
  • 1 : Roubaix - Espace Charles Crupelandt (km 255,8 - 0,3 km) *

Die Hölle für Jedermann

Am selben Tag wie die Frauen, am 16. April 2022, können sich Radsportlerinnen und Radsportler auf den Pavés versuchen. Die Version der „Hölle des Nordens“ für Hobbyradsportler bietet drei Distanzen zur Auswahl: 70, 145 und 170 Kilometer. Das Ziel liegt im Velodrom.

Informationen und Anmeldung: www.parisroubaixchallenge.com/en