Düstere GeschichteDarum heißt Paris-Roubaix auch die Hölle des Nordens

Sandra Schuberth

 · 11.04.2026

Düstere Geschichte: Darum heißt Paris-Roubaix auch die Hölle des NordensFoto: Getty Images / Jeff Pachoud
​Der Name klingt nach Rennfahrerdrama, nach zerschundenen Händen und Stürzen auf dem Kopfsteinpflaster. Aber die Wahrheit hinter dem Beinamen „L'Enfer du Nord" ist eine andere – noch düsterer.

Als das Rennen 1919 zum ersten Mal nach dem Ersten Weltkrieg wieder ausgetragen wurde, führte die Strecke durch eine Region, die kaum wiederzuerkennen war. Roubaix und das umliegende Nordfrankreich hatten Besatzung, Zerstörung und industriellen Raubbau hinter sich. Was die Fahrer passierten, war keine sportliche Herausforderung – es war eine Trümmerlandschaft. Rauch, Schlamm, Ruinen. Ein Reporter soll das Bild der „Hölle des Nordens" geprägt haben, und der Name blieb.

Dabei war die Region vorher alles andere als eine Einöde. Roubaix war im späten 19. Jahrhundert ein wirtschaftliches Schwergewicht – Textilindustrie, Kohle, tausende Schornsteine. Genau dort endete seit 1896 ein Radrennen, das ursprünglich gar nicht besonders schwer sein sollte. Die ersten Ausgaben führten größtenteils über ordentliche Hauptstraßen, nur auf den letzten Dutzenden Kilometern kamen Pflastersteine ins Spiel. Der Kopfsteinpflaster-Wahnsinn, für den das Rennen heute bekannt ist, entstand erst durch eine aktive Entscheidung: Ab den 1960er-Jahren leiteten die Organisatoren die Strecke gezielt über immer mehr Pflasterpassagen – Abschnitte, die inzwischen unter Denkmalschutz stehen.

Heute sind es rund 30 Sektoren, von einem Stern bis fünf, nummeriert in absteigender Reihenfolge. Der Wald von Arenberg, Mons-en-Pévèle, der Carrefour de l'Arbre – Namen, die selbst Menschen kennen, die dem Profi-Radsport sonst fernbleiben. Das Rennen endet seit 1943 (mit kurzer Unterbrechung) auf der Radrennbahn in Roubaix, dem Vélodrome André Petrieux aus dem Jahr 1936. Betonbahn, kein Dach, 499 Meter lang. Der Sieger bekommt keinen Pokal, sondern einen Pflasterstein auf einem Sockel.

Der Spitzname hat also nichts mit der Schwierigkeit des Rennens zu tun – zumindest nicht am Anfang. Er ist ein Kriegsdenkmal in Sportform. Dass er heute für Schmerz, Chaos und Unvorhersehbarkeit steht, ist eine nachträgliche Bedeutungsverschiebung, die das Rennen selbst erst erarbeiten musste. Und die Pavés, die das möglich gemacht haben, wären ohne aktiven Schutz längst asphaltiert.


Sandra Schuberth

Sandra Schuberth

Redakteurin

Sandra Schuberth, mal Feierabendrunde, mal Trainingsride, mal unsupported Bikepacking-Challenge. Hauptsache sie und ihr Gravelbike – abseits vom Verkehr. Seven Serpents, Badlands oder Bright Midnight: Sie hat anspruchsvolle Bikepacking-Rennen gefinisht. Gravel und Bikepacking sind ihre Herzensthemen, ihr Anspruch an Equipment ist hoch. Was sie fährt, nutzt und empfiehlt, muss draußen bestehen: nicht im Marketing, sondern im echten Leben.

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