Radsport-Lexikon10 Dinge, die man über die Flandern-Rundfahrt wissen muss

Thomas Musch

 · 02.04.2026

Spektakel: Der Oude Kwaremont ist einer der legendären Streckenabschnitte der Flandern-Rundfahrt, an dem die Fans zu Tausenden Gänsehaut-Atmosphäre schaffen
Foto: Jan de Meulenier - Pool/Getty Images)
Die Flandern-Rundfahrt ist eines der fünf Radsport-Monumente und das größte Radsport-Fest des Jahres in Belgien, das Hunderttausende von Fans auf die Beine bringt. Diese zehn Dinge machen das Rennen so besonders

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Die Anfänge

Das erste Rennen fand am 25. Mai 1913 statt. Für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich, führte die Strecke über stattliche 324 Kilometer und streifte viele der größeren Städte in Flandern, die auch heute noch bekannte Streckenpunkte markieren, darunter Sint-Niklaas, Oudenaarde, Ostende und Brügge. Am Start in Gent standen 37 Rennfahrer - für heutige Verhältnisse ein sehr kleines Feld, damals war auch das nicht ungewöhnlich, insbesondere bei einem Rennen, das erstmals stattfand. Die Premiere gewann der Belgier Paul Deman nach rund zwölf Stunden Fahrzeit im im Sprint einer fünfköpfigen Gruppe. Nach der zweiten Austragung 1914 mischte sich die Weltpolitik ein, Europa versank im Ersten Weltkrieg und von 1915 bis 1918 fand die Flandern-Rundfahrt nicht statt.

Die Gründungsgeschichte

Anfang des 20. Jahrhunderts war eine enge Verbindung zwischen dem Radsport und den Zeitungen jener Epoche entstanden. Radsport begeisterte die Massen, aber abseits der populären Bahn- und Sechstagrennen war der Straßenradsport für die breite Öffentlichkeit eigentlich nur über die Reportagen der Zeitungsreporter erlebbar und nachvollziehbar, die den Rennfahrern im Auto hinaus auf die Landstraßen folgten und deren Wettstreit in fesselnden Artikeln erzählten. Die Zeitungen wiederum profitierten vom Interesse der Leser an diesen Geschichten und konnten so ihre Auflagen steigern. Was lag da näher, als selbst Radrennen zu veranstalten. Ähnlich wie bei der Tour de France, die von der französischen Sportzeitung “L’Auto” gegründet wurde, spielte die Zeitung “Sportwereld” bei der Gründung der Flandern-Rundfahrt eine wesentliche Rolle. Sie sollte auch den flämischen Nationalstolz gegenüber dem wallonischen Teil der Bevölkerung in Belgien stärken.

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Die Strecke

Der Parcours der Flandern-Rundfahrt hat sich im Verlauf der 112-jährigen Geschichte des Rennens immer wieder geändert, der Charakter aber ist gleich geblieben: Auf eine eher flache erste Rennhälfte folgt ein extrem anspruchsvolles Finale. In den flämischen Ardennen führt die Strecke immer wieder über zwar relativ kurze, aber bis zu 20 Prozent steile Anstiege (“Hellingen”), vielfach mit Kopfsteinplaster (”Kasseien”). Nicht alle der legendären Anstiege sind immer Teil der Strecke, zu den berühmtesten gehören die Mauer von Geraardsbergen, Bosberg, Koppenberg, Paterberg und Oude Kwaremont. Die beiden letzteren spielen in der aktuellen Streckenführung eine besondere Rolle in der Entscheidung um den Sieg. In diesem Jahr führt die Strecke von Antwerpen über 278 Kilometer nach Oudenaarde.

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Stars von früher

Bis in die 60er-, 70er-Jahre war die Flandern-Rundfahrt eine überwiegend belgische Angelegenheit. Nicht, dass Rennfahrer anderer Nationen nicht versucht hätten, das Rennen zu gewinnen - aber die “Ronde van Vlaanderen” entwickelte im Laufe der Zeit einen solchen Stellenwert, dass der Sieg allein schon im großen Feld der belgischen Rennfahrer hart umkämpft war. Aus der langen Liste belgischer Sieg ragen Stars wie Alberich “Briek” Schotte, Rik van Steenbergen und Rik van Looy heraus, die das Rennen je zweimal gewinnen konnten. Das auch der Superstar und Über-Belgier Eddy Merckx “nur” zweimal in Flandern gewann, zeigt, wie umkämpft das Rennen war und ist.

Stars von heute

Derzeit dominieren zwei Namen das größte belgische Radsport-Straßenfest: Mathieu van der Poel (Alpecin-Premier Tech) stand seit 2020 jedes Jahr auf dem Siegerpodest und hat neben drei Siegen (2020, 2022, 2024) zwei zweite und einen dritten Platz zu Buche stehen. Tadej Pogačar (UAE Team Emirates-XRG) ist igm mit zwei Siegen dicht auf den Fersen. Angesichts der Erfolge beider Fahrer im bisherigen Frühjahr 2026 dürften sie auch in diesem Jahr wieder zu den Sieganwärtern zählen.

