Flandern-Rundfahrt vs. Paris-RoubaixDas sind die Unterschiede

Andreas Kublik

 · 03.04.2026

Flandern-Rundfahrt vs. Paris-Roubaix: Das sind die UnterschiedeFoto: Getty Images (2)
Steiles Pflaster gegen rutschiges Pflaster - Flandern (links) vs. Roubaix (rechts)
Sie gehören zur Handvoll der härtesten und legendärsten Eintagesrennen im Radsport. Die Flandern-Rundfahrt in Belgien und Paris-Roubaix, die Fahrt durch “die Hölle des Nordens” in Frankreich. Was haben die beiden Frühjahrsklassiker auf dem Kopfsteinpflaster gemeinsam und was unterscheidet sie?

Themen in diesem Artikel

Die Distanz

Die beiden legendären Frühjahrsklassiker Flandern-Rundfahrt (am 5.4.2026) und Paris-Roubaix (12.4.2026) zählen zu den fünf Monumenten. Eine Voraussetzung: extreme Distanz - jenseits der 250-Kilometer-Marke. Der Vergleich für die Ausgaben 2026:

278,2 zu 257,9 Kilometer

Die Flandern-Rundfahrt ist damit gut 20 Kilometer länger als Paris-Roubaix. Und damit das zweitlängste Profirennen der Saison nach Mailand-San Remo, das in diesem Jahr über 298 Kilometer führte.

Die Tradition

Paris-Roubaix 1910Foto: Wikimedia CommonsParis-Roubaix 1910

Die zweite Voraussetzung für den Status als Monument: eine lange Tradition. Paris-Roubaix fuhren Radsportler schon im 19. Jahrhundert. Die Premiere fand 1896 statt. Von den Monumenten ist nur Lüttich-Bastogne-Lüttich älter. Das Rennen durch die Ardennen wurde erstmals 1892 gefahren. Die Flandern-Rundfahrt gab’s erstmals 1913. Paris-Roubaix ist also 17 Jahre älter. Die Rennen pausierten jeweils während der beiden Weltkriege einige Jahre.

Premiere: 1913 bzw. 1896

Auflagen: 110 zu 123

Das Kopfsteinpflaster

Matschig: Im Jahr 2021 war Paris-Roubaix eine besondere Herausforderung wie hier auf dem Pavé-Sektor bei Camphin-en-Pèvéle - bei oder nach Regen wird das Radrennen zur SchlitterpartieFoto: Getty Images/Jorge Luis Alvarez PupoMatschig: Im Jahr 2021 war Paris-Roubaix eine besondere Herausforderung wie hier auf dem Pavé-Sektor bei Camphin-en-Pèvéle - bei oder nach Regen wird das Radrennen zur Schlitterpartie

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Was beide Rennen verbindet, das ist das Kopfsteinpflaster. Aber dennoch unterscheidet sich der Bodenbelag bei den Rennen. Die “Kasseien” in Belgien sind grob, gerade am Oude Kwaremont. Kein Vergleich zu den meisten Pflasterstücken in deutschen Fußgängerzonen. Aber die Pavés auf der Strecke vom aktuellen Startort Compiègne nach Roubaix haben noch einmal eine andere Qualität - oder besser gesagt: Diese Rüttelpartie ist noch einmal eine ganz andere Herausforderung. Es ist die härteste Fahrbahn im Profisport - wenn man die Steinwüste als Fahrbahn bezeichnen will. Hobbyradsportler können beide Gattungen bei den “Radmarathons” auf den Profistrecken nachempfinden.

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Zwischen dem ersten Pavé-Sektor bei Troisvilles und Roubaix liegen die grob gehauenen Quader teilweise wie hingewürfelt in den Äckern Nordfrankreichs, in den Fugen könnten sich Kleintiere verstecken. Als Geheimrezept gilt: Mit dickem Gang und hoher Geschwindigkeit quasi von Stein zu Stein springen. In Flandern braucht man Traktion wegen der Steilheit vieler Pflasterabschnitte. Bei feuchten Witterungsbedingungen droht beispielsweise der Koppenberg zur Fußgängerzone zu werden.

Viel Entscheidender sind aber starke Regenfälle vor oder während des Rennens bei Paris-Roubaix. Dann verwandelt sich die Strecke zu einer Art Schlammbad, in der die Radbrillen der Profis undurchsichtig werden, der Matsch im Gesicht und auf den Augen klebt und so die Sicht beeinträchtigt. Und auch die Fahrt übers Pavé wird zu einem deutlich riskanteren Balance-Akt, bei dem die Rennfahrer auf ihren Rädern mit relativ schmalen, nicht profilierten Reifen aus der Spur geraten und schnell stürzen können - auch weil viele scharfe und enge Kurven auf den grob gepflasterten Feldwegen zu meistern sind.

