Auch nach dem Namenswechsel bleibt bei Middelkerke-Wevelgem vor allem eines prägend: die herausragende Rolle des Kemmelbergs. Der Anstieg wird im Rennverlauf nicht nur mehrfach, sondern auch aus verschiedenen Richtungen in Angriff genommen. Von der Belvedère-Seite aus ist der Kemmelberg 1500 Meter lang und hat eine durchschnittliche Steigung von 6,6 Prozent. Noch etwas bissiger präsentiert sich die Auffahrt aus Richtung Ossuaire: Sie ist zwar mit 700 Metern kürzer, kommt dafür aber auf 10,4 Prozent im Schnitt und erreicht in der Spitze 21,1 Prozent.
Bei den Männern führt die Strecke von Middelkerke zunächst landeinwärts durch Diksmuide. Anschließend geht es noch einmal kurz nach Norden, bevor der Kurs nach Westen in Richtung der französischen Grenze schwenkt. Von dort verläuft die Route südwärts, bis kurz nach Rennhälfte die erste Helling folgt. In der hügeligen Zone warten insgesamt neun Hellingen, die die Profis allesamt bewältigen müssen, ehe es zurück in Richtung Wevelgem geht. Die letzten 35 Kilometer bis ins Ziel sind dann überwiegend flach.
Das Frauenrennen nimmt einen anderen Verlauf: Der Start erfolgt in Wevelgem, von wo aus eine Schleife nach Westen gefahren wird. Anders als die Männer, die die Hellingen von Norden aus erreichen, nähern sich die Frauen den steilen Anstiegen von Süden. Nach der Überquerung der fünf Schlüsselstellen führt die Strecke zurück nach Wevelgem – und auch hier präsentieren sich die finalen 35 Kilometer bis zum Ziel nahezu eben.
Der Sieger der letzten beiden Austragungen, Mads Pedersen, steht auch in diesem Jahr beim leicht veränderten Rennen im Aufgebot seines Teams. Nach seinem Sturz bei der Valencia-Rundfahrt hat der Däne jedoch schnell wieder in die Spur gefunden und zählt damit erneut zu den Mitfavoriten. Doch die Konkurrenz ist prominent: Mathieu van der Poel kehrt nach seinem Fehlen im Vorjahr an den Start zurück und gilt als einer der prägenden Klassikerfahrer der letzten Jahre, ist damit sogar noch stärker einzuschätzen als Pedersen. Auch Wout van Aert möchte nach seinem dritten Platz bei Mailand-Sanremo ein ernstes Wort um den Sieg mitreden und hat gezeigt weshalb das noch immer möglich ist.
Ein Vorteil für Pedersen und Van Aert: Van der Poel zog sich eine kleine Handverletzung zu – und genau diese könnte im entscheidenden Moment zum Zünglein an der Waage werden. Die reine Kraft des Niederländers ist jedoch nicht zu unterschätzen, auf dem Papier ist er der Stärkste.
Auch wenn in den letzten Jahren oft ein Klassikerspezialist das Rennen für sich entscheiden konnte, ist der Sieg eines Sprinters alles Andere als ausgeschlossen. Können sich die drei bereits genannten an den Hellingen nicht deutlich genug absetzen, haben die Teams der Sprinter knapp 35 Kilometer Zeit, ihre Kapitäne zurückzubringen. In diesem Fall dürften vor allem Sprinter mit Klassikertendenzen eine Chance haben, den Anschluss nicht gänzlich zu verpassen. Die beiden jungen Fahrer Paul Magnier, Tobias Lund Andresen, Arnaud de Lie und Matthew Brennan sind dabei genauso zu nennen wie Jasper Philipsen und Jordi Meeus. Für Jonathan Milan, der ebenfalls starten wird, dürften die Hellingen jedoch zu schwer sein. Der reinrassige Sprinter hat hier einen entscheidenden Nachteil gegenüber seinen Konkurrenten.
Auch bei den Frauen siegte eine Fahrerin bei den letzten beiden Ausgaben. Lorena Wiebes macht im Sprint in der vergangenen und aktuellen Saison so ziemlich was sie möchte - und siegt. So scheint sie auch diesmal eine der Favoritinnen auf den Sieg zu sein, sollte es zu einem Sprint aus der Gruppe oder dem Feld kommen sowieso. Die letzten Hellingen werden darüber entscheiden, ob sie sich den Hattrick sichern kann, oder eine Fahrerin mit Klassikerqualitäten den Titel übernimmt.
Die Klassiker gewinnen in der Women’s WorldTour in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung, auch deshalb beginnen sich klare Klassikerspezialistinnen herauszubilden. Im Gegensatz zu den Männern sind diese noch nicht so ausgeprägt - Middelkerke-Wevelgem könnte in diesem Jahr ein Umbruch sein. Ally Wollaston, Elise Chabbey, Karlijn Swinkels, Cat Ferguson und Chiara Consonni müssen Wiebes schon bei den Hellingen entscheidend abhängen, nur so haben sie eine Chance auf den Tagessieg. Dabei müssen alle Anstiege hart gefahren werden, um das Leben der Sprinterinnen so schwer wie nur möglich zu gestalten.
Die besten Karten dürfte aber noch immer Lorena Wiebes haben. Die Niederländerin hat auch in den letzten beiden Jahren bewiesen, dass sie den Angriffen der Konkurrenz standhalten kann und ihre Form ist aktuell bestechender denn je.
Beide Rennen werden in Deutschland live im Fernsehen übertragen. Eurosport 1 und Eurosport 2 zeigen das Männerrennen am Sonntag von 14:15-16:45 Uhr, im Anschluss läuft dort bis 18:15 Uhr der Frauenwettbewerb. Parallel dazu gibt es zu beiden Events jeweils einen Live-Stream bei Discovery Plus.
Werkstudent