Rekordsieger

Im Vergleich zu anderen berühmten Radrennen und den anderen Monumenten des Radsports (Mailand-San Remo, Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich, Lombardei-Rundfahrt) ist die Flandern-Rundfahrt das Rennen mit den wenigsten Mehrfachsiegen. Keinem Rennfahrer ist es gelungen, die Ronde öfter als dreimal zu gewinnen. Zu diesem Kreis gehören Fiorenzo Magni (Italien), Fabian Cancellara (Schweiz), Mathieu van der Poel (Niederlande) sowie die Belgier Achiel Buysse, Eric Leman, Johan Museeuw und Tom Boonen.

Deutsche Profis bei der Flandern-Rundfahrt

1964 gelang dem gebürtigen Mannheimer Rudi Altig der erste Sieg eines deutschen Rennfahrers. Der starke Allrounder konnte sich bei heftigem Wind damals rund 60 Kilometer vor dem Ziel - erstmals in Merelbeke - absetzen und siegte als Solist mit vier Minuten Vorsprung. Sein Durchschnittstempo von mehr als 41 km/h stellte seinerzeit einen neuen Rekord dar. Bei der Flandern-Rundfahrt 1968 belegte er Rang zwei. 2004 gewann der frühere Telekom-Profi Steffen Wesemann als bislang letzter deutscher Rennfahrer den flämischen Klassiker. Die besten Platzierungen gelangen dem damals noch für Deutschland startenden Heinrich Haussler 2009 mit Rang zwei sowie Nils Politt 2024 mit dem dritten Platz.

Rennrekorde

Die längste Austragung der Flandern-Rundfahrt war gleich die erste: 1913 führte das Rennen über 324 Kilometer und dauerte rund zwölf Stunden. Das kürzeste Rennen fand 1941 statt. Aufgrund der Umstände des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Besatzung wurde das Ziel nach Gent verlegt und die Strecke auf 198 Kilometer verkürzt. Das schnellste Rennen aller Zeiten absolvierte der Slowene Tadej Pogačar 2025 mit dem Stundenmittel von 44,998 km/h.

Der größte Skandal

1987 führte der Däne Jesper Skibby das Rennen als Ausreißer an, als er in den Koppenberg ging. Der schmale, gepflasterte Karrenweg hatte schon mehrfach eine rennentscheidende Rolle gespielt, weil er Rennfahrer oft zum Absteigen und Schieben zwang. Skibby, der offensichtlich mit seinen Kräften am Ende war, kippte in der Steigung um und fiel auf die Seite. Da er sich nicht schnell genug von den Pedalen befreien konnte, fuhr ein nachfolgendes Auto über sein Rad. Skibby blieb unverletzt, gab das Rennen aber auf. Der Koppenberg wurde in der Folge aus dem Rennen genommen und erst 2002 nach umfangreicher Sanierung wieder Teil der Strecke.

Noch ein paar Sekunden, dann ist das Rad futsch. Jesper Skibby bleibt zum Glück unverletzt.Foto: Roth FotoNoch ein paar Sekunden, dann ist das Rad futsch. Jesper Skibby bleibt zum Glück unverletzt.

Das Rennen der Frauen

Seit 2004 wird die Flandern-Rundfahrt auch für Frauen ausgetragen, im Prinzip auf einer verkürzten Version der Männerstrecke. In den vergangenen 22 Jahren ist die Streckenlänge allerdings von 94 auf zuletzt knapp 170 Kilometer gewachsen. Gleich bei der ersten Austragung belegte die deutsche Profifahrerin Trixi Worrack Rang zwei. Durch Judith Arndt (2008) und Ina-Yoko Teutenberg (2009) stehen auch zwei Siege deutscher Fahrerinnen zu Buche. 2021 wurde Lisa Brennauer Zweite, 2025 belegte Liane Lippert beim dritten Sieg der belgischen Weltmeisterin Lotte Kopecky nach 2022 und 2023 Rang drei.


Thomas Musch

Thomas Musch

Herausgeber

Der lupenreine Freizeitsportler beschloss einst als Student der Germanistik und Politikwissenschaften, sein Glück als Journalist zu versuchen. Seine Rennradleidenschaft führte ihn schnurstracks als Praktikant in die TOUR-Redaktion, woraus eine inzwischen mehr als 30 Jahre währende Herzensangelegenheit geworden ist, 16 Jahre davon als Chefredakteur. Als – nach eigener Aussage – „Generalist in der Nische Radsport“ interessiert er sich für alle Themen rund ums Rennrad (und Gravelbike) und begeistert sich bis heute ganz besonders für den Rennsport. Highlights seiner eigenen Rennradler-Karriere sind die Teilnahme an der TOUR-Transalp, dem einen oder anderen Jedermann-Rennen und die regelmäßigen Alpentouren mit Freunden.

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