Flaches Nordfrankreich gegen die Stiche in den “flämischen Ardennen”

Fußgängerzone: Am steilen Koppenberg müssten selbst Profis regelmäßig vom Rad steigenFoto: Getty Images/Dario BelingheriFußgängerzone: Am steilen Koppenberg müssten selbst Profis regelmäßig vom Rad steigen

Auf dem aktuellen Parcours der Flandern-Rundfahrt ist Kletterstärke gefragt. Insgesamt 16 Hellingen (flämisch für Anstiege oder Steilstücke) gibt es zu erklimmen - so heißen die meist gepflasterten Steilstücke an der Geländekante in der Mitte Belgiens, die auch “flämische Ardennen” genannt wird. Weil die Abfolge der Anstiege verändert wurde, ist im Finale Kletterstärke gefragt - Schwergewichte erholen sich schlechter von den Kletterübungen. “Seit die Strecke vor 14 Jahren geändert wurde, sind Oude Kwaremont und Paterberg die entscheidende Kombination, die beiden letzten Hürden für die, die ein gutes Ergebnis erzielen wollen”, heißt es vom Team Soudal Quick-Step, bei dem seit Jahren viele der besten Spezialisten für dieses Rennen fahren.

Ganz so flach wie Paris-Roubaix während der Liveübertragung aussieht, ist die Strecke gar nicht. Auf der Gesamtstrecke sammeln sich immerhin rund 1300 Höhenmeter an. Aber das ist nur etwas mehr als die Hälfte der Hubarbeit, die an den flämischen Stichen zu leisten ist. Und tatsächlich gibt es auf dem Weg ins Velodrom in Roubaix keine nennenswerten oder gar steile Steigungen.

2250 zu 1292 Höhenmeter

16 zu 0 Steilstücke

Das Velodrom in Roubaix mit den Duschen als Alleinstellungsmerkmal

Packendes Finale: Mads Pedersen, Nils Politt und Jasper Philipsen (von links nach rechts) beim Zielsprint im Velodrom von RoubaixFoto: Getty Images/Dario BelingheriPackendes Finale: Mads Pedersen, Nils Politt und Jasper Philipsen (von links nach rechts) beim Zielsprint im Velodrom von Roubaix

Das Ziel der Flandern-Rundfahrt liegt auf einer schmucklosen Einfallsstraße in das Städtchen Oudenaarde. Ziemlich gerade, nicht besonders viel Flair. Ganz anders ist das bei Paris-Roubaix. In den Frühzeiten des Radsports endeten viele Straßenrennen in den damals noch weit verbreiteten Radrennbahnen. Mittlerweile hat Roubaix damit ein Alleinstellungsmerkmal. Die Sieger werden im Vélodrome André Pétrieux gekürt. Die knapp 500 Meter lange Betonbahn mit den Zuschauertribünen wirkt aus der Zeit gefallen, eher schmucklos - aber dennoch als Atmosphäre für einen Zieleinlauf einzigartig. Zumal die Rennfahrer zweimal über den Zielstrich fahren und zuvor eineinhalb Runden vor den Fans durchs Oval drehen - gut zu sehen von den Tribünen. Als Trainingsort wird die offene Bahn, 1920 erbaut, nicht mehr wirklich genutzt. Längst gibt es eine moderne überdachte Radhalle mit einer modernen Wettkampfkriterien entsprechenden Holzbahn gleich nebenan. Sie ist das Trainingszentrum der äußerst erfolgreichen französischen Bahnradsportler.

Siegertypen: Kräftig vs. kletterstark

Zweikampf: Der leichtgewichtige Kletterer Tadej Pogacar hat zuletzt den explosiven, aber deutlich schwereren Klassikerspezialisten Mathieu van der Poel bei der Flandern-Rundfahrt abgehängt.Foto: Getty Images/Jan de MeulenierZweikampf: Der leichtgewichtige Kletterer Tadej Pogacar hat zuletzt den explosiven, aber deutlich schwereren Klassikerspezialisten Mathieu van der Poel bei der Flandern-Rundfahrt abgehängt.

Bis vor gut einem Jahrzehnt waren die Sieganwärter bei beiden Rennen relativ kräftig gebaute Rennfahrer, die eine Mischung aus Explosivität und Tempohärte wie für ein langes Zeitfahren mitbrachten. Fabian Cancellara und Tom Boonen galten als Idealtypen für diese Rennen - sie duellierten sich meist binnen einer Woche zweimal. Das Anforderungsprofil hat sich mittlerweile verändert. Der neue Rennveranstalter Flanders Classics hat der Flandern-Rundfahrt im Wortsinne ein anderes Profil verpasst. Viele Jahre lang fiel auf der alten Strecke, die nach Ninove-Merbeke führte, die Kombination aus der sehr steilen Mauer von Geraardsbergen (Kapelmuur) und dem folgenden Bosberg die Entscheidung über Sieger und Verlierer. Beide Steilstücke (Hellingen) sind nicht mehr Teil des Parcours’.

