Thomas Goldmann
· 28.02.2025
Die Favoriten für den ersten Klassiker des Jahres auszumachen, ist immer in gewisser Weise ein Schuss ins Blaue. Die bisherigen Vorbereitungsrennen und das Abschneiden beim Omloop Het Nieuwsblad in den vergangenen Jahren ermöglichen trotzdem eine grobe Einschätzung der aussichtsreichsten Kandidaten. Desto mehr Sterne ein Fahrer bekommt, desto höher ist er einzuschätzen.
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| RG | Fahrer | Zeit |
|---|---|---|
| 1 | Team Visma | Lease a Bike | 04:31:28 |
| 2 | UAE Team Emirates | +00:00:03 |
| 3 | Team Visma | Lease a Bike | +00:00:08 |
| 4 | Decathlon AG2R La Mondiale Team | +00:00:08 |
| 5 | Team Visma | Lease a Bike | +00:00:08 |
| 6 | Intermarché - Wanty | +00:00:08 |
In Abwesenheit von Mathieu van der Poel und Tadej Pogačar ist van Aert der größte Name am Start und hätte sich rein von der Papierform fünf Sterne verdient. Ob seiner bisherigen Ergebnisse in der laufenden Saison bekommt er die von uns aber nicht. Bei seinen ersten Rennen, der Clásica Jaén und der Algarve-Rundfahrt, hatte der Belgier noch etwas Sand im Getriebe. Mit Platz zwei im abschließenden Zeitfahren an der Algarve bestätigte der 30-Jährige zwar seine ansteigende Form, der van Aert vergangener Tage, der Omloop Het Nieuwsblad 2022 gewann, war das aber noch lange nicht. Trotzdem dürfte er am Samstag um den Sieg fahren. Mit Matteo Jorgenson und Tiesj Benoot hat das Team Visma | Lease a Bike zudem zwei weitere Trumpfkarten am Start.
Der belgische Meister hofft in diesem Jahr auf den ganz großen Wurf bei den Klassikern. Beim Etoile de Bessèges hat er bereits einen Saisonsieg eingefahren und zuletzt bei der Algarve-Rundfahrt zwei Top-10-Plätze geholt - zur letzten Etappe trat er wegen einer Allergie nicht mehr an. De Lie hat ähnliche Stärken wie van Aert, ist stark an den Hügeln und kann auch Massensprints gewinnen. Das macht ihn zu einem der Top-Favoriten für Omloop Het Nieuwsblad.
Anders als van Aert zeigt sich Thomas Pidcock bereits in bestechender Form. Der Brite wirkt nach seinem Wechsel von INEOS Grenadiers zum Q36.5 Pro Cycling Team wie befreit und konnte bereits vier Saisonsiege einfahren. Zunächst gewann der 25-Jährige zwei Etappen der AlUla Tour sowie die Gesamtwertung, gut drei Wochen später schlug er auf der 2. Etappe der Ruta del Sol zu. Der Omloop ist der einzige Kopfsteinpflasterklassiker im Rennkalender des Mountainbike-Olympiasiegers. Zwar stapelte Pidcock im Vorfeld tief und sagte, dass ihm das Rennen nicht optimal liege, doch mit seiner aktuellen Form sollte für den Alleskönner mehr drin sein als Rang fünf 2023 - seine bislang beste Platzierung beim Omloop.
Der 21-Jährige ist einer der formstärksten Fahrer der noch jungen Saison, was er mit seinem zweiten Erfolg bei der Figueira Classic in seiner Heimat Portugal eindrucksvoll bewies. Mit Rang fünf bei der Flandern-Rundfahrt 2024 hat der Youngster zudem bereits bewiesen, dass er bei den belgischen Klassikern vorne reinfahren kann. In einer extrem starken UAE-Mannschaft ist Morgado aufgrund seiner Form der aussichtsreichste Kandidat.
Der nächste Profi von UAE, der den Omloop Het Nieuwsblad gewinnen könnte. Mit fünf Top-10-Ergebnissen an seinen ersten acht Renntagen des Jahres 2025 ist Wellens traditionell stark in die Saison gestartet. Beim Omloop war der 33-jährige Belgier 2019 einmal als Dritter auf dem Podium. Letztes Jahr bildete er mit Nils Politt erfolgreich eine Doppelspitze und fuhr am Ende auf Platz 12. Für Wellens spricht, dass er unter den UAE-Profis die größte Erfahrung hat und ihm die Kombination aus Mauer von Geraardsbergen und Bosberg im Finale mit seiner Explosivität entgegenkommt.
Der 30-Jährige musste sich im letzten Jahr nur Jan Tratnik geschlagen geben. Dort bewies der Deutsche seinen hervorragenden Renninstinkt, als er gut neun Kilometer vor dem Ziel die entscheidende Attacke von Tratnik erwischte und gemeinsam mit dem Slowenen in Richtung Ziel fuhr. Ob Politt auch dieses Jahr wieder so entscheidend ins Renngeschehen eingreifen kann, wird von der teaminternen Absprache abhängen. Im TOUR-Interview schilderte der Kölner unlängst, wie gut er und Wellens 2024 bei den Klassikern harmonierten. “Beim Nieuwsblad (Omloop Het Nieuwsblad, bei dem Politt Zweiter wurde, Anm.) hat er gesagt: ‘Pass auf, ich versuche jetzt hier eine Attacke vorzubereiten und wenn du wegkommst, kommst du weg.’ Beim nächsten Rennen habe ich dann gesagt: ‘Pass auf, gestern war mein Tag, heute ist dein Tag.’” Vielleicht ist 2025 beim Omloop dann wieder Politts Tag.
Wir haben noch einen dritten Fahrer von UAE in die Liste der Kandidaten mit drei Sternen aufgenommen: Jhonatan Narvaéz. Der Ecuadorianer kam vor der Saison von INEOS Grenadiers und fährt traditionell sehr stark bei den Klassikern. Zudem ist der 27-Jährige in dieser Saison extrem gut drauf, wie sein Gesamtsieg bei der Tour Down Under beweist. Neben Morgado, Wellens und Politt müssen die Gegner auch auf ihn achten.
Neben Wout van Aert ist der US-Amerikaner die zweite Trumpfkarte von Team Visma | Lease a Bike. Im vergangenen Jahr räumte Jorgenson im Frühjahr groß ab, gewann Paris-Nizza, Quer durch Flandern und wurde Fünfter bei der E3 Saxo Classic. Genau wie 2024 ist auch dieses Jahr Omloop Het Nieuwsblad das erste Saisonrennen des 25-Jährigen.
In Abwesenheit von Mathieu van der Poel gehört die Kapitänsrolle bei Alpecin - Deceuninck Philipsen, der in dieser Saison als bestes Ergebnis einen zweiten Etappenrang bei der UAE Tour verbuchen konnte. Als zweimaliger Zweiter von Paris-Roubaix hat der 26-Jährige bewiesen, dass er gut über Kopfsteinpflaster kommt. Sein Handicap sind die Hellingen, die kurzen giftigen Steigungen in Flandern. Eine Siegchance hat er wohl nur dann, wenn das Rennen nach der Mauer von Geraardsbergen und dem Bosberg nochmal langsam wird und es zu einem Sprint einer großen Gruppe kommt.
Der spanische Neuzugang von Red Bull - BORA - hansgrohe hat zwar in diesem Jahr noch keine Top-Platzierung erzielt, fuhr aber letztes Jahr eine sehr starke Klassikerkampagne - unter anderem Rang drei bei Kuurne-Brüssel-Kuurne. Im Sprint einer großen Gruppe sind seine Chancen gering. Lazkano ist ein extrem zäher Fahrer, der mit einer frühen Attacke erfolgreich sein könnte.
Der Slowene führt das Team Bahrain - Victorious an und präsentierte sich zuletzt bei der Tour de la Provence gut in Schuss. Dort musste sich der Mailand-San-Remo-Sieger von 2022 auf der 2. Etappe nur Mads Pedersen (Lidl - Trek) geschlagen geben. Mohorič verfügt über einen sehr guten Renninstinkt und muss versuchen, mit einer kleinen Gruppe oder alleine das Ziel zu erreichen, wenn er um den Sieg mitfahren will.
Wird er der nächste große Klassikerfahrer aus dem Hause Soudal Quick-Step? Paul Magnier, 20 Jahre alt geht in sein zweites Profijahr und hat schon sechs Siege auf seinem Konto. Den bislang letzten holte er sich Anfang Februar beim Etoile de Bessèges. Nun will der französische Youngster auch bei den Klassikern durchstarten. Eine Überraschung ist ihm beim Omloop Het Nieuwsblad zuzutrauen - womöglich muss er aber noch Lehrgeld zahlen.
Es gibt eine ganze Reihe von Fahrern, die für eine Überraschung sorgen können, ähnlich wie Jan Tratnik im letzten Jahr. Ob dem Slowenen, der dieses Jahr für Red Bull - BORA - hansgrohe startet und letztes Jahr als Helfer von Wout van Aert dabei war, nochmal ein solcher Coup gelingt, ist eher fraglich. Trotzdem sollte die Konkurrenz ihn auf dem Zettel haben. Genau wie seinen Teamkollegen Jordi Meeus, mit dem in einem möglichen Sprint einer großen Gruppe zu rechnen wäre. Dazu gesellen sich der WM-Vierte von 2024 Toms Skujiņš (Lidl - Trek) und dessen Teamkollege Jasper Stuyven, der den Omloop 2020 bereits einmal gewann sowie die erfahrenen Klassikerjäger Stefan Küng (Groupama - FDJ), Matteo Trentin (Tudor Pro Cycling Team) und Kasper Asgreen (EF Edcuation - EasyPost).
Insgesamt stehen acht Fahrer aus Deutschland am Start. Die besten Chancen auf ein Top-Ergebnis dürfte Nils Politt haben. Außerdem mit dabei sind Jonas Rutsch (Intermarché - Wanty), Kim Heiduk (INEOS Grenadiers), Tim Torn Teutenberg (Lidl - Trek), Jasha Sütterlin (Team Jayco AlUla), John Degenkolb (Team Picnic PostNL), Jannik Steimle (Q36.5 Pro Cycling Team) und Marius Mayrhofer (Tudor Pro Cycling Team).