Mittlerweile führt die Strecke im Finale über einen zuschauerfreundlichen Rundkurs, auf dem man die Rennfahrer mitunter mehrfach an der gleichen Stelle sehen kann. Das hat zu einem veränderten Rennverlauf und auch zu einem neuen Idealtypus für Siegfahrer geführt. Kletterstärke ist durch die dichte Abfolge der Anstiege gefragt. Statt purer Power ist das Verhältnis von Leistung zu Gewicht (Watt pro Kilogramm Körpergewicht) entscheidender geworden. Andreas Klier, als Profi einst selbst Zweiter bei der alten Version der “Ronde” und mittlerweile Taktikstratege beim Team EF Education-EasyPost, hat diese Verschiebung bei den Fahrertypen einst vorhergesagt und dann selbst den Italiener Bettiol mit einer langen, aber frühen Attacke am Oude Kwaremont zum Sieg gesteuert.

Tadej Pogacar hat sich diese Taktik gleichsam abgeschaut. Der vergleichsweise leichte Slowene hat die Flandern-Rundfahrt quasi zum Bergrennen gemacht, indem er sich von seinen Teamkollegen UAE Team Emirates-XRG mit hohem Tempo in den Oude Kwaremont, den längsten, aber nicht steilsten Anstieg fahren lässt, und mit seiner Kletterstärke schwerer Klassikerspezialisten wie Mathieu van der Poel abzuhängen versucht. Im Vergleich ist Paris-Roubaix ein Wettbewerb für vergleichsweise kräftig gebaute Tempobolzer wie Mathieu van der Poel, Filippo Ganna oder Nils Politt. Mehr Gewicht bedeutet auch mehr Traktion auf dem Pflaster.

Der Wind

Windig: Die Landschaft rund um Paris-Roubaix eignet sich um Windenergie zu erzeugen, Radfahrer können dort Kraft lassen.Foto: Getty Images/ANNE-CHRISTINE POUJOULATWindig: Die Landschaft rund um Paris-Roubaix eignet sich um Windenergie zu erzeugen, Radfahrer können dort Kraft lassen.

Nach relativ langem flachen Anlauf vom Start in Antwerpen geht es bei der Flandern-Rundfahrt auf einen verwinkelten Rundkurs mit vielen kurzen Anstiegen. Das weitgehend baumfreie Flandern bietet dem Wind recht freien Durchzug - der oft aus Westen von der Nordsee weht. Wegen der wechselnden Fahrtrichtung trifft er die Rennfahrer aus vielen unterschiedlichen Richtungen - das verlangt von Taktikstrategen und Rennfahrern ein feines Gespür, wann der Wind zu einem Vorteil für ein Manöver werden kann. Grundsätzlich führt Paris-Roubaix von Compìegne nach Roubaix weitgehend in nördlicher Richtung. In der zweiten Rennhälfte geht es aber im Zickzack-Kurs über die gepflasterten Abschnitte - das heißt, bei der Fahrt kann der Wind die Rennfahrer aus unterschiedlich Richtungen treffen. Grundsätzlich gilt aber bei Paris-Roubaix: Gegenwind lähmt das Rennen, Rückenwind beschleunigt es. Südwind ist gut für Ausreißer.

Das Publikum

Begeistert: Radsportfans am Oude Kwaremont während der Flandern-Rundfahrt 2025Foto: Getty Images/Jan de MeulenierBegeistert: Radsportfans am Oude Kwaremont während der Flandern-Rundfahrt 2025

Es ähnelt sich - schließlich liegen die beiden Rennen nur eine Woche voneinander entfernt im Terminkalender und die beiden Zielorte Roubaix und Oudenaarde nur rund 40 Kilometer voneinander entfernt. Paris-Roubaix lockt dank seines Rufs als Fahrt durch “die Hölle des Nordens” internationales Publikum an - das Rennen hat einfach den klingenderen Namen. Wo kann man sonst die Hölle besuchen? Die Flandern-Rundfahrt wohl das größte Volksfest des Jahres im Nachbarland Belgien -entlang der Rennstrecke.

Während man sich bei Paris-Roubaix für die besten Spots im Wald von Arenberg durchs Unterholz schlagen muss oder am Carrefour de l’Arbre besser Gummistiefel für die Stehplätze in den Ackerfurchen mitbringt, hat der Rennveranstalter Flanders Classics sein wichtigstes Rennen fit für VIP-Publikum gemacht. Am Oude Kwaremont gibt es riesige Festzelte, in denen man sich den ganzen Tag verköstigen lassen kann und mit wenigen Schritten an der Strecke steht, wo die Profis dreimal passieren. Da beide Rennen unweit der belgisch-französischen Grenze stattfinden, nehmen die einheimischen, meist äußerst bierseligen Radsportfans natürlich gerne beide Events mit.


Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